Hallo,


ich begrüße Dich/Sie auf diesem Website. Natürlich ist das Thema dieser Seiten nicht erfreulich, der Anlaß, aus dem Du hier bist (Sie hier sind), vielleicht auch nicht. Andererseits ist es für Betroffene aber eine Hilfe, wenn sie miteinander in Kontakt kommen, Erfahrungen austauschen, gegenseitiges Vertrauen neu erlernen können und miteinander entdecken, daß das Leben - trotz allem - doch lebenswert ist.



Damit wir wissen, worüber wir reden:


Was ist sexuelle Gewalt?


Alle unerwüschten Berührungen oder Bemerkungen sexuellen Inhalts. Niemand muß/sollte(!) solche dulden!



Im folgenden ein Beispiel aus dem "ganz normalen" Arbeitsleben, nichts besonders Schlimmes (oder jedenfalls habe ich Schlimmeres erlebt), Motto: "Der ganz normale Wahnsinn":


Ein Verhandlungssaal, sechs Männer, zwei Frauen, die eine über vierzig, Akademikerin, Naturwissenschaftlerin, die andere über fünfzig und Managerin im Verwaltungsbereich, es ist Montag, morgens zwischen neun und zehn, Begrüßungsrituale, jede/r begrüßt jede/n, manche der Männer klopfen einander auf die Schultern, den Nacken, Männer-Rituale, Männlichkeitsrituale, nach dem Motto: wir gehören doch alle zusammen, rauh, aber herzlich, Hauptsache männlich. Die Verhandlung hat noch nicht begonnen. Noch ist nur eine der Frauen anwesend, die jüngere von beiden.
Man(n) redet, vor allem der Vorsitzende. Themen: das gerade vergangene Wochenende, die Aktivitäten, im Falle des Vorsitzenden: Golf. Er sagt: "I played golf and I had sex. Golf's always better."
Die Frau denkt: sein Problem (sagt nichts).
Der Saal füllt sich langsam, zu langsam, der Vorsitzende wird ungeduldig und telefoniert. Ein Kollege der ersten Frau erscheint, ein zweiter Kollege erscheint, die zweite Frau erscheint, sie begrüßt die Anwesenden, macht die Runde um das lange Oval des Tisches.
Der Vorsitzende sagt: "I was always looking for a little girlfriend with whom I could spend the nights when I'm on my visits here. Do you think I could find one, Marie?" -- Die zweite Frau geht weiter, ohne Pause, sie geht zu ihrem Stuhl, nutzt die Pause, setzt sich, irgendetwas zieht sich in ihr zusammen, der Morgen hat etwas verloren, ein paar Federn vielleicht, seine Unschuld oder sowas, sie weiß es nicht, schätzungsweise ärgert es sie schon wieder, hier sein zu müssen, die andere Frau denkt, daß sie gern wieder ginge, wäre Marie nur ausgeschlafener, hätte sie nur nicht gerade gestern nacht diese Grundsatzdiskussion mit Jan geführt oder mit ihrem Sohn oder mit ihrer Schwiegermutter oder mit... oder mit... jedenfalls wirkt sie angestrengt, die ganze Erholung des Wochenendes ist schon wieder flöten gegangen, ihr fällt nichts ein, sie sucht in ihrem Kopf, sie sagt, weil sie ja doch meint etwas sagen zu müssen: "Well...you know I'm married so I can't be of any help. But I guess it's possible. It can be done... I'm sure it can be done." Sie sagt es sachlich und ernst, sie verzieht keine Miene, beinahe gelangweilt, sie gibt sich Mühe unverletzlich zu wirken, fast ein bißchen kalt, Chronistin oder Komplizin, denkt die andere Frau, es bleibt unklar, es war nicht die beste aller denkbaren Antworten.
Der Vorsitzende spreizt sich allen Ernstes wie ein Hahn, ist glücklich wie ein pubertärer Junge. "So you think it can be done, that's nice. I appreciate that. I appreciate that very much, Marie. I hadn't thought of yourself actually." Die Frau, die schon ein wenig verblüht ist, ist verblüfft, sie scheint in diesem Augenblick noch magerer zu werden, sie scheint zu schrumpfen, ihre Falten graben sich tiefer ein. "But if you have a petite amie , Marie, you know", sagt der Vorsitzende mit spöttischem Grinsen, "you are very welcome to mention her to me." -- "I suppose so", sagt die Frau, weiter sagt sie nichts mehr.
Die Verhandlung beginnt, die Präsentation des Vorsitzenden, der Hinweis auf die Vertraulichkeit des Inhalts der Gespräche. Pause, Fortsetzung der Verhandlungen. Hin und wieder ein Kommentar der ersten Frau, die andere sagt nichts, ansonsten reden nur Männer, zwei Direktoren und zwei, die es werden wollen.
Danach gemeinsames Mittagessen in der Kantine, die erste Frau sucht sich einen Platz in größtmöglicher Entfernung zum Vorsitzenden, sie mag ihn nicht, sie hält ihn für einen potentiellen Belästiger, einen der ganz gewöhnlichen Sorte, sie sieht ihn zum Glück nur selten, nur in diesen speziellen Verhandlungen dieser speziellen Kommission, in der sie sitzt, das reicht schon, er hat sie vorher in diesen Verhandlungen gedemütigt, er hat ihr die Möglichkeit verbaut, an einem externen Arbeitsbesuch teilzunehmen, der ihr sehr wichtig war, sie weiß, daß er sich ihr Büro damals nur deshalb ausgeliehen hatte, um in ihrem Kalender nachzusehen, wann sie andere dringende Verpflichtungen haben würde, er legte den externen Arbeitsbesuch auf ein Datum, an dem sie andere dringende Verpflichtungen hatte, direkt nachdem sie wieder im Plenum zusammenkamen, sie hatte einen Einwand gewagt, gesagt, sie halte es für sehr wichtig, daß sie dabei sei, sie hatte ihre Gründe genannt, der Vorsitzende hatte gesagt: "I'm sorry, Julia, I already talked to the vice president about it, and we made all arrangements for that date. I'm so sorry for you, Julia, but the vice president doesn't care about his little soldiers and their obligations." Sie hatte ihn ungläubig angesehen, sie hatte nicht geglaubt, was sie hörte, lange hatte niemand mehr so mit ihr geredet, sie hatte fast vergessen, daß das möglich war, daß es solche Typen gab, sie hatte ihn gehaßt, von diesem Augenblick an wirklich gehaßt, der Typ ekelte sie an, am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht gekotzt und wäre gegangen, aber sie verdient einerseits zuviel bei ihrem Arbeitgeber, andererseits zu wenig, um einfach aufzustehen und zu gehen, tatsächlich ist sie, was ihr Einkommen betrifft, alles andere als ein "little soldier", sie ärgert sich über ihre Ladehemmung, sie fragte sich, ob sie den Mund öffnete, in diesem Moment, sie fragte sich, warum kein Wort herauskam, ob sie den Mund etwa wieder zuklappte, unverrichteter Dinge. Sie begriff das ganze, als sie in ihr Büro kam, den Kalender sah, den sie dort nicht hingelegt hatte, die Unordnung sah, die ihr die Kollegen und der Vorsitzende hinterlassen hatten, sie begriff, daß er gegen sie ist, daß er ihre Karriere behindert, Rob ist Sand im Getriebe, denkt sie, sie fragt sich, warum, sie fürchtet etwas (die Gründe sind naheliegend...wieviel er tatsächlich über sie weiß, ist aber unklar).

Es passiert beim Kaffee in der Cafeteria, einer der Direktoren holt Kaffee für alle, der Vorsitzende ist noch nicht da, die erste Frau wartet unschlüssig, jemand, der es nicht böse meint, sagt "why don't you sit down", sie schwatzen, der Direktor bringt den Kaffee, der Vorsitzende kommt, er leiht einen Stuhl an einem Nachbartisch, er schiebt ihn zwischen den des anderen Direktors und den der ersten Frau, er kündigt die nächste Verhandlung an, Ort und Zeit, "danach open end", sagt er, "we'll continue in the Biergarten, if the weather's nice." Er nippt an seinem Cappucino und fügt hinzu: "And if are there, Julia, I expect you to dance on the table for us, I'm sure the vice president would enjoy that, especially if you wear this dress." Die Frau denkt, daß ihr Sommerkleid elegant, aber brav ist, sie ist mit einer gewissen Sorgfalt gekleidet, gepflegter als früher, sie ist ihrer selbst ganz sicher, diesmal.
Die Frau sagt, diesmal ohne Verzögerung (denn sie ist diesmal sehr wach, auf dem Sprung): "I won't - I only dance in trousers, Rob. Actually: don't be too sure that I dance at all." Der Vorsitzende gibt nicht auf: "Well, Julia, it's a unique occasion to gain the vice president's interest. You can have some beers with him, you can also talk to him, you know." Die Frau sagt, lächelnd, ein wenig überlegen: "Actually, I just talked to him last Friday, without any dance."
Der Vorsitzende stellt seine Tasse zurück, er holt aus mit seinem linken Arm, er täuscht an, sie zu umarmen, einen Augenblick glaubt sie, es könnte passieren, einen Augenblick glaubt sie zuschlagen zu müssen, da bleibt sein Arm in der Luft hängen, vielleicht einen oder zwei Zentimeter über ihrem Kleid, sie weiß es nicht, sie kann natürlich nicht nachsehen, sie verzieht keine Miene, sie stellt sich nur den Schlag vor, den Schlag, die Bewegung ihrer Hand.
Es passiert nicht. Diesmal passiert es nicht. Er hat es nicht gewagt, denkt sie. Entwarnung. Für diesmal jedenfalls.
Der Vorsitzende ist aufgestanden, ist gegangen, nicht ohne bei den `Damen' mit dem üblichen spöttischen Grinsen einen Handkuß anzutäuschen. Auch sie steht auf, mit den KollegInnen, sie gehen zurück in ihre Büros, sie verabschieden sich von Marie, die in einem anderen Gebäude sitzt. Im Gehen fragt sich die Frau, ob sie zu dem Termin mit dem Vizepräsidenten fahren wird. Sie fragt sich, ob sie das nächste Meeting der Kommission überleben wird, ohne belästigt zu werden. Sie weiß, daß jede ihrer Optionen für ihre berufliche Entwicklung nachteilig sein kann, sehr nachteilig sogar.
Vor ihr und neben ihr gehen ein paar Kollegen, Männer, die miteinander reden, harmloses Zeug. Sie spürt, daß sie neidisch ist, sehr neidisch, sie haßt sie in diesem Moment, obwohl sie sie sonst eigentlich mag, obwohl sie sonst mit denen da einigermaßen gut auskommt, sie ist neidisch, weil die da niemals über derartige Fragen nachdenken müssen, weil sie jede Menge Möglichkeiten haben, die sie nicht hat, weil sie zum Beispiel fast überall hin ausgehen können, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob es gefährlich ist, nachts von dort zurückzufahren.
Sie weiß, daß sie nie, niemals in diesem Leben die gleichen Chancen haben wird wie einer von denen -- aus dem simplen und banalen Grunde, daß sie eine Frau ist. Sie weiß, daß sie auf jeder Ebene ihrer beruflichen Laufbahn, die als Karriere sowieso nicht zu bezeichnen ist, mit Übergriffen konfrontiert werden kann - mit solchen oder ähnlichen, was ist schon der Unterschied, gewöhnen wird sie sich daran nie. Sie weiß, daß sie ihre Verletztheit nicht zeigen darf, weil dann diejenigen gewonnen haben, die auf diese Weise verletzen wollen.
Sie weiß, daß solche Übergriffe mit Macht(mißbrauch) zu tun haben, nur damit, daß sie nichts sind als der Versuch, sie als Frau `in ihre Schranken zu verweisen', ihr wortlos zu verstehen zu geben: `Du bist NUR eine Frau, du bist nicht das gleiche wie wir. Wie kannst du es wagen, das gleiche zu erwarten, warte nur, du Luder, dir werd ich zeigen, wohin du gehörst.' Ungefähr das ist die Message (+ ein bißchen sexuelle Frustration alternder Männer).

Übrigens: Aus Gründen der Privacy der Betroffenen wurden ihre Namen in diesem Beispiel geändert.

Männer sind auf meinem Website als Gäste willkommen, wenn sie nicht als "Spanner" oder mit sonstigen unredlichen oder kriminellen Absichten kommen. Außerdem möchte ich sie nicht in Diskussionen und Gespräche (z.B. im Forum) über Einzelheiten zum Thema meiner Seiten einbeziehen. Nicht, weil ich Männer pauschal hasse oder ablehne. Auch nicht, weil ich etwa glaube, daß "so etwas" Männern unter keinen Umständen passieren kann. Ich glaube aber, daß die Wahrnehmungen und Erfahrungen, auch die Gewalt-Erfahrungen, von Männern und Frauen unterschiedlich sind, oder jedenfalls: nicht kongruent - und zwar deshalb, weil die Bilder, die sie voneinander haben, nicht kongruent sind. Daher glaube ich, daß es besser ist, wenn männliche Betroffene untereinander Kontakt aufnehmen, und zwar auf ihren eigenen Seiten - oder allen Seiten, die diese Möglichkeit anbieten. Bitte respektieren Sie/respektiert meinen Wunsch - und den der anderen Frauen, die hier "unter sich" sein möchten.


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