Sven Hannawald Interview


STERN 7-12-00 Stern Online

Quelle: STE | Ausgabe: 50 | Seite: 242 Autor/in: *Johannes Schweikle*

"Ich spiele mit der Luft"

Skiflug-Weltmeister SVEN HANNAWALD �ber seine Euphorie beim Springen, seinen Spa� an der Popularit�t - und seinen Kampf gegen die Magersucht

Herr Hannawald, Sie haben zwei Weltcupwochenenden hinter sich. Was k�nnen wir von Ihnen erwarten, und was erhoffen Sie sich von der Saison?

Ich hoffe, dass ich den Spa� am Springen wieder finde, der mir letzten Winter trotz der sehr gro�en Erfolge abhanden gekommen ist. Ich hatte einen verschleppten Virus, es ging mir k�rperlich schlecht. Und Stress setzt mir doppelt so viel zu wie manchem anderen. Das alles hat mich in ein Loch hineingeritten, aus dem ich ohne die Hilfe unseres Mannschaftsarztes nie wieder herausgekommen w�re.

Wann tat sich das Loch auf?

Das fing schon letzten Herbst an. Als es kalt wurde, schlich sich eine Bronchitis ein. Ab da ging's jeden Tag bergab: Wenn ich morgens aufstand, f�hlte ich mich wie ein alter Opa - und das mit 25. Ich musste mich 180-prozentig f�r meinen Sport motivieren, aber die Lebensfreude war weg. Durch die innere Unruhe hat dem K�rper die n�tige Energie gefehlt - der Arzt hat mir jetzt erkl�rt, dass ich das Dreifache h�tte essen m�ssen, um das zu verkraften. Jetzt wei� ich das Rezept: Ich muss mehr essen.

Wie viel haben Sie im Sommer gewogen?

�ber Geld und Kilos redet man nicht.

Der Mannschaftsarzt sagt, Sie seien in einem k�rperlichen Zustand gewesen, der kein leistungssportliches Training zul�sst.

Na gut, ich glaube, es waren 61 Kilo. Durch den Virusinfekt war ich total ausgebrannt, obwohl ich mehr gegessen habe als mancher andere. Aber weil ich alles 180-prozentig durchdenke, ist die ganze Energie schon im Kopf verbrannt, da ist nichts mehr in den F��en angekommen. Jetzt r�hrt sich in den Muskeln wieder was, das ist ein ganz anderes Leben.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie lesen: Der Hannawald ist magers�chtig?

Diesen Ruf werde ich wohl nicht mehr los. Wenn ich eine Muskelzerrung habe, lassen drei Bl�tter diese Zerrung aus der Magersucht resultieren. Fr�her habe ich abgeblockt, wenn eine Frage �ber Magersucht kam. So langsam habe ich gelernt, damit umzugehen. Irgendwann kommen auch wieder Fragen zum Sport.

Sie kennen mittlerweile alle Schanzen. Was reizt noch, wenn man zum zehnten Mal, sagen wir, nach Ramsau f�hrt?

Ich will die Schanze perfekt beherrschen. Wenn der Sprung weit geht, ist das ein ph�nomenales Gef�hl - egal, ob das der erste oder der tausendste Sprung dort ist.

Was sehen Sie, wenn Sie auf dem Balken sitzen?

Den Trainer, der mich mit seiner Fahne abwinkt. Die Zuschauer nehme ich da nicht mehr wahr...

Sehen Sie in Innsbruck den Friedhof unterhalb der Bergisel-Schanze?

Als ich das erste Mal dort springen durfte, hab ich ihn bewusst angeschaut - das ist Kult unter uns Springern, und es war wirklich ein beeindruckender Blick. In Japan sieht man unter sich Reisfelder, aber von den anderen Schanzen sieht man nichts Besonderes.

Was spielt sich beim Anlauf zwischen Helm und Skibrille ab?

Da ist nur h�chste Konzentration. Der technische Ablauf ist wie ein Band, das auf Start gefahren wurde. Ich nehme mir zum Beispiel vor, bei der Anfahrt tiefer in die Hocke zu gehen - dieser Punkt wird abgefahren, dann kommt der n�chste. Ich kann Korrekturen gut umsetzen. Da hat der Wolfi ...

Ihr Trainer Wolfgang Steiert...

mir schon Lob gezollt.

Wann merken Sie, ob es ein guter Sprung wird?

Gleich beim Absprung. Instinktiv verrechnet man Geschwindigkeit und H�he - dann wei� man, wie weit ein Sprung geht.

Beschreiben Sie mal f�r uns erdenschwere Normalb�rger: Wie ist das Fliegen?

Das ist wie ein Ausruhen im Traum, ein wohliges Gef�hl. Wir liegen auf etwas Unsichtbarem. Wenn Sie beim Autofahren die Hand aus dem Fenster halten, sp�ren Sie den Druck - auf diesen Druck legen wir uns mit dem System K�rper/Ski.

Ihr Trainer bezeichnet Sie als Segler. Was hei�t das?

Ich kann nicht von einem kr�ftigen Absprung leben wie Martin Schmitt. Der kommt aggressiv, wie ein Pfeil vom Schanzentisch. Ich bin eher der Gef�hlsmensch, spiele mit der Luft.

Ist der Wind Ihr Feind?

Nein, wenn er von vorne kommt, kann er ein guter Freund werden. Aber sobald er b�ig wird, torkelt man herum, und das ganze System f�llt zusammen. Wenn die Form stabil ist, hat man Vertrauen und kann Kleinigkeiten �berspielen. Aber wenn man mit Angst springt, beherrscht man das System nicht, man springt nur raus, macht nix und wartet ab. Das ist gef�hrlich.

Sie sagten mal: "Der Ski spricht mit mir." Was erz�hlt der denn in der Luft?

Manchmal redet er eine Fremdsprache, die ich nicht verstehe. Dann l�uft er nach dem Absprung nur flach raus. Ein guter Ski sendet mir kurze Signale: Nach dem Absprung kommt er mir vorne entgegen, dann zieht er hinten an der Ferse. Dann wei� ich, dass sich das System aufbaut. So ist das wahrscheinlich auch, wenn Freund und Freundin sich verstehen.

Empfinden Sie bei einem guten Flug Euphorie?

Beim Rausspringen hab ich eine Vorfreude: Jawohl, der geht wieder weit. Dann kommt ein gespanntes Warten auf die Landung. Danach l�st sich die ganze angespannte Konzentration, und die Freude kommt raus.

Der Sportsommer hat wenig deutsche Helden gesehen. Die Fu�baller haben sich blamiert, die deutsche Olympiamannschaft hatte wenig strahlende Sieger - wird der Erwartungsdruck auf die Skispringer jetzt noch h�her?

Der Erwartungsdruck ist schon seit drei Jahren enorm hoch, da wird sich nicht viel �ndern.

Ihr Trainer sagt: "Wenn der Hanni einen Lauf hat, denkt er nicht viel nach und fliegt." K�nnen Sie das Gr�beln nicht abstellen, wenn Sie mal nicht so weit springen?

Nein, das geh�rt zu meinem Charakter. Ich denke mich einen Tag in technische Details hinein, und ich h�tte ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir keine Gedanken machen w�rde, was ich verbessern kann, wenn ich mir im Nachhinein sagen m�sste: Du hast dich h�ngen lassen. Der eine nennt das Gr�beln, der andere nennt's Sensibilit�t, letzten Endes ist das der Hannawald.

Also wird uns der Achterbahn-Springer Hannawald erhalten bleiben?

Wahrscheinlich schon.

Wie lebt es sich als Held?

Ich wei� nicht, ob ich einer bin. Sagen wir's mal so: Es ist ein sch�nes Gef�hl, kein No-Name mehr zu sein. Als Kleiner hat man die Gro�en nachgespielt, hat sich bei Wettk�mpfchen reingesteigert: "Ich bin der Wei�flog, ich bin der Nyk�nen" - und jetzt ist man selbst so langsam in dieser Position. Das freut mich innerlich.

Freut es Sie auch, wenn M�dchen mit Zahnspangen 17,90 Mark f�r eine HannawaldTasse ausgeben?

Je mehr sich die Fans mit einem identifizieren, umso sch�ner ist das Gef�hl. Aber wenn's um Geld geht, ist das nat�rlich immer zweischneidig. Was ein Fanartikel kostet, liegt nicht in meinem Ermessen - das macht meine Agentur. Hoffentlich geben die Eltern f�nf Mark dazu, dass die Jugendlichen sich eine Kappe kaufen k�nnen.

Schon im vergangenen Herbst wollten Sie ein System finden, um die Fanpost in den Griff zu bekommen...

Da macht meine Mutter jetzt viel. Ich brauche einfach Zeit zum Regenerieren, und die echten Fans sehen auch ein, dass ein Hannawald, der Leistung bringt, besser ist als einer, der alle Fanpost beantwortet und auf dem Buckel rumspringt. Ich schreibe zwar noch alle Widmungen selbst, aber an der Schanze kann ich nur noch gedruckte Autogrammkarten ausgeben, zu mehr reicht die Zeit nicht.

Was passiert mit den Freundschaftsb�ndern, die Sie geschickt bekommen?

In manchen Briefen werde ich gebeten, das Freundschaftsband auch zu tragen. Aber dann w�rde ich rumrennen wie Wolfgang Petry. Alle selbst gebastelten Dinge hebe ich jedoch auf f�r sp�ter. Wenn ich mir meinen Traum von einem gro�en Haus erf�lle, mit Familie und Kindern, dann werde ich dort zwei R�ume mit Erinnerung pur einrichten.

Wie soll dieses Haus aussehen?

Je gr��er, desto besser. Es muss einen Swimmingpool haben und auf dem absolut neuesten Stand der Technik sein. Ich hoffe, die Wissenschaftler schlafen nicht und erfinden noch tolle neue Sachen, dass ich es mir dann gut gehen lassen kann. Ich versuche, das Finanzielle jetzt klar zu machen, dass ich dann nicht drauf schauen muss, wo ich welchen Backstein billiger bekomme.

Im Moment wohnen Sie noch in einer 40-Quadratmeter-Keller-wohnung.

Weil ich alles selbst sauber halte, kann die Wohnung gar nicht klein genug sein. Au�erdem hebt man nicht so viel unn�tiges Zeug auf, wenn man wenig Platz hat.

In der Mannschaft gelten Sie als einer, der die Mark zweimal umdreht, bevor er sie ausgibt. Was haben Sie sich von den Pr�mien des letzten Winters geleistet?

Ein Handy; da habe ich nicht drauf geschaut, ob das 1000 oder 2000 Mark kostet. Und einen elektronischen Terminkalender, der auch ein bisschen teurer war. Auto brauche ich keins zu kaufen, der Fernseher funktioniert noch, und wenn ich mir einen Videorecorder kaufen w�rde, w�rde der doch nur rumstehen.

Es geh�rt zu den kleinen Wundern des Medienzeitalters, dass es vergangenen Winter nicht gelungen ist, einen Keil zwischen Sven Hannawald und Martin Schmitt zu treiben. Wie haben Sie das geschafft?

Es gab Interviews, in denen ein Satz umgedreht wurde, und dann war die Spitze des Keils zu sehen. Aber wir haben nicht �ber die Medien geantwortet, sondern miteinander geredet.

Gab es einen Schwur im Doppelzimmer: Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren?

Nein, das war eine Selbstverst�ndlichkeit. Wir haben uns im Sport alles von unten aufgebaut. Wir sehen noch, wo die Wurzeln liegen. Wenn es bei uns mal so ist wie bei den Schwimmerinnen in Sydney, dass man dem anderen die Erfolge nicht mehr g�nnt, nagel ich die Skier an die Wand.

Das deutsche Team baut diesen Winter an den Schanzen sein eigenes Wohnmobil auf, ein SEK-Mann soll die Sportler abschirmen. Endet das Skispringen in Formel-1-Verh�ltnissen?

Wir werden sicher nicht mit tausend Riesencontainern reisen - unsere Ski haben auch im Skisack Platz. Wir waren immer die netten Burschen zum Anfassen, aber das geht heute nicht mehr. Jeder, der nur zwei Minuten nachdenkt, sieht das ein: Wo vor drei Jahren 100 Zuschauer standen, sind's heute 20 000.

Wo sind Sie im letzten Winter am heftigsten vom Publikum bedr�ngt worden?

Bei der Vierschanzen-Tournee in Oberstdorf ist alles zusammengebrochen. Dagegen war Willingen ein Paradebeispiel: Da waren 50 000 Zuschauer an der Schanze, und wir konnten uns trotzdem hundertprozentig auf unseren Sport konzentrieren - das war ph�nomenal.

Im Internet verraten Sie Ihr Erfolgsrezept: Butterkuchen. Wo haben Sie das Backen gelernt?

Bei der Mutter. Ich habe immer gern S��es gegessen. Seit ich meine eigene Wohnung habe, wei� ich, wie's ins Geld geht, wenn man jeden Tag Kuchen kauft. Also backe ich selbst. Die Blueberry Muffins letzte Woche sind mir gut gelungen. Das ist f�r mich die n�tige Ablenkung vom Sport. Backen erfordert keine Kondition, nur Geduld.

Sie f�rben Ihr Haar. Werden wir mal einen blonden Sven Hannawald sehen?

Meine Mutter hatte mal die Idee, einen Ton dunkler zu f�rben. Aber Gr�n oder Pink k�nnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, das w�re zu scharf f�rs Haar.

Welchen Traum wollen Sie sich noch erf�llen?

Ich hoffe, der Erfolg h�lt an, bis ich 30 bin. Dann will ich mich in meinem Haus in einem Hyper-Sessel vor dem Fernseher niederlassen, mit einem Schmunzeln im Hinterkopf �ber meine Laufbahn nachdenken und sagen: "Junge, es war eine absolut geile Zeit!"

Interview: Johannes Schweikle

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