VOM MARKTPLATZ DER IDEEN ZUM FORUM DER MARKTWIRTSCHAFT

Der Ausverkauf der Universität

IN den USA sehen sich die Universitäten zunehmend gezwungen, geschäftsähnliche Verbindungen mit ihren Sponsoren einzugehen. Spenden gegen Patente lautet die neue Devise, unter der das alte Ideal vom Marktplatz der Ideen eine groteske Bedeutungsverschiebung erfahren hat. Die Institute, die Gelder akquirieren können, sind dabei die großen Gewinner. Die Geisteswissenschaften haben das Nachsehen. In Frankreich verschleiert die Parole von der Professionalisierung der Universitäten einen ganz ähnlichen Prozess. Hier hat die Logik des Marktes zu einer Aufspaltung von Lehre und Forschung geführt, und wie in den USA erobert ein neuer Akademikertypus den Campus: der Unternehmer-Professor.
Von IBRAHIM WARDE *

* Professor an der University of California, Berkeley.

Im November 1998 traf die University of California, Berkeley, eine Vereinbarung mit dem Schweizer Novartis-Konzern. Das Institut für Mikrobiologie (Plant and Microbial Biology) erhielt eine Spende von 25 Millionen Dollar. Im Gegenzug übertrug die staatliche Universität dem Schweizer Pharma- und Biotechnologieriesen die Nutzungsrechte an mehr als einem Drittel der von den Forschern des Instituts erarbeiteten Ergebnisse (einschließlich derer, die der kalifornische Staat und die amerikanische Bundesregierung finanziert hatten) sowie das Recht, die aus ihnen hervorgegangenen Patente zu vermarkten. Darüber hinaus räumte die Universität der Firma Novartis das Vorschlagsrecht für zwei von fünf Sitzen im Forschungsausschuss des Instituts ein, der über die Vergabe von Forschungsmitteln zu entscheiden hat.

Die Vereinbarung zwischen Berkeley und Novartis löste einen Sturm der Entrüstung aus. Mehr als die Hälfte der am Institut Lehrenden äußerte sich besorgt, weil dieser Schritt sowohl das Prinzip der "gemeinnützigen Forschung" als auch den freien fachlichen Austausch innerhalb der Wissenschaft bedrohe.(1) Tom Hayden etwa, Senator des Staates Kalifornien, fragte sich, "ob nicht die biotechnologische Forschung künftig nur noch von den Interessen der Konzerne bestimmt sein wird und ob Kritiker derartiger Praktiken in der Universitätslandschaft nicht damit rechnen müssen, mundtot gemacht zu werden".

Doch so sieht das neue Modell für die Kooperation zwischen den Universitäten und der Privatwirtschaft aus. Seit Beginn der "Steuerrevolte", die 1978 in Kalifornien von der "proposition 13"(2) ausgelöst wurde, haben die Staaten auf ihre Steuerausfälle mit einer fortschreitenden Senkung ihrer Bildungsausgaben reagiert. Das Bayh-Dole Gesetz von 1980 - benannt nach seinen beiden Schirmherren, einem Demokraten und einem Republikaner -, das die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie wieder herstellen sollte, erlaubte es den Universitäten erstmals, sich ihre staatlich finanzierten Forschungsleistungen patentieren zu lassen. Es folgten weitere Gesetze, die es den Universitäten erleichtern, ihre Patente zu vermarkten, und umgekehrt den Firmen für die Finanzierung universitärer Forschung Steuererleichterungen zukommen lassen.

Das Ende des Kalten Krieges hatte zudem eine erneute Kürzung der von Washington bereitgestellten Forschungsmittel zur Folge. Die Universität Berkeley, einst fast zur Gänze vom kalifornischen Staat finanziert, erfuhr einen Rückgang ihrer öffentlichen Mittel auf 50 Prozent im Jahre 1987 und auf 34 Prozent im Jahre 1999. Alle großen Investitionen der letzten zehn Jahre verdankten sich privaten Spenden. So unternahm die Universität für den Bau ihrer neuen Business-School ein groß angelegtes fund-raising. Die Familie Haas (Erbe des Blue-Jeans-Produzenten Levi-Strauss), von der die bedeutendste Spende beigesteuert wurde, setzte durch, dass das Institut ihren Namen trägt. Große Unternehmen übernahmen die Finanzierung von Lehrstühlen. Der Dekan zum Beispiel trägt den Titel "Bank of America Dean". Die neuen Gebäude sind von Firmenlogos übersät. Überall - sogar an Tischen und Stühlen - finden sich Gedenktafeln oder Plaketten mit den Namen der Spender (Firmen, Einzelpersonen oder Ehemaligenjahrgänge).

Der Professor am Tropf der Wirtschaft

DIE Harvard-Professoren James Engell und Anthony Dangerfield prägten für dieses Phänomen den Begriff der "marktwirtschaftlichen" Universität" ("market-model university"): Die Institute, die "Geld verdienen", "Geld erforschen" oder "Geld akquirieren", sind dabei die großen Gewinner.(3) Die anderen haben das Nachsehen oder werden gar an den Rand gedrängt.

Die Befürworter solcher Allianzen zwischen Universität und Wirtschaft - etwa das Business Higher Education Forum, eine von Unternehmern und Universitätsangehörigen gebildete Lobby - betonen die Vorteile des neuen Systems: In einer Zeit rückläufigen Engagements seitens der öffentlichen Hand würden die privaten Gelder den Bau moderner Laboratorien und die Finanzierung avancierter Forschungsprojekte begünstigen; die Partnerschaft böte die Möglichkeit, wissenschaftliche Entdeckungen und Forschungsergebnisse - etwa auf dem Gebiet der Biotechnologie - umgehend dem Markt zuzuführen; die Gesellschaft und auch der Staat würden von dem Wohlstand, den die neuen Technologien erbrächten, unmittelbar profitieren, indem sie das Wirtschaftswachstum fördern, ihre Entdeckungen der Allgemeinheit auch wirklich zugute kommen könnten und zu Steuermehreinnahmen oder humanitären Auswirkungen führen würden.

Nicht alle teilen diese Einschätzung. Nach Ansicht von Ronald Collins, dem Leiter des Projekts Wissenschaftliche Integrität am Center for Science and the Public Interest, "verliert die Wissenschaft ihre Glaubwürdigkeit": "Einseitige und von derartigen Interessen geleitete Forschung und Verdunklung beeinträchtigen das Ansehen der Wissenschaft ebenso wie ihr Grundanliegen, die Suche nach Wahrheit. Die von der Industrie bezahlten Universitätsprofessoren treten gegenüber dem Kongress und den gesetzgebenden Institutionen als Sachverständige auf, ohne ihre Beziehungen zur Wirtschaft offen zu legen. Die naturwissenschaftlichen Institute staatlicher Universitäten knüpfen unter größter Geheimhaltung Beziehungen zu Firmen. Die medizinischen Fachzeitschriften lassen nichts von den Interessenkonflikten ihrer Autoren verlauten."(4)

Auch Robert Reich, Arbeitsminister in Bill Clintons erster Amtsperiode, beklagt in seinem jüngsten Buch die Auswirkungen, denen Wissenschaft und Forschung im "Zeitalter des Geschäftemachens" ausgesetzt sind.(5) Wissensdrang, freie Forschung und intellektuelle Neugier rücken in die zweite Reihe. Die Universitätspräsidenten, die immer mehr in die Rolle von Geschäftsreisenden schlüpfen, werden vor allem nach ihrer Fähigkeit beurteilt, Spendengelder zu akquirieren. Die Studenten der Eliteschulen betrachten ihr Studium als eine Investition, die ihnen gute Verbindungen und phänomenale Gehälter verschaffen soll.

Während es zudem früher nicht üblich war, dass Spenden an Vorbedingungen oder Auflagen geknüpft waren, müssen die Bittsteller heute sowohl die Almosenschale als auch das Weihrauchfass schwenken.(6)

Die Logik der "marktwirtschaftlichen Universität" verlangt aus Sicht der Unternehmen, dass ihre Spenden als Investitionen zu betrachten sind: Kostenlose Werbung, Lobreden, öffentliches Ansehen gehören ebenso wie die Vermarktung wissenschaftlicher Entdeckungen zu einem durch die Ausgaben zu veranschlagenden Nutzen. Etwaige Unbotmäßigkeiten ziehen Sanktionen nach sich: Kürzlich hat Nike drei Universitäten (Michigan, Oregon, Brown) die finanzielle Unterstützung entzogen, weil angeblich die dortigen Studenten das Unternehmen wegen bestimmter Praktiken in einigen armen Ländern, insbesondere in Zusammenhang mit Kinderarbeit, kritisiert hätten.

Zwanzig Jahre nach Inkrafttreten des Bayh-Dole-Gesetzes hat sich die Summe der aus der Privatwirtschaft in die universitäre Forschung geflossenen Gelder verachtfacht, die Zahl der von den Universitäten angemeldeten Patente gar verzwanzigfacht. Alle Universitäten, an denen Forschung betrieben wird, besitzen eine eigene "Patentvermarktungsstelle" zur Maximierung ihrer Lizenzeinnahmen. Mehrere große Konzerne haben Risikokapitalgesellschaften gegründet, um Investitionen in einträgliche Projekte zu tätigen. Und in einer Zeit, in der die traditionelle Ausbildung von den neuen Möglichkeiten der "E-Dukation" (Fernstudium, Online-Studium etc.) revolutioniert wird, haben die Universitäten nichts Eiligeres zu tun, als Allianzen mit der Privatwirtschaft einzugehen. Nach Ansicht von David Kirp, Professor im Staatsdienst an der Universität Berkeley, "hat das alte Ideal eines ,Marktplatzes der Ideen' eine groteske Bedeutungsverschiebung erfahren".(7)

Ein neuer Akademikertypus erobert den Campus: der Unternehmer-Professor, für den ein universitärer Lehrstuhl die Aussicht auf schnellen finanziellen Erfolg bietet. Diese Hochschullehrer verwenden einen Großteil ihrer Zeit auf ihre kommerziellen Unternehmungen. Ihre Universitätszugehörigkeit sichert ihnen wissenschaftliche Glaubwürdigkeit, einen Rückhalt im Falle eines Scheiterns und vor allem die Möglichkeit, die Gewinne zu privatisieren, die Kosten aber zu sozialisieren (wobei die Universitätsverwaltung das Sekretariat ersetzt und die Doktoranden und Forschenden als kostenlose Arbeitskräfte herhalten). Diese weit verbreiteten Praktiken geraten selten in die Kritik, da diese Unternehmer oft auch die renommierten Superstars einer Universität sind und ihr - zumindest indirekt, in Form von Vermächtnissen oder Schenkungen - den "Segen" ihrer Initiativen zugute kommen lassen.

Zweifelhaftes Forschungssponsoring

ABGESEHEN von ethischen Überlegungen wirft das Modell der marktwirtschaftlichen Universität eine Reihe politischer Fragen auf. Die Auseinandersetzung über öffentliche Angelegenheiten wird mehr und mehr von den finanziellen Interessen einiger "Experten" dominiert (und deformiert). Nichtkommerzielle Forschungseinrichtungen dienen Konzernen oft als notwendiges Aushängeschild. So lieferten während des Microsoft-Prozesses "unabhängige" Forschungsinstitute, die in Wirklichkeit vom Software-Riesen bezahlt wurden, eine Fülle von "Gutachten", die sowohl die Öffentlichkeit als auch die Richter beeinflussen sollten.(8) Ganz gleich, ob es sich um die Schädlichkeit des Tabaks, den Treibhauseffekt, um Brustimplantate oder die Eigenschaften dieses oder jenes Medikaments handelt, immer wird sich ein Sachverständiger finden, der es versteht, "die Zahlen so zu drehen und zu wenden", dass sich daraus ein seinen Auftraggebern genehmes Urteil ableiten lässt.(9)

Ein Vorfall verdeutlicht, wohin solches Forschungssponsoring führen kann. Charles Thomas, Professor für Kriminologie an der Universität von Florida, hatte sich einen Ruf als Experte in Sachen privater Strafvollzug erworben. Von Anhörungen vor den Senatskommissionen bis hin zu Leitartikeln in allen großen Zeitungen ließ er nichts unversucht, um sich für dieses Prinzip einzusetzen, und seine Empfehlungen wurden sowohl in Florida als auch andernorts häufig befolgt.(10) Und dann stellte sich eines Tages heraus, dass dieser hervorragende Experte auf der Gehaltsliste führender Unternehmen im Bereich des privaten Strafvollzugs stand und bei einigen sogar als Aktionär beteiligt war. Seine Gutachtertätigkeit ließ ihn im Januar 1999 von der Corrections Corporation of America die hübsche Summe von drei Millionen Dollar einstreichen. Die Ethikkommision des Staates Florida eröffnete ein Untersuchungsverfahren. Der Kriminologe bot von sich aus die Zahlung eines Bußgeldes in Höhe von immerhin 2 000 Dollar an.

Diejenigen an den Universitäten, die sich theoretisch für solche Fragen zu interessieren hätten, haben derweil andere Sorgen - und überdies liegt ihnen wenig daran, das Huhn zu schlachten, das goldene Eier legt, auch wenn für sie selbst nicht viel dabei herausspringt. In den Erziehungswissenschaften wird über die neuesten Moden der Pädagogik gefachsimpelt. In den Geisteswissenschaften hat man sich ganz dem "Multikulturalismus" oder der "Identitätsfrage" verschrieben. Und das "Dekonstruktivismus-Fieber" trägt dazu bei, dem Prinzip der uneigennützigen, objektiven Suche nach Wahrheit insgesamt den Boden zu entziehen. In den Sozialwissenschaften dreht sich, wie es scheint, alles um Quantifizierbarkeit, verallgemeinerbare Aussagen oder Methodenstreit. An den Business-Schools muss das Modell der marktgerechten Universität verständlicherweise auf deutliche Zustimmung stoßen.

So wird vor allem in der naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachwelt - in Zeitschriften wie Lancet oder New England Journal of Medicine (NEJM) - über das Verhältnis von Industrie und Forschung debattiert. Eine Untersuchung der Los Angeles Times hat erbracht, dass in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift New England Journal of Medicine 19 der 40 in den letzten drei Jahren unter der Rubrik "drug therapy" veröffentlichten Artikel von Medizinern stammen, die von den Herstellern der Medikamente bezahlt werden, für die sie Gutachten liefern sollten. Es wurde daraufhin von verschiedenen Seiten betont, dass es nahezu unmöglich sei, Experten zu finden, die nicht auf die eine oder andere Weise von der Pharmaindustrie "ausgehalten" werden. Immerhin wurde dieser grassierende Interessenkonflikt von der scheidenden Chefredakteurin des NEJM angeprangert.(11)

Man könnte auf eine weitere Parallele zwischen dem gegenwärtigen Interesse der naturwissenschaftlichen Fachwelt an ethischen Debatten und dem "Ethik-Boom" hinweisen, der vor fünfzehn Jahren an den Managerschulen auftrat. Ein Professor der Business-School von Stanford erinnert sich: "Anfang der Achtzigerjahre mussten wir uns die bissigen Bemerkungen von Kollegen anderer Fachbereiche anhören, die uns vorwarfen, der Raffgier von Wall Street Vorschub zu leisten und moderne Freibeuter und Raubritter auszubilden. Irgendwann kam der Moment, wo wir diese Kritik nicht länger ignorieren konnten. Die Professoren der Business-School sagten also: ,Nehmen wir Ethik-Veranstaltungen in den Lehrplan auf. Das wird allen Bedenkenträgern den Wind aus den Segeln nehmen.' " Berufsständische Ehrenkodizes wurden formuliert, Ethik-Seminare und -Veranstaltungen aus dem Boden gestampft. An den mehr als zweifelhaften Praktiken hat das nichts geändert, aber es diente dem guten Gewissen, auf das ja niemand gerne verzichtet.

dt. Christian Hansen

Fußnoten:
(1) Eyal Press und Jennifer Washburn, "The Kept University", The Atlantic Monthly, Boston, März 2000.
(2) "Proposition 13" war eine von dem Steueranwalt Howard Jarvis initiierte Volksabstimmung, die 1978 über eine Senkung des Steuersatzes in Kalifornien um 30 Prozent befinden sollte. Der erfolgreiche Wahlausgang löste eine Welle von Steuersenkungen auch in anderen US-Staaten aus. Die Initiative gilt als Vorspiel zu Reagans Steuersenkungspolitik Anfang der Achtzigerjahre.
(3 )James Engell und Anthony Dangerfield, "The Market-Model University: Humanities in the Age of Money", Harvard Review, Mai/Juni 1998.
(4) David Weatherall, "Academia and industry: increasingly uneasy bedfellows", Lancet (London), 6. Mai 2000.
(5) Robert B. Reich, "The Future of Success", New York (Alfred A. Knopf) 2001.
(6) Am 3. Mai 1973 erklärte der damalige Kulturminister Maurice Druont, Mitglied der Académie Française, dass diejenigen, die mit der Almosenschale in der einen und einem Molotowcocktail in der anderen Hand Subventionen verlangen, sich für das eine oder andere würden entscheiden müssen.
(7) David L. Kirp, "The New U", The Nation, New York, 17. April 2000.
(8) The New York Times, 18. September 1999.
(9) Marcia Angell, "Science on Trial: The Clash of Medical Evidence and the Law in the Breast Implant Case", New York (W.W. Norton) 1997; Ross Gelbspan, "The Heat Is On: The Climate Crisis, the Cover-up, the Prescription", Los Angeles (Perseus Press) 1998.
(10) Vgl. Loïc Wacquant, "Privater Strafvollzug", Le Monde diplomatique, Juli 1998.
(11) New England Journal of Medicine, Boston, 24. Februar 2000, 22. Juni 2000, 13. Juli 2000.

Le Monde diplomatique Nr. 6398 vom 16.3.2001, 366 Zeilen, IBRAHIM WARDE

 

 

 

Kapitulieren die Intellektuellen?

Von ALAIN ACCARDO und PHILIPPE CORCUFF *

* Dozent für Soziologie an der Universität Bordeaux III resp. Dozent für Politikwissenschaft am Institut dÉtudes Politiques in Lyon.

UND wenn das ganze Universum vor der Ungerechtigkeit, die die Welt regiert, niederkniet, so heißt es für den Intellektuellen aufrecht zu bleiben und ihr das menschliche Gewissen entgegenzusetzen."(1) Mit diesen Worten erinnerte Julien Benda die Intellektuellen in den Zwanzigerjahren an die zentralen Werte einer Berufung, die sie, wie er ihnen vorhielt, verraten würden.

Der gegenwärtige "Verrat der Intellektuellen" ist gekennzeichnet durch einen Wandel der Sitten, der die Universitäten von innen her aushöhlt. Dazu beigetragen hat zum einen die sozialliberale Politik seit Anfang der Achtzigerjahre und zum anderen eine Logik der freiwilligen Unterwürfigkeit, die sich im akademischen Millieu breit gemacht hat. Die Aufbruchstimmung im Dezember 1995 konnte noch den Eindruck erwecken, dass die Universität eine Bastion des kritischen Denkens geblieben sei. Von innen gesehen jedoch stellt sich die Lage bei weitem beunruhigender dar.

Noch sind es nur wenige, die sich offen für eine Privatisierung der Universitäten aussprechen. Im Gegenteil: Mit ausdrücklichem Hinweis auf die Bedrohung, die von einem solchen Ultraliberalismus ausgeht - einem Bericht zufolge, den ein Ausschuss unter dem Vorsitz von Jacques Attali 1998 veröffentlicht hat, würde dieser gar "alle Fundamente der Republik hinwegfegen" - soll die akademische Ausbildung in Frankreich "eine gezügelte Konkurrenz, einen wissenschaftlichen und pädagogischen Wettstreit zwischen den Institutionen" akzeptieren".(2)

Wir haben es hier also eher mit einem nachahmenden Liberalismus zu tun. Überwacht und schöngeredet, soll er die Bürokratien und ständischen Vertretungen der Universitäten auf seine Seite ziehen. Diese Entwicklung passt recht gut zur Praxis einer regierenden Linken, die sich auf zwei Schauplätzen behaupten will: Auf den Finanzmärkten versucht sie, ihr Diplom in angewandtem Liberalismus zu erwerben, und dem "linken Volk" präsentiert sie sich als ein Schutzwall gegen die Exzesse der uneingeschränkten wirtschaftlichen Freiheit. "Unternehmen" heißt der Schlüsselbegriff, der die aufkommende Vorstellung der neuen Universitas zusammenfasst. Auf Drängen verschiedener aufeinander folgender Minister ist sie inzwischen so weit, sich zunehmend selbst in Analogie zum Feld der Ökonomie wahrzunehmen. Nun geht es im Wesentlichen darum, "die Ströme zu steuern", "dem gesellschaftlichen Bedarf an Berufsabschlüssen zu entsprechen", "das Bildungsangebot anzupassen", "Synergien zu schaffen", und zwar "in partnerschaftlicher Zusammenarbeit", und so weiter.

Zwischen dem französischen Bildungsministerium und dem Institut dÉtudes Politiques (Institut für Politikwissenschaften, IEP) in Lyon wurde am 10. Juli 2000 ein "vierjähriger Entwicklungsvertrag" geschlossen. Er ist ein Beispiel für den Newspeak, mit dem die höhere Bildung auf die Erfordernisse der wirtschaftsliberalen Globalisierung getrimmt wird: "Um ihre Studierenden besser darauf vorzubereiten, sich in europäische Körperschaften des öffentlichen und privaten Rechts zu integrieren, die dem weltweiten Wettbewerb unterworfen sind, wird die Institution die Dauer ihrer pluridisziplinären Ausbildung schrittweise auf vier Jahre festsetzen und damit der Ausbildung einen internationalen, berufsorientierten Charakter verleihen, der besser mit den Doktoratsstudiengängen der Universitäten abgestimmt ist."

Universitätslehrer bewegen sich in einem Klima der Unterwerfung unter "internationale wirtschaftliche Zwänge". Viele haben daraus explizit oder implizit den Schluss gezogen, dass ihre Arbeit im Wesentlichen darin besteht, ihren "Kunden" die von ihnen gewünschte schnelle Ausbildung und berufliche Qualifikation zu vermitteln. Sie versuchen, dem "Anforderungsprofil" eines zunehmend internationalisierten Arbeitsmarktes zu entsprechen, der von den Erwartungen und Bedürfnissen der Unternehmen verschiedener Branchen beherrscht wird. Das Diplom der Universität ist dann nur noch ein Siegel, mit dem die Konformität des "Produkts" Absolvent bestätigt wird.

Folglich haben sich Akademiker, die einer quasiunternehmerischen Vorstellung der Universität ergeben sind, dem Leitbild des "Managers" angepasst. Ihr wichtigstes Geschäft sehen sie darin, "leistungsfähige, dynamische, mobile und flexible wirtschaftliche Akteure" auf "den Wettbewerb" vorzubereiten. Welchem Menschentypus sie jenseits des Homo oeconomicus damit zur Ausformung verhelfen, kümmert sie nicht. Und sie kommen auch nicht auf den Gedanken, den zeitgenössischen Ökonomismus zu hinterfragen, dem zufolge "eine weltweite Öffnung" vor allem mit "wirtschaftlichem Wettbewerb" zu tun hat.

Unter diesem doppelten Druck von oben und unten werden die Studiengänge umstrukturiert. Die Priorität liegt bei "berufsvorbereitenden" oder "professionalisierten" Studiengängen. Lehrveranstaltungen im Bereich der Allgemeinbildung, der Grundlagenkenntnisse und des kritischen Denkens werden zusammengestrichen. Das gilt vor allem für die naturwissenschaftlich-technischen Fakultäten. Doch sind fast alle Bereiche der höheren Bildung von dieser Entwicklung betroffen, wenn auch in unterschiedlichen Rhythmen und Phasen und nach verschiedenen Verfahrensweisen. Das "berufsorientierte Diplom", ein im November 1999 von Claude Allègre neu geschaffener Studienabschluss, der "im Rahmen enger Partnerschaften mit Vertretern der Berufswelt" ausgearbeitet und organisiert wird, entspricht genau diesem Trend. Nachdem das Institut für Politikwissenschaft in Paris den Weg vorgezeichnet hat,(3) wird das politikwissenschaftliche Institut der Universität Lyon noch in diesem Jahr den Lehrbetrieb in Fächern wie politische Philosophie, politische Soziologie und Ökonomie im ersten Studienjahr um etwa 20 Prozent kürzen. Zugleich warten in den Schubladen bereits "professionalisierte" Studiengänge und "Module". Sie beinhalten nicht zuletzt einen verstärkten Sprachunterricht. Er wird "in Zeiten des Internets" und der Globalisierung für wichtiger gehalten als die "alten" Wissenschaftsfelder.

Was die Universitätspolitik betrifft, hat sich eine zunehmende Trennung zwischen den Polen Wissenschaft und Verwaltung durchgesetzt. Innerhalb des Wissenschaftsbereichs selbst wächst die Spaltung zwischen jenen, die hauptsächlich Forschung betreiben und in nationale oder sogar internationale Netze eingebunden sind, und jenen, die lokal arbeiten und in erster Linie Unterrichtsaufgaben übernehmen.

Universitätsangestellten bieten sich drei Tätigkeitsfelder, von denen jedes mit besonderen Belohnungen lockt: starke Präsenz in akademischen Zeitschriften für die "fleißigsten Forscher", zusätzliches Einkommen für die "eifrigsten Lehrer" (die diese Arbeit hauptsächlich in so genannten Ergänzungsstunden leisten) und Machtpositionen für die "besten Verwalter". Es ist eine Arbeitsteilung, die Konflikte zwischen Zuständigkeiten und Personen schürt. Sie nährt ein Klima des Kampfes innerhalb der Institute. Immer mehr und immer kleinere Gebiete werden so abgesteckt. In dieser explosiven Mischung aus Angst und Arroganz entwickeln sich nicht selten Intrigen und wahre Treibjagden.

Dies alles untergräbt den sonst doch beneidenswerten Status des lehrenden Forschers.(4) Die Ultraliberalen unter unseren Politikern würden ihn am liebsten als "Privileg aus einer anderen Zeit" verschwinden lassen. Nicht zuletzt verschärfen der politische Kontext der Reformen und die Enttäuschung über verschiedene Gruppierungen der Linken die Verbitterung unter Akademikern. Nachdem unser Homo academicus in pädagogischen oder politischen Intellektuellenträumen geschwelgt hat, muss er nun zusehen, wie seine Horizonte immer enger werden. Schließlich erhört er, ob widerwillig oder mit Wohlgefallen, die Sirenengesänge des "Realismus". Und die fordern ihn auf, sich den angeblich unausweichlichen Umwälzungen einer Welt zu ergeben, die nun einmal so sei. Wie Robert Musil zu einer anderen Zeit schrieb, ist etwas mit den Akademikern "umgegangen wie ein Fliegenpapier mit einer Fliege; es hat sie da an einem Härchen, dort in ihrer Bewegung festgehalten und hat sie allmählich eingewickelt, bis sie in einem dicken Überzug begraben liegen, der ihrer Form nur ganz entfernt entspricht. Und sie denken dann nur noch unklar an die Jugend, wo etwas wie eine Gegenkraft in ihnen gewesen ist."(5)

Die Universitäten übernehmen einfach Modelle und Normen, die ihnen von unseren Fürsten und deren Beratern anempfohlen oder aufgezwungen werden. An dieser Stelle soll es genügen, noch einmal auf den Bericht der Attali-Kommission zu verweisen. Er wurde von Akademikern und Führungskräften der Wirtschaft verfasst, die im Konsens über die "Marktdemokratie" zueinander gefunden haben. Zu ihnen zählt auch der Soziologe Alain Touraine, einst führender Theoretiker der "neuen Linken". Der Bericht definiert eine der "vier Revolutionen", zu denen die Universitäten aufgerufen sind: "Die Kontakte mit den Unternehmen, und zwar mit innovativen Unternehmen, die im Wesentlichen die Arbeitsplätze von morgen schaffen werden, lassen sich nur im Rahmen enger und vertrauensvoller Beziehungen zu den Universitäten herstellen." Dazu kommt eine der "sieben Aufgaben der höheren Bildung: sich an die Berufe von übermorgen und an den Geist des Unternehmertums anzupassen". Man sucht in dem Brevier übrigens vergeblich nach einer Empfehlung, dass die Universitäten das kritische Denken und den Sinn für den Dienst an der Öffentlichkeit entwickeln sollen.

Der Akademiker wird zum Entertainer

DEM Ökonomismus in Vokabular und Denkweise kommt innerhalb der Universitäten etwas entgegen, was noch vor zwanzig Jahren unvorstellbar gewesen wäre: das Anwachsen eines wahrhaftigen Antiintellektualismus, der manchmal offen zugegeben und manchmal in Anbetung der neuen Technologien schöngeredet wird. Viele Akademiker haben nicht nur den Glauben daran verloren, dass ihre Aufgabe in der Beschäftigung mit Geistesdingen liegt. Sie lassen auch eine durchaus verächtliche Ironie für alle erkennen, die an diesem "altmodischen" Vorhaben festhalten. Schon der Versuch, in den Räumen der Universität und in Gesprächen mit Studenten oder Kollegen im engeren Sinn intellektuelle Fragen zu erörtern, wirkt irgendwie unangebracht. Ohne Zweifel liegt das nicht zuletzt an den Auswirkungen des relativen sozialen Abstiegs, von dem alle Universitätslehrer betroffen sind. Denn diese haben grollend einer Entwicklung zusehen müssen, im Zuge derer das kulturelle Kapital immer mehr entwertet wird -und zwar zu Gunsten des ökonomischen und des "medialen" Kapitals. Als Folge gibt es selbst unter jenen, die das Kapital der Lehre geradezu verkörpern, immer mehr Leute, die es gesellschaftlich befriedigender finden, "zum Fernsehen zu gehen", mit Lokalpolitikern einem Kolloquium vorzusitzen, in dem es um "Kulturelles" geht, oder an diversen einträglichen Veranstaltungen teilzunehmen, anstatt im Hörsaal über Soziologie, Linguistik oder Wissenschaftstheorie zu reden.

Angesichts der politischen Entwicklung in den Ministerien und der alltäglichen Umgestaltung des universitären Lebens sind die Reaktionen seitens der Lehrenden und Forschenden mehr als ungenügend. Und leider haben die Gewerkschaften in diesem Bereich erschreckend wenig zu bieten - sofern es überhaupt welche gibt. Unter solchen Bedingungen finden vielleicht auch Akademiker Trost in einer Feststellung, die Max Weber bezüglich der Journalisten getroffen hat: "Nicht das ist erstaunlich, dass es viele menschlich entgleiste oder entwertete Journalisten gibt, sondern dass trotz allem gerade diese Schicht eine so große Zahl wertvoller und ganz echter Menschen in sich schließt, wie Außenstehende es nicht leicht vermuten."(6)

Nur dürften diese "wertvollen und ganz echten" Akademiker nicht den Fehler eines ihrer Vertreter machen, der in einem Artikel(7) "das dreifache Elend" - materiell, intellektuell und moralisch - der französischen Universitäten beklagt hat. Seinen kritischen Formulierungen ("übertriebener Klientelismus", "lehrende Mandarine", "intellektueller Konservatismus", Vorherrschaft des "Intrigenspiels" auf Kosten des "echten intellektuellen Anliegens" usw.) könnte man eigentlich nur zustimmen. Nur gehen seine Feststellungen leider mit elitärem Hochmut einher, und der Autor lässt sich zu abwertenden Urteilen über Studierende verleiten, und zum Eigenlob einer universitären Würde, die den Respekt der Gemeinschaft beanspruchen dürfe.

Ganz zu schweigen davon, dass dieser Kritiker zur Fetischierung des amerikanischen Universitätsmodells neigt und damit, in Analogie zur Marktideologie, Konkurrenz als wichtigsten Faktor bei der Ausbildung von Wendigkeit, Niveau und Intelligenz betrachtet. Seines Erachtens sollten sich alle ein Beispiel nehmen an den US-amerikanischen Universitäten und an deren Aufnahmebedingungen. Dagegen hätten die französischen Universitäten "mehr Ähnlichkeit mit den Universitäten der Dritten Welt als mit denen der entwickelten Länder" und seien außerdem zerfressen von "der Verbeamtung der Lehrenden", "vom Grundsatz der landesweiten Uniformität" und von "Gleichmacherei".

Es bedarf anderer Perspektiven(8) als eines nostalgischen Rückblicks auf die Dritte Republik oder eines nacheifernden Verfechtens des amerikanischen Traums. Es hat noch nie geholfen, das eine Übel mit einem anderen kurieren zu wollen.

dt. Herwig Engelmann

Fußnoten:
(1 )Julien Benda, "Der Verrat der Intellektuellen", Berlin (Ullstein) 1983.
(2) "Pour un modèle européen denseignement superieur", Paris 1998, S. 17f. Zum Bericht des Ausschusses Attali siehe auch Christophe Charle, "Université et recherche dans le carcan technocratique", Le Monde diplomatique, September 1999.
(3) Zur führenden Rolle des IEP in Paris bei der Einführung des nachahmenden Liberalismus siehe Alain Garrigou, "Comment Sciences-Po et lENA deviennent des Business Schools", Le Monde diplomatique, November 2000.
(4) Ein Universitätsdozent oder -professor muss pro Jahr 192 Stunden unterrichten (oft an zwei Tagen der Woche). Den Rest seiner Zeit soll er der Arbeit an seiner Forschung widmen. Die Beobachtung aus nächster Nähe rechtfertigt die Annahme, dass mindestens jeder zweite dieser lehrenden Forscher nur selten Zeit für die Forschung hat.
(5) Robert Musil, "Der Mann ohne Eigenschaften", hrsg. von Adolf Frisé. Reinbek (Rowohlt) 1981, Band 1, S. 131.
(6) Max Weber, "Politik als Beruf", München und Leipzig 1919, S. 18.
(7) Jean-Fabian Spitz, "Les trois misères de luniversitaire ordinaire", Le débat, Nr. 108, Januar/Februar 2000.
(8) Die Association de réflexion sur les enseignements superieurs et la recherche ("Nachdenken über Lehre und Forschung") wurde von Pierre Bourdieu und Christophe Charle gegründet. Sie hat in dieser Hinsicht bereits Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt. Siehe ARESER, "Quelques diagnostics et remèdes durgence pour une université en péril", Paris 1997.

Le Monde diplomatique Nr. 6398 vom 16.3.2001, 367 Zeilen, ALAIN ACCARDO / PHILIPPE CORCUFF

 

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