Sven Hannawald Interview


STERN 24-01-02 Stern Online

Quelle: STE | Ausgabe: 5 | Seite: 114
Autor/in: *Detlef Hacke* *Alexandra Kraft*

"OH, JETZT ENTWICKELT SICH WAS!"

Noch vor einem Jahr schien er am Ende seiner Kr�fte - jetzt wird er als Olympiafavorit gefeiert: SVEN HANNAWALD, der bei der Vierschanzentournee allen davonsegelte. Der Skispringer �ber seinen verbl�ffenden Wandel vom Flattermann zum �berflieger

Herr Hannawald, an was denken Sie, wenn Sie den Begriff Legende h�ren?

An jemanden, der viele Jahre lang �berragende Erfolge hatte.

Demnach sind Sie keine. Trotzdem werden Sie bereits als Legende gefeiert, weil Sie als erster Skispringer in der Geschichte der Vierschanzentournee alle Wettbewerbe gewonnen haben.

Ich werde schon in eine Reihe mit Franz Beckenbauer und Boris Becker gestellt. Einerseits macht es mich stolz, aber daf�r ist es viel zu fr�h. Ich habe nur ein Ding gelandet, was 50 Jahre lang keiner geschafft hatte. Erst wenn mir so ein Erfolg noch mal gelingen w�rde, dann lie�e ich mir das vielleicht einreden.

War der Triumph einfach zu gro�, um seine Bedeutung so schnell zu begreifen?

Ich glaube, dass ich es nie realisieren werde, was ich geleistet habe. Zumindest nicht, bevor meine Karriere beendet ist. Erst danach bleibt mir Zeit, mich drei Stunden vor den Kamin zu setzen, im Jubil�umsheft zu bl�ttern und die Gedanken baumeln zu lassen.

Jetzt streben Sie schon wieder auf einen H�hepunkt zu: die Olympischen Spiele.

So bl�de es klingt: Die Tournee ist schon wieder Vergangenheit, und ich kann mich nicht ausruhen. Ich hoffe, dass der Akku lange genug h�lt. Ich will in Salt Lake meinen Mann stehen.

Warum springen Sie derzeit so viel weiter als alle anderen?

Bei der Tournee hatten wir diesmal an allen vier Tagen strahlend blauen Himmel und gleichm��igen Wind. Dadurch hatten wir alle dieselben Bedingungen, und ich konnte meine bombastische Form ausspielen - das war sensationell.

Ihre pl�tzliche Dominanz verbl�fft. Vorige Saison hatten Ihre Trainer Sie vorzeitig heimgeschickt, weil bei Ihnen gar nichts mehr klappte. Was ist seitdem passiert?

Es ging alles in kleinen Schritten voran. Ich benutze jetzt dieselbe Skimarke wie Martin Schmitt und komme damit wunderbar zurecht. Au�erdem habe ich �ber die Monate an Gewicht zugelegt. Ich habe jetzt mehr Reserven und bin resistenter gegen Stress. Dadurch konnte ich im Sommer das harte Training durchstehen, allein wegen der zus�tzlichen Muskelmasse. Bis Dezember, bis zum Springen in Neustadt, hatte ich noch ein paar Probleme, aber dann merkte ich: Oh, jetzt entwickelt sich was! Aber dass es so gut l�uft, das h�tte ich nie gedacht.

Noch vor einem Jahr schien Ihr Sport Sie fertig zu machen.

Ja.

Sie waren abgemagert, weil Sie dachten, m�glichst leicht sein zu m�ssen, um weit springen zu k�nnen. Wie haben Sie dies als fatalen Irrglauben erkannt?

Ich hatte eine Grenze erreicht, ich war zu leicht. Aber es hat nichts gebracht. So sch�n der Sport sein kann - das ist es nicht wert.

Die Trainer waren vor Ihnen auf Ihre Probleme aufmerksam geworden. Warum hat es so lange gedauert, bis Sie akzeptiert haben, dass Sie auf dem falschen Weg sind?

F�r die Einsicht brauchte ich Zeit. Mir k�nnen viele was vom Pferd erz�hlen - ob ich es glaube, bleibt mir �berlassen. Diesen Punkt musste ich erst erreichen.

Wodurch kam das?

Ich war technisch schon immer sauberer gesprungen als die meisten. Doch die schwereren Athleten, die kr�ftiger abspringen k�nnen, holten auf diesem Gebiet auf - mir blieb keine Chance mehr. Da habe ich verstanden: Ich muss an Muskulatur zulegen, sonst komme ich nicht mehr vorw�rts.

Nach dem Ausstieg aus der vergangenen Saison lagen Sie f�r zwei Monate bei Ihren Eltern auf dem Sofa. War es so schlimm?

Mir war der Spa� am Skispringen v�llig verloren gegangen. Ich habe gewartet, bis der innere Antrieb zur�ckkehrt. Das hat so extrem lange gedauert.

Hilft diese schmerzliche Erfahrung Ihnen dabei, den pl�tzlichen Ruhm zu verkraften?

Ja. Ich habe wirklich viel durchgemacht. Von dem her st�rkt mich das f�r die n�chste Krise. Wenn ich es geschafft habe, aus einem Tief wie vor einem Jahr herauszukommen, kann ich es noch mal schaffen. Und ich wei�, es kommen wieder andere Zeiten. Wenn ich irgendwann Vierter oder F�nfter werde, dann gelte ich sofort als bleierne Ente. Auch deshalb genie�e ich jetzt meinen Erfolg.

Wenn Sie oben auf der Schanze stehen, sehen Sie allerdings meist ungl�cklich aus. "Innerlich bekomme ich fast immer einen Herzkasper", sagten Sie w�hrend der Tournee. Warum tun Sie sich das �berhaupt an?

Nat�rlich ist es jedesmal aufregend, aber mit �berwindung hat es gar nichts zu tun. Wenn Sie einen Monat lang t�glich springen w�rden, dann sagen Sie sich: "Gut, geht es halt wieder runter." Das ist ein ganz normaler Beruf. Ich k�nnte Sie ja auch fragen, was Sie dazu treibt, Interviews zu f�hren.

Wir m�ssen daf�r zum Gl�ck nicht durch die Luft segeln, mit einem Paar sperriger Bretter unter den F��en.

Sicher gibt es ruhigere Berufe als meinen. Da, wo ich aufgewachsen bin, gab es die M�glichkeit zu springen. Als ich in der ersten Klasse war, habe ich es einfach ausprobiert. Mit der Zeit geht man auf gr��ere Schanzen und will immer weiter springen - das ist der Anreiz.

Fu�ball spielen kann jeder, aber kaum jemand springt in seinem Leben mal von einer Schanze. Beschreiben Sie doch mal den Flug hinunter.

Das ist wie in Zeitlupe. Als wenn ich im Traum dahinschwebe, wie leicht bet�ubt.

Und das Denken h�rt auf?

Irgendwann l�uft es automatisch. Wenn ich noch oben stehe, konzentriere ich mich auf wenige Dinge. Nach dem Absprung ist der Sprung schon gemacht. Und ein perfekter passiert einfach: Er sieht wie an einem Faden gezogen aus, da wackelt nichts. Da ist alles harmonisch.

Ob Golfer oder Rennfahrer: Viele Sportler suchen vergebens nach dem Moment der Perfektion. Haben Sie ihn bereits erlebt?

Ja. Diese Saison, in Neustadt. Bei meinem Schanzenrekord. Der Sprung schien nicht zu enden. Ich dachte, eine Ewigkeit vergeht.

Die meisten Spr�nge von Martin Schmitt sehen f�r den Zuschauer genauso gut aus wie Ihre. Trotzdem fliegen Sie derzeit weiter. Wieso?

Vor zwei Jahren sah ein Sprung von mir auch nicht schlechter aus als einer von Martin. Nur hatte er 15 Meter mehr, da wusste ich genauso wenig, warum. Es k�nnte auch jetzt umgekehrt passieren, dass er mir mit einem neuen Ski zehn Meter davonh�pft. So was l�sst sich nicht berechnen.

Ist Skispringen wirklich so anstrengend? Am Ende der Tournee waren Sie so ersch�pft, dass Sie den Champagner bei der Siegerehrung kaum �ffnen konnten.

K�rperlich beansprucht es weniger als vom Kopf her. Wenn der m�de wird und die Konzentration nachl�sst, kann man sich noch so gut in den Beinen f�hlen. Dann geht nichts mehr.

Junge M�nner auf atemberaubenden Fl�gen, und jedes Mal fragt man sich bange, ob sie heil herunterkommen. Was macht Ihren Sport au�er diesem Kitzel so beliebt?

Die Einfachheit: Jeder springt zweimal, kurz und knapp, und dann steht ein Sieger fest. Und RTL pusht das Skispringen in Deutschland wie fr�her das Boxen. Wenn man in andere L�nder kommt, etwa Italien, da ist es nach wie vor nicht popul�r.

Verstehen Sie, warum 14-j�hrige M�dchen sich Ihretwegen die Seele aus dem Leib kreischen und Transparente mit Liebesschw�ren hochhalten?

Wei� ich auch nicht. Es hat mal eine damit angefangen. Vielleicht ist es ein kleiner Wettstreit unter den Fans. Aber w�hrend des Wettkampfs bin ich in meinem Film, da kriege ich nichts davon mit.

RTL hat eine Weile im Internet sogar eine Frau f�r Sie gesucht.

Ich finde es nicht in Ordnung, wenn sich ein Fernsehsender in solche Angelegenheiten einmischt.

Suchen Sie denn eine Freundin?

Wenn es mal klick macht, habe ich nichts dagegen. Aber ich bin da vorsichtig. Will eine Frau nur wegen meiner Popularit�t etwas von mir? Wenn ich wieder auf etwas eingehen w�rde, und es ginge schief, dann w�re es ein St�rfaktor und verschenkte Zeit. Ich konzentriere mich auf den Sport, alles andere sind Nebens�chlichkeiten. Ich bin 27, und M�nner werden im Durchschnitt 78 - ich habe f�r den Rest genug Zeit, wenn ich nicht mehr springe.


BIOGRAFIE Sein schw�bischer Dialekt l�sst es nicht vermuten: Sven Hannawald stammt aus Erlabrunn im Erzgebirge, wo auch der viermalige Tournee-Sieger Jens Wei�flog geboren wurde. Der heute 27-J�hrige begann zun�chst als Nordischer Kombinierer, bevor er sich aufs Springen spezialisierte. Als nach der Wende die Bedingungen f�r Nachwuchssportler in seiner Heimat sich rapide verschlechterten, zog er 1991 nach Furtwangen und besuchte dort das Ski-Internat. Trotz seines Talents kam seine Karriere nur schleppend voran. 1997 wollte ihn der Deutsche Ski-Verband aus dem Kader streichen. Dank der F�rsprache seiner Trainer blieb Hannawald im Team. 2000 holte er seinen ersten gro�en Einzeltitel, als er bei der Skiflug-WM in Vikersund siegte. Doch seine Form blieb unbest�ndig. Hannawald wurde auff�llig d�nn, Ger�chte �ber Magersucht kursierten. Die vorige Saison brach er im Februar 2001 auf Rat seiner Trainer fr�hzeitig ab - der Tiefpunkt war erreicht.

Interview: Detlef Hacke/ Alexandra Kraft @ DER SKISPRINGER IM INTERNET www.sven-hannawald.de

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