Geht´s Euch nicht auch
so:
ein größeres Fest steht an und es fällt Dir keine Sau ein, die Du mitnehmen könntest.
Je nach
Umfang Deines sozialen Umgangs fallen Dir 2 bis 2 Duzend Leute ein, und alle,
wirklich ALLE kannst Du – milde ausgedrückt – in der viel zitierten Pfeife
rauchen. Und Dir wird mehr oder weniger schlagartig klar, dass es nicht nur Dein
von Hirnis unterwanderter Bekanntenkreis ist, dem eine Erneuerung gut anstünde,
sondern Dein ganzes behäbiges, verkorkstes Leben.
Natürlich konnte ich da keine Ausnahme machen, in jenen
absurden Zeiten, als ich an solch schwachsinnige Phrasen wie Freundschaft, Liebe
& Ehre und all diesen Käse glaubte.
Aber lassen wir das erbärmliche Gejammer um all die hartverdienten
Kindheitstraumata.
Wir wollen ja schließlich aktuell sein, am Puls der Zeit. Wir wollen
bedeutungslos sein, wie eben diese Zeit, deren einzig positiver Aspekt das
Heilen physischer wie psychischer Wunden ist.
Denn – morgen ist Silvester! (oder Weihnachten, Ostern,
Pfingsten, Himmelfahrt - was auch immer)
Das globalste aller Besäufnisse hat seinen Namenstag.
Hunderttausende werden vollgeballert und vollgekotzt durch die spiegelglatten
Strassen stolpern, strunzdämliche Fetenhits gröhlen und wildfremde Leute
ablecken, wenn dem Jahr die letzte Stunde schlägt.
Adrenalindurchtränkte, marodierte Gangs multinationalen
Ursprunges werden Otto-Normal-Passanten mit D-Böllern beschmeißen und
„Deutschland verrecke und rück´ mehr Sozi raus“ rufen.
Auf zehntausenden Spießerfeten wird Blei gegossen und sich
um Berliner geprügelt, deren Inhalt ebenso klebrig ist, wie das Bettlaken des
Gastgebers. Halbhübsche Hertie-Kassen-Tippsen werden versuchen, sich vom Freund
der besten Freundin begatten zu lassen, hoffend, dass das neue Jahr ein wenig
Abwechselung bringt. Beste Kumpels werden zu Zladko-Prolls, wenn sie sehen, wie
der Manne der Erna von hinten an die Hängetitten grabscht.
Auf tausenden jener Mega – In Partys in irgendwelchen
Ultra-In – Clubs werden sich zugekokste Silikon-Schwestern von frischgeföhnten
Nachwuchs-Luden die Push-up-BHs zurechtrücken lassen und zu langweiliger
Konservenmusik darum streiten, welcher Arsch am besten im Mini hängt.
Doch viele werden sich fragen, ob´s nicht vielleicht doch
schlauer wäre, 2 – 3 Benzos zu klinken und dieses aufgesetzte Getue einfach
zu verpennen. Wer schläft sündigt nicht nur nicht, wer schläft, hat keinen
Grund, sich zu ärgern. Und das ist das hüpfende Komma.
Ich für meinen Teil habe vor Äonen bereits aufgegeben,
selbst Silvester-Happenings zu starten. Ich sehe seit Jahren davon ab, mich bei
irgendwelchen stinklangweiligen Halbaffen einzuklinken.
Sei es nun die von wilden Tierbefreiungsaktionen träumende Conny, deren
Organ eher an die Sirene eines Feuerwehrwagens erinnert, als an eine Vertreterin
der Gattung homo sapiens. Eine Frau wie ein Orkan – ein Orkan von Plattitüden,
vorgetragen, mit altklugem und affektiertem Gehabe. Eine wirklich brisante
Mischung.
Oder sei es der sich ständig in Weltschmerz badende Frank, dessen einzige Lösung
das gezielte Abtöten von Gehirnzellen durch Hektoliter Holsten besteht.
Oder sollte ich Thomas mal anrufen, den Ex-Junk, der es nach 2Jahren Abstinenz
endlich schaffte sich ein Schlagzeug zu kaufen und sich nun für einen Drummer
von Weltformat hält, obwohl er nicht einmal Hi-Hats von Snares unterscheiden
kann?
Vielleicht sollte ich ja die rudimentär vorhandenen guten
Manieren völlig vergessen und bei dieser Springer-Tante auflaufen. Die geistige
Mittelklasse-Elite mit rosaroter Welt-BILD-Brille wird sich dort selbst feiern.
Wäre sicherlich ein spannender Abend, voller hochgeistiger Gespräche mit einer
Horde besserverdienender politisch Korrekter.
Stundenlanges Geseier über die WIRKLICHEN Probleme der Welt: „Warum druckt
Harry´s Plotter nicht mit Post Script?“
„Wer hat wann welchem Ressortleiter den Schwanz gelutscht?“
„Oh, sa ma, Alda, kennste diesen neuen Laden?“
NEIN, kenn ich nicht!
Im Grunde kenn´ ich niemanden mehr, und wie ich mit
wachsender Begeisterung feststelle, begreifen die Leute langsam, dass es
erholsamer ist, MICH nicht zu kennen.
Die obligatorischen Weihnachtsheucheleien hielten sich dieses
Jahr in Grenzen – nur noch 5 dieser widerwärtigen Dokumente,
die ich ungelesen löschen durfte.
Meist folgt auf eine Antwort die dämliche Frage, was man denn Silvester mache,
und dieses Jahr wäre mir eine ehrliche Antwort wirklich schwer gefallen. Ich hätte
wählen können, zwischen Schlafen, Amok laufen und Dokumentieren.
Und wenn ich´s mir recht überlege, ist meine Wahl noch nicht getroffen.
Schlafen an sich ist ja sehr langweilig,
und auch wenn Schlafen aus Protest schon fast etwas märtyrerhaftes hat,
erscheint es mir doch ein wenig unpassend.
Amok laufen würde sicher jede Menge Spaß machen, doch ich
denke, darum werden sich bestimmt viele andere kümmern.
So gesehen ist die Idee, die letzten Stunden des sterbenden Jahres festzuhalten
wahrscheinlich noch die beste.
Ich werde mir 2 Akkus und 2 Speicherchips in die Taschen
stecken und Bilder machen von all diesen Irren. Fotos voller Peinlichkeiten,
ganz nah dran am Puls des Geschehens. Ich werde von Knallkörpern zerfetzte
Gliedmaßen vor die Linse kriegen, wilde Schlägereien, kotzende Tittenmäuse
und heulende Prolls. Ich werde einen Heidenspaß haben, wenn die Multis mit
Messern auf die Kultis einstechen und unzurechnungsfähige Hinterwäldler den
Missbildungsbürgern die leeren Aldi-Schaumwein-Pullen über die hohlen Rüben
dreschen.
ich werde die frustrierten Gesichter von Taxi – und Busfahrern auf Großbild
verewigen.
Und ich werde deren Frust nur am Rande verstehen, denn was ist so schlimm daran,
an einem solch lächerlichen Tag ein wenig Bares zu verdienen?
Ein paar der Primaten werden, wie jedes Jahr, auf der Strecke
bleiben. Und ich kann nicht sagen, dass sie mir leid tun.
Das neue Jahr steht vor Tür – und so Manchen rennt es um
beim Hereinkommen.
Ich wünsche Euch, die ihr dahinvegetiert ein zorniges neues
Jahr.
Möge all jenen, die vor Betroffenheit oder Ignoranz nicht
mehr sehen können, ein Licht aufgehen.
Acidmoon