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  Der Tagesspiegel, 15.12.2001  
     
  Zum Shoppen in den Hafen

Tempelhof will seine Industriestandorte fördern und den Tempelhofer Damm wieder zu einer attraktiven Einkaufsstraße machen

Von HARALD OLKUS

Berlin hat sich zwar weitgehend von der Vorstellung verabschiedet, eine Industriestadt zu sein. Damit die alten Industrieflächen aber nicht gänzlich in Büro- oder Dienstleistungsflächen umgewandelt werden, gibt es das Industrieflächen-Sicherungsprogramm des Senats, mit dem die Nutzung bestimmter Flächen festgeschrieben wird. Während das Konzept in anderen Teilen der Stadt recht umstritten ist, findet es beim Bezirk Tempelhof-Schöneberg durchaus Anklang. "Wir werden weiterhin neben Spandau der größte Industriebezirk in der Stadt bleiben", sagt Siegmund Kroll, Leiter des Amtes für Stadtplanung und Denkmalschutz.
Im Ortsteil Tempelhof gibt es große Flächen, die weitgehend vom produzierenden Gewerbe genutzt werden. Immerhin zehn Prozent der Gebäude- und Freifläche im Bezirk sind als Gewerbe- und Industriegebiete ausgewiesen. Sie erstrecken sich vor allem entlang der S-Bahn-Linien und am Teltowkanal. Die bekanntesten Namen dort sind Daimler-Chrysler,  Jacobs, Bahlsen und Gilette. Der Bezirk sei bemüht, die Ansiedlung von Industriebetrieben zu unterstützen und auch von Seiten der Unternehmen sei Nachfrage vorhanden, sagt Kroll. Einige Firmen wollten ihre Produktionslinien verändern, andere planten zu erweitern, Tengelmann wolle sogar ein ganz neues Distributionszentrum aufbauen. Es gebe aber auch partiellen Leerstand, räumt Kroll ein.
Ebenso will Tempelhof verlorenes Terrain als Einzelhandelsstandort wieder gutmachen. Der Tempelhofer Damm sei in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Einkaufsstraßen der Stadt ins Hintertreffen geraten und soll nun wieder attraktiver werden. Wesentliche Voraussetzung dafür sei die Entwicklung des Tempelhofer Hafens, sagt Stadtplaner Kroll. Die wird derzeit von Baustadtrat Gerhard Lawrenz mit Volldampf betrieben. Es gibt mehrere Konzepte für eine Nutzung des denkmalgeschützten Speichergebäudes sowie der umliegenden Freifläche und des Hafenbeckens. Und es gibt auch mehrere Investoren, die sich für das Areal interessieren. Einer davon ist der Hamburger Projektentwickler von Einkaufszentren ECE, der in Berlin unter anderem mit den Potsdamer Platz Arkaden und dem Gesundbrunnencenter vertreten ist.
Dass Lawrenz die ECE favorisiert, ist ein offenes Geheimnis im Bezirk. Das Projekt müsse sich in erster Linie rechnen, meint der Baustadtrat. Deshalb will er die Entwicklung des Areals lieber "dem Geschick ein Investors überlassen" anstatt sich auf alternative Konzepte einzulassen, wie sie das Büro ID 22 der Ufa-Fabrik entworfen hat, oder auf das von Architekt Stefan Schroth seit Jahren betriebene "Wirtschafts- und Kulturzentrum Südliches Afrika". In diesem "Warehouse of Southern Africa" sollen sich verschiedene Länder aus dem südlichen Afrika präsentieren können. Verschiedene Unternehmen könnten dort einziehen, die "African Community" Berlins hätte einen Treffpunkt. Außerdem soll dort Unterhaltung, Musik, Kunst, Kino und Gastronomie geboten werden.
Michael LaFond von ID 22 meint bei Lawrenz derzeit einen besonderen Eifer festzustellen, das Projekt Tempelhofer Hafen möglichst bald unter Dach und Fach zu bringen. Das könnte an den politischen Gegebenheiten liegen. Denn bei den Wahlen zur Bezirksverordnetenversammlung hat die SPD im Bezirk weitaus besser abgeschnitten als bei den vorangegangenen Wahlen. Zusammen mit Grünen und PDS haben sie die Mehrheit und könnten den Bürgermeister stellen. Doch die Regierungsbildung ist noch nicht abgeschlossen und könnte sich unter Umständen sogar bis Januar verzögern. Noch ist man sich jedoch über den Zuschnitt der Ämter nicht einig. Dass Lawrenz (CDU) Baustadtrat bleiben wird, scheint sicher. Aber ob er auch das Ressort Stadtentwicklung behalten wird, steht in Frage. "Deshalb will er die Auswahl des Investors noch so weit wie möglich vorantreiben", meint Michael LaFond. Als Nachfolgerin ist die frühere Schöneberger Bürgermeisterin Elisabeth Ziemer von den Grünen im Gespräch, die die Pläne der Ufa sicherlich mehr unterstützen würde als Lawrenz. Es dürfte allerdings schwierig werden, das Projekt in wenigen Wochen zum Abschluss zu bringen. Denn noch sind sich die drei brandenburgischen Landkreise, denen der Hafen gehört, über einen Verkauf nicht einig.
Der Hafen ist nicht die einzige Stelle entlang, des Tempelhofer Damms, an dem ein Einkaufszentrum entstehen soll. "Wir haben insgesamt drei Standorte für mittelgroße Einkaufszentren vorgesehen", sagt Stadtplaner Kroll. Die "Rathauspassagen" sollen auf  einem Parkplatz am Rathaus errichtet werden. Bislang gibt es dafür acht Bewerber. Anfang kommenden Jahres soll das Auswahlverfahren gestartet werden, in dem "das beste städtebauliche und handelsstrukturelle  Konzept" den Zuschlag erhalten soll. Das dritte Center ist zwischen Ringbahn und Borussiastraße geplant. "Einzelheiten sind hier aber noch nicht festgelegt", sagt Kroll.
Den drei geplanten Einkaufszentren schreibt der Stadtplaner eine "Magnetfunktion" zu. Durch sie könnte das Angebot der Einkaufsstraße verbessert werden. Die Planung sei mit der lnteressengemeinschaft der Tempelhofer Einzelhändler abgestimmt, sagt Kroll. Die Geschäftsleute in der Straße seien mit der Errichtung von Einkaufszentren einverstanden, so lange sie eine Größenordnung hätten, die sie nicht an die Wand drängen, aber mehr Kundschaft anziehen, wovon die Einzelhändler ebenfalls profitieren könnten.

 
         
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