In der Zange
Globales Lernen in einem neoliberalen Umfeld
von Walther Schütz
Globales Lernen allerorts?
Im Zeitalter der Globalisierung könnte man meinen, daß auch "Globales Lernen" allseits gebraucht und gefordert wird. Und tatsächlich, es gibt verschiedene Signale, daß dem so sein könnte. Ich beginne mit einem Zitat aus dem Mitteilungsblatt der Stadt Villach, einem 14-tägig erscheinenden offiziellen Organ der Stadt Villach, das jeder Haushalt kostenlos geliefert bekommt und das ich wegen seiner Authenzität (es gibt ziemlich unvermittelt wider, was innerhalb der Stadt Villach "angesagt" ist) als Quelle schätze. Da erscheinen in den letzten Jahren etliche Artikel über die Aktivitäten am Standort "Silicon Alps". In einem Beitrag über eine neue Möglichkeit der Fachausbildung für Führungs-kräfte heißt es:
"Die Programme des Konsortiums [des Consortium International Master of Business Administration - CIMBA] berücksichtigen die immer bedeu-tender werdende Verknüpfung von globalem Denken mit traditionellen Geschäftskompetenzen und persön-lichen Fähigkeiten - Dinge, die Führungskräfte auszeichnen."1)
Ähnlich gesehen werden oft "Bilinguale Klassen" (Unterrichts-sprache Englisch) wie etwa die in einem Gymnasium in Villach: Da geht es um Kompetenzen in einer sich globalisierenden Gesellschaft.
Überall das gleiche Signal: Hier wird so etwas wie eine globale Kom-petenz vermittelt. Doch der Schein trügt:
Nicht überall, wo Global drauf steht, ist Globales Lernen drin!
Zumindest dann, wenn man unter globalem Lernen nicht die optimalere Anpassungsfähigkeit an eine neoliberale Welt versteht. Darum zur Klarstellung, was ich hier unter dem schillernden Begriff verstehe: Teilweise in Anlehnung an Helmuth Hartmeyer ist für mich Globales Lernen unter anderem die kritische Auseinandersetzung mit herr-schenden Normen und Sach-zwängen. So ist konstitutives Merkmal von Globalem Lernen die Auseinandersetzung mit den zentralen Werten des westlichen Modells (vulgo Kapitalismus):
Wachstum, Arbeit (=Lohnarbeit), Konkurrenz, Eigentum ...,
aber auch mit den dazugehörenden Sekundärtugenden wie Anpassungs-fähigkeit / Flexibilität, Schnelligkeit, Mobilität.
Nun braucht man keine besonders tiefschürfende Analyse, um heraus-zufinden, daß die oben angeführten Beispiele moderner "Bildungs-initiativen" das Gegenteil darstellen von einem "Globalen Lernen", das Herrschaftsmechanismen kritisch hinterfragt.
Dies mag etwa bei bilingualen Klassen gar nicht so auffällig sein. Oft sind es ja gerade die engagierten LehrerInnen, die sich aufgeschlossen zeigen für Neuerungen. LehrerInnen, die einen humaneren Umgang mit ihren SchülerInnen pflegen. Dieses Engagement verdeckt oft den harten Kern der Neuerungen, nämlich daß es um nichts anderes geht als um die Heranbildung von global einsatz-fähigem Schlüsselpersonal oder um gewandte VertreterInnen im ver-hängnisvoll eskalierenden Kampf der Standorte.
Druck von "oben"
Diese eher subjektive Einschätzung paßt zu empirischen Beobachtungen von BildungsforscherInnen. 2) Praktisch weltweit ist eine Tendenz zu einer einheitlichen Schulent-wicklung festzustellen:
Schulentwicklung wird ein Stück weit dezentralisiert, allerdings kommt es dadurch zu keiner Zunahme pädago-gischer Vielfalt, ganz im Gegenteil:
Unter dem Druck der Verhältnisse tritt eher eine inhaltliche und pädagogische Verarmung ein, dem Anliegen von Minderheiten würde weniger Bedeutung beigemessen, Mathematik, Naturwissenschaften und Fremdsprachen würde mehr Gewicht beigemessen.
Dieser Druck der "Verhältnisse" setzt sich zusammen aus:
‚ den finanziellen Rahmenbe-dingungen (Schulautonomie als ein Mittel zur Durchsetzung von Sparpaketen),
‚ dem mittelfristigen Trend, den "output" der einzelnen Schulen durch zentrale Instanzen zu überprüfen und so Schulen wieder von oben in die Mangel zu nehmen
‚ und der Herausbildung einer privaten, profitorientierten Bildungsindustrie (Bildungs-firmen, Organisationsentwickler, Evaluierer ...) mit einer ganz eigenen Dynamik.
Wir stehen erst ganz am Anfang der Herausbildung eines Bereiches, in dem Umsätze in Billionen-Dollar- Dimensionen winken. Zur Zeit betra-gen alleine die Exporte der USA in diesem Bereich 8,2 Milliarden Dollar. Und das unter Verhältnissen, unter denen von einer privatisierten Bildungslandschaft noch überhaupt nicht gesprochen werden kann. Aber mit jedem Anwachsen der finan-ziellen Bedeutung dieser Bildungs-industrie wächst der Druck in Richtung weiterer Deregulierungen. Von daher ist es kein Wunder, daß sowohl von Seiten der US-Regierung als auch der EU-Kommission größter Druck ausgeübt wird , daß bei den kommenden Verhandlungen der WTO (der sogenannten Millennium- Runde ab Dezember 1999) eine weltweite Deregulierung dieses Bereiches eintritt. Mit der nun star-tenden Verhandlungsrunde könnte - wenn es nach dem Willen der Investoren geht - eine weltweite Umgestaltung des Bildungsbereiches einsetzen. Eines der Schlüssel-elemente bei dieser Umgestaltung könnte das Verbot sogenannter nichttarifärer Hemmnisse3) im grenzüberschreitenden Handel sein. Da die Vereinheitlichung der Bildung durch den Anspruch der inter-nationalen Gleichwertigkeit festgeschrieben ist, wird die Einzig-artigkeit der einzelnen Schulen und Universitäten verloren gehen. Unterricht und Beurteilungssysteme müssen übertragbar sein, sonst würden sie ein Handelshemmnis darstellen, und genau das fördert wieder die Vereinheitlichung. Im Namen des freien Wettbewerbs könnten nationale Regierungen daran gehindert werden, sich in den Bildungsmarkt in einer Weise einzumischen, die als Schranke gegenüber ausländischen Inves-titionen gelten könnte.4) Das Unterrichtsprinzip "Politische Bildung", "Globales Lernen" oder ähnliche Ansätze - die, wenn sie ernst genommen werden, äußerst zeit- und damit kostenintensiv sind - würden da durchaus als nichttarifäre Handelshemmnisse interpretiert werden können.
Druck von "unten"
Das ist aber nur die eine Seite, von der Reformen wie etwa "Globales Lernen" in die Zange genommen werden bzw. werden könnten. Auf einen Aspekt möchte ich hinweisen, der bei Freunden der "Zivil-gesellschaft" zu kurz kommt und bei Steiner-Khamsi nur nebenbei erwähnt wird:
Die "Kundschaft".
Sowohl von Eltern als auch von den Jugendlichen geht ein enormer Druck aus, möglichst viel an abprüfbarem Wissen und Fähigkeiten (Schlüsselqualifikationen) vermittelt zu bekommen. Wie stark dieser Druck AUCH "von unten" ist, wird spätestens dann sichtbar, wenn LehrerInnen pädagogische Frei-räume erkämpft haben und etwa das klassische Notensystem ein Stück weit ausgeschaltet haben. Selbst bei einer Bildungsinitiative wie den Montessori-Klassen in einer Villacher Hauptschule kann ich als Elternteil beobachten, welch ungeheurer Konformitätsdruck - vermittelt über die Eltern - vom System ausgeht, zumal wenn der Kapitalismus in einer so entfesselten Gestalt daherkommt wie der jetzigen neoliberalen Version. Da werden Schulpartnerschaftsprojekte, die in vielem den Kriterien des "Globalen Lernens" entsprechen, zu einem unnotwendigen Luxus, der vom Erwerb "ordentlicher" Fähigkeiten abhält. Und das bei Eltern, die teilweise in einem langwierigen Kampf gegen die Behörden ein re-formpädagogisches Konzept durch-gesetzt haben und einen weit überdurchschnittlichen Bewußt-seinsstand haben. Eine solche Haltung ist nicht den einzelnen Menschen vorzuwerfen - letztlich muß jeder / jede in einem kapitalistischen System als Arbeitskraft verwertbar sein. Jeder ist Teil dieser gesellschaftlichen Totalität. Man kann sich ihr nicht entziehen. Eine Trennung in die "bösen Behörden" und die "guten kleinen Leute", in das "böse System" und die "gute Zivilgesellschaft" ist letztlich falsch.5)
Das heißt nicht, daß man nichts machen kann, daß es keine Chancen für "globales Lernen" gibt. Aber es ist ein Prozeß, bei dem die Unterscheidungen zwischen Lehrenden, Lernenden und Eltern verschwimmen muß: Erst wenn LehrerInnen ihre eigene Rolle innerhalb des Systems durchschauen lernen, werden sie bewußter mit den Zwängen umgehen lernen, werden sie Freiräume innerhalb des Systems erobern und ausweiten. Und derselbe Prozeß muß auch bei und mit den Eltern passieren. Und bei und mit den SchülerInnen -
ABER DAS IST JA SCHON GLOBALES LERNEN!6)
Anmerkungen
1) Die Uni-Kurse bei uns, den Abschluß in Kansas/USA! In: IN Villach. Mittei-lungsblatt der Stadt Villach, Jg.53, Nr. 18, S. 12
2) Im folgenden beziehe ich mich auf Gita Steiner-Khamsi, Von der lokalen Schulentwicklung zur Bildungsindustrie. In: Macht in der Schule. Veränderungen der politischen Machtverteilung im Bildungswesen. Schulhefte 90/1998, S. 11 ff
3) Zum besseren Verständnis: Tarifäre Handelshemmnisse sind z.B. Zölle. Ein Beispiel für ein nichttarifäres Handelshemmnis ist das Verbot , bei der Rinderzüchtung Hormone einzusetzen!
4) Peter Frase and Brendan O'Sullivan, The Future of Education Under the WTO. Die Welthandelsorganisation wurde bei der Uruguay-Runde im Jahr 1994 gegründet. Die WTO ist die Umsetzungsorganisation des GATT (des Allgemeinen Zoll- und Handels-abkommens). Das GATT war ursprünglich auf die Deregulierung des Warenhandels spezialisiert. Bei der letzten Verhandlungsrunde kam es zu einer beträchtlichen Ausweitung der Kompetenzen des GATT und damit der neu gegründeten Institution WTO: Das Allgemeine Übereinkommen über den Handel mit Dienstleistungen (GATS) - eines von vielen Kapiteln im Rahmen der WTO - ist eines der Produkte dieser Konferenz. GATS zielt auf die Deregulierung des internationalen Dienstleistungsmarktes ab, einschließ-lich des Bildungsbereiches. Die Meistbegünstigungsklausel und die Nationale Gleichbehandlung sind die zwei Prinzipien, auf welchen GATS aufbaut. Die Meistbegünstigungsklausel verlangt, daß alle Länder betreffend ihrer Import- und Exporttätigkeiten gleichgestellt sind. Durch die Nationale Gleichbehandlung verpflichten sich die Mitgliedsstaaten, ausländische Gesellschaften gleich zu behandeln wie deren inländische Konkurrenten. Die Idee hinter diesen Grundsätzen ist es, einen offenen globalen Markt zu schaffen, auf dem Dienstleistungen, wie Bildung und Erziehung, an den Meistbietenden verkauft werden können. GATS erfaßt den Bildungssektor all jener Staaten, deren Bildungssysteme nicht ausschließlich durch die öffentliche Hand finanziert werden, oder - anders gesagt - jene Bildungssysteme, die kommerzielle Zwecke verfolgen. Da totale öffentliche bzw. staatliche Monopole im Bildungsbereich sehr selten sind, fallen die Bildungssysteme beinahe aller Staaten in den Wirkungs-bereich von GATS.
5) Siehe dazu Franz Schandl über den Begriff des "Kleinen Mannes" in: Volksstimme Nr. 40 /1999, S. 16 und
ders., Fragmente einer Kritik des bürgerlichen Alltags. In: Grüne Bildungswerkstatt (ed.), Der Kapitalismus und Du. Eine Anatomie des Lebens in der Arbeitsgesellschaft. Dokumentation der Alternativen Universität 1996, S. 21ff
6) siehe die Bildgeschichte von Claudius in: Paulo Freire, Der Lehrer ist Politiker und Künstler. Neue Texte zur befreienden Bildungsarbeit (Hamburg 1981)