Dr. Gisela Burger

Stuttgart

 

 

MAGIE UND ZAUBER IN DER PRAEHISTORISCHEN FRANKO-KANTABRISCHEN, LEVANTINISCHEN UND ASERBAIDJANISCHEN FELSKUNST

 

 

Seit der Entdeckung der Hoehlenkunst im vorigen Jahrhundert im franko-kantabrischen Gebiet, die ins Palaeolithikum zurueckgeht, werden Deutungsversuche unternommen. Ein solcher ist die Theorie der l’art pour l’art, die jedoch nur die aesthetische Seite dieser Kunst als Ausdruck der kuenstlerischen Kreativitaet des Menschen der Vorzeit, nicht aber ihren metaphysischen Hintergrund erfasst. Die Botschaften, Code-Zeichen, die die Felsbilder ausdruecken, sind nur Teilweise entschluesselt.

 

Heute steht die magische Deutungsweise im Mittelpunkt: der Versuch, die Darstellung der realen Welt des vorzeitlichen Menschen mit ihren Bedrohungen und der irrealen, von Daemonen beherrschten, unter dem Aspekt der Magie zu entraetseln.

 

Die groesste Gruppe der Felskunst gehoert zum Jagdsauber, der in den Abbildungen von Jaegern und fliehenden oder verwundeten Tieren greifbar wird. In der Levante-Kunst weitet er sich zu Szenen organisierter Jagd aus.

 

Durch die Bedeutung das Jagdzaubers, aber auch durch seine Funktion als Helfer und Heiler, nimmt die Gestalt des Schamanen eine herausragende Stellung ein. Der Schamanismus ist ein vielseitiges System von Glaubensinhalten, das sich auf Heilung, Kontrolle ueber die Tiere, Visionen, Zauber u.a. bezieht. In ihnen sind Riten, Symbole und Mythen lebendig.

 

Die neuesten Forschungen zielen darauf, dem Wesen des Schamanismus durch neuropsychologische Untersuchungen und voelkerkundliche Vergleiche naeherzukommen.[1] M.E. wird aber dabei sehr oft der Fehler gemacht, die Glaubensinhalte und Riten der Eingeborenen denen des praehistorischen Menschen gleichzusetzen, sie sozusagen als Abklatsch des letzteren zu sehen.

 

Der Schamanismus existiert auch heute noch, vor allem in Sibirien, und erlebt in Europa und Amerika eine Renaissance.

 

Die aelteste Darstellung eines Schamanen - in der Haltung eines „Adoranten“ - ist eine 5 cm grosse Figur aus Mammutelfenbein, die in Geissenkloesterle, einer abgelegenen Hoehle der Schwaebischen Alb, Sueddeutschland, zusammen mit kleinen Tieren, auch aus Mammutelfenbein, gefunden wurde.[2] Ihr sakraler Bezug wird durch Einkerbungen auf ihrem Koerper deutlich. Auch ihre Bemalung - meist Blau- und die durchloecherten Hinterbeine, die auf ihre Funktion als Amulett hinweisen, deuten auf eine Verbindung mit der Magie.

 

Eine aus Gobustan stammende Felszeichnung (Abb. 1),[3] den Dschafarzade ins 1. Jt. v. Chr. ansetzt, weist in der Person eines Adoranten ebenfalls einen kultischen Zusammenhang auf. Diese Darstellung ist ein Beweis fuer eine, allen Menschen gemeinsame, Ahnung von einer hoeheren Welt. So legten schon die Neandertaler ihren Toten Gaben in Form von Blumen mit ins Grab fuer ihre Reise ins Jenseits. So wie die Einkerbungen des „Adoranten“ von der Schwaebischen Alb auf einen Mondkult deuten, koennen meiner Meinung nach die vielfaeltigen Formen der Sonne auf dem gobustanischen Felsen mit dem Sonnenkult in Verbindung gebracht werden, so dass die Annahme, es handelt sich bei der dargestellten Gestalt um eine sakrale Figur, noch verstaerkt wird.

 

Eine besondere Themengruppe bilden anthropo-zoomorphe Figuren, sog. „Mischwesen,“ eine Verbindung zwischen Mensch und Tier. Eine solche Verbindung erreicht der Schamane durch eine Bewusstseinsaenderung in der tiefsten Phase von Trance und Exstase. Er „sieht“ dann die Tiere.[4] Seine Sehnsucht, sich mit dem Tier, seinem ihm zugehoerigen Tiergeist, zu vereinigen, entsteht durch den Glauben, dass durch diese Vereinigung die physische und geistige Macht des Tieres auf ihn uebergeht und er somit befaehigt ist, seine soziale Aufgabe als Fuehrer seiner Gruppe zu erfuellen.

 

Die aelteste Darstellung eines solchen „Mischwesens,“ die ins Aurignacien reicht, ist die Figur eines „Loewenmenschen“ aus Mammutelfenbein, Sie wurde zusammen mit den anderen Figuren aus Mammutelfenbein in Hohenstein-Stadel, einer Hoehle der Schwaebischen Alb, gefunden. Der Koerper der 4 cm grossen, aufrecht stehenden Figur mit einem Loewenkopf und menschlichen Gliedern, ist mit magischen Einkerbungen versehen[5] (Abb. 2).

 

Die Deutung von „Mischwesen“ als Verkleidung von Jaegern mit Tiermasken, Hoernern und Geweihen zur Tarnung trifft zum Teil auf die spaeter einsetzende spanisch-levantinische Felskunst zu, die sich vom Mesolithikum zum Neolithikum erstreckt. In der palaeolithischen Kunst jedoch ist das „Mischwesen“ ein Schamane, der einer Komposition, einem Szenenbild, zugeordnet ist, das aus Tieren und magischen Zeichen besteht. Dadurch wird sein kultischer Bezug als Ausdruck des religioes-spirituellen Aspekts des Schamanentums deutlich.

 

Da der bereits erwaehnte „Adorant“ aus Gobustan Hoerner hat und in eine Komposition mit Tieren und kultischen Zeichen einbezogen ist, koennte man auch bei ihm an ein „Mischwesen“ denken.

 

Die zwei altesten, ins Aurignacien zurueckgehenden Darstellungen von „Mischwesen“ in Hoehlen - ein Mammut- und ein Bison- „Mischwesen“ - stammen aus der 1994 entdeckten Grotte von Chauvet.[6] Das Mammut-Mischwesen befindet sich in einer Komposition mit Loewen, die an ihm vorbeilaufen (Abb. 3).

 

Eine Reihe von „Mischwesen“ aus dem Palaeolithikum sind Gravierungen. So auch eines mit einem Hirschgeweih aus Les Trois, Frères. Interessant ist seine Gravierungstechnik: am „glaesernen“ Koerper werden die Knochen bandfoermig wiedergegeben.[7] Ich wuerde darin einen Versuch sehen, das dem Auge verborgene Innere des Mischwesens als Zentrum seiner Kraft und geheimsvollen Macht ueber den Menschen anzudeuten.

 

Die groesste Gruppe der „Mischwesen“ besteht aus Vogelmenschen. Der Vogel spielt seit jeher eine Rolle in allen Kulturen und gehoert zum allgemein-menschlichen Erbgut. So bezeichnet ihn C. G. Jung,[8] ebenso wie den Schamanen, als Symbol der Transzendenz, und werden oft miteinander verbunden. Im Trance glaubt der Schamane, sich in einen Vogel verwandeln und fliegen zu koennen. Er „sieht“ nicht nur ungewoehnliche Vogel und Tiere, sondern er wird durch seine Halluzinationen ein Teil von ihnen.[9] Der Vogel ist der geistige Fuehrer des Schamanen, der ihn in die hoechsten Hoehen emportraegt. Noch heute stecken sich sibirische Schamanen Federn ins Haar als „pars pro toto.“

 

Die aelteste franko-kantabrische Darstellung eines Vogelmenschen stammt aus der beruehmten Hoehle von Lascaux.[10] Sie zeigt einen am Boden liegenden Vogelmenschen im Trance. Sein Kopf korrespondiert mit einem Vogel auf der Stange, wodurch die Aussage der Komposition, der Durchstoss in eine geistige Welt, verstaerkt wird. Eine weitere, wohl zum Fruchtbarkeitskult gehoerende, Verbindung besteht zwischen dem erigierten Phallus des Schamanen und dem maechtigen Hoden des verwundeten Bisons. Zwischen dem erigierten Phallus des Schamanen und dem maechtigen Hoden des verwundeten Bisons, die bildlich eine Verbindungslinie bilden, besteht m.E. nach eine innere Verbindung, die in den Fruchtbarkeitskult muendet.

 

Neben den Tier- und Vogelmenschen faellt eine Gruppe „Daemonen“ auf. M. E. entstanden sie aus dem Wunsch heraus, die boesen Geister, denen der Mensch in seiner Vorstellung ausgeliefert war, durch Bildzauber, eine Art Projektion, an die Felswand zu bannen. Ein solcher Daemon stammt aus Combarelle (Abb. 4).[11]

 

In der Hoehle von Chauvet, aus der die zwei Tiermenschen stammen, fand man Beweise fuer einen Baerenkult.[12] Auf einem Steinbock liegt, wie auf einem Altar, ein Baerenschaedel; um diesen Stein sind weitere Baerenschaedel kreisfoermig angeordnet.

 

Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, werden Themen, wie der zum Fruchtbarkeitszauber gehoerende rituelle Tanz und die Botschaft der Zeichen, nur kurz gestreift. Der Jagdzauber als Grundlage fuer die Existenz des Menschen der Vorzeit hat die gleiche Bedeutung wie der Fruchtbarkeitszauber als Voraussetzung fuer den Fortbestand der Gruppe.

 

Ab dem Mesolithikum erscheinen in der spanisch-levantinischen Kunst Darstellungen von Gruppen, die Menschen im Zusammenhang mit kultischen Handlungen wie auch taeglichen Verrichtungen zeigen. An kultischen Taenzen in der Levante-Kunst scheinen hauptsaechlich Frauen teilzunehmen, wie der „Frauentanz“ aus Cueva Lucio[13] zeigt (Abb. 5), waehrend das beruehmte Felsbild von Gobustan,[14] das Dschafarzade ins 4 Jt. v. Chr. datiert, Maenner darstellt. Somit koennte vermutet werden, dass es sich beim „Frauentanz“ aus der spanischen Levante um einen echten Fruchtbarkeitszauber handelt, waehrend die Taenzer aus Gobustan einen Kriegstanz auffuehren.

 

Neben dem kultischen Tanz deuten Abbildungen von Vulven auf den Fruchtbarkeitskult. Mehrere rot gemalte Vulven stammen z. Bsp. aus Tito Bastillo, Spanien.[15]

 

Ein noch wenig erschlossenes Gebiet ist die Bedeutung von Zeichen. Sie werden zwar tabellarisch erfasst und statistisch ausgewertet, aber ihr Symbolgehalt entgeht uns, von einigen Ausnahmen abgesehen. Durch ihre Anbringung an bestimmten Stellen, z. Bsp. am Eingang oder Ausgang einer Hoehle oder durch ihre Naehe zu bestimmten Tieren und Menschen, wird deutlich, dass sie etwas Wichtiges aussagen sollen, was wir aber nicht erklaeren koennen.

 

Unter den Zeichen der Gobustanischen Felskunst erscheint das Sonnensymbol am haeufigsten. Ein Beispiel dafuer sind die Sonnenkreise, die auf den Adoranten auf Fels 14 bezogen sind. Auch andere Bilder der gobustanischen Kunst enthalten diese Symbole, vor allem in Verbindung mit Schiffen. Sehr eindrucksvoll ist die szenische Darstellung auf dem Fels 8, die Dschafarzade ins 5.-4. Jt. v. Chr. datiert. Da sonst Darstellungen von Schiffen in der Felsbilderkunst sehr selten sind, koennten sie im Falle der gobustanischen Kunst mit der Naehe von Wasser - dem Kaspischen Meer - erklaert werden.

 

Dieser fluechtige Ueberblick bietet nur einen kleinen Ausschnitt aus der Welt unserer Vorfahren mit ihren Gefahren und deren Versuch, durch Ausschmueckung von Hoehlen, die als Sanktuarien zu verstehen sind, zu ueberleben mit Hilfe der Magie, in der sich Mythen, Rituale und kulturelle Taetigkeiten widerspiegeln. Wenn die Felskunst auch nicht in all ihren Details durch den Schamanismus gedeutet werden kann, so bietet er doch den fuer den Versuch einer Deutung notwendigen Rahmen.

 

Beim derzeitigen Stand der Forschung ist das Raetsel der Vergangenheit noch nicht geloest. Aber durch Zusanmmenfuegung einzelner Teile des Puzzles wird das Bild immer klarer. Und mit der Entdeckung einer jeden neuen Hoehle wird der Sinnzusammenhang deutlicher.

 

Aber es liegen noch viele Aufgaben vor uns, wie z. Bsp. die Auseinandersetzung mit den der Felskunst zugrundeliegenden ethnischen Einfluessen durch zugewanderte Gruppen. So weist Lorblanchet[16] auf asiatische Elemente der azerbaidjanischen und armenischen Felskunst sowie derjenigen des Wolgabietes hin, deren Erforschung von Interesse sei.

 

BIBLIOGRAPHIE

 

Anati, E. (1997) Hoelenmalerei, Darmstadt.

Clottes J.-M. (1995) La grotte Chauvet, Paris.

Clottes, J.-M. & Lewis-Williams, D. (1997) Schamanen, Sigmaringen.

Dams, L. (1984) Les peintures rupestres du Levant Espagnol, Paris.

Dschafarzade, I. M. (1973) Gobustan, Baku.

Jung, C. G. (1984) Der Mensch und seine Symbole, Olten & Freiburg im Breisgau.

Leroi-Gourhan, A. (1992) L’art pariétal, Grenoble.

Lorblanchet, (1997) M. Hoehlenmalarei. Sigmaringen.

Mueller-Beck, H., Hrsg., (1983) Urgeschichte in Baden-Wuerttemberg, Stuttgart.

 

 

 

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[1] Clottes & Lewis-Williams 1997, S. 112.

[2] Mueller-Beck 1983, Abb. 187.

[3] Dschafarzade 1973, Fels 14, S. 35.

[4] Clottes & Lewis-Williams 1997, S. 94.

[5] Anati 1997, S. 26.

[6] Clottes 1995, S. 102.

[7] Lorblanchet 1997, S. 63.

[8] Jung 1984, S. 149.

[9] Clottes & Lewis-Williams 1997, S. 17.

[10] Leroi-Gourhan 1992, Abb. 31.

[11] Dams 1984, Abb. 189d.

[12] Clottes 1995, Abb. 34.

[13] Dams 1984, 187, 2.

[14] Dschafarzade 1973, Fels 67.

[15] Clottes & Lewis-Williams 1997, Abb. 40.

[16] Lorblanchet 1997, S. 258.

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