SYMPOSIA THRACOLOGIA NR. 9

 

Bibliotheka Thracologica Nr. II

 

Institutul Român de Tracologica

 

P. Roman (Hrsg.)

 

Bucureşti

 

1992

 

 

 

EINE NEUE BEURTEILUNG DER TRANSKAUKASIS­CHEN (TK) RAPIERE UND IHRE ROLLE IM ZIRKUMPONTISCHEN GEBIET

 

GISELA BURGER (Stuttgart)

 

 

 

Waehrend noch in den sechziger Jahren die tk Trialeti-Rapiere in der Nachfolge C.Schaeffers in der russischen Literatur als mykeniesche Importe bzw. deren Nachamungen angesehen und entsprechend niedrig datiert wurden, kann jetzt durch die neuesten Grabungen und eine bessere Datierungsmoeglichkeit diese Theorie widerlegt werden.

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 Fuer eine solche, auf dem neuesten Stand der Forschung basierende, Feststellung einer lokalen Herstellting der Trialeti-Rapiere sind einige kurze Betrachtungen der Trialeti- und der ihr vorausgehenden Kuro-Arax- Kultur notwendig.

Weiterhin muss auf deren Einbettung im zirkumpontischen Gebiet und die Fol­geerscheinungen hingewiesen werden.

Der Begriff zirkumpontisch wird in diesem Zusammenhang im weitesten Sinn des Wortes gebraucht, wobei dazu ausser dem Kaukasus, dem Schwarzen Meer und der Ägäis, Anatolien, der Iran, Suedturkmenistan und Suedosteuropa gezaehlt wird.

Durch die Migrationen der Kuro-Arax-Kultur in weitentlegene Punkte des zirkum­pontischen Gebiets kam es zu dessen kulturellen Vereinheitlichung und Vernetzung.  Somit wurde der Boden fuer reziproke Kontakte sowie fuer eine spaetere Ausstrahlung der tk Rapiere geschaffen.

Ausserdem trug die Kuro-Arax-Kultur durch ihre Migrationen C14 Daten im 5./4. Jt. v. Chr. beginneden Metallurgie im Kaukasus bei, wobei das reiche Kupfervorkommen des Kaukasus, seine guenstige geographische Lage sowie die fruehe Kenntnis des Wagens fuer Ferntransporte nicht vergessen werden duerfen.

Die nachfolgende Trialeti-Kultur, deren erste Varianten, die Martkop- und die Alazani-Bedeni-Kulturen um die Mitte des 3. Jt. anzusetzen sind, stellt auf dem Gebiet des Bestat­tungswesens etwas ganz Neues dar, so dass ihre Traeger immer wieder mit den Indoeuropaern in Zusammenhang gebracht werden, mit denen sie aber nur die Bestattung unter Kurganen gemeinsam haben.  Waehrend in der Kuro-Arax-Kultur Kollektivbestattungen in Grubengraebern mit aermlichen Beigaben ueblich waren, traten mit der Trialeti-Kultur Einzelbestattungen unter riesigen Huegeln mit Grabkammern auf.  In der ersten Zeit ueberwiegen Koerperbestatttingen, spaeter, im 2. Jt. v.Chr., Brandbestattungen.

Die Trialeti-Kultur, deren Genese ungesichert ist, aussert sich fast nur in den Beigaben.  Erst in letzter Zeit sind auch Siedlungen, und zwar in Kachetien, NO Georgien, ausgegraben worden, die moeglicherweise offene Fragen im Zusammenhang mit ihrer Genese beantworten koennen.

Trialeti-Kurgane wurden in Georgien und Armenien, nicht aber in Azerbeidzan, freigelegt.  Interessanterweise zeigte es sich, dass die erste Gruppe der Trialeti-Kurgane, die von Kuftin in den vierziger Jahren auf der Hochflaeche von Tsalka, Mittelgeorgien, ausgegraben wurden sich von den spaeteren, vor allem in Kachetien, NO Georgien, und Armenien, in ihren Beigaben grundsaetzlich voneinander unterscheidet.  Waehrend die erste Gruppe wertvolle Gefaesse aus Edel­metall und ueberaus kostbaren Schmuck enthielt, aber ausser Lanzen- und Speerspitzen sowie einem Silber- und zwei Bronzedolchen keine weiteren Waffen aufwiesen, sind die Beigaben der zweiten Gruppe zwar auch wertvoll, reichen aber nicht an die der ersten Gruppe heran.  Dafuer enthielten sie aber Rapiere.  Unter den Waffen-Beigaben befand sich auch ein Schwert aus dem 17. Jahrhundert v.Chr. (aus Dilicha), das einen erstaunlich hohen Zinngehalt (8,6 %) fuer jene Zeit aufwies.  Auch andere Metallartefakte aus den Kurganen Kachetiens, sogar solche aus dem Ende des 3. Jt. v.Chr., enthielten einen sehr hohen Zinngehalt (8-1.0 %).

Die Rapiere, die nach dem neuesten Stand der Forschung von der Mitte bzw. dem Ende des 3.Jt.v.Chr. bis zum Anfang bzw. der Mitte des 2. Jt. v.Chr. datiert werden, weisen eine beachtliche Laenge auf (zwischen 93 cm und 1.13 m).  Weitere Merkmale sind die schlanke Form der Klinge mit einer erhabenen Mittelrippe und einer flachen Zunge, meist mit 1-2 Nietloechern.

Vom mykenischen A - Typus unterscheiden sie sich durch die geraden bzw., etwas abfallenden Schultern sowie das Fehlen von Verzierungen.  Auch sind beim mykenischen Rapier die Nietloecher an der Klinge, ca. 3 cm unterhalb der Schulter, angebracht.  Ein wesentlicher

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Unterschied besteht auch darin, dass der mykenische A – Typus mit Lanzen vergesellschaftet wurde, waehrend die zweite Gruppe der Trialeti-Kurgane neben Rapieren keine Lanzen verzeichnete: Die eine Waffengattung schliesst hier die andere aus.  In den von Kuftin freigelegten Kurganen gehoerten dagegen Lanzen zu den Beigaben.

Die materielle Einheit (es wuerde zu weit fuehren, sie anhand von Beispielen in diesem Zusammenhang aufzufuehiren) kann durch reziproke Kontakte aufgrund von Fernhandel oder auch durch Migrationen entstanden sein.  Wichtig ist die Feststellung, dass es schon in der Kuro-Arax­ Kultur Kontakte mit Suedosteuropa, ja sogar bis hin nach Mitteleuropa, gab.  Bald spielten neben dem Handel auf Landwegen auch die Seewege eine Rolle.  So wird der Handel nach Suedosteuropa wohl auf dem Schwarzen Meer erfolgt sein.

Bei den Kurganen mit Rapierfunden kann man auf eine fruehe soziale Differenzierung schliessen, was u.a. durch Beigaben wie Wagen (Tetra Kva) oder Standarten (Saduga 2) belegt werden kann.  Ein solcher Reichtum verbindet die Trialeti-Kultur mit den sog.  Fuerstengraebern von Alaca Hoeyuek und Horoztepe.

Worauf gruendete sich der Reichtum der Trialeti-Kultur?  Auf das grosse Kupfer­vorkommen wurde bereits hingewiesen.  In diesem Zusammenhang sollen auch die Sumerer erwaehnt werden, die Alaca Hoeyuek mit kaukasischen Kupfer versorgten.  Kupfer wurde als Rohstoff und in Form von Fertigprodukten gehandelt.  Eine andere ergiebige Quelle war der Handel mit Obsidian, ein sehr begehrter Rohstoff.  Eine Ausbeutung von Obsidian laesst sich bis ins Palaeolithikum in Armenien (im Gebiet um den Van-See) verfolgen.  Im Zusammenhang mit den tk Rapieren soll noch kurz auf eine andere, in der Literatur vernachlaessigte, Rapiergruppe hin­gewiesen werden, mit denen der Name de Morgans verknuepft ist: die Talysch-Rapiere.  Sie zerfallen in zwei Gruppen, von denen die eine rapierfoermig ist und den tk Rapieren nahesteht.  Sic aehneln ihnen in der Laenge, in der schmalen Klingenform sowie in den schmalen Griffzungen mit Nietloechern.  Manche weisen auch eine Mittelrippe auf. Auch diese Rapiere wurden zu spaet datiert, da sie ebenfalls in Verbindung mit den mykenischen gebracht wurden.

Im Staatlichen Archaeologischen Museum von Baku hatte ich Gelegenheit, ein unveroeffentlichtes Rapier zu sehen, das von den dortigen Archaeologen ins 18./17. Jh. v.Chr, datiert wird.  Es stammt aus Schemacha, Talysch.

Abschliessend soll auf das Ziel dieses Artikels hingewiesen werden: auf die Tatsache, dass die tk Rapiere eine deutliche zeitliche Prioritaet vor dem mykenischen A - Typus haben.

Ausserdem enthalten viele Hypothesen ueber die Genese dieses mykenischen Rapiers Hinweise auf oestliche Einfluesse.

Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die tk Rapiere den mykenischen A- Typus beeinflussten, wobei er vermutlich auf dem Umweg ueber Kreta seine Vollendung empfing.

Aufgrund der herausragenden Stellung des Transkaukasus im zirkumpontischen Gebiet koennen Impulse von seinen Rapieren nicht nur in die suedwestliche Richtung, nach Mykene, sondern auch in die suedoestliche, was zur Entstehung der Talysch-Rapiere fuehrte, angenommen werden.  Es besteht jedoch auch die Moeglichkeit, dass eine Ausstrahlung der tk Rapiere diejenigen Suedosteuropas, vor allem Transsylvaniens, hervorbrachte bwz., falls eine lokale Entwicklung aus einem Langdolch vorlag, entscheidend beeinflussste.  Die bisherige Hypothese eines mykenischen Import bzw. dessen Nachahmung bedarf einer Revision.

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