Meine Gedichte


neu:

Dahlem

oder: den Deutschen ins Stammbuch geschrieben

Dahlem   da waren
die Dahlien verblüht hinter Dämmen
aus Schweigen  da blühte in Giftgas-Retorten
in Villen verborgen der Wahnsinn
hing hilflos der Christus am Kreuze   vergeblich
sein Held, sein Pfarrer, der wählte
die Deutsch-Nationalen und später
die Nazis
die fingen den Pfarrer und sperrten ihn ein
in den Lagern, da dachte der Pfarrer
zuweilen an Dahlem    da waren
die Dahlien schon lange verblüht
hinter Dämmen aus Schweigen

und Christus stieg heimlich vom Kreuze  ging heim
über knirschenden Kies  mit knirschenden Zähnen  zu Clara
die Immer-wahr geblieben
doch lange begraben war

Dahlem   da wurde
die Clara dem Giftgas geopfert
der widerspenstige Pfarrer
zum Helden verklärt
da kriegte der Krieger   der Mörder
der Giftmischer einen Nobelpreis
gleich neunzehnhundertundachtzehn 
da wurde sein Name unsterblich   da kriegte
der Krieger sein Institut
da pumpten die lärmenden Pumpen mein Blut
durch schmerzende Schläfen
in schlaflosen Nächten

da lauerten lautlose Hände des großen Direktors
da grinste die rotangelaufene Fratze und legte die Hände
die großen gewichtigen Hände
auf mich

Dahlem   da trieb ich in endlosen Stunden
durch kahle Alleen   da trieb ich
mit Kirschblütenblättern auf Kies im botanischen Garten
da wurde mir Schweigen verordnet   da wurde ich land-los
da trieb ich durch Niemandsland   stieg ich wie Pollen so leicht in die Luft
stieg höher und höher in eisige Lüfte des eisigen Schweigens
verordnet von eisigen Richtern am eisigen Landgericht
lernte zu sehen und sah sie von weitem
wie Geier am Grab meiner Zukunft die Hände
sich reiben   die großen gewichtigen Hände
doch am Ende
entkam ich

Dahlem   da waren
die Dahlien
schon lange verblüht hinter Dämmen
aus Schweigen

 
Copyright � Hannah Zorn, 2005





Hij heeft


een baard  een baan  een maatkostuum
een huis  een open haard  een hond
een bril  een schoonmaakster
sekretaresse en kantoor 
een limousine en
een cabriolet
kinderen en
een vrouw 

hij heeft
succes


Copyright � Hannah Zorn, 2005






ver-nedering

mensen ge-kleineerd
gereduceerd tot
hun marktwaarde
hun sekse
hun huidskleur
hun afkomst

tot goederen
tot lichamen
tot vrouwen

tot slachtoffers
tot gevallen
tot getallen

tot ... niets


Copyright � Hannah Zorn, 2005









Ende einer (un-guten) Nacht-geschichte


Oben im Schlafzimmer
hinter Vorhängen
das Milch-auge der Sonne
schält sich weiß-wund und lustlos
aus dem Nebel-film
der verdampfenden Nacht
letzte Gespenster
mit den Socken gesammelt
und eingeräumt
geschlossene Schubladen

Unten das Unbestimmte
halbgeöffnete Bücher
unterbrochene Notizen
Gedanken-sprünge
hingekritzelte Verse
das Entschlossene
einer kreischenden Säge
im Fernen

und dazwischen
mein halbherziger
wieder verschobener
jedenfalls ausstehender
	noch zu wagender
	Auf-bruch

	

Copyright � Hannah Zorn, 2004 Alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.






Mein Land


       Mein Land ist nicht mein Land
      schon lange nicht mehr mein Land
   wenn ich hindurchfahre, fühle ich mich
       abgestoßen     aus-gestoßen
          seit mehr als zehn Jahren
       erwarte ich nichts mehr von Ländern
                   mehr noch von
      verirrtem Papier und flatterndem Plastik
              häßlichen Resten
           an einer Autobahnabfahrt
                 mehr von
              Konserven-musik
             aus dem Autoradio
               mehr von den
      Bändern und Schleifen aus Purpur
      an grauen Winter-wolken-paketen
      flüchtig rechts oben vorbei an
      der Windschutzscheibe befördert
          bei Tempo einhundertzwanzig,
               dem Spiel der
      gespreizten Hände der schwarzen
        hochaufgeschossenen Bäume
           vor hellem W-Himmel
            (W wie in Winter)
           mit dem von Hand zu Hand
         wandernden kupfernen Sonnen-ball
             Volleyball ohne Netz
         über den seltenen mensch-losen
         Landschaften wo nach den letzten
              ausgestorbenen Vögeln
            nur noch die Stille singt



 

Copyright � Hannah Zorn, 2005


Alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.







mens-heid


  ...en wij dan
     gevangen in
     ons broze bestaan
     dezelfde ellende / hetzelfde
     beperkte inzicht
     ons kortstondig geluk
     in een ommezien weggevaagd
     in éen golf
     ondergedompeld

desondanks geen schaduw
van medelijden
niet eens vrijheid
gunnen wij elkaar
laat staan kansen

     laat me in vrijheid
     mijn keuzes maken
     bepaal je eigen weg
     niet de mijne
     spreid je vleugels
     		        ...en vlieg


Copyright � Hannah Zorn, 2005 - in dankbaarheid opgedragen aan Ayaan Hirsi Ali





Off-Topic:

Betrapt


Op zoek naar mogelijke vertalingen
van het woord  Furunkel  in mijn woordenboek
Nederlands (eentalig, met verklaringen)
botste ik toevallig
op het woord  vuurpeloton 
en bleef eraan hangen
als doelde het op mij
als vroeg het fluisterend
`wat had jij gedaan,
 daar: aan de overkant?'
ik bleef even stil staan en kijken
als was het een monument
op de Waalsdorper vlakte of ergens
in het land   Voor Hen die vielen
in het verzet en Hen in kampen laf vermoord 


 

Copyright � Hannah Zorn, 2005











du einfach


  nicht mann oder frau
      sondern du
  schwimmendes eiland
       unterwegs
      umspielt und
       umspielend
      umströmt und
      umströmend
     legst an und
     läßt treiben
        wie ich

   in unseren grünen
 inselaugen wächst schilf

für A.V., in Liebe

Copyright � Hannah Zorn, 2004; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.












geen vraag


waar ik behoor
(of juist niet?)
waar discriminatie
op welke gronden dan ook
door de grondwet verboden is

waar de kloof
tussen vernedering
en vertedering
breed is en erin
verdraagzaamheid
soms onverschilligheid
toch meestal respect
worden beoefend

waar vrijheid
niet goedkoop was
eertijds bekocht met
een kwart miljoen levens


Copyright � Hannah Zorn, 2004 (bevrijdingsdag 2004)










Ostern explosiv


Neben Blumenzwiebeln die geplatzten Schädel
selten freigelegte Scherben  pinselrein
kleine Zwiebel saug und trink dich satt
in deiner Knochen-Vase
keiner erstanden
außer Narzissen
einmal mehr Granaten statt
Granatäpfel
hier eine hübsche Bombe  dort eine
         keine  die nicht zurückkehrt
         (die Frage ist  wann  - nicht ob)
und nicht einer der aufersteht
(how dare you...)

Jesus  begraben unterm Schutt
im nahen Osten irgendwo
in Israel  in Palästina
(wie frau es nimmt -
oder mann)
kein Kreuzritter  kein rotblonder
Hollywood-Star
kein Herr der Heerscharen
ein kleiner dunkler Mann
ein Jude - was ungern gesagt wird
immer schon ungern gesagt 
besonders in dieser Sprache
aus unterschiedlichen Gründen -
oder nicht? -
oder nicht??????

wer warst du  Jesus  bist du uns
verschüttet selbst dein Name
Yashua - Gott wird retten -
vielleicht
(ganz üblich dieser Name)

begraben unterm Schutt von zwei Jahrtausenden
kirchlicher Hierarchie
männlicher Dominanz
Unfreiheit hat Tradition
immer noch   immer
wieder  immer
woanders

wer warst du  Jesus  Mensch vor allem
ein Rabbi unter vielen  einer
der ganz von unten kam
Sohn eines Zimmermanns
einer auf Quer-Wegen
ihm nicht erlaubt
nicht vorgezeichnet
Auf- und Aussteiger
einer vielleicht  der weitersah
vielleicht weiter gereist war
vielleicht weiter hinauszog
vielleicht tiefer hinabstieg
(WISSEN werden wir das nie mehr)

sicher
einer der störte  der
beseitigt werden sollte
zur Abschreckung gekreuzigt

und dann?  vielleicht
ein Überlebender
(es ist nicht wenig DAS zu überleben!)
Freund unter FreundInnen  die eine Großmacht
erfolgreich überlisteten
(ein kleiner Betrug  ich hätte auch betrogen;
sie hatten keine Wahl)
gewisse Kenntnisse von Kräutern
(nicht selten bei Essenern - aus den Veden?)
also wahrhaftig auferstanden
das Grab tatsächlich leer
Simon erschienen und
Myriam von Magdala
und heimgekehrt  geflohen
zu seinem "Vater"
(ein Lehrer im Himalaya?)

ganz diesseitig:
"Was ihr wollt,
daß euch die Leute tun sollen,
das tut ihnen auch."*

manche seiner Worte
haben überlebt
ungeachtet ihres Mißbrauchs

sie überleben
immer noch
auch heute


Copyright � Hannah Zorn, 2004; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten; *) Lukas 6, 31; in dankbarer Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz









Am Körper mein Land


Stein-blut aus
karg-land
rotbraunes
wagnis ins weglose
sonnenversengtes
hemd  grobgesponnen
dickblättriges
trockene kruste von rinden
sonst brache
am durstigen leib
von erde bist du
bin ich
ich selbst
den üblichen wegen
dem herdengetrampel
 
entronnen  
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2004; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.









tot-zeit

das war's:
der ausflug in mein mausoleum
für diesmal wieder eingesargt:
die weihnachtsfeste meiner kindheit kondensiert 
im stummen engel, der doch laut zu singen schien,
in zarten vögeln, die ich fliegen ließ
und die doch niemals flogen, und in roten schleifen
die meine mutter flocht, geerbten einfallslosen silberkugeln:
begraben alles wieder unter packpapier
im unansehnlichen karton auf meinem speicher
 
am weg schon gerippe
entnadelter bäume
drei kreuze: am ende
am anfang und mitten-
                      drin auch eins
 
aber
auch der nebel hat flügel am morgen,
selbst mein rad summt
meinen rhythmus, nur meinen,
überlebende atmen
den wind in den leeren
ast-händen
und im nest meines kopfes wächst unbemerkt
mein ungeborenes ich
es ist noch immer advent
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2004; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.









seiten-wechsel

       morgens auf kürzestem
       wege zur arbeit kostüm
und aktentasche und endlich ganz zweck-
erfüllt fast links-liegen-gelassen
die flammenden blätter vereinzelter
bäume und doch diese blicke aus glas
 kiemenatmer der busse, der u-bahn
 streifen einander  meerjungfrau mit
der sportkarre backiges pauskind   imitation
  sovieler leben gesammelter neid aus
        verblichenem wollmantel
            frage-zeichen
            wie glaswände  
              einwände
           eines aquariums
 
       einfach vorbeischwimmen
     entlang an den scheiben ver-
    schwimmenden bildern entkommen
         reibungslos beinahe
           weiter wie immer
           weiter wie damals
             als auch ich
          schäbige mäntel trug
          wie die graue graue
      person mit verschlissenem neid
        in den wunschlosen augen
          die ich beinahe auch
             geworden wäre
 

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.










(Off-topic:)

Familien(un)glück - altes Foto, wiedergefunden

                Vater und Mutter
               vor zwanzig Jahren
        mit über sechzig, über siebzig noch
fast jung - für mich Beweis genug, daß sie auch ohne mich
   (ich bin dort nur zu Gast, in den Semesterferien)
       auskommen und selbst glücklich sind
        (oder was sie dafür halten, aber
               wer weiß schon   ?)
          im eigenen Garten vor Mutters
          Steintrog mit roten sehr roten    
       Geranien  der Rasen drum herum zu kurz
          und grün, so schrecklich grün
 und hier und da schon weiß und bräunlich angesengt
       mein Vater silberhaarig sommerbraun
        (zu braun für seine helle Haut)
Mutters Gesicht noch frisch, ihr Haar noch kaum ergraut
        sie lächeln geheimnislos werbend
         (ein deutsches Eltern-Märchen)
                in meine Kamera
            (die eigentlich ihre war -
                 mir überlassen)
            ein wenig unscharf - Absicht ?
      im Hintergrund der Zaun, gekonnt verhüllt
         von Flieder und von Immergrünem
                  Umarmung mit
         im Rücken steif gekreuzten Schwertern
            pardon, ich meinte: Armen
        (wie komm ich nur auf Schwerter ?)
            bei größtmöglichem Abstand
            Mutter scheint abgerückt,       
              ein wenig vorgebeugt,
              zu mir etwa?  Vaters
            leidender Raubkatzenblick
             vom Lächeln versommert
                 ansonsten eher
               Liebe im Konditional
                damals  falls ich
                  zurückkehrte
                statt zu studieren
                  lebte wie sie
                   diese beiden
 und darum der Garten und darum die Pracht und die Arme
            im Rücken das Demonstrative
                  auf jedem Foto
                 (hier eben meinem)
                  zu deutschem Soap
                  geraten oder zum
                    Beweismittel
                    Beweis wofür?
                    inzwischen auch
                  wozu  ?   mein Vater
                ist nicht mehr, und Mutter
                     alt, sehr alt
               (ob sie sich noch erinnert?)
 
                 die Zeit für Liebe
                    mit oder ohne
                   Konditional ist
                       endlich
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.











Schwebende

  
Herde in Wolle  
aufgepflockt un-      
    gesponnen                                                                  
  wildmähnig
   kopfweise rot getupft
      Rosenblattrot als die
      letzte verglühende
       Gabe verbläuender Sonne
        an ihre in Rußblau und Kaltgrau
          versinkenden Woll-Flocken-Leiber
              lammige dicht an dicht kauernde Wolken
                 die Köpfe wie Spindeln nach Westen gereckt
                             erstarrte Bewegung  Moment-
                                                         aufnahme
                                 ich sehe ausnahmsweise hin   bevor
                                                       alles erlischt





Copyright � Hannah Zorn, 2003
Alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten








Tête à tête, au jardin


                     Du noch immer
                    wie du da sitzt
                  und dein Netz webst
                 mitten im Garten mitten
              in seinem feinen Netz aus Nebel
            zwischen Tiraya-Ranken und Knorrigem
          Stachelbeerzweigen und alternden Fichten
      dazwischen ausgespannt die Fäden deines Haares
 ein Fächer, der mein Paradies bewohnt -  ganz selbstverständlich
 
       du wie du plötzlich jubeln kannst trotz allem
         im Feuer der Petunien scharlach und rot-violett
               soohneÜbergangloderst
                 in den Flammen der Heide
                   so überglüht

      deine kaum sichtbaren Fäden ausgesandt mit dem Wind
   ins bedächtige freundliche Altrosa deiner Hortensien getragen
   verbläuend   hier und da bräunlich am Rand   darüber
        weitergeplaudert  lässig und tröstlich
            auf der Spur der verbleichenden gelben
                    Sonnblumenfrauen
               die sich immer noch stolz und
           aufrecht halten  trotz der gesenkten Köpfe
                         einzige
               Konzession  an Reife, Frucht und Alter
 
              wie du in allen Lebensaltern heimisch bist
              und ihre Spuren trägst  ganz unverzagt
            und deine Iris zwischen Fichten Farn und Turmalin
              mit ihrer Sonne füllst und spielen läßt
                 im Kupfer deines Netzes ihre Strahlen fängst
                        und in dir ruhst   zugleich
                      Blume und Saatkorn, Baum und Frucht


für eine liebe Freundin, M.B. - Copyright � Hannah Zorn, 2003
Alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten







muttermeer


                 empfängst mich mit kühlen
                    windarmen tanggeruch
                   leckst neckisch träge
                  an meinen nackten füßen
                 trägst leicht so leicht mich
            wiegst mich an deinem lauen dunklen leib
       grünblau geschunden algenübersäht und ölverschmiert
                    dünnsäure-trächtig                          
              du aber wiegst mich wie vor jahrmillionen                         
        wirbelst mich spielend tanzend lachend auf und nieder
                und kleidest mich in deinen schaum
                     unwissendlich in abschaum
                         du die geschundene
                als könntest du wiedergeboren werden
                             als mutter
                als könntest du mich wiedergebären
                              als kind
                           ohne erinnerung
 
                 und doch kehr ich noch immer zurück
                in deine umarmung und lasse mich liebkosen
                     ignoriere das gift und die algen
                         daß wir vereint sind
                            wir die geschundenen
                               ist meine kraft                                  

Copyright � Hannah Zorn, 2003
Alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten







A-phasie


       wie alles endet und
        aus blütenkelchen
       vertropft und schweigt
   und unbemerkt das rad darüber wälzt
        und jeden grashalm beugt
        in allen knochen mahlt
        in allen sonnen sengt
       aus jedem ozean verdampft
 sich aus der dünnen, dünnsten atmosphäre löst
        und sich im all verliert
         in allen adern bremst
    arterien unmerklich an den wänden 
     verdickt  verkrustet und allmählich schließt 
        bis jedes wesen wieder wesenlos
     und namenlos und kaltes fleisch und wachs
    und kohlenwasserstoff und mineralien wird
   im flieder wurzelt und durch schmale äste 
    von wasseradern in ein grünes blatt
   und höher  höher in die blütendolden
 und aller worte bar in kronen steigt  in saphirblau, in nebelweiß 
   und wieder niedersinkt  unwissend  unerkannt
   sich seiner nicht bewußt um seine worte irrt
             und wort-los keines mehr erkennt,
         und jedes wort, das sich ihm tastend nähert, 
           vor seiner toten starre hilflos weicht

       und seine zuflucht schüchtern sucht bei lebenden
                   in einem winzigen 
                       bedrohten 
                     brombeer-roten 
                        paradies
          das mensch-sein heißt und sommertag

    
 

Copyright � Hannah Zorn, 2003
Alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten (Anlaß: Schlaganfall und Tod meines Vaters).











Des Vaters Tode


                                   wer warst du   vater?
                                     auch du ein kind
                                        geschlagen
                                zweitältestes von sieben
              (der pfarrer nennt verhütung eine "unterlassungssünde",
                           die armen ohne bildung gehn ihm auf den leim)
                                mit sechs ein wunderkind 
                                mit acht ein musterschüler
                                mit zehn ein knecht bei bauern
                                mit vierzehn schlosserlehrling
                                  von lehrherren mishandelt
                                mit sechzehn arbeitslos
                                mit siebzehn landarbeiter
                                  mit großen plänen
                                  die alle sterben, als dein vater stirbt,
                                du die familie unterhältst,
                                     die dir nicht dankt
                                       danach im krieg  
                                    traumloser überlebender 
                                  (alle deine brüder sind tot)
                                                                                 

        Wer bist du  Vater 
      ein Hafen bei Dämmerung
     ein Schlaflied großer Hände
      ein Eiland tiefer Töne
       ein Wirbel in der Luft,
        in die du mich wirfst
        und wieder auffängst
       ein Zauberer fremder Welten
       tischgroßer Aufsichten  
     und Längs- und Teilansichten 
             quergeschnitten
     für mich baust du aus Holz, Papier und Leim
   erzählst mit feinen schnellen Bleistiftstrichen 
          Geschichten, die kein Ende finden,
        bevor du wieder gehst, so plötzlich wie du kamst
          (meine Mutter freute sich, wenn du kamst -
           wenn du gingst, freute sie sich auch -
              und manchmal selbst noch mehr)
             ein seltener Gast in unserer Welt
                   der Welt der Frauen
                  dem Kind  das ich war
     

                                   was tust du  vater   schroffes
                                gestein verborgen unter wald- und farn- 
                                 und matten-grün  die kegelspitze
                              längst abgesprengt  doch siedend schon 
                               wie gischt versprüht gestein wie wasser
                               und deine hände fallen wie granaten 
                             prasseln wie bomben auf mich nieder alles birst
                      du lieber berg  und meine adern schreien unter meiner haut
                                  und ächzen  bersten reißen
                                 versickern heimlich blutend oder brennen
                                   zu asche in den flammen deines zorns
                                    mein ur-vertrauen und dein zauber
                                   berserker schiwas sohn und kettenhund
                                und alles löst sich um mich auf in nichts
                                               in schweigen
                                             nach einer ewigkeit
                                          jäh nach deinem ausbruch
                                            regel- und zügellos
                                          (was tatest du mir  vater
                                           und was tat ich dir?
                                           ich  damals,  mit drei jahren)

                                                                        
                   und du stirbst
            in jedem jähen Ausbruch sterben  
         Hafen und Schlaflied, Zauberer und Eiland
              schon damals starbst du mir 
                  und ich begrub dich
          (farbige Tücher markierten zuhause 
          dein grab - beerdigungen faszinierten mich,
                 bevor ich sie verstand)

                wer bist du  Vater  ein Gesicht
                  aus weißem Fleisch gehauen
                      du bist nicht mehr  
              bist nur noch eine Hülle aus Papier
                       welkenden Häuten
                    weiß-wächsern regungslos
                           und leer
                  dein letzter Blick nach innen  
                     (- was sahst du dort?)
    

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten; geändert (letzter Teil): 7-5-2004










Auf der spur

        um das un-gereimte
        un-menschliche
        un-sagbare
	tasten worte tränken
        sich blutig aus dem wort-meer
	                              nur du noch
        sitzt am ende am ufer
                              wie vorher
        wieder am anfang
                          vor allem
        und doch nicht

	das hünengrab deiner bimsstein-knochen
	sonst kein stein von dir
                                 auf dem andern geblieben

	    nie erreichst du 
            ein anderes ufer
              endgültig 
           liegst unbeweglich
          zum sehen verurteilt
          rettungslos schweigend
           das auge der insel
                            nur außen am rande  
           von worten umspült
         und kreist um dich selbst

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.









schilf-frau

wieder
trägst du
deine blessuren davon
lautlos
heulend
gegen die brandung
 

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.








zornes geburt

                                                                           
          ich könnte ein lied
              nein  kein lied
                über angst
                diese vernichtungsangst
        nicht gesprochen  nicht einmal gewagt
          an sie zu denken  stattdessen zur
                 tagesordnung
                 übergegangen
        ununterbrochene sitzungen vorträge
        gleichmäßig ruhiger fluß (versteht sich
        vorwiegend baß und tenor   selten alt und wenn
        dann resolut  kaum sopran  gilt als lächerlich weil
        "natürlich" als sexy)    ohne mich
                  in zukunft (die ich nicht mehr habe)
            draußen  hier unten am rhein
            gleichgültig träge und breit
            wie oben die möwe  landeinwärts
             getrieben  gegen den strom  (war sie da?)
             weiter draußen schon fern                                    
             meine felle   verschwommen
       wie alles verschwimmt und im kaltblau
         im kaltblut ertrinkt und erstickt
               wie vergiftete biber (deshalb keinen gesehen?)
          der märz oder weggefegt einfach
 
          was bleibt ist sein blödes
             dümmliches grinsen (andeutung dessen, daß
             ich mit ihm rechnen muß)
          in seinem lauernden großen
          roten gesicht      und mein zorn
          (mit dem er rechnen kann -
           ebenso sicher  -  oder nicht)
 
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.








reflexe

     kahle tage
 zugluft und warten
verbrauchter atem von
    bahnsteigen
abgenutztes im spiegel
 wievieler scheiben
zwischen gleise geworfen
       anonym
hart-metallischer schmerz
  frühjahrs-licht-müde
     augen unscharf
 zu worten schlagen fluten
   erinnerungen über mir
        zusammen
 
     längst nicht mehr
                                                                                
                                 
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.












stempel

er hat es geschafft seinen stempel
zu hinterlassen abdruck seiner hände
seiner sohlen seiner zunge
abdruck der institutionellen macht
darunter ich ganz weiß und ziemlich platt-
gewalzt mein leben unter seinem stempel
dunkel markiert
briefumschlag oder marke
abgestempelt                                
Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.













einmaleintag

einmal ein tag  an dem nicht
   schon morgens der vorhang fällt
     beim absturz der sonnenpappscheibe
an dem nicht jeder möwenschrei zur klage
  verkommt nicht jedes lachen zur grimasse
    und als verrat im glas ertränkt wird unter eis
     und nicht vergänglichkeit aus jedem hahne tropft
      (was sonst? - das ende ist nach unten offen)
an dem nicht jeder kuß schon abschied nimmt
ein tag  an dem nicht alles blanke
      nach schärfe schmeckt und blut 
         und langen dünnen hälsen 
           und alle worte schal wie pappmaché
 
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.









würde

    angetastet
   weitergehen
einfach weitergehen
   würde(-)los(-)
      rennen
    weg von mir
     ohne mich
                     und du?                                                    
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2003; alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung, auch der auszugsweisen, vorbehalten.
















weihnachts-geschichte / meta-morphosen

eis wieder geworden eisbeinige stämm ich
das fahrrad mein starres metallgerüst stumm
froststeif sein körper im sarg meines kopfes
blut in mir blut in mir steigt in mir steigt
sühneblut sühneblut sühne er sühnt nicht ich sühne
was sühn ich den zorn nur den zorn der ihn doch nie erreicht
die schneeweißen hände laß ruhen laß ruhen die toten
im grab des vergessens verschlossen  such wärmere orte auf leisere lichter
aus eisblumenfenstern die liebenden augen die wartenden briefe
sie decken sie un-wissend un-merklich zu 
flocken streue flocken streue brenne weihrauch daß 
aus alten gräbern unterm schnee die rose bricht
"uns ist ein ros..." "wir haben seinen stern
gesé-e-é-e-é-hen"
"...im finstern lande..."
in solchen jahres-zeiten
singt in mir immer der Distler
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2002
(Zitate aus: "Die Weihnachtsgeschichte" von Hugo Distler: Komponist, Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik; Werke: u.a. "Choralpassion" (1932), "Die Weihnachtsgeschichte" (1933): à capella für vierstimmigen Chor und vier Soli; Freitod 1942, um sich dem Elend während des nationalsozialistischen Terrorregimes zu entziehen.)




älter:



Frau und Mann / Antwort an Gottfried Bonn

I   Wieviele Schlachfelder
    aus denen seltsame Tentakel wachsen
    nach oben ausgereckte oder müde abgeknickte
    verrenkt gebrochen abgesprengt zerrissen
    Felder die Arme Hände Beine tragen
    seltsame Ernte halb entfleischte
    Schädel statt Kartoffeln
    blutdurchtränkte Bündel
    die Helden wie die Herden
    nichts als ein einziger Schrei  kein Entkommen
    vor dir  "Mann  du alles auf Erden"  bis du auch
    bis jemand dein Ventil - du weißt
    du bist nur aufgeblasen -
    und alle Luft aus dir entweicht
    und du  geschrumpft
    zu Staub  zu Molekülen
    zerkleinert  Wurzeln düngst 

II  Oktoberfelder  kahl und abgeräumt
    das Licht noch immer honigfarben noch zu warm der Mantel
    am Boden nur die schweren gelben Kürbisköpfe
    daneben pralle überreife Blütenköpfe von Hortensien
    im etwas müden angewelkten alten Rosa
    er neben mir und ich allein  ganz ausgesprochen  sprachlos  keine Frage
    auf eine seiner vielen schnellen sogenannten
                                                 Antworten
 
    meine Fragen  die  ein Schwarm von schlanken Fischen
    flüchtig an die Oberfläche treten
    tauchen meistens kaum geäußert unbesehen
    ein in Salzig-Trübes
    selten fängt er einen auf  wie zufällig
    wiegt ihn langsam in der großen Hand
    sieht ihn in der großen Hand ersticken
    wirft ihn mißmutig zurück
    in meinen Ozean
    an den er noch immer nicht glaubt                                        

III gibt es keinen  frag ich  der fragen hat
              einen jenseits
             der sieben weisen
             antworten jenseits
             des großen wagens
         des edlen achtfachen pfades
             einen  der mit mir
           die welt aus der taufe
          den fugen des wassers hebt
             reingespült  wieder
            wie neu  wie am Anfang
           du kein jäger  ich nicht
                                     gejagt
    doch die andern sagen
    uns  du träumst
    (oder weniger freundliches)
    und sie werden weiter jagen
    in der wüste  die nur jäger
    und gejagte kennt                                     
 
    wunder(-gläubig könnte ich werden)
     daß es dich gibt  daß ich dich
            ausgerechnet ich dich fand
                gegen alle
       vernunft und wahrscheinlichkeit
             deine flinte im korn
             von mir nicht gesucht
                du nicht täter
               ich nicht rächerin
               beide künstlerInnen
                 und kunstwerke
            immer auf der flucht vor
               jäger und gejagter
              tief in unseren hirnen
 
           wir sind ein wagnis  aber
            notwendig  ein beispiel
        für zukunft (gibt es eine?)                                     

       hinter den sieben
          todsünden
          cherubim
           wüsten
           himmeln
          zeitaltern
     endlich das mögliche
                          wagen
            endlich  uns
            das paradies
           neu zu erfinden
           neu zu erschaffen
        das paradies  das wir sind
       wenn wir eins sind und gleich
  aus dem hunger und durst nach gerechtigkeit
             der sehnsucht nach
                  frieden                                                    

    den staub der äonen
    den schweiß der nächte
    in gesellschaft kaum gewagter einsichten
    sich allmählich enthüllender pläne
    vager versprechen und hoffnungen
    den mühen des denkens
    den ewigen ängsten  er-
                           niedrigungen
    die unentwegten hüter
    des paradieses von uns abzuschütteln
    sooft du oder ich                                                        
    uns von einander entfernen
    auf Irrwegen
    (für Helden und Herden)
 
    dort  jenseits der mühen
        der arbeit an uns
     nichts sein als menschen
     nichts sein als liebende
          wieder am Anfang
            von einander
            miteinander
    nackt in warmen schilfgrasbüscheln
       den milchduft von haar trinken
         durstig mit honiglippen
            rosenzungennarben
    lustrote knospen  blütenblätter saugen
           behutsam in den teich
          blaugrüner pupillen mit
bernsteingelben oder erdig braunen inseln gleiten
        dunkler aus der nähe oder                                       
            einfach  nein, nicht einfach
                       aus liebe
 
Copyright � Hannah Zorn, 2002



Flieg


           In den Nächten
     in denen die Mondscheibe heller
 die Dunkelheit dunkler scheint  stiller
    und du wieder möglich scheinst
                      anrufbar nahe
    und doch niemals näherkommst
     aus tausend guten Gründen
    mir allzu vertraut  um noch
         glaubhaft zu sein
 
           in den Nächten
in denen die Angst deine Augen verdunkelt
     wie brackiges Wasser die Tümpel
     und du sie weder eingestehen noch
         sie überwinden kannst
         sondern mir ausweichst
 
           in diesen Nächten
         öffne ich langsam die Hand
        und lasse dich fliegen  aus Liebe                                       
 
 

Copyright � Hannah Zorn, 2002





v�ter

kindheit   begraben
geschlagen    regen
bogen abgeknickt
blutergu�blau-
gr�n-braun    kalter rauch
bei�t     fri�t       wohnt im baum
wolkennest     aus haar
vertrieben      die hand
unter der tasche
im u-bahnwagen
zynisch       sein grinsen
kein wort       verloren
nicht zu vergessen:
geschlagen       flucht-punkt
logik     brottrocken
studium      promotion(s-
versuch)    die zunge
des doktorvaters
am ohr       speichel stinkt
das kind schweigt      nicht mehr

Copyright � Hannah Zorn, 2000




An ihrem achten Weihnachtsfest

  Knirschen des Schlüssels  dann sein Tritt 
standhafte Tür  getretene  hast standgehalten
            erschöpfter Schläger
      gestikuliert  lamentiert lahm  kapituliert     
               Toilettenraumimmunität
        die weißgekalkte Wand umarmt das Kind
           die Arme vor der Brust gekreuzt
          die Wand hört ihr Gebet  die Wand  
         die Wand den dumpfen Echoschmerz
          in ihrer kargen Zelle türmen
      sich Echowellen dröhnend zu Gebirgen      Schrei aus 
              geplatzten Blutgefäßen   Rissen   die wie Zweige wachsen
                als fräßen Sägezähne 
                sich unter ihre Haut 
                Sägezahnchristbaum    mit blaugrünen Zweigen

                 vor dem gekippten Milchglasfenster  
     zu dem sie schleicht  den Teichen ihrer Augen  hängt der Purpurball
    der Sonne   oben eingeschnürt   an einer Wolke   wie ein Tropfen Blut
   das Kind am Fenster wartet    wartet      darauf daß    der Tropfen fällt
             

Copyright � Hannah Zorn, 2002




Ansonsten

sein fuss auf
meinem kopf
er badet
in der gesprungenen
knochenschale    er springt
wahnsinnig spritzt mein hirn
aus der pf�tze    er lacht
seine--ausgestreckte--
zunge--leckt--gierig--haut--
haar--hirn     man verleiht ihm
preise positionen
er dankt liebensw�rdig
immer--noch--das--segel--
seiner--langen--zunge--
auf--haut--haar--hirn      lebe
ich     besudle ich ihn
mit nichts als gedichten
beh�ng ich ihn mit dem
lametta von worten
den abgestandenen
baum   kalten kaffeesatz
zerreibe ich zwischen
malenden z�hnen   schrei'
zum stein oder meer oder mond
mein papierdrache trifft
ihn sanft im r�cken     er
schaut sich nicht einmal um

Copyright � Hannah Zorn, 2000










kein schrei

wieistdasalles
gewordenundwarum
dertagverstummtihrmund
verblaßtdiesonnescheint
nichthalbimzornimstreit
liegtalles   daß kein schrei
aushautundblutaufgras
ausmolek�len bricht
ausnacktemfleisch demschnitt
inihrerkehle macht
mir angst

Copyright � Hannah Zorn, 2000: gewidmet Marianne Vaatstra (1983-1999)










Brüstung

     Wäre es Winter gewesen,
   und nicht das Grauweißgrüne
   der Taubeneier zerbrechlich,
   verwaist im kargen Rechteck
      von Blumenkastenerde,
    und nicht Forsythiengelb,
   noch eben sichtbar taumelnd,
     nicht ungewiß das Rosa
  schlaftrunkener Kirschbaumblüten
  im schlürfenden Schwarz unter mir,
  und nicht das Bild von den Kindern,
  die morgens den Schulweg abkürzten
 und auf den nachtschwarzen Beeten den
     weißen geborstenen Kopf und
   verzerrte zerschmetterte Knochen
   gefunden hätten, dann wäre ich
             gesprungen
Copyright � Hannah Zorn, 2000




Schlafloser Traum (Early Hours' Beat)

 
                     Wandauf wandab kreist rastlos
          als vergiftete oder gefangene oder verhungernde Maus
             mein Blick  und dann und wann knallt eine Mine
                    die Uhr, die alte Katzenmutter,
                 schlägt wieder (zu)  und gerade jetzt
       schläft dieses Riesenschwein so friedlich wie ein Säugling
           der Professor  mein Peiniger schnarcht  während ich
      beim Klettern o-beinig den braunen Vorhang mit den Füßen würge
        den regenschmutzigglasigdürren Winterleib der Tür zertrete
  von meinem Balkon aus ein Feuerwerk zünde  die zischelnde scharfe Rakete 
zum schwachsinnig glotzenden Mond schicke oder dem Mars an den dösenden Kopf
 und auf jeden Fall an die zuckende Birne der gleichgültig flackernden Lampe
mit Meisenringen boxe  allen Warnungen zum Trotz zur nächsten Brüstung turne und 
zur nächsten und von Dach zu Dach  auf nackten Dächern öder Quader Hip-Hop tanze
auf der jauchzenden Dogge des Altnazi-Nachtwächters notlande  Windsbräute reite
      auf der Milchstraße Achterbahn fahre  verschlungen vom Staubmeer,
  als ihr altersschwaches Rückgrat nachgibt, schmerzhaft knirscht und birst 
        riesenhaft dröhnt ihr Echo  der Professor schläft unbeschwert
 
     irgendwo begraben sie die tiefbraune Bettenkiste, meinen leeren Sarg,
der gleichzeitig mein Tisch war,  oder werfen ihn erleichtert auf die Müllhalde
 
Copyright � Hannah Zorn, 2002




Selbsternanntes

  Land der Dichter und Denker
   singst noch nicht einmal
     Schmalblättriges wie
    das ebensolche Weiden-
     röschen an Schienen
längst entflohn, längst entflohn
  ich   die ich über Zäune  
    Geländer  Brüstungen
   nur weg    nie angekommen 
    Nestflüchterin aus Not
   mit knapper Not entkommen
        dem Ungesühnten
          eurem Dreck  
    den ihr mir hinterlassen
       den feisten Fingern 
          unterm Speck
       dem fetten Spießer-
        wanst  der Macht 
  der Macht  als Recht bemäntelt
        dem Schmutz im Netz  
        diesmal entkommen und
           nicht eingeholt
        (Nestbeschmutzen macht
             mir Spaß)
        
          nennt mich doch
           wie ihr wollt


Copyright � Hannah Zorn, 2002

Hannah Zorn (Pseudonym), Naturwissenschaftlerin; schreibt in ihrer Freizeit Lyrik, Essays u.a. Alle Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung dieser Texte, auch der auszugsweisen, vorbehalten.
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