Thesen zu privatisierter Bildung

 

Wie sollte eine emanzipatorische Pädagogik ausschauen, was sind ihre Voraussetzungen:

 

 

 

Wir durchleben im Moment eine starke Entwicklung hin in Richtung einer vermarktwirtschaftlichten Bildung.

 

WAS LÄUFT – Ursachen , Rahmenbedingungen

 

Hier wird nicht näher auf diese Prozesse eingegangen. Sie sind aber entscheidend für die Beurteilung dessen, was – etwa im Zusammenhang mit der "Spardiskussion" – in Österreich läuft. Entsprechende Artikel sind bei uns erhältlich, ausgesandt wurde der Artikel "Humanressourcen für den Weltmarkt" aus der Zeitschrift le monde diplomatique.

 

 

Die hier interessierende zentrale Frage ist aber:

 

Fördern oder hemmen die WIRKUNGEN einer vermarktwirtschaftlichten Bildung die Entwicklung einer emanzipatorischen (Anti-)Pädagogik

 

Im folgenden geht es um Tendenzen, die aus einem vermarktwirtschaftlichten Verhältnis heraus erwachsen. Das heißt nicht, daß sich diese Tendenzen auch real durchsetzen. Denn immer gibt es auch Gegenkräfte. In den Kästen jeweils Beobachtungen.

 

 

Eltern-Kinder-Verhältnis

 

Auf einem Bildungsmarkt wird das Eltern-Kinder-Verhältnis tendenziell wieder hierarchischer – es wird zum Objekt der (wohl meist gutgemeinten) Elterninteressen: "Wer zahlt schafft an!" "Ich investiere in mein Kind!"

Die Betroffenen (Eltern) sind überfordert mit der Situation - dem Anliegen eines humanistischen Bildungsideals steht der Blick auf das Überleben am Arbeitsmarkt diametral gegenüber. Eltern müssen "das Beste für ihr Kind wollen" und den Arbeitsmarkt im Kopf vorwegnehmen.

 

Die Entstehung des Dienstleister-Kundenverhältnisses

 

Der potentielle Klient (der Schüler / die Schülerin) wird gegenüber den KundInnen (den Eltern) als Mängelwesen dargestellt: "Ohne meine Dienstleistung "Bildung" hast Du keine Chance!" Dies steht im Gegensatz zu pädagogischen Ansätzen, die von einer anderen Sichtweise ausgehen und die das Selbstentfaltungspotential betonen. Der Beitrag des Dienstleisters (=die Rolle von LehrerInnen) muß vielmehr so groß und anschaulich wie möglich dargestellt werden – im Gegensatz zu pädagogischen Konzepten, wonach der Pädagoge / die Pädagogin lediglich "homöopathisch" als BegleiterIn / als ModeratorIn in Erscheinung treten soll.

 

Dies gilt sowohl im Ausmaß als auch in der Qualität: Lehrende müssen sich als perfekt präsentieren, dürfen keine Schwächen zeigen, können nicht gleichzeitig auch (von den SchülerInnen) Lernende sein, eine Rolle als Lehrer-Schüler (in denen der Lehrende bewußt auch Lernender ist) ist wohl nur schwer gegenüber der Kundschaft zu rechtfertigen bzw. erfordert schon besonders aufgeklärte KonsumentInnen.

 

Woher soll diese Verstärkung einer (schwarzen) pädagogischen Haltung kommen?

 

Ganz allgemein gilt: Unter Marktverhältnissen, wo ich etwas verkaufen MUSS, tendiere ich zur Schaffung von dauernder Abhängigkeit des Kunden vom Verkäufer der jeweiligen Ware.

Schwer vorstellbar ist unter Verhältnissen, wo der eine unbedingt etwas verkaufen will, etwa ein Beratungsgespräch, das die Mitverantwortung des Elternhauses betont. Oder das die Bildungswünsche des potentiellen Kunden für dessen Kind kritisch hinterfragt, etwa nach dem Muster: "Sind Sie sich sicher, dass Ihr Kind dies tatsächlich braucht?"

Auf der Seite der Kunden entsteht dazu spiegelbildlich passend ein Bildungs-Konsumismus. (Haben-Haltung). "Ich zahle, also will ich auch möglichst viel davon haben."

 

Jedenfalls ist unter solche Verhältnissen, wo sowohl Eltern als auch Schule von der jeweils anderen Seite möglichst viel herausholen wollen und der dritte, entscheidende Teil, die SchülerInnen eher nur zu Objekten degradiert werden, das Entstehen einer echten (Schul-) Partnerschaft nur schwer vorstellbar.

 

 

Inhalte

Untersuchungen aus den USA weisen eine Ausrichtung der Inhalte am (Arbeits-)Markt aus, nicht direkt verwertbare Fähigkeiten und Haltungen werden weniger nachgefragt und auch dementsprechend weniger angeboten. Nicht nur das, es gibt auch eine Verschiebung zu leichter überprüfbarem Wissen und Fertigkeiten.

 

 

 

Was in den Schulen / Bildungseinrichtungen passiert:

 

Logische Folge einer Vermarktwirtschaftlichung ist, daß dem / der jeweiligen verantwortliche LeiterIn mehr Verantwortung zuwächst. Folge MUSS eine stärkere Entscheidungsbefugnis des (quasi-) Geschäftsführers / der Geschäftsführerin (= DirektorIn) sein.

Besonders auffallend ist dies in den Bildungseinrichtungen, die von einer ausgeprägten Demokratie gekennzeichnet waren, den Universitäten: Dort schlägt sich dies nieder in Plänen zur Abschaffung der Drittelparität in den Universitätskollegien.

 

In den bislang stark hierarchisch geprägten Schulen fällt dies weniger auf. Allerdings soll man nicht übersehen: Stark abgeschwächt war diese Hierarchisierung bislang durch das Unterrichtsprinzip Methodenfreiheit und Pragmatisierung. Gesicherte Einkommensverhältnisse sind aber notwendige, jedoch nicht hinreichende [!!!!] Voraussetzung für einen humanen Umgang mit den SchülerInnen, für Innovationsfreude .... Warum die bis dato an und für sich recht guten materiellen Voraussetzungen sich nicht entsprechend positiv auswirken, mag mit der objektiv den Schulen aufgebürdeten Selektionsfunktion und der damit meist unbewußt einher gehenden Verachtung gegenüber dem "Schülermaterial" zusammenhängen.

 

Unter vermarktwirtschaftlichten Bedingungen kommt es zu flacheren, aber wesentlich wirksameren Hierarchien: Ein am Markt bewährtes Schulprofil muß in der Schule durchsetzbar sein, die Methodenfreiheit des / der einzelnen PädagogIn zählt da wenig.

Diese Aushöhlung der Methodenfreiheit wird auch durch den Zwang, Vergleichbarkeit zwischen den Schulen zu erreichen, verstärkt: Dem Trend zu schulübergreifender Leistungsfeststellung. Es entsteht ein enormer Druck auf SchülerInnen UND LehrerInnen, diese Tests zu bestehen, wird auf diese Tests, die noch dazu abprüfbare Fähigkeiten und Wissen (statt Zusammenhänge) forcieren. "Learning for the test" ist das Motto.

 

Diese effizientere Hierarchisierung wird abgesichert durch "Flexibilisierung" der Arbeitsverhältnisse (Ende der Pragmatisierung,...).

 

Es ändert sich bei einer Vermarktwirtschaftlichung des Schulwesens auch der Charakter von (Schul-)Entwicklung: Es geht nicht mehr um eine allgemeine, bunte Weiterentwicklung eines oft zu starren Systems, sondern "Entwicklung" erfolgt unter dem Konkurrenzgesichtspunkt. Und um eine SOLCHE Schulentwicklung durchzusetzen, bekommen Lehrgänge zur Schulentwicklung einen bestimmten Drall – es geht um Leadership ....

 

 

In den Schulen nimmt die Konkurrenz zu. Neuere Formen der LehrerInnenzusammenarbeit wachsen nicht aus innerem Antrieb, sondern weil der Schulstandort gegen die Konkurrenz verteidigt werden muß.

Teams sind oft auch nicht Zusammenschlüsse von Gleichen, sondern hierarchische Belegschaftseinheiten. Die Ambivalenz der Situation zeigt sich auch in zunehmendem Mobbing.

 

 

Das Verhältnis zwischen den Schulen

 

Konkurrenz zwischen den AnbieterInnen: Projekte und andere öffentlich darstellbare Maßnahmen nehmen zu, statt echter Beteiligung der SchülerInnen zählt die PR-Wirkung. Dies ist bereits seit Jahren, obwohl eine Vermarktwirtschaftlichung erst in den Kinderschuhen steckt, bemerkbar.

 

Die Innovationsfreude in Hinblick auf mehr Eigenverantwortung der SchülerInnen ... dürfte eher abnehmen. Was zählt, ist eher die Sicherheit, am Markt zu bestehen.

 

Und weil die Übernahme von Innovationen durch die "Konkurrenz" zur Bedrohung des eigenen Vorteils wird, droht im Extremfall eine Flut von Klagen wegen geistigen Diebstahl. Absurd? Vor kurzem ging durch die Zeitung, daß eine private Spittaler Sozialeinrichtung den Begriff des "Betreuten Wohnens" für sich geschäftlich gesichert habe.

 

 

Verteilungswirkungen und gesellschaftliche Integration

 

Gruppen, die die Leistungsbilanz des Unternehmens Bildungseinrichtung trüben, werden tendenziell ausgeschlossen. Dies ist eine der Erfahrungen von Gita Steiner-Khamsi in den USA.

 

Und dann gibt es noch eine Verteilungswirkung: Der zukünftige Anbieter der Ware Arbeitskraft ist für seine Eignung zunehmend selbst verantwortlich, ist als "homo oeconomicus" Investor in seine eigene Person (bzw. stellvertretend die Eltern). Mit dem Entstehen eines Bildungsmarktes werden Wirtschaft und Gesamtgesellschaft aus der Verantwortung genommen.

 

 

 

Folgerungen:

 

Eine Vermarktwirtschaftlichung von Bildung fördert nicht die Entwicklung einer emanzipatorischen Entwicklung. Eine positive Weiterentwicklung des Bildungssystems könnte demgegenüber folgende Elemente beinhalten:

 

 

 

 

Dies alles garantiert möglicherweise noch nicht den pädagogischen Fortschritt. Was wohl dazukommen muß ist eine allgemeine gesellschaftliche Emanzipationsbewegung, die natürlich auch an die Schule ihre Ansprüche stellen muß und denen gegenüber sich früher oder später auch das Subsystem Schule nicht verschließen wird können. Und da kann man sehr optimistisch sein: Denn angesichts der reaktionären Grundströmung in der übrigen Gesellschaft ist die Schule noch relativ "fortschrittlich" – aber vielleicht ist das ja der eigentliche Grund, warum man meint, den Menschen in dieser Institution die "Wadel nach vorne richten" zu müssen!

Hosted by www.Geocities.ws

1