Die Prangstangen im Lungau.

Wenn wir den alten Überlieferungen glauben dürfen, dann waren es Käfer und Heuschrecken, die uns einen wunderschönen Brauch beschert haben, nämlich das „Prangstangentragen-Umtragen“ im Gebirge.
Vor mehreren hundert Jahren soll das Ungeziefer in derartigen Scharen einbrochen sein, dass alle Bäume kahlgefressen wurden und auf den Feldern die Ernte bedroht war. In ihrer Not gelobte die Bevölkerung damals, zukünftig die kahlen Bäume und die leeren Heuhiefler mit Blumen zu umwinden, sollten sie die Katastrophe überleben.
Man überlebte - und treu dem gegebenen Gelöbnis stellen die Bewohner der betroffenen Gemeinden bis heute solche Blumenstangen her, die sogenannten Prangstangen.
Ursprünglich war dieser Brauch in mehreren Salzburger Gemeinden lebendig, starb aber im Laufe der Zeit aus.
In einigen Pongauer Ortschaften trägt man derartige Stangen zu Fronleichnam zwar noch mit, aber sie sind nicht mehr mit Naturblumen geschmückt, sondern mit Wolle umwunden; der gebogene Wipfel meist mit bunten Stoffstreifen geschmückt.
Lediglich in den beiden Lungauer Talorten Zederhaus und Muhr werden die bis zu 8 m hohen Stangen mit tausenden frischen Alm- und Feldblumen umwunden.
Seit Generationen vererbt sich diese Kunst in den bäuerlichen Familien von den Eltern auf die Kinder und unter grossem Zeitaufwand beteiligen sich alle Familienmitglieder Jahr für Jahr am Gestalten dieser einmaligen ländlichen Kunstwerke.
Schon etliche Tage vor dem Prangtag müssen alle Familienmitglieder ausschwärmen, um die benötigten Blumen zu sammeln.
Jede Familie gibt das Beste um eine besonders schöne Prangstange vorzubereiten, die dann ein Sohn der Familie bei der Prozession mitträgt.
Zum Umwinden einer einzigen Prangstange sind Unmengen von bestimmten heimischen Blumen notwendig.
Die Grundlage bilden die Sunnawendl, so nennen die Lungauer die Margeriten. Darüber winden sie Kränze von Jungfrauenschiachlan, von Taukraut, Krantenbrombeerach, Nasenblüah und andere Almrosen. In den Rautenmustern bilden die Knospen der Pfingsrosen einen markanten Mittelpunkt.
Bis zu 200 Arbeitsstunden benötigen die Familien, um ihre Prangstange würdig zu verziehren. Letzlich wiegt die Blütenpracht bis zu 80 Kilo und die Burschen haben redlich Mühe, die schweren Stangen während der gesamten Prozession mitzutragen.
Nur mit Hilfe des Prangtuches, einer festen Tuchschlinge, die sie über die Schulter schlingen gelingt es ihnen. Trotz der Anstrengung ist jeder mit Eifer bei der Sache, denn im dörflichen Verband bedeutet das Prangstangentragen noch immer eine grosse Ehre und Auszeichnung.
Kein Dorfbewohner fehlt bei diesen Prangtagen. Die Musik rückt aus, die Feuerwehr, die Veteranen, die Schützen und die Trachtenfreuen sowie der Kirchenchor. Allen voran die geistlichen Herren, die unter dem „Himmel“, einem kostbar gestickten Baldachin die Monstranz mit dem Leib Christi mittragen.
Bereits am Tag vor dem Fest brachten die Familien die Prangstangen in die Kirche, wo sie auch nach der Prozession wieder hingebracht werden. Dort bleiben sie bis Maria Himmelfahrt, dem Großen Frautag am 15. August.
Dann erst werden die Blüten abgenommen und als Weihekräuter im Bauernhof aufbewahrt. Manchmal werden sie als Heilkräuter dem Futter beigegeben, um Tierkrankheiten auszuheilen. Vielfach nimmt man sie auch in den Rauchnächten als Prangstangenkräutlach zum Räucherngehen.
In Zederhaus findet diese alte Tradition stets am Täufertag, dem 24. Juni statt, während man in Muhr dieses Fest am Peter und Paul-Tag, am 29. Juni feiert.
Siehe auch Text zu: Prangtag in Muhr
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