Gäubote
Montag, 23.11.1998
Erstes Bizarr-Festival in Gärtringen: In der Eiseskälte der Nacht war das Publikum kaum warmzuspielen
Ernüchterung statt freigesetzter endorphine
"Es kommt, wie es kommt. Es ist, wie es ist." "endorphin" hat gesprochen. Auch die Rohrauer Band, die sich vorgenommen hat, mittels mal melodischer, mal rauher Wort-Staccati allüberall Glückshormone zu erzeugen, kommt am Samstagabend nicht an den Realitaten vorbei. Beim ersten Gartringer "Bizarr-Festival" im der Ludwig-Unland-Halle geben vier der angeküdigten fünf Nachwuchsbands zwar ihr Bestes - doch bei zu Spitzenzeiten nur rund 100 zahlenden Besuchern kehrt recht bald Ernüchterung ein.


HELGE BENDL
Aus der Eiseskälte hinein in die warme Uhland-Halle. "Nichts anmerken lassen" scheint dort bei den bereits anwesenden Bandmitgliedern die Devise zu sein - denn nur vereinzelt stehen kleine Grüppchen von Jugendlichen und warten auf den Auftritt der vier Nachwuchsgruppen. "No Talent", die Punkband aus Böblingen, hat kurzfristig den Gig abgesagt - die Musiker hatten offensichtlich kein Talent, ihren Sänger in der Band zu halten - und ohne stimmliche Unterstützung wollen sie nicht auftreten. So kommt "Transfer R.N.A" die undankbare Aufgabe zu, das Publikum warmzuspielen. Und sie bemühen sich redlich, die 14 bis l9jährigen Jungs und Mädels aus dem Böblinger Raum. Knarrende Riffs sowie leider manchmal recht schwer verständliche Reime und Texte, im Crossover-Stil mit reichlich Schlagzeug unterwandert, sind das Markenzeichen der Band. Sie zeigen mutig ihr Können, doch nur die eingefleischte Fangemeinde traut sich vor die Bühne.

Erst beim zweiten Ensemble beginnt die Luft zu knistern. "OnCue" lautet der Name der Würzburger Band, die Acid Jazz und Funk in einer perfekten Symbiose präsentiert. Mit dem langen Mikrokabel sucht Rapper Daniel Denmark den Weg in die (kleine> Menge der Besucher, der Rhythmus das "deep dark Hardcore Hip-Hop" läßt Füße zucken und den Boden vibrieren. Durchdringend und feinsinnig sind die Soli von Keyboarder Alex Schmidt mehr als nur eine Bereicherung des Repertoires. Und wenn die Breakbeats krachend durch die Halle fliegen, wenn die beiden Rapper Cecil Coston III und Daniel Denmark als tanzende Derwische loslegen, wie sie schon beim Soundcheck die Anlage austesteten, dann vergeht einem Hören und Sehen, vor lauter Schlagzeuggetrommel klingeln die Ohren. Bizarr sind indes auch die Tanzschritte einiger Punks, die in Tarzan-Manier durch die Halle hüpfen.

"endorphin" zelebriert selbst den Soundcheck mit einer gereimten Performance und dem gewissen Extra: "Ich geh Dir auf den Wecker, aber nicht wie Konstantin, ohne Kokain..". Auch die Bandmitglieder kommen in den Genuß, von Sänger "beXs" vorgestellt zu werden. Dann laßt ,,yvo" ihre melodische Stimme in die höchsten Sphären emporgleiten, die Performance kann beginnen. Spontanes zum Einstieg wie Witzeleien über ein rothaariges Pumuckel-Mädchen in der ersten Reihe werden plötzlich zur Nebensache, mit einer außergewöhnlichen Energie werden die Instrumente zum Klingen gebracht.

Mal rauh, mal melodisch, mal mit Einflüssen von Heavy-Metal, mal mit Sequenzen aus einem verjazzten Klavierstück: Vielfalt ist Trumpf bei "endorphin", und die Zuschauer feiern ihre Band auch in bewährter HipHop Manier. Die Abstimmung mit dem Mischer funktionierte indes nicht, und so waren die Texte bei Songs mit viel Gitarre und Schlagzeug leider kaum zu verstehen und verkamen trotz des Könnens der Band zu einer bisweilen breiigen Klangmasse - schade für Musiker und Zuhörer, die sich trotzdem den Spaß nicht verderben ließen.

Bei "Silent lucidity" aus Holzgerlingen stimmte die Einstellung am Mischpult dann halbwegs wieder, nicht unbedingt mit leisen Tönen brachte das Qartett seine Vorstellung von "Progressiv Metal" zu Gehör - mit vielschichtigen Arrangements und einem weiten Repertoire an Instrumentalpassagen.

Die Qualität der Bands am Samstagabend überzeugte, ob das vom Gärtringer Jugendreferat und "endorphin" organisierte Bizarr-Festival fortgeführt wird, ist jedoch noch nicht entschieden. "Es war die erste Veranstaltung dieser Art im Ort - wir werden sehen, in welcher Form wir sie weiterführen", meint Jugendreferent Jürgen Kunst. Im Gespräch sei immer noch ein Open-air - doch bei einem solchen Event seien noch viel größere organisatorische Aufgaben zu bewältigen als bei einem vergleichsweise kleinen Festival

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