Die Bedeutung geblockter Zeitfenster für die auditive Wahrnehmung und Sprachperzeption
Ein neuronales
Modell der
starken auditiven Theorie akustisch/sprachlicher Wahrnehmung
Mag.Dr.Frenkenberger
Gerald
Salzburg, August
2006
Fachbereich Linguistik
Inhalt:
0 Sprachverarbeitung im Zeitfenster
1 Sequentielle
Perzeptionsverarbeitung
3 Von kleinen und großen Blöcken in
der Sprachentwicklung
4 Sprachliche Leistungen auditiv geblockt
Abstract: Derzeit
häufig zitierte Modelle
und Untersuchungen zur Sprachperzeption gehen von einer seriellen
Verarbeitung
von Sprachschall aus. Die Erkenntnisse aus diesen Modellen führen zu
dem
Schluss, dass zeitlich abgesenkte Wahrnehmungsleistungen zu
Beeinträchtigungen
in den Sprachleistungen von Menschen führen. Zeitlich kleinere
Segmente, wie
z.B. VOT oder Konsonanten, könnten dann nicht mehr richtig erkannt
werden, was
als Ursache für solche Sprachauffälligkeiten angeführt wurde und wird.
Dies
postulierten unter anderem Tallal et al. mit ihren Untersuchungen, aber
auch
Arbeiten von Elfenbein et al., Wright et al., Witton et al., belegen
zumindest
teilweise Zusammenhänge zwischen verlangsamter Wahrnehmung und den
schwächeren
Leistungen im sprachlichen Bereich von Probanden.
Therapieprogramme, die in diese
Richtung zielen und durch verschiedene Mittel die
Wahrnehmungsgeschwindigkeit
der Probanden zu erhöhen trachten, erzielen aber nicht den erwarteten
durchschlagenden Erfolg (Suchodoletz, 2003, 136-157). Zudem zeigen
Untersuchungen von Berwanger et al., 2002, bei Kindern mit einer
Sprachentwicklungsstörung, einer Lese-Rechtschreibstörung und kognitiv
verzögerten
Kindern sowie einer unauffälligen Kontrollgruppe keinerlei signifikante
Unterschiede hinsichtlich ihrer zeitlichen Verarbeitungsfähigkeiten.
In dieser Abhandlung soll auf der
Grundlage neurer linguistischer und neurologischer Erkenntnisse ein
frequenzbasiertes
Sprachverarbeitungsmodell entworfen werden, das den Faktor Zeit
weitgehend
ausblendet.
Das Wesen auditiver Perzeption
liegt nicht in der Wahrnehmung von enkodierten Sprachlauten im sich
zeitlich
verändernden akustischen Signal, sondern in der subjektiven Wahrnehmung
und
Speicherung von Strukturen und Mustern.
Im auditiven Bereich war man lange versucht sich vorzustellen, dass einlangender Sprachschall in Phoneme oder Phonemkombinationen zerlegt wird, in denen sich physikalisch greifbare Konzepte verbergen, die einem Hörer die Perzeption von akustischen Inhalten, speziell Sprache ermöglichen sollten. Diese physikalisch detektierbaren Items im Schall würden sodann durch Hörer sequentiell abgearbeitet und würden die entsprechende auditive Wahrnehmung ermöglichen. Der psychische Aspekt des Hörers entzog sich der Beobachtung und wurde allenfalls im Fechnerschen Sinn einer psychischen Umsetzung der physikalischen Informationen in Betracht gezogen. Umrechnungen lieferten einen direkten Bezug zwischen Physik und den Sinnen des Menschen.
Weber-Fechnersches Gesetz: Fechner (1860, Seite 13): "... γ = k log β/b ... Die Grösse der Empfindung (γ) steht im Verhältnisse nicht zu der absoluten Grösse des Reizes (β), sondern zu dem Logarithmus der Grösse des Reizes, wenn dieser auf seinen Schwellenwert (b), d.i. diejenige Grösse als Einheit bezogen wird, bei welcher die Empfindung entsteht und verschwindet, oder kurz, sie ist proportional dem Logarithmus des fundamentalen Reizwertes. ..."
Man
nahm an, dass in jedem Sprachschall akustische
Identitäten mitkodiert sein müssten, die ein Hörer entsprechend
dekodiere. So vermutete
man in den kurzen Schallsignalen der Plosivlauten enkodierte
Informationen zur
Art des Plosivlautes, in den längeren akustischen Signalen von Vokalen
entsprechend mehr Kodierungen, die etwa Prosodie oder silbische
Informationen
lieferten. Eimas (1973)[1] stellte die
Hypothese eines Merkmaldetektors auf. Ein solcher Merkmalsdetektor
sollte
helfen, diese im akustischen Signal verschlüsselten Sprachphoneme auch
über
verschiedene variierende Parameter hinweg[2] erkennen zu
können. Dieser Merkmalsdetektor ist angeboren und könnte auch in Tieren
zumindest rudimentär vorhanden sein. Experimente von Eimas (1971)[3] mit
Kleinstkindern zeigten u.a., dass ein solcher Detektor auch angeboren
sein
müsse. Diese Experimente führten ihn und andere Forscher zur Hypothese
eines
Merkmaldetektors. Kuhl (1979)[4] untersuchte
das Normalisationproblem und konnte belegen, dass schon Kleinkinder
unter 1
Jahr über verschiedene Sprecher hinweg gleiche Vokale mittels eines
solchen
angeborenen Merkmaldetektors perzipieren können.
Liberman, Cooper, Shankweiler and
Studdert-Kennedy, M.[5] konstruierten
aus dieser Annahme, dass diskrete
akustische Einheiten Sprachlaute enkodieren, die Hypothese, dass im
Hörer ein
entsprechender sprachspezifischer Dekodierungsmechanismus vorhanden
sein müsse,
der diese Dekodierung leisten könnte. Das Modell der „Motor Theory of
Speech
Perception“ war geboren. Das Invarianzproblem[6] wurde auf
die motorisch-neuronale Seite verlagert – die innere akustische
Wiederholung
von perzipiertem Sprachschall führt zur Stimulierung passender
motorischer
Befehle. Dadurch gelingt es dem Hörer, die variierenden Laute im
Schallfluss
eindeutig zu dekodieren und phonemisch zu zuweisen.
Wären die einzelnen Lauteinheiten, Phoneme, nicht enkodiert, so müsste ein Hörer bei 3 bis 4 diskreten Einheiten pro Wort und 400 Wörtern pro Minute rund 30 Lauteinheiten pro Sekunde perzipieren, was unmöglich erscheint.
Trotz dieser Überlegungen, oder gerade deswegen, schlossen zahlreiche Forscher der letzten Jahrzehnte aufgrund eigener Diskriminations-Experimente auf ein Zeitproblem bei Hörern/Sprechern mit Lese-Rechtschreibschwächen.
Tallal et al. schlossen aus dieser Vorstellung und eigenen Untersuchungen, dass ein Nichterkennen 40ms kurzer Sequenzen unweigerlich zu Defiziten in der Sprachwahrnehmung und in Folge auch zu Produktionsschwächen führen müsse. Schließlich sei Stimmhaftigkeit und Stimmlosigkeit eines Stopkonsonanten durch die oft geringeren Zeiten des Stimmeinsatzes nach der Explosionsöffnung bestimmt. Die VOT Erkennung könne also bei verzögerter Zeitwahrnehmung nicht funktionieren. Analog dazu wären auch die Erkennungsleistungen für andere Phoneme und Phonemkombinationen erschwert. Der Enkodierungsapparat eines Hörers ist zeitlich überfordert und kann die passenden Phoneme daher nicht dekodieren.
Aus diesen Denkansätzen und Experimenten entwickelte Förderprogramme führten zu Erfolgen der Lese- und Sprechleistungen, aber, wie Suchodoletz (2003)[7] ausführt, leider nicht zu generellen Erfolgen. Ein Zusammenhang zwischen auditiver Wahrnehmungsleistung von Schallveränderungen in kleinen Zeitbereichen und den sprachlichen Leistungen lässt sich zwar aufzeigen, stellt aber keine zwingende Notwendigkeit für schlechtere sprachliche Leistungen dar.
Eine Änderung in der Sichtweise des akustischen Signals und der perzeptiven Verarbeitung des Signals durch einen Hörer erfolgte durch erste Experimente und Überlegungen von Ungeheuer(1972)[8], der in einer Signalkette mit verschiedenen Modulen auch den psychischen Bereich als ein Verarbeitungsmodul einführte. Der psychische Bereich als eigener Untersuchungsgegenstand wurde aber vor allem durch die neueren Techniken, wie Magnetresonanz, vorangetrieben.
In der neueren perzeptiven Phonetik stehen subjektive neuronale Perzepte eines Hörers auf dem Prüfstand, die ad personam einmalige Perzepte, Empfindungen, Kategorien bilden, die erst im Output einer Person wieder intersubjektiv erfahrbar werden und sodann mit der physikalischen Welt ihre funktionale Abhängigkeit von dieser zeigen.
Es sei nochmals betont, dass das Wesen auditiver Perzeption nicht in der Wahrnehmung zeitlich veränderlicher Parameter, wie Frequenz und Schallstärke, liegt, sondern in der Wahrnehmung von Strukturen im psychischen Bereich.
Zeitlich verzögerte Wahrnehmung sagt uns daher etwas über die auditive Verarbeitungsgeschwindigkeit metaauditiver Art, so wie bei der Betrachtung zweier an sich identer Fotos mit minimalen Unterschieden dies auf einer metavisueller Ebene geschieht.
Subjektive neuronale Muster entstehen aus
einer Art Blockabfertigung
des akustischen Schallsignals.
Die akustische Schallwahrnehmung unseres Gehörs umfasst Frequenzbereiche von rund 16 Hz bis 16 kHz. Wir sind in der Lage weniger als 1 Hz Unterschiede wahrzunehmen. Solche Diskriminationen sind aber in ihrer Art metalinguistisch und metaauditiv, vergleichbar mit der Aufforderung bei zwei fast gleichen visuellen Bildern auf Unterschiede zu achten.
Zwicker (1999)[9] belegte mit den Ergebnissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass Sprachschall in Frequenzgruppen verarbeitet wird. Dieses psychoakustische Modell verteilt unseren wahrnehmbaren Frequenzbereich auf 24 Frequenzgruppen.
Abbildung 1: Frequenzgruppen nach Zwicker (1999) mit Grenzfrequenzen
In der Verarbeitung von Sprachschall spielt das Erkennen von auditiven Unterschieden keine entscheidende Rolle. Die Schalleinträge beschäftigen zwar alle 3600 Haarzellen, es können auch kleinste frequenzielle Unterschiede gehört werden, sprachlich bedingter Schall wird jedoch in 24 Blöcke (Barks) aufgeteilt und in diesen Blöcken (Zeitfenster) verarbeitet. Dabei erregen jene Blöcke dahinterliegende neuronale Gruppen, die durch Schallintensität signalisieren, dass in diesem Block Frequenzanteile vorliegen, die im einlangenden Schall prominent sind. Die Prominenz dieser Einträge bleibt für den Zeitraum von 20ms relativ stabil, darüber hinaus stellen auch Veränderungen kein Hindernis für eine strukturelle Verarbeitung dar.
Die Neuronengruppen vergleichen also nicht von Millisekunde zu Millisekunde, welche Frequenzgruppe in welchem Block besonders prominent wird.
Die Neuronen summieren nach einem Zeitraum von rund 20ms die bei ihnen eingelangten Signale. Sie machen sich alle 20ms quasi ein diskretes Bild von den Schalleinträgen in den Blöcken.
Aufgrund dieser frequenziellen Einträge des Schallsignals in den 20ms Fenstern unserer „Antennen“, den Haarzellen der Cochlea, bilden sich synaptische Verbindungen im akustischen Kurzzeitgedächtnis. Werden durch kurz darauf einlangende ähnliche Signale wieder gleiche BARKs angesprochen und dadurch dahinterliegende gleiche synaptische Verbindungen angeregt, so werden die einmal geschlossenen synaptischen Verbindungen schließlich in einem genetisch veranlassten Prozess des Zellkerns durch chemische Einträge gestärkt. Die nun chemisch gesetzten Verbindungen zwischen den einzelnen Neuronen bedeuten eine Verankerung der Blockinhalte im Langzeitgedächtnis durch dauerhafte synaptische Verknüpfungen. (Spektrum der Wissenschaft, 09_2005)
Diese
im akustischen Langzeitgedächtnis gespeicherten Inhalte stehen
nun aber keinesfalls für sich allein. Sie sind in einem dynamischen
Kerngefüge,
dem thalamo-kortikalen System (Edelman 2000, 245) verknüpft. Zur
Unterscheidung
der Speicherinhalte benötigt man außer tonalen Neuronen andere
neuronale
Gruppen. Wenn Vokale mit ihren integrierten Hauptkomponenten, den
Frequenzformanten
F1 und F2, das einzige wären in einem neuronalen Raum, so gäbe es keine
Möglichkeit zu unterscheiden, was ein Vokal ist und was nicht (eben
alles
andere). Die Unterscheidung benötigt andere und weitere (neuronale)
Dimensionen, die eine Eingrenzung und Verknüpfung zu tonalen, visuellen
und
anderen Dimensionen ermöglicht.
Die pro BARK enthaltenen Informationen werden also zu einem einzigen Wert integriert. Diese neuronalen Werte zusammen ergeben ein tonales Muster, das durch Verknüpfung mit vielen anderen neuronalen Gruppen (visuell, taktil, sensorisch...) tonalen (einzelner Laut), tonal-semantischen (eine Silbe, eine Lautkombination) oder semantischen Sinn (Wort) dieses neuronal digitalisierten Wertes ergibt. Diese neuronalen Muster dienen andererseits wieder als Schablonenmuster zum Abgleich mit neu einlangenden Schallwerten, die aus den Schallsignalen in den einzelnen Zeitfenstern gewonnen wurden.
Abbildung 2: Schema
einer neuronalen Schallabtastung in Zeitfenstern
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Wie
aus zahlreichen Untersuchungen hervorgeht, ist
die Analyse von Schalleindrücken in 20ms Fenstern elementar und wird
von Mensch
und Tier verwendet. (Rosner & Pickering, 1994) Sie ist noch nichts
sprachspezifisches, wenngleich durch entsprechende Verknüpfung ein Hund
seine
neuronalen [i] - Einträge von [o] - Analysen unterscheiden kann, er
versteht
ein {sitz} und ein {hol} des Herrls und bei entsprechender
multidimensionaler
Verknüpfung wird er den akustischen Befehl des prominenten [i] -
Eintrags vom
[o] - Eintrag unterscheiden lernen und mit von ihm dabei verlangten
Aktionen
verknüpfen.
Auf
die Frage, ob es einen speziellen perzeptiven
Verarbeitungsmechanismus gibt und dadurch die perzeptive Konstituierung
von
Sprachlauten gelingt, gibt es nach Ergebnissen aus experimentellen
Untersuchungen von Piroth(2005)[10] eindeutige
Hinweise darauf, dass der Sprachwahrnehmungsprozess zwar vielfältig
verläuft,
es aber zwei grundsätzliche Verarbeitungsmechanismen gibt.
Es gelingt eine schnellere Diskrimination auf
der Ebene kategorialer Repräsentationen, sowie einen langsameren
Mechanismus.
Piroth
(2005): „Mit Blick auf die Experimente …
kann jedoch als gesichert gelten, dass ein solcher sprachtypischer
–wenn
vielleicht auch nicht auf sprachliche Wahrnehmung beschränkter –
Mechanismus
auch parallel oder alternativ zu auditorischen Verarbeitungsprozessen
ablaufen
kann, die auf einer subkategorialen Ebene arbeiten.“
Rosner
und Pickering(1994)[11] schlossen
1994 ebenfalls auf der Sichtung älterer linguistisch – phonetischer
Experimente
auf das Vorhandensein von 2 Mechanismen auditiver Verarbeitung – sie
nannten es
Analysefenster und unterschieden ein kürzeres mit 20ms von einem
längeren, das
sie vor allem der sprachlichen Verarbeitung zuschrieben. In meiner
Dissertation[12] konnte ich
in Experimenten mit CI-Hörern diese Verarbeitungsstrategien ebenfalls
belegen.
Ich belegte diese 2 Verarbeitungsstrategien mit den Namen Zeitfenster1
und
Zeitfenster2. Diese aus heutiger Sicht unglückliche Wortwahl ließ und
lässt bei
nur oberflächlicher Betrachtung meiner Arbeit eine sequentiell
behaftete Analyse
einlangender Sprachsignale vermuten. In den Zeitfenstern werden
Strukturen
festgelegt, die neuronal präsent sind.
Weitere
Hinweise auf die Stimmigkeit der Annahme
einer zweigleisigen parallel ablaufenden Verarbeitungsstrategie für
Schallsignale durch Hörer zeigen die Ergebnisse aus Untersuchungen von
Dogil
et.al.[13] In den
Ergebnissen stellte sich heraus, dass entgegen der Annahme, dass bei
komplexen
phonetisch/phonologischen Experimenten das Ausmaß global-neuronaler
Vernetzung
steigen sollte, das Gegenteil der Fall war. Komplexere Aufgaben wurden
fokusiert verarbeitet.
Zur
begrifflichen Klärung ist es notwendig die in
den zitierten Arbeiten verwendeten Begriffe abzugleichen. Zeitfenster1
nach
Frenkenberger meint dabei das kürzere 20ms Fenster nach Rosner, ist
synonym mit
dem generellen auditorischen Mechanismus nach Piroth und mit der breit
gefächerten neuronalen Netzwerkverarbeitungstrategie nach Dogil.
Auf
den zweiten Mechanismus soll weiter unten
eingegangen werden.
Nun
soll der Ablauf neuronaler Transformation des
akustischen Schallsignals auf der individuell perzeptiven Ebene eines
Hörers
skizziert werden.
Das
Wort {baum}, phonetisch [baUm], zerfällt bei einer Blockanalyse mit 20ms Fenstern bzw.
akustischen
Fotos, wie weiter oben ausgeführt, in hier postulierte 15 neuronale
Blöcke.
Abbildung 3: Modell der Verknüpfung
mit 20ms Block-Analysen
Die Weiterleitung der
Aktionspotentiale der anfangs erregten Neuronengruppen führt zu einer
integrierten neuronalen Endverknüpfung, hier in der letzten Spalte
durch
Symbole dargestellt.
Wie im
auditiven, so
entstehen auch im visuellen Bereich zahlreiche neuronale
Endverknüpfungen, deren
synaptische Verbindungen durch Einträge aus dem Sehsinn entstanden
sind. Die visuellen Dimensionen Farbe, Form,
Schattierungen, Linien und Strukturen eines Baumes werden im gesamten
dynamischen Kerngefüge des Gehirns ebenfalls wieder integriert mit
anderen
Bereichen, so auch mit den angeführten akustischen Einträgen.
Da wir
über eine differenzierte Möglichkeit des
Farbensehens verfügen, ist anzunehmen, dass sich verschiedene neuronale
Gruppen
um die unterschiedlichen Farben kümmern. Ebenso werden Formen, Linien
und
Strukturen in verschiedenen Arealen bearbeitet, sodass auch im Bereich
der
visuellen Verarbeitung mit einer Vielzahl an End- und Speicherpunkten
für den
visuellen Eindruck Blatt zu rechnen ist. Diese
visuellen Neuronengruppen werden mit tonalen
und anderen Dimensionen verwebt.
Erst
dieses komplexe
neuronale Muster erlaubt uns die Einordnung der tonalen Dimensionen. In
diesem hier vorgestellten Modell werden
somit 15 auditiv-neuronale Endspeicherpunkte synaptisch mit einer
Vielzahl an
visuellen Analyseeinträgen, aber auch anderen neuronalen Bereichen, die
hier
nicht berücksichtigt wurden, des erblickten Baumes verknüpft und im
Langzeitgedächtnis schließlich integriert. (Hebb, ....)
Abbildung 4: Tonale und visuelle Strukturen verknüpft
Das
tonale Muster {baum} wird mit dem visuellen Muster {baum} in
vielfältigster
Weise verknüpft.
Die
Verarbeitung,
Vernetzung, Erkennung tonaler Einträge durch unser Gehirn funktioniert
somit
über eine blockweise gestaltete Muster und Mustererkennung.
Das
tonale Muster {baum} wird mit dem visuellen
Muster {baum} in vielfältigster Weise verknüpft. Obwohl, oder gerade
weil, die
tonalen Muster in 20ms Fensterschritten aufgebaut werden, können
bereits vor
dem Einlangen der letzten BARK-Einträge Wörter „gehört“ bzw. aus den
Vernetzungen erkannt werden. Dieses Voraushören bzw. Überhören von
Lücken oder
verrauschten Sprachsignalpassagen ist in vielen linguistischen
Experimenten gut
dokumentiert und findet seine Erklärung in den tonalen Mustereinträgen.
Wäre
eine sequentielle Analyse mit einem
Vorher/Nachher Vergleich Grundlage akustischer Perzeption, so müsste
die
Rekonstruktion verrauschter Wörter misslingen, da dort vorausgehende
und
nachfolgende Vergleichsparameter fehlten.
Auch
die in Experimenten gut dokumentierte
kategorisierte Wahrnehmung von Konsonanten und Vokalen ist bei Annahme
einer
akustischen Musterwahrnehmung von Schall einfacher zu erklären. Dies
sei
nochmals an unserem modellhaften neuronalen Sternchenmuster anhand des
Kategorienwechsels von [b] nach [d] verdeutlicht. Fließende Übergänge
bei nach
unten oder oben gleitenden F2 Werten können nicht gehört werden.
Ab
bestimmten Grenzwerten werden andere neuronale
Verbindungen aufgerufen oder geknüpft, wie ein Vergleich der beiden
folgenden
Tabellen zeigen soll. Unser Gehirn entscheidet demnach entweder [b]
oder [d],
das Hören eines Zwischenzustands ist aufgrund unserer neuronalen
Struktur- und
Verarbeitungsweise nicht möglich.
Daher
sei nochmals betont:
Hören
als eine sequenzielle Analyse des
sequenziell eintreffenden Schallsignals zu begreifen, führt zu falschen
Schlussfolgerungen, wenn auf eine zeitlich eingeschränkte
Schallwahrnehmungsfähigkeit geschlossen wird und dies als Ursache für
verminderte sprachliche Leistungen gelten soll. Dem ist aber nicht so,
wie
unsere Überlegungen plausibel zu machen versuchten.
Zeitfenster1
nach Frenkenberger meint dabei das
kürzere 20ms Fenster nach Rosner, ist synonym mit dem generellen
auditorischen
Mechanismus nach Piroth und mit der breit gefächerten neuronalen
Netzwerkverarbeitungstrategie nach Dogil.
Dieser
grundlegende Verarbeitungsmechanismus
erzeugt Endmuster mit zahlreichen neuronalen Verknüpfungen.
Diskriminationsaufgaben,
die das Erkennen von tonalen Unterschieden im Rahmen zeitlicher
Veränderungen
ansprechen, gehen somit am Wesen tonaler Sprachperzeption vorbei. Die
neuronalen End-Einträge aus den einzelnen BARK-Fenstern ergeben ein
vernetztes
Muster, welches für eine bewusste Perzeption des tonalen Ereignisses
völlig
ausreicht.
Viele
Diskriminationsaufgaben, wie das Erkennen von Lücken in tonalen Folgen,
das Diskriminieren
lautlich tonaler Unterschiede und ähnliche Experimente verlangen von
den
Probanden aber das Erkennen von Veränderungen in der Zeit. Solche
Vorher/Nachher-Vergleiche metalinguistischer Art sind für die
Perzeption
sprachlicher Laute nicht notwendig. Es werden durch solche Aufgaben
daher
andere auditive Fähigkeiten getestet.
Auch
Maskierungsexperimente im 20ms Bereich beeinträchtigen maximal einen
BARK-Block. Unsere Mustervernetzung ist aber derart redundant (vergl.
Abb.3),
dass nicht verwundert, wenn auch bei solchen Experimenten kein
eindeutiger
Zusammenhang mit minderen sprachlichen Leistungen auftritt.
Modulationsdiskriminationsexperimente testen ebenfalls nichtsprachliche
Parameter, der zugrunde liegende Musteraufbau eines Schallsignals wird
auch
hier nicht abgefragt und berührt.
Durch
diese falsche
Einschätzung der Zeitkomponente im Sprachschall konnten in
Therapieprogrammen
durch Zeitwahrnehmungstraining auch nur vereinzelt Erfolge erzielt
werden.
(Suchodoletz,....) Nur in wenigen Fällen konnten tatsächlich
sprachliche
Verbesserungen aufgezeigt werden, deren Ursachen von Suchodoletz aber
auf viele
andere Faktoren, wie größere Zuwendung, häufigere Übungssequenzen und
anderes
zurückgeführt werden.
Die
Ursache für diese
geringen Trainingserfolge liegt also in der Vernachlässigung des in
dieser
Arbeit aufgezeigten Modells neuronaler Verarbeitung der tonalen
Einträge durch
unser Gehirn. Wie aus unserem Modell von Schallverarbeitung hervorgeht,
müssen
die neuronalen Endwerte der 20ms Zeitfensteranalysen mit anderen
thalamo-cortikalen Neuronennetzen verknüpft werden, um als tonales
Ereignis
bestimmter Art erkannt zu werden. Diese Verknüpfungen sind im
Langzeitgedächtnis beständig integriert
und gespeichert. Gelangt eine bestimmte Kombination von Endwerten in
unseren
thalamo-cortikalen Kreis, so werden bestehende Langzeitverknüpfungen
angesprochen und entsprechende semantische, tonale u.a. Vorstellungen
bei uns
angeregt und uns bewusst.
Für
diese tonalen oder
tonal- semantischen Bewusstheiten ist der Hörer auf keine zeitlich
bedingten
Vorher/Nachher-Unterscheidungen angewiesen!
In
unserem sprachlichen
Umfeld sind die frequenziellen Endwerte ausreichend stabil, da sie von
einer
beschränkten Menge uns bekannter Sprecher stammen. Uns unbekannte
Sprecher, bei
denen die neuronalen Endwerte stark von unseren neuronalen Mustern
abweichen,
müssen durch Ablegen veränderter Muster korrigiert werden. Das benötigt
eine
bestimmte Zeit, bevor uns wieder eine erfolgreiche thalamo-cortikale
Verknüpfung verschiedener neuronaler Systeme gelingt. Diese Einhörzeit
für
Sprecher mit Akzent, bei Mickey Mouse
Stimmen und anderen von unseren Hörnormen abweichenden Stimmen ist uns
als
Hörer wohl bekannt. Wir benötigen mehrere Sätze und Minuten Einhörzeit,
bis wir
dem uns fremden Sprecher mit den abweichenden tonalen Endwerten
inhaltlich
folgen können. In dieser kurzzeitig verlängerten Verarbeitungszeit legt
unser
neuronales System die neuen Muster an, oder zieht die vorhandenen
Muster an die
einlangenden Zeitfenstereinträge und integriert diese neuronalen
Strukturen,
sodass tonales Erkennen und semantische Verarbeitung gelingen.
Abschließend
soll nun
noch der Versuch unternommen werden, die visuelle Verarbeitung mit der
tonalen
in ihren Wesenszügen zu vergleichen, dabei beschränken wir uns auf die
beiden
Informationen Farbe und Form:
Nehmen
wir also mehrere
Baumblätter, einige Äste und mehrere Blüten, die wir hintereinander,
wie die
Koffer am Flughafen, auf ein Förderband legen. Das Förderband kommt aus
der
Wand, wir wissen daher nicht welche Pflanzenteile die nächsten sein
werden.
Stellen
wir uns nun die
Aufgabe, die Blätter unter den aufgelegten Baumbestandteilen zu diskriminieren. Wird ein Blatt präsentiert,
so werden wir nicht auf den nächsten nachfolgenden Baumteil warten
müssen, bis
wir das Blatt als Baumblatt erkennen.
Wir haben in unserem Gehirn genügend global-neuronale
Verknüpfungen aus
der Analyse von Form und Farbe eines Gegenstandes angelegt, um auf das
Blatt
schließen zu können. Wir brauchen dazu keine Diskrimination
nachfolgender oder
vorausgegangener Gegenstände.
So
auch in der
Sprachperzeption: Die Farben sind hier die unterschiedlichen
frequenziellen
Muster, die einzelnen Sprachlauten zu Eigen sind, die Form ergibt sich
aus der
Anzahl der 20ms Endwerte, die zu einer integrierten Verknüpfung im
Langzeitgedächtnis führen. Kein Hörer vergleicht Vorher/Nachher
Sequenzen, so
wie kein Seher die verschiedenen Grüntöne eines Blattes nacheinander
Abtasten
muss, damit Perzeption gelingt. Stimmt die Farbe zur Form gelingt die
Perzeption ad hoc. Weicht das Blatt in Farbe und Form von unseren
visuellen
Schablonen stark ab, so benötigen wir eine längere Verarbeitungszeit.
Dabei
vergleichen wir mit unseren intern vorhandenen und gespeicherten
Blattmustern
und ziehen bei Bedarf die Schablonen zu den abweichenden visuellen
Eindrücken,
sodass z.B. auch ein blaues Blatt als Baumblatt akzeptiert werden kann.
Vorhandene Blattformen und Farben müssen an die neuen Eindrücke
angeglichen
werden, das Einordnen und Erkennen gelingt nach mehrmaligem Auftreten
dieser
Blattsorte. Dieser Vorgang ist mit der oben beschriebenen verlängerten
Einhörzeit für unbekannte Akzente und Stimmen vergleichbar.
Diskrimination
von
Veränderungen in der Raumzeit interpretiert das Gehirn als Bewegung,
sowohl in
der auditiven als auch in der visuellen Wahrnehmung. Im visuellen
Bereich
müssen diese Positionsänderungen mindestens 12 Mal pro Sekunde
erfolgen, um
Bewegung wahrzunehmen. Einzelbilder müssen also weniger als 0,08s oder
80ms an
einer Position verharren, um als bewegt perzipiert zu werden.
Positionsveränderungen spielen auch im auditiven Bereich eine Rolle:
Richtungshören lebt von Positionsveränderungen. Für
Positionsveränderungen sind
Diskriminationsexperimente, die ein zeitliches Vorher/Nachher testen,
gerechtfertigt.
Übrigens
gibt es auch
hiezu eine auditive Parallele:
Einsilbige
Wörter der
Form CV, CVC oder CCV, die ein Länge von 80 bis 100ms nicht
übersteigen, werden
als unveränderliche Einheit wahrgenommen, Bewegungen im Sinne eines
länger
Verweilens mit Vorher/Nachher Erkenntnissen sind bei solchen Silben
grundsätzlich nicht zu erkennen. Sprechen wir uns die Worte {geh} vs.
{gehsteig} laut vor, so wird das eben Gesagte erlebbar.
Erst
ein nachträgliches
Reflektieren ermöglicht die Sequenzierung und das Erkennen von
phonetischen
Einzelheiten. Dies leisten Kinder zum ersten Mal im Vorschulalter, die
Psychologie spricht von phonologischem Stadium. Gelingt Kindern diese
Sequenzierung nicht, so können Leseschwächen die Folge sein.
Die
Arbeit mit 20ms
Blöcken ist, wie oben bereits ausgeführt, grundlegende auditive
neuronale
Arbeit. Sie wird von allen menschlichen
Hörern verwendet und spielt besonders in der Sprachentwicklung eine
Rolle.
Kinder
bis ca. 4 bis 5
Jahren arbeiten mit diesem tonalen Verarbeitungsschema. Dieses wird
erst in der
weiteren Sprachentwicklung zwischen 5 bis 15 Jahren aufgebrochen. Es
erfolgt
eine neuronale Umstrukturierung im sprachlichen Bereich. Diese
Unterschiede zu
kindlichem bzw. tierischem Hören werden im nächsten Abschnitt
aufgezeigt.
Zusammenfassung:
Prominente Frequenzbereiche von
Schallsignalen werden durch unser Hörsystem
in 20ms langen Abschnitten in Aktionspotenziale übersetzt. Mehrere
dieser 20ms
Endeinträge zusammen ergeben Muster, die mit weiteren neuronalen
Dimensionen
unseres Gehirns verwebt und verbunden auditive sprachliche
Perzeption ermöglichen.
Die auditiven Perzeptionsstrategien verändern
sich nach dem 5. Lebensjahr.
Sprachliche Schallsignale werden in größeren neuronalen
Analyseeinheiten
verarbeitet, Blöcke um die 100ms sollten Verwendung finden. Diese
Umstrukturierungen werden individuell zwischen dem 15. und 20.
Lebensjahr
beendet.
20ms
ist die allen
Menschen und Tieren gemeinsame Dauer für die Analyse eines
Schallsignals.
Mehrere dieser neuronalen Zeitfenster zusammen ergeben neuronale
Muster, die
mit weiteren thalamo-cortikalen Bereichen des Gehirns verknüpft werden
und
auditive Perzeption ermöglichen. Diese 20ms Blöcke Endwerte ergaben in
unserer
modellhaften Darstellung für das Wort {Baum} 16 neuronale Einträge.
Entsprechend vielfältig und aufwendig fallen die thalamo-cortikalen
Verknüpfungen untereinander und mit anderen Systemen aus. Dies kann
beim Hören
fremder Idiome zu langen Verarbeitungszeiten führen.
Die
sprachliche
Kommunikation mit Kleinkindern wird durch Motherese erleichtert. In
fast allen
Sprachen der Welt ist Motherese als besondere Sprachform von
Erwachsenen mit
Kleinkindern dokumentiert.
Ein
Kennzeichen von
Motherese ist langsames und deutliches Artikulieren, Kleinkinder können
ihren
engeren Bezugspersonen dann am leichtesten folgen.
Jugendliche
und
Erwachsene Hörer scheinen weitere Mechanismen zu verwenden, da diese in
der
auditiven Perzeption flexibler und schneller reagieren können als
Kleinkinder.
Dieser weitere Mechanismus wird im Folgenden aufgezeigt werden.
Rosner
und Pickering
(1994) postulierten aufgrund zahlreicher linguistischer Experimente,
dass
unsere auditive Wahrnehmung zwei akustische Analyseschritte beherrschen
müsse.
Koartikulativ bedingte Veränderungen von tonalen Ereignissen, das heißt
die
Veränderung von Konsonanten und Vokalen durch nachfolgende oder
vorausgehende
Items könne durch größere Analysefenster bessere Ergebnisse in der
akustischen
Perzeption bringen.
Hier
sei nochmals auf die Ergebnisse der
experimentellen Untersuchungen von Piroth (2005), sowie Dogil et.
al.(2000),
die ebenfalls 2 Mechanismen in der Schallverarbeitung aufzeigen konnten. Zur begrifflichen Klärung des zweiten
auditiven Verarbeitungsmechanismus möchte ich an dieser Stelle wieder
die in
den zitierten Arbeiten verwendeten Begriffe abgleichen. Zeitfenster2
nach
Frenkenberger(2001) meint dabei jenes längere Analysefenster, das nach Rosner unter anderem für phonologische
Verarbeitung Verwendung findet. Dies ist synonym mit dem schnellen
Detektionsprozess nach Piroth, der auf der ebene kategorialer
Repräsentationen
stattfindet. Bei Dogil wird dafür der Begriff lokal fokusierter
neuronaler
Areale verwendet.
Frenkenberger
(2001) konnte
in Identifikationsaufgaben nachweisen, dass Kinder zwischen dem 5. und
(individuell +/- 3 Jahre) dem 17. Lebensjahr ihre 20ms Muster
tatsächlich zu
größeren Einheiten zusammen fassen. In diesem Experiment wurden [e]
Vokale
präsentiert. Die Kinder hatten die Aufgabe zu beurteilen, ab welcher
Länge das
[e] kein [e] mehr sei. Vokale mussten eine Länge über 20ms aufweisen,
um als
Vertreter ihrer Art durch die kindlichen Hörer akzeptiert zu werden.
Zumeist
wurden Längen über 50ms von den jugendlichen Hörern angegeben. In der
folgenden
Abbildung sind die im Diagramm rot
eingezeichneten Werte der NORM Hörer den grün markierten CI-Hörern
gegenübergestellt. Deutlich fällt bei den NORM Hörern auf, dass die
Urteile
über das Hören eines guten /e/ Vokals einer Veränderung über die
Lebensjahre
unterliegen.
Abbildung 7:
Die rot eingezeichnete Kontrollgruppe
von Hörern zeigt ebenso wie die CI-Hörer angehobene Werte zwischen dem
5. und
18. Lebensjahr bzw. Höralter der CI-Hörer.
Aufgrund der erhobenen
Zeitfenster1 Längen, der 20ms Abschnitte, lassen sich Hörer demnach in
folgende
fünf Gruppen einteilen:
GruppeI (bis 0;6): 20ms Zeitfenster1 dienen der spektralen Analyse und ergeben Diskriminationswerte für kategoriale Wahrnehmung. Mit solchen Diskriminationswerten unterscheiden Kleinkinder in den ersten Lebensmonaten ihre akustische Umwelt. Tiere beherrschen diese spektrale Analyse ebenfalls. Normalisation gelingt damit. Zeitfenster2 spielt keine Bedeutung.
GruppeII: Der heranwachsende Hörer (0;6-5) verlässt seine spektralen Fenster1 immer öfter. Ob die Zeit der spektralen Analysen abrupt endet oder ob der Übergang zur Verwendung der Zeitfenster2 fließend ist, kann aufgrund meiner Datenlage nicht entschieden werden. Spekulativ möchte ich jedoch behaupten, dass dieser Übergang fließend ist. Das erste vom Kleinkind verstandene Wort ist ein Indiz dafür, dass zeitliche Analyse im Zeitfenster2 zur Ablage entsprechender Prototypen führte, sodass das Kind in der Lage ist, akustischen Input mit diesen Prototypen zu vergleichen und zu verstehen.
Diese Aussage ist hypothetisch, da NORM Hörer bis 5 Jahren von mir nicht getestet wurden, allerdings zeigen die CI Hörer mit weniger Hörerfahrung noch durchwegs kleine Zeitfenster1. CI Hörer mit weniger als 5 Jahren Hörerfahrung verwenden in bestimmten Hörsituationen (Zeitfenstertest1) in meiner Untersuchung aussschließlich ihre spektralen Zeitfenster1.
GruppeIII (5 - 13): Die stets über 20ms liegenden Zeitfenster1 Werte der NORM Gruppe mit Hörern zwischen 5 und 13 Jahren belegen die Tatsache (Frenkenberger, 2001), dass die Mehrheit der Hörer das spektrale Zeitfenster1 mit dieser Hörerfahrungsdauer nicht mehr verwendet. In dieser GruppeIII setzt eine zeitliche verlängerte Analyse ein, der Verzicht auf spektrale kurze Urteile ist fließend und bestimmt das Hörverhalten von NORM Hörern in der Altersgruppe mit 5 bis 13 Jahre Hörerfahrung. Das verlängerte Analysefenster, das Zeitfenster2 wird fast ausschließlich verwendet. Die Ergebniswerte aus diesem Zeitfenster2, dienen nun dem Anlegen von Prototypen vor allem als wichtige Voraussetzung dafür, die koartikulatorischen Einflüsse auf die einzelnen Items in gesprochener Sprache zu erfassen und mit anderen Eindrücken zu vernetzen. CI Hörer mit einer entsprechenden individuellen Hörerfahrung verhalten sich ebenso.
GruppeIV: Nach dem erfolgreichen Anlegen von Prototypen aus lautlichen Ereignissen in gesprochener Sprache kehren die Hörer ab etwa 13 Jahren Perzeption zum Teil wieder zu ihren Zeitfenstern1 zurück. Der nun schon erfahrene Hörer verwendet je nach Hörsituation auch die Ergebnisse aus der spektralen Analyse (Zeitfenster1). Die Werte für Jugendliche sinken in der NORM Gruppe im Alter zwischen 13 und 18 Jahren auf 30ms.
Leider fehlen Daten aus dem Bereich CI. Keiner der von mir untersuchten CI Hörer befand sich in diesem Hörerfahrungsalter.
GruppeV: NORM Hörer über 19 Jahren urteilen für isolierte Vokale wieder mit ihren spektralen Zeitfenstern1, der Durchschnittswert dieser Hörergruppe beträgt 18 ms in den Daten meiner Untersuchung. Auch drei von fünf CI Hörern mit dieser Hörerfahrung verhalten sich entsprechend. Die Rückkehr zu kleinen spektralen Fenstern1 bei ausreichenden Prototypen ist jedoch nicht unumkehrbar. L2 Hörer meiner NORM Gruppe verwenden gelängte Fenster2 ohne Fenster1 Analysen. Die Rückkehr zur Zeitfenster2 Analyse erlaubt das Meistern ungewohnter Hörsituationen, wie sie in dialektalen Umgebungen, bei ungewohnten Stimmen (Mickey Mouse...) oder fremdsprachlichem Input entstehen können. Der Konsonantenkontextvorteil kann dann greifen. Die Verwendung der zeitlichen Analyse erlaubt das erfolgreiche Anlegen von passenden Prototypen in diesen neuen Hörsituationen. Auf Koartikulationserscheinungen wird dadurch Rücksicht genommen.
Schematisch lassen sich die Gruppen wie folgt darstellen:
Abbildung 8: Hörer beginnen mit spektralen Analysen, die sie mit zunehmender Hörerfahrung verlassen. Die spektralen Analysen aus Zeitfenster1 werden nach mehr als 18 Jahren Hörerfahrung wieder aufgenommen. Die bis dahin mit Hilfe von Zeitfenster2 angelegten Prototypen reichen sodann aus, dass auch mit den kurzen spektralen Fenstern Vergleiche zwischen akustischem Input und den abgelegten Prototypen gelingen können.
Interessant
ist in
diesem Zusammenhang das Zurückkehren erwachsener Hörer auf die zugrunde
liegenden Blockweiten von 20ms, Erwachsene akzeptierten Vokale mit
Längen um
20ms als Vertreter eines bestimmten Vokals. Offensichtlich ist das
neuronale
Netz der größeren Analyseeinheiten in der Entwicklungszeit vom 5. bis
zum 18.
Lebensjahr sodann erfolgreich gewebt,
sodass auf die kleineren 20ms Endwerte wieder zurückgegriffen wird.
Gleichzeitig
ist der
Erwerb einer L2 aber dann erschwert. Die integrierten Muster lassen
sich nicht
mehr so leicht verändern, wenn die L1 Spracherwerbsphase zu Ende ist.
Sprachliche
Schallverarbeitung erfolgt daher in folgenden Schritten:
Zunächst
legt unser
Gehirn neuronale Muster für eintreffende Worte in 20ms Einheiten an,
die
entsprechend mit anderen thalamo-cortikalen Systemen verknüpft,
Perzeption
ermöglicht. Probleme ergeben sich für Kleinkinder, wenn die einzelnen
analysierten 20ms Endwerte stark von den gewohnten Mustern abweichen,
etwa,
weil der Sprachschall von ungewohnten Sprechern stammt. Den
Kleinkindern
ungewohnte koartikulierte Lautkombinationen müssen scheinbar mühsam
durch
ständiges Nachfragen eingeübt werden. Ab dem 5. Lebensjahr ändert sich
die
Strategie: Ab jetzt baut sich unsere neuronale Struktur um, die
kleineren 20ms
Einheiten werden zusätzlich einer größeren Analyse unterzogen, sie
werden zu
Blöcken mit ca. 100ms integriert.
Abbildung 9: 100ms Fenster erleichtern die neuronale Arbeit unseres Gehirns.
20ms
Verknüpfungen mit Pfeilen in schwarz,
100ms Verknüpfungen mit Pfeilen in grün gekennzeichnet.
Rosner
und Pickering
(1994) berichten über Experimente, die zeigen, dass Vokale einer
gewichteten
Gesamtanalyse unterzogen werden. Das heißt, dass die Anfangs- und
Endwerte besondere Berücksichtigung
finden. Da Vokale
zeitlich die längsten Strukturen aufweisen, kommt ihnen für sprachliche
Perzeption auch besondere Bedeutung zu.
Onset
und Offset sind in
den 100ms Blöcken in Vokalen integriert, die kurzen Werte der
Konsonanten
beeinflussen die Vokalwerte und damit die Lage der neuronalen
Verknüpfungen.
Die
kleineren neuronalen
Einheiten mit 20ms Inhalten werden also zusätzlich zu größeren Blöcken
verknüpft, die Integration dieser Werte in weiteren neuronalen Gruppen
bringt
Vorteile für die Perzeption von koartikulierten Lauten, Silben – und
Worteinheiten, für das Erlernen fremder Sprachen, für das Verstehen
unbekannter
Sprecher.
Die
reichere Vernetzung
im thalamo-cortikalen System eines ausgereiften erwachsenen Hörers
bringt
auditive Vorteile und Nachteile, betrachten wir die tonalen Analysen an
einem
Beispiel:
Das
untere neuronale
Muster, das aus einer Erweiterung des Analysefensters auf 100ms
entstanden ist,
enthält nur mehr drei Endwerte, in die die 20ms Einheiten integriert
worden
sind. Dies erleichtert in einem bekannten sprachlichen Umfeld die
sprachliche
Perzeption, weniger neuronale Verknüpfungen in andere neuronale Systeme
sind
dadurch notwendig, die Perzeptionsgeschwindigkeit steigt.
iii)
Dieses 200ms Muster
versagt, wenn koartikulative Neuheiten, z.B.
eine veränderte Aussprache für das
Wort {baum}, etwa [ba:m] durch unbekannte Sprecher auftreten:
Die
20ms Analysen
ergeben ein verändertes 100ms Muster, das nur mehr teilweise zu den
vorhandenen
Strukturen passt!
iv)
Die neuronalen
Verknüpfungen müssen restrukturiert werden. Zusätzliche 20ms und
100ms
Muster werden bei starkem Abweichen von vorhandenen Schablonen
angelegt. Dabei
sind aber viele thalamo-cortikale Systeme mit betroffen, das Schaffen
von neuen
visuellen, taktilen, sensorischen Neuronenverknüpfungen wird notwendig.
Solche
Neu- und Umstrukturierungen brauchen Zeit und gelingen im
Erwachsenenalter nur
mehr bedingt. Kindern und Jugendlichen im Spracherwerb gelingt diese
Aufgabe
besser, da entwicklungsbedingt die Anlage von 100ms Neuronen-Mustern
ständig
erfolgt und erfolgen muss.
Weniger
neuronale Gruppen – schnellere Perzeption!
Um die
Fensterlängen der
größeren Blöcke zu klären, wurden von Frenkenberger 2001 in einem
weiteren
Experiment 4 Vokale gleicher Länge ohne Pause zusammengefügt. Getestet
wurden
CI-Hörer und eine Kontrollgruppe, im folgenden als NORM Hörer
bezeichnet.
Innerhalb eines solchen Stimulus befand sich ein abweichender Vokal [i]
unter
drei [e] Vokalen. Die Gesamtlänge der einzelnen Stimuli wurde durch
gleichmäßiges Verlängern der einzelnen Vokale erhöht. Aufgabe war, den
abweichenden Vokal zu perzipieren. Dabei zeigte sich bei Kindern über
5Jahre
und Erwachsenen kein ausgeprägtes Entwicklungsmuster. Die
Identifikationszeiten
lagen stets zwischen 70ms und 100ms.
Das Zeitfenster2 verkleinert sich bei jedoch längerer Hörerfahrung. Dies trifft auf die NORM Hörer und CI-Hörer zu.[14]
Die Zeitfenster2 Längen sind je nach Sprechsituation (Dialektumgebung, L2 Lerner/Hörer, ungewohnte Stimmen...) kürzer oder länger, fallen aber tendenziell mit längerer Hörerfahrung auf Werte um 100ms bei den CI Hörern. NORM Hörer verwenden Zeitfenster2 Längen, die zwischen 40ms bis 100ms liegen.
Abbildung
10:
Die Zäsuren zwischen den Balken markieren Altersgruppen. Hörer 1
bis 5:
unter 13 Jahre; Hörer 6 bis 9: 14 bis 18 Jahre; ab Hörer 10 über 18
Jahre alt.
Wieder zeigt sich deutlich, dass erst Hörer über 18 Jahren wieder 20ms
Fenster
verwenden. Die längeren Analysefenster zeigen keine eindeutige Tendenz.
Die Ergebnisse der CI-Hörer
zeigt das
nächste Diagramm.
Abbildung
11:
Die
mit * bezeichneten Probanden tragen ihr CI Gerät erst weniger als 5
Monaten.
Die Zäsuren zwischen den Balken markieren Gruppen mit folgender
Hörerfahrung:
CI Hörer 18* bis 5: unter 5 Jahre; CI Hörer 13* bis 9: 6 bis 13 Jahre;
CI Hörer
12 bis 16: über 18 Jahre. Hörer 14 scheint zweimal auf, der zweite
Eintrag
Nr.14 im Diagramm sind Werte, die mit einem neuen HdO Gerät gewonnen
wurden.
Schematisch betrachtet lässt sich aus den Ergebnissen der Untersuchungen von NORM Gruppe und CI Gruppe daher folgende Entwicklung für Fenster2 skizzieren:
Abbildung 12: Die gezackten Pfeile sollen andeuten, dass eine Erhöhung und Erniedrigung der Zeitfenster2 Werte zu jedem Alter und bei unterschiedlichster Hörerfahrung möglich ist. Tendenziell ist aber eine Abnahme der Zeitfenster2 Werte bei den NORM Hörern und bei den CI Hörern in den Daten meiner Untersuchung zu erkennen.
Das Dehnen und Verwenden der vergrößerten Zeitfenster2 soll dem Hörer einen Konsonantenkontextvorteil bringen, dies gelingt allerdings nur, wenn der Hörer gleichzeitig seine spektralen Urteile aus Zeitfenster1 verlässt und/oder seine angelegten größeren Analyseblöcke und Kategorien verwendet bzw. auf diese zugreifen kann..
Piroth 2005 unterscheidet in seinen Untersuchungsergebnissen zwischen schlechten und guten Kategorisierern. Gute Kategorisierer greifen auf Musterschablonen zurück und können daher schneller diskriminieren. Zeitfenster2 entsprechen solchen Sprachlautkategorien bzw. Musterschablonen. Sind solche angelegt, so gelingen Identifikationsaufgaben besser und Urteile über [e] oder Nicht- [e] lassen sich schnell aus den Kategorienmustern ablesen.
Zusammenfassung:
In der Sprachentwicklung vom 5. bis zum 18.
Lebensjahr stellt unser Gehirn
von 20ms Schallanalysen auf 60ms bis 100ms lange Analysen um. Dies
führt zu
einfacheren neuronalen Verknüpfungsmustern, womit schnelleres
sprachliches
Verarbeiten gelingt. Die zugrunde liegenden 20ms
Verarbeitungsstrategien und
Muster bleiben erhalten und sind mit den neuen Mustern ebenfalls
verwoben.
Ungewohnte Spracheinträge und Zweitspracherwerb verlangen vom Hörer
Strategien
wie im Erstspracherwerb, 20ms Analysen werden neu verschaltet und
sodann in größeren neuronalen Einheiten
entsprechend
integriert.
Die Analyse von Sprachschall wird im Alter
zwischen 5 und 18 Jahren von
einer 20ms Default-Strategie neuronal zu größeren Einheiten integriert.
Weitere, von Geburt an nicht vorhandene, Kategorien werden gebildet.
Diese
Umstrukturierung kann bei unzulänglicher Kategorisierung zu Schwächen
in
sprachlicher Produktion und Perzeption führen.
In
einer weiteren, nicht
veröffentlichten Studie mit 19 Schülern aus dem Hauptschulbereich
korrelierten
gute und schlechte Deutsch-Leistungen mit Werten im Testverfahren für
die
Identifikation von /e/. Erhoben wurden dabei Werte für die
kleinen 20ms Blöcke. Getestet wurden 19 Schüler,
14 Knaben, 5 Mädchen. Alle Schüler waren zum Zeitpunkt der Untersuchung
zwischen 13 und 14 Jahre alt.
Für
die Werte von ZF1
und ZF2 wurden Korrelationsrechnungen mit den Deutsch-Leistungen der
Schüler
durchgeführt. Die Werte von ZF2 korrelierten mit den Leistungen der
Schüler
nicht, hingegen fand sich ein starker Zusammenhang zwischen den Angaben
in ZF1
mit den Leistungsgruppen-Notenwerten.
Leistungsgruppe
und Note
wurden zu einer erweiterten Notenskala (die zweistelligen Zahlen auf
der
X-Achse) kombiniert und mit den Analysewerten korreliert. [15]
Abbildung 13: Auffallend die angehobenen
Werte der 20ms Blockanalysen (ZF1) bei LG1 Schülern. 40 ist ein
ausländischer
Schüler, der noch keiner Leistungsgruppe zugeordnet ist und Deutsch nur
mangelhaft beherrscht. Der zweite Schüler mit hohem ZF2 Wert erhielt
sein „Gut“
aufgrund seines Fleißes, intoniert und perzipiert jedoch auffällig
langsam.
Eine
Korrelationsrechnung nach Spearman zeigt zwischen LG/Note und den
Zeitfenster1
Werten signifikante Ergebnisse: Korrelationskoeffizient: 0,014;
Signifikanz:
0,955.
Die
Werte für ZF1 und
ZF2 liegen in der getesteten Altersgruppe, 10 bis 14 Jahren, generell
näher
beisammen, als dies in späteren Lebensabschnitten der Fall ist. Dies
zeigt uns
auch das nächste Diagramm nach einer früheren Erhebung in Frenkenberger
2001.
Abbildung
14: Die Zäsuren zwischen
den Balken
markieren Altersgruppen.
Hörer 1 bis 5: unter 14 Jahre;
Hörer 6 bis 9:
14 bis 18 Jahre; ab Hörer 10 über 18 Jahre alt. Diese Untersuchung
erhob keinen
Zusammenhang mit den sprachlichen Leistungen der gestesteten Hörer. Es
sollte
lediglich der Verlauf der Aussagen über die Identifikation eines
isolierten
Vokals und eines Vokalverbandes festgehalten werden
Alle Abbildungen zeigen, dass Schüler
mit besseren Leistungen zum einen höhere Werte für Zeitfenster1, zum
anderen
geringere Abstände zwischen den Werten von Zeitfenster 1 und 2 zeigten.
Für die
Anlage von Kategorisierungsmustern ist es von Bedeutung, dass die
Urteile über
ein identifiziertes [e] nicht aufgrund erster neuronaler 20ms
Analysemuster
erfolgen, sondern die längeren Kategorisierungsmuster um 100ms zum
Tragen
kommen.
Wird dies vom Individuum nicht
geleistet, so werden entsprechende Kategorien nicht angelegt, die
Gruppe der
„Nichtkategorisierer“ entsteht. Es darf angenommen werden, dass bei
diesen daher
nur eine geringere Zahl an Mustern vorhanden ist. Sprachliche
Perzeption
erfolgt bei dieser Gruppe an Hörern daher oft über die zahlreichen 20ms
Analyseeinträge, was die Geschwindigkeit der Perzeption verlangsamt.
Dies
dürfte eine Ursache für schlechtere sprachliche Leistungen dieser
Gruppe von
Hörern sein.
Nach Abschluss der
Sprachentwicklung, spätestens mit 18 Jahren, ist dieser Mechanismus der
basalen
auditiven Verarbeitung mit 20ms Analysefenstern wieder dominant. Bis
dahin
nicht gebildete kategoriale Muster können nur mehr schwer bis nicht
erarbeitet
werden. Hinweise darauf bieten die Schwierigkeiten im Fremdspracherwerb
für
erwachsene Lerner.
Sind jedoch im Erstspracherwerb
entsprechend viele kategoriale Muster gewebt worden, kann der
Hörer/Sprecher
auf seine individuellen 100ms Kategorien zurückgreifen, was die
Geschwindigkeit
neuronaler Verarbeitung und Erkennung erleichtert und beschleunigt.
Eine
anhaltende 20ms
Default Strategie durch den Hörer im Erstspracherwerb führt zu einer
verringerten Zahl von Kategorisierungsmustern, was schließlich auch zu
umständlichen,
verzögerten Produktionsanweisungen führt, sprachliche Auffälligkeiten
oder
Schwächen in Aussprache und Ausdruck dürften und könnten die Folge
sein.
Nach
einer Untersuchung
von Frenkenberger (2001), sowie einer vorsichtigen Interpretation der
angeführten Untersuchung mit den Hauptschülern, könnten die folgenden
Hemmnisse
für einen erfolgreichen Spracherwerb postuliert werden:
1)
Der Lerner/Hörer
bleibt bei seinen 20ms Mustern. Dadurch
wird das Anlegen der 100ms Einheiten in entsprechenden neuronalen
Vernetzungen
behindert oder gar verhindert. Weniger Kategorisierungsmuster werden
angelegt. Langsamere
sprachliche Verarbeitung ist die Folge. 7 von 13 Deutschschüler der 3.
und
2.Leistungsgruppe zeigen in der
angeführten Untersuchung dieses Muster.
2)
Der Lerner/Hörer
verarbeitet mit zu wenig gedehnten 100ms
Blöcken, seine ZF2´s sind zu klein, um entsprechende Kategorien
erarbeiten zu
können. 8 von 13 Schülern der 2. und 3. Leistungsgruppe verwenden 80ms
und
kleinere Fenster2. Entsprechende neuronale Integration kann nicht
stattfinden,
Passende Prototypen werden nicht erarbeitet und abgelegt. Hören wird
schwieriger, braucht deutlicheren und langsameren Input. Hingegen
verwenden 4
von 6 Schülern der 1.Leistungsgruppe Fenster, die größer als 80ms sind,
was
bessere sprachliche Leistungen zur Folge hat und sich in der
Deutschbeurteilung
und Einstufung ausdrückt.
Zusammenfassung:
Die akustischen Verarbeitungsstrategien von
Sprachschall und ihre neuronale
Integration in thalamo-cortikalen Schaltkreisen ändern sich
entwicklungsbedingt. Kinder und Jugendliche sollten im Erst- und
Zweitspracherwerb ihre 20ms Blöcke zu größeren Analyseeinheiten
neuronal
verstricken, um daraus passende Kategorien zu erzeugen. Dazu ist die
Abkehr von
der 20ms Default-Strategie notwendig. Es darf aufgrund vorliegender
Untersuchungen vermutet werden, dass Umstellungsschwierigkeiten auf
größere
Analyseblöcke in dieser kritischen Phase eine Ursache für Defizite und
Schwächen sprachlicher Leistungen sein können.
Die
Analyse von Sprachschall durch unser Gehirn
wurde in den letzten Jahrzehnten vorwiegend sequentiell interpretiert.
Dem
zeitlichen Vorher/Nachher von spektralen Änderungen wurde größte
Bedeutung
beigemessen. Zahlreiche Untersuchungen versuchten daher aufzuzeigen,
welchen
erstickenden Einfluss verschiedene akustische Vorher/Nachher Parameter
auf die
Wahrnehmung haben können. Modulationswahrnehmung, Maskierungseffekte,
Lückenerkennung und Längendeterminationen erheben alle prinzipiell in
eine
Richtung: Diskrimination von
Unterschieden,
in jedem Fall eine metaauditive Aufgabe, die vom Hörer verlangt, das er
zwei
akustische Eindrücke im zeitlichen Ablauf vergleicht. Visuell
vergleichbar mit
der Aufgabe, in einer Abfolge von fast identen Bildern kleinste
Unterschiede in
Farbe und Form zu diskriminieren. Aber Bild und Sprachschall hinterlegt
unser
Gehirn in neuronalen Mustern, die entsprechend thalamus-cortikal
verknüpft zur
semantischen Wahrheit heranreifen.
Sprachschall
wird „by default“ in Abständen von
20ms spektral „fotografiert“, die Inhalte dieser Fenster1 werden
spektral
abgelegt und weiter verknüpft, bzw. geblockt verarbeitet. In der
Sprachentwicklung sollen diese kleineren Default Fensterinhalte zu
„Panoramafotos“ werden. Größere 100ms Analyse-Einheiten (Blöcke) werden
aus den
20ms Fenstern gewoben. Diese größeren „Panoramafotos“ erlauben eine
einfachere
neuronale Verknüpfungsstruktur und eine schnellere sprachliche
Perzeption und
Weiterverarbeitung. Dieser Umbau kann für manchen Spracherwerber zum
Verhängnis
werden, sprachliche Schwächen können durch unflexibles Verhalten, etwa
Beharren
auf Default Strategien, die Folge sein. Es ist davon auszugehen, dass
herkömmliche Testverfahren mit zeitlichen Diskriminationaufgaben
zufällig auf
Hörer stießen, die metaauditiv und sprachschallanalytisch Defizite
aufwiesen.
Es
wird Aufgabe der Zukunft sein, entsprechende
Testverfahren und Materialien zu ersinnen, die in der Lage sind, die
sprachlichen Analysebilder in ihren beiden Ausprägungen (kleines und
großes
Analysefenster) zu erfassen. Mit den von mir entwickelten E-Tests ist
ein
erster unzureichender Schritt erfolgt, der die Existenz von zwei
Sprachschallblöcken belegt und eine auditive Sprachentwicklung
aufzeigt, die
die Entwicklung der 20ms „Default“ Fenster verfolgen hilft. Außerdem
konnten
sprachliche Defizite damit in Zusammenhang gebracht werden.
Sprechtempo,
Prosodie und Klangfarbe einer Stimme
werden nach diesen Modellvorstellungen in unserem Gehirn einer
gesonderten
Analyse unterzogen.
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[6] Invarianzproblem:
Zielitems (Phoneme) sind im
akustischen Kontinuum stark variierend kodiert. Die spektralen Formen
der
Zielsprachlaute weichen oft enorm untereinander ab. Trotzdem dekodiert
ein
Hörer scheinbar mühelos die kategorialen Konzepte der Sprachlaute.
[7] Suchodoletz, W.v. (Hg.)Therapie der Lese-Rechtschreibstörung. (LRS). Traditionelle und alternative Behandlungsmethoden im Überblick. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 2003
[8] Ungeheuer, G. Sprache und Kommunikation. IPK-Forschungberichte 13. 2.Aufl. 1972
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[10] Piroth, H.G. Linguistik. Impulse und Tendenzen. Zur Sprachlautkonstituierung im phonetischen Wahrnehmungsprozess. Hg. Günthner S. et.al. de Gruyther: Berlin, 2005
[11] Rosner und Pickering 1994
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[14] Ein kürzerer Ertaubungszeitraum und ein
späterer Ertaubungszeitpunkt bedeuten eine längere Hörerfahrung. Dies
erklärt
die starke Korrelation zwischen Zeitfenster2 und Ertaubungszeitraum
einerseits
und das Fehlen von Korrelation zwischen Zeitfenster2 und
Ertaubungszeitpunkt
andererseits, wie in der Arbeit von Frenkenberger 2001 gezeigt werden
konnte.
[15] Wieder zeigt sich, dass alle
getesteten Schüler die kleinen 20ms Urteile für /e/ Vokale nicht
verwenden, wie
dies für diese Altersgruppe entwicklungsgemäß zu erwarten war.