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Der Feldzug ins Mittelalter.

Für Präsident Bush hat Amerika die historische Aufgabe, die Welt vom Terrorismus zu befreien. Alle stimmen zu und zeigen Entschlossenheit. Einmal abgesehen davon, dass diese Zustimmung sich bald verflüchtigen dürfte, wenn die Ausmaße eines religiösen Bürgerkrieges zwischen Afghanistan und Indien auf CNN klar werden, sollten wir lieber nachsehen, wer was unter Terrorismus versteht.

Die Russen meinen damit sicher nicht die IRA und die Chinesen wahrscheinlich jeden, der gegen ihr Regime protestiert. Die Studenten, die auf dem Platz des Himmlichen Friedens massakriert wurden, waren nach westlicher Auffassung Streiter für die Demokratie, nach Chinesischer nicht.

Wenn wir heute nach amerikanischem Wunsch ein Bündnis schmieden, sollten wir acht geben, wessen Wünsche wir erfüllen.

Da sind die sehr anti – demokratischen der Russen und Chinesen auf der einen Seite, die US – Träume einer amerikanischen Welt auf der anderen. Europa kann sich nicht für die eine Seite entscheiden, ohne die Bomben der anderen zu spüren zu bekommen. Eine EU - Politik, ebenso die deutsche, muss aus wohlverstandenem Eigeninteresse einen Weg suchen, der nicht wie der Israelische funktioniert. Es ist nicht die Politische Kultur in Zentraleuropa, Attentäter bis in das letzte Glied zu verfolgen und schließlich zu exekutieren, auch wenn Briten und Franzosen das gelegentlich anders handhaben. Eine Verrohung der demokratischen Sitten bringt uns nicht weiter – und schon gar keine Terrorfreie Welt! Bush und seine Apologeten werden spätestens dann eine Definitionsproblem haben, wenn Schiiten und IRA – Katholiken sich gegenseitig bombardieren, wozu dann noch unterschiedliche Wirtschaftsinteressen kommen. Die Islamisten wollen offenbar ihren Feldzug gegen die säkulare Welt des Westens mit dessen Finanzmärkten bekämpfen und ihre Aktionen mit Aktien abstützen. Die IRA bombt in Westminster, um England wirtschaftlich zu ruinieren.

Terrorismus ist eben nicht gleich Terrorismus. Er wird definiert über die Gesellschaft, in der er entsteht und gedeiht. Menschenopfer sind die einzige wirkliche Gemeinsamkeit aller Terror – Richtungen, nicht die Ideologie. Die ist so verschieden, wie die politischen Bedingungen seines Entstehens. Darum darf eine demokratische Gesellschaft nicht zu den gleichen Mitteln greifen, wie jene, die bekämpft werden sollen.

Natürlich kann man Bush verstehen. Er muss Eindruck schinden, bei seinen schlechten Umfrage – Ergebnissen und seiner misslungenen Wirtschaftspolitik. Daran wird sich niemand mehr erinnern, wenn durch die staatlichen Milliarden zum Wiederaufbau und zur Bekämpfung des Terrorismus die Wirtschaft boomen wird. Denn der Sicherheitssektor wird andere Bereiche mit ziehen und alles, was mit Häuserbau und Kommunikation zu tun hat, kann mit satten Gewinnen rechnen. Das ist die Logik – und die Ideologie – des Kapitalismus. Das eigentliche Ziel des islamischen Terrorismus. Der richtet sich gegen Frauen ohne Schleier, eine Welt, in der Emanzipation sich entwickelt und Frauen Männern Anweisungen geben können. Das passt nicht zu einer Ideologie, die eine Welt des Glaubens errichten möchte, eines Glaubens, der in seiner fundamentalistischen Variante gegen alle modernen Entwicklungen gerichtet ist, wie übrigens auch bei fundamentalistischen Christen. Wer heute zu einem Feldzug gegen islamische Fundamentalisten aufruft, muss sich nicht wundern, wenn christliche Fundamentalisten den Fehdehandschuh aufnehmen.

Großbritannien ist eine (zentralistische) Demokratie, trotz des jahrzehntelangen Terrorismus, der sich um Gebietsansprüche und politische Macht dreht. Die starken Worte von Blair sind zunächst wie die von Schröder und Schily als Wahlkampf zu verstehen, denn der findet heute täglich statt. Blair hat politische Probleme mit den Versprechungen, die nicht erfüllt werden konnten, Schröder geht es nicht viel anders. Beide mussten zur Überzeugung der Wähler das übliche Schlaraffenland versprechen, statt der Wahrheit des überzogenen Lebensstils ins Auge zu sehen. In dieser Situation ist die Mehrausgabe für einen Kampf gegen das in Bin Laden personifizierte Böse eine willkommene Ablenkung von der Realität. Es darf aber keine Verabschiedung von ihr sein, sonst werden wir uns an die täglichen 5 – Minuten – Hass – Sendungen im (CNN-)Fernsehen gewöhnen und alles Schlechte und alle Probleme auf Bin Laden abwälzen, anstatt bei uns zu suchen.

Die Problem der modernen Gesellschaft und ihrer Kritiker sind nicht zu lösen, indem man sich auf das Niveau der Bombenwerfer begibt. Wir dürfen nicht den Träumern im Pentagon nachgeben, die ernsthaft glauben, mit elektronischen Waffen könne man die Welt befrieden. Das die Computerwaffen im Irak nicht wirklich erfolgreich waren, hat sich nur langsam herum gesprochen. Die Berichte in der Washington Post, wonach irakische Soldaten von amerikanischen Bulldozern in den Schützengräben erstickt wurden, war keine Meldung im amerikanischen Regierungssender CNN. Bei allem Entsetzen über die scheußlichste Tat des neuen Jahrhunderts, dürfen die Maßstäbe nicht verrutschen. Jetzt kommen alle jene aus den Löchern, die schon immer gegen Miniröcke und lila Frauen, Emanzipation und Modernisierung, Säkularisierung und Toleranz waren. Jetzt suchen sie ihre Chance mit eingeschränkten Freiheiten doch noch ihre kleine eingeschränkte Welt zu errichten. Wie dürfen diese Chance nicht bekommen, wenn wir Glaubenskriege verhindern wollen.

Jede Einschränkung unseres Lebens im demokratischen Mainstream der westlichen Welt, ist ein Schritt auf die Fundamentalisten zu. Denn das wünschen sie sich: eine Gesellschaft mit eingeschränkter Freiheit, eine Welt, in der Schwaz – Weiß – Urteile dominieren, eine Welt, in der dann eines Tages wieder Mann gegen Mann kämpft auf den Straßen. Dann haben die Fundamentalisten uns da, wo alle Reaktionäre und haben wollen: im Mittelalter.

Alois Kück, MA Politikwissenschaft.

 

 

 

 

 



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