Aus der ursprünglich babenbergischen Pfalz und Chorherrenkanonie Medelikke (985)
ließ der Ostmarkgraf Leopold II.1089 eine Klosterstiftung erstehen, in die er
Benediktinermönche aus Lambach, einem Tochterkloster
von Münsterschwarzach, berief. Schon 1200 ist die
Existenz der Klosterschule bezeugt, deren Musikpflege dem Gottesdienst diente
und den Sängernachwuchs zu sichern hatte. Die spärlich vorhandenen
Choralhandschriften dürften dem lokalen Scriptorium
entstammen. In dem frühen Minnesänger Heinrich von Melk, der als adeliger Konverse im Kloster lebte und hier um 1160 seine Mahnung an
den Tod verfaßte, rühmt die mittelhochdeutsche
Literatur den ersten deutschen Satiriker. Zu den frühesten Denkmälern
außerliturgischer Musik zählt das Melker Marienlied (1125). Am
Rande des Manuskripts stehende Neumen wurden bis in
die neuere Zeit mit der Dichtung irrtümlich in Zusammenhang gebracht. 1297
zerstörte ein Brand die romanische Kirche und das Kloster total samt der
Bibliothek, ihren musikalischen Manuskripten und Traktaten. Weniger von Kunst
und Wissenschaft, um so ausgiebiger von politischen und wirtschaftlichen
Katastrophen berichten die Melker Annalen .(ab 1123;
wertvolle Quellen zur Geschichte des
Mittelalters) im 14. Jahrhundert. Desto erfreulicher reiht sich das folgende
Jahrhundert mit Höchstleistungen geistigen Lebens in die Stiftsgeschichte ein.
Von hier nahm die unter dem Namen "Melker Reform" bekannte
klösterliche Erneuerungsbewegung ihren Ausgang und breitete sich über den
größten Teil Deutschlands aus. Ein spezifisches Geistesprodukt dieser Blütezeit
ist der Codex 937 mit dem Melker Offizium zu Ehren
des hl. Leopold. Der Verehrung des älteren Hauspatrones,
des hl. Koloman, ist ein Reimoffizium
gewidmet, dessen melodische Eigenheiten (Größe der Intervalle, des Ambitus, Außerachtlassung des klassischen Choralstils)
seine Entstehung um die Wende des 13. zum I4. Jahrhunderts vermuten lassen.
Eine der fruchtbarsten Epochen in der Musikgeschichte des Hauses fällt in die
Regierungszeit der Äbte Urban I. Perntaz und Kaspar
Hofmann (1564 bis 1623). Obwohl die vordringende, vor allem die Donauklöster
erfassende Reformation den Verfall der inneren Organisation und eine empfindliche
Verringerung des Personalstandes verursachte, blühte das Musikleben sichtlich
auf. 1566 betrug die Zahl der weltlichen Choralisten
("Coralles") sechs mit einem Cantor an der
Spitze. Ergänzt durch die entsprechende Anzahl von Sängerknaben ergibt dies einen
ansehnlichen Klangkörper. Ein sorgfältig geschriebenes Chorbuch von 1577 mit
Messen von Lasso, Florius, Scandellus
und Hoyoul erhärtet die vorstehenden Angaben. Welch
hervorragenden Ruf die um 1500 errichtete Kantorei genoß,
beweist ihre mehrmalige Belobung und persönliche Förderung durch Maximilian
II.; u. a. gewährte er den Sängern, die 1565 ,,zum Reichstag von Augspurg zogen", ein ansehnliches Geldgeschenk (lt. Raittung Abbt Urbans zu Melckh). Dieselbe Jahresrechnung weist Ausgaben aus an ,,Wo1ffen Reytmair, Org. des Gozhaus Melkh" sowie an den
Cantor Georgius Zeruta. Die
Aufzeichnungen des Vorjahres verbuchen die Besoldung an den Cantor Hieronimus de Laj (?), die des
Jahres 1566 an Johannes Auer. Der hohe Stand der Musikpflege dieser Epoche
räumte dem Hause eine Vorrangstellung in Osterreich ein. Anders wäre es kaum
denkbar, daß Musiker von Rang wie Lambert de Sayve und Jacob Gallus höchstwahrscheinlich gleichzeitig)
in der Melker Kantorei durch mehrere Jahre verdienstvoll wirkten. Ersterer
wurde vom Kaiser selbst als Singmeister nach Melk beordert. Andernteils mußte mancher stimmbegabte Sänger
den kaiser1ichen Wünschen entsprechend seinen Wirkungsort
mit der Hofkapelle vertauschen. Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts stand
nicht unter einem glücklichen Stern. Nach 1650 während der Regierung des Abtes
Valentin Embalner folgte ein Aufschwung des
künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens. Zur Verschönerung des
Gottesdienstes ließ er 1675 eine Orgel mit achtzehn Registern erbauen. Sein
tüchtiger Cantor Augustin Kürzinger verließ 1666 das
Stift, übernahm das Amt eines Kapellmeisters bei St. Stephan in Wien und starb
1678 (Epitaph neben der Domkanzel). Von seinem jüngeren Mitbruder P. Ulrich Nychter erschienen um 1693 bei F. Straub in Konstanz
Kompositionen unter dem Namen seines Bruders Philipp. Die alte Stiftsschule
erfuhr 1684 eine wissenschaftliche Rangerhöhung. In den Lehrplan des Quadriviums wurden höhere philologische .und theologische
Disziplinen aufgenommen; in der Stiftskirche wurden Disputationen abgehalten. -
Die erfo1greiche Gegenreformation und die siegreich beendeten Türkenkriege
führten für das Stift ein goldenes Zeitalter herauf. Ein außerordentlich
weitschauender und mutiger Bauherr, Abt Berthold von Dietmayr
(1700-1739), fand seinen kongenialen Baumeister in Jakob Prandtauer.
Mit dem heute weltbekannten Stiftsbau setzten sich beide ein unvergängliches
Denkmal, in ihm
fanden Wissenschaft, Kunst und Musik fast ein Jahrhundert hindurch die
ebenbürtige Heimstätte. 1731 schloß Abt Berthold mit
dem Wiener Orgelbauer Gottfried Sonnholz den Baukontrakt für eine neue Orgel;
er forderte ein Werk bester Qualität in Materie und Ton. 28 St., davon 23 aus
,,gueten Zin", ergaben
ein vorzügliches Instrument. Dieses Kunstwerk fiel dem Modernisierungswahn des
frühen 20. Jahrhunderts zum Opfer. Eine stattliche Namensreihe von
Melker Professen zeugt vom hochblühenden
Geistesleben. Die enge Verbindung mit dem Kaiserhofe gereichte besonders der
Musikpflege zu intensiver Förderung; persönliche Freundschaft der Wiener
Großmeister mit Stiftsmitgliedern schuf eine befruchtende Epoche mit
hervorragenden Namen, an der Spitze dem Stiftsorganisten J. G. Albrechtsberger. Von den Hauskomponisten verdient besondere
Erwähnung Robert Kimmerling. Dank der Fürsorge
seines Onkels, Abt Thomas Pauer, genoß
er den Unterricht Joseph Haydns. Weit überragt ihn sein Schüler, P. Marian Paradeiser (1747 bis 1775), dessen reichhaltiges
Schaffenspensum die genialen Züge des Frühvollendeten trägt und im Musikarchiv
der Auswertung harrt. Als Achtzehnjähriger komponierte er eine Kantate antikisierenden Inhalts (,,i. e. Carmen ad electionem Urbani Abb. in deputatum provinciae"), die
sowoh1 in bezug auf thematische Arbeit, reife
Beherrschung der vokalen und instrumentalen Ausdrucksmittel, als auch in der
korrekturlosen Konzeption der Part. aufhorchen läßt.
Eine fremde Hand ersetzt den fehlenden Namen des Autors, ,,die Musick ist von Carl Paradeiser, der Sechsten Schule
beflissenen Alumnus a11da". Seine späteren
Arbeiten erstrecken sich vornehmlich auf Kammermusik und Orchestermusik
(Symphonien und Konzerte). Der zeitgenösische
Chronist vermerkt, daß seine Quartette ,,selbst in
der Kammer Kaiser Josephs gespie1t wurden". Ebenso begabt und originell
als Komponist und Improvisator folgt Franz Schneider (1737-1812) seinem Lehrer Albrechtsberger im Organistenamt.
Forkel und Abbé Vogler rühmen ihn als einen der
besten seiner Zeit. Nicht zuletzt verdient der in Melk geborene Stiftpriester
Maximilian Stadler (,,Abbé Stadler") Beachtung. Eng befreundet mit Haydn,
Mozart und von Beethoven hoch geschätzt, stand er als Komponist
und Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien in hohem Ansehen. Auch
außerhalb des Stiftes wurde in Kirchen und Adelsschlössern eifrig musiziert,
die von stiftlichen Berufsmusikern beeinflußten Dilettanten der Umgebung bildeten eine Art
Melker Kreis. Einer dieser Adelssitze, das Schloß
Weinzierl bei Wiese1burg des Freiherrn von Fürnberg,
Sommeraufenthalt J. Haydns 1757-1759, gilt als die Geburtsstätte des
Streichquartetts. Wahrschein1ich wirkte Albrechtsberger,
damaliger Organist in Maria-Taferl, als Cellist bei
den Uraufführungen der ,,Weinzier1er Quartette" mit. - Ein Hauptaugenmerk
wurde seit je dem Musiktheater und der Pflege des Oratoriums zugewendet. Öfter
vermerkt die Hausgeschichte Aufführungen dieser Art, vor allem in der Zeit der
Jesuiten- und Barockopern. Reichhaltige Bestände des Musikarchivs bezeugen eine
intensive Beschäftigung mit dem Singspiel und der Buffooper des 18.
Jahrhunderts. 1736 notiert der Chronist das Bestehen eines ,,proportionierten Theatrum pro spectatoribus",
1782 wird es Komödienhaus genannt. In die Regierungszeit des Abtes Adrian
P1iemel (1739-1745) fä11t die Anschaffung des fünfstimmigen Geläutes (gegossen
von A. Klein, Wien), welches heute zu den schönsten Osterreichs zäh1t. Das
Musikarchiv, entstanden aus Sammlungen einzelner Kapitularen, deren älteste in
den Beginn des 18. Jahrhunderts reicht, ist gegenwärtig mit seinen 3000
katalogisierten Manuskripten und Erstdrucken eine Fundgrube für Forschung und
Quellenstudium. Als Unikum enthält es das 1950 wiederentdeckte
Violinkonzert A von J. Haydn, das ,,Melker Konzert". Die schweren Schäden
der unglücklichen Franzosenkriege bedingten ein Absinken der hohen
musikalischen Tradition auf mehrere Jahrzehnte. Aufzeichnungen aus der Feder
des Abtes Anton Reyberger beklagen nach den
Kriegsfolgen die schädigenden Eingriffe der Josephinischen Kirchenordnung; ihre
Folgen waren das Ende der Musikpf1ege bei feierlichen Gottesdiensten, die
Auflösung des Gymnasiums (1787) und das Ende des Alumnates (der früheren
Kantorei, des späteren Sängerknabenkonvikts); ,,Stiftsgeistliche, Musiker und
Musikfreunde wurden auf Pfarreien zerstreut und das Musikfach im Stifte lag
brach". Unter seiner glücklichen Hand hob sich jedoch der Woh1stand, und
tüchtige Musiker unter den Kapitularen, besonders Adam Krieg, Florian Maynoli und Franz Schneider (Sohn des vorgenannten Org.),
führten eine neue musische Ära herbei. Sein Nachfo1ger Abt Marian
Zwinger wendete der Orgel sein Augenmerk zu, ließ sie durch Joseph Gatto (Krems bzw. St. Pö1ten) 1824 instandsetzen
und um sechs Register vergrößern. Seinen Musikdirektor Robert Stipa und Amand Polster ließ er
seine besondere Förderung angedeihen, Zur Feier seiner Sekundiz
am 6. Oktober 1835 hörte eine illustre Gesellschaft die konzertanten Musiken
der beiden Konzertmeister der kaiser1ichen Hofoper, Joseph Mayseder
und J. Merk, sowie die Uraufführung einer Jubelkantate von Ignaz Ritter von Seyfried. Mit den ersten Hofmusikern Wiens zählte er zu den
Freunden und ständigen Gästen des Hauses. Eine Reihe von geistlichen oder
weltlichen Musikdirektoren und Lehrern am Stiftsgymnasium bemühte sich auch im
19. Jahrhundert um die Erhaltung der Tradition. Unter ihnen ragen in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts die Kapitularen Ambros Ex1er (als Komponist von
Kirchenmusik) und Kajetan Höller (als Pianist)
hervor; letzterer war Theorieschüler Anton Bruckners. Nach den Rückschlägen,
die das Stift nach dem zweiten Weltkrieg er1itten hat, wendet der derzeitige
(1959) Abt, Maurus Höfenmayer,
nach mühevoller
Konsolidierung der materiellen Grundlagen seine Sorge der Kultur- und
Kunstpflege zu. Dem von ihm hauptamtlich beste11ten Musikdirektor übertrug er
die Verpflichtung, den jahrhundertealten Rang des Stiftes im österreichischen
Musikschaffen zu bewahren. Die seit zehn Jahren bestehende Aufführungsreihe
großer geistlicher Chorwerke unter dem Titel ,,Melker Oratorium" in der
Stiftskirche will an die ehrwürdige Tradition anknüpfen und die gemeinsam mit
der Stadtverwaltung errichtete Institution zu einer österreichischen
Besonderheit auf dem Gebiete der Musikpflege werden lassen.
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