German Letters
Luise von
Mecklenburg-Strelitz
(1776 -
1810) |
| At the age of seventeen, Luise,
daughter of the Duke of Mecklenburg-Strelitz, married the crown prince of
Prussia, who in 1797 ascended the throne as King Friedrich Wilhelm III.
She gave birth to seven children, one of whom succeeded his father as King
Friedrich Wilhelm IV, while another became Emperor Wilhelm I. As queen,
she won the hearts of the people with her courage and kindness.
Politically concerned, she supported Prussian-Russian cooperation,
encouraged her timid husband to use military force against the advancing
armies of Napoleon and, after Prussia had suffered a crucial defeat at
Jena in 1806, she appeared personally before the French Emperor in a bold
but unsuccessful attempt to persuade him to spare her country. Napoleon,
who correctly considered her an instigator of Prussian resistance, tried
to destroy her reputation but succeeded only in making her more beloved.
In 1807 the Prussian King signed a peace agreement giving half of his land
to France. Buoyed up by her faith, to which the following
letter gives abundant expression, Queen Luise endured patiently the
hardships of her final years. She did not live to see Prussia’s
liberation from Napoleon in 1813-14. At the age of thirty-four, while
visiting her father in Strelitz, she became sick and died in her husband’s
arms. |
| anders
- different(ly)
deshalb - therefore
einschlafen (ä; ie, a) - go to sleep, fall asleep
einsehen (ie; a, e) - understand
e Ergebung - surrender; resignation
einleiten -
introduce |
fortschreiten (schritt
fort, fortgeschritten) - progress
geistig - spiritual, mental
glücklich - happy; lucky
r Herzog (¨-e) - duke
irdisch - earthly
s Jahrhundert (-e) -
century |
r König (-e) - king
e Königin (-nen) -
queen
e Ordnung (-en) - arrangement
Preußen - Prussia
e Ruhe - peace, calm; rest
ruhig - calm; peaceful
|
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| Luise,
Königin von Preußen
An ihren Vater, Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz
Königsberg, April 1808 Bester Vater!
Mit uns ist es aus, wenn auch nicht für immer, doch für jetzt.
Für mein Leben hoffe ich nichts mehr. Ich habe mich ergeben, und in
dieser Ergebung, in dieser Fügung des Himmels bin ich jetzt ruhig
und in solcher Ruhe, wenn auch nicht irdisch glücklich, doch, was
mehr sagen will, geistig glückselig. Es wird mir immer klarer, daß
alles so kommen mußte, wie es gekommen ist. Die göttliche
Vorsehung leitet unverkennbare neue Weltzustände ein, und es soll
eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat
und in sich abgestorben zusammenstürzt.
Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen,
welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir
sind mit derselben nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie
uns. Das sieht niemand klarer ein als der König. Noch eben hatte
ich mit ihm darüber eine lange Unterredung, und er sagte in sich
gekehrt wiederholentlich: das muß auch bei uns anders werden.
|
Fügung : disposition
glückselig: blissful
die göttliche Vorsehung: divine Providence
/ unverkennbar: unmistakable / überleben: outlive
in sich ... zusammengestürzt:
having died, is collapsing / Lorbeeren: laurels
überflügeln: outstrip
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| allmächtig
- all-powerful
begraben (ä; u, a) - bury
besiegen (reg.) - conquer
s Feld (-er) - field
französisch - French
r Kaiser (-) - emperor |
listig
- cunning
r Löwe (-n, -n) - lion
mißlingen (a, u) - fail
offenbar - obvious(ly)
r Preuße (-n, -n) - Prussian
r Russe (-n, -n) - Russian |
schlau
- sly
tapfer - brave
überlegen (reg.) - consider, ponder
r Vorteil (-e) - advantage
s Werkzeug - tool
|
|
| Auch
das Beste und das Überlegteste mißlingt, und der französische
Kaiser ist wenigstens schlauer und listiger. Wenn die Russen und die
Preußen tapfer wie die Löwen gefochten hatten, mußten wir, wenn
auch nicht besiegt, doch das Feld räumen, und der Feind blieb im
Vorteil. Von ihm können wir vieles lernen, und es wird nicht
verloren sein, was er getan und ausgerichtet hat. Es wäre
Lästerung, zu sagen, Gott sei mit ihm; aber offenbar ist er ein
Werkzeug in des Allmächtigen Hand, um das alte, welches kein Leben
mehr hat, das aber mit den Außendingen fest verwachsen ist, zu
begraben. |
fechten (p.p.: gefochten):
fight
das Feld räumen: retreat
ausrichten: accomplish / Lästerung: blasphemy
Außendinge: external objects / verwachsen mit: grow
together with |
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| bewundern
(reg.) - marvel at; admire
eben - just (adv.)
r Ehrgeiz - ambition
e Gerechtigkeit - justice
s Gesetz (-e) - law
glänzen (reg.) - glitter, glisten
r Glaube(-ens, -en) - faith |
s Gleichgewicht
- balance, equilibrium
s Glück - happiness; luck
s Interesse (-n) - interest
meinen (reg.) - mean; think; say
messen (i; a, e) - measure
persönlich - personal(ly) |
politisch
- political
e Regierung (-en) - government
r Thron (-e) - throne
r Umstand (¨-e) - circumstance
e Ungerechtigkeit (-en) - injustice
e Wahrheit (-en) - truth |
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| Gewiß
wird es besser werden: das verbürgt der Glaube an das vollkommenste
Wesen. Aber es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten.
Deshalb glaube ich auch nicht, daß der Kaiser Napoleon Bonaparte
fest und sicher auf seinem jetzt freilich glänzenden Thron ist.
Fest und ruhig ist nur allein Wahrheit und Gerechtigkeit, und er ist
nur politisch, das heißt klug, und er richtet sich nicht nach
ewigen Gesetzen, sondern nach Umständen, wie sie nun eben sind.
Damit befleckt er seine Regierung mit vielen Ungerechtigkeiten. Er
meint es nicht redlich mit der guten Sache und mit den Menschen. Er
und sein ungemessener Ehrgeiz meint nur sich selbst und sein
persönliches Interesse. Man muß ihn mehr bewundern, als man ihn
lieben kann. Er ist von seinem Glück geblendet, und er meint alles
zu vermögen. Dabei ist er ohne alle Mäßigung, und wer nicht Maß
halten kann, verliert das Gleichgewicht und fällt. |
verbürgen:
guarantee
sich richten nach: conform to
beflecken: stain
redlich: sincerely
ungemessen: unlimited
geblendet: blinded / vermögen:
be able / Mäßigung: moderation / Maß halten:
observe moderation
|
|
| sich
befinden (a, u) - be
böse - evil
dankbar - grateful
ehrwürdig - venerable
empfehlen (ie; a, o) - recommend
e Entfernung (-en) - distance
folgen (reg.) - follow
formen
(reg.) - form; shape |
geschehen
(ie; a, e) - happen
e Gewalt (-en) - power
e Heiterkeit - cheerfulness
r Held (-en, -en) - hero
jetzig - present, now existing
küssen (reg.) - kiss
r Mut - courage
|
e
Seele (-n) - soul
sittlich - moral
sorgen für (reg.) - attend to,
take care of
sterben (i; a, o) - die
r Trost - consolation
wahrscheinlich - probable; probably
zusammensetzen (reg.) - put together; compose |
|
|
Ich glaube fest an Gott, also auch an sittliche
Welt-ordnung. Diese sehe ich in der Herrschaft der Gewalt nicht;
deshalb bin ich in der Hoffnung, daß auf die jetzige böse Zeit
eine bessere folgen wird. Diese hoffen, wünschen und erwarten alle
bessern Menschen, und durch die Lobredner der jetzigen und ihres
großen Helden darf man sich nicht irre machen lassen. Ganz
unverkennbar ist alles, was geschehen ist und geschieht, nicht das
Letzte und Gute, wie es werden und bleiben soll, sondern nur die
Bahnung des Weges zu einem bessern Ziele hin. Dieses Ziel scheint
aber in weiter Entfernung zu liegen, wir werden es wahrscheinlich
nicht erreicht sehen und darüber hinsterben. Wie Gott will; alles
wie er will. Aber ich finde Trost, Kraft, Mut und Heiterkeit in
dieser Hoffnung, die tief in meiner Seele liegt. Ist doch alles in
der Welt nur Übergang! Wir müssen durch. Sorgen wir dafür, daß
wir mit jedem Tage reifer und besser werden.
Hier, lieber Vater, haben Sie mein politisches
Glaubensbekenntnis, so gut ich als eine Frau es formen und
zusammensetzen kann. Mag es seine Lücken haben, ich befinde mich
wohl dabei. (...)
Ihrem freundlichen Andenken empfehle ich meinen
Mann, auch unsere Kinder alle, die dem ehrwürdigen Großvater die
Hände küssen, und ich bin und ich bleibe, bester Vater, Ihre
dankbare Tochter
Luise. |
Herrschaft : dominion
Lobredner: eulogists
irre machen: confuse / unverkennbar:
unmistakably
Bahnung: clearing
hinsterben: die away
Glaubensbekenntnis: creed / Mag
es: even if / Lücken: inadequacies / ich befinde mich
wohl dabei:: I am comfortable with it
Ihrem freundlichen Andenken empfehle ich meinen Mann: I hope
you will continue to think favorably of my husband / ehrwürdig:
venerable
|
|
| A.
Answer in German.
1. Welches Gefühl hatte Königin Luise, nachdem sie sich in ihr
Schicksal ergeben hatte?
2. Was hat in ihren Augen die göttliche Vorsehung
mit der neuen Weltordnung zu tun?
3. Welche Einsicht hatte ihr Mann, König Friedrich Wilhelm III?
4. Welches Land hatte zusammen mit Preußen gegen Frankreich gekämpft?
Wer hat gewonnen?
5. Welche Eigenschaften Napoleons trugen zum Erfolg der französischen
Armee bei?
6. Wie interpretiert Königin Luise die Rolle des französischen
Kaisers in Bezug auf den Plan Gottes für die Welt?
7. Woher bekam die Königin die Gewißheit, daß die Weltzustände sich
bessern werden?
8. Welche Schwächen erkannte Königin Luise in Napoleon, die ihn zum
Fall bringen könnten?
9. Von wem sollte man sich nicht verwirren lassen?
10. Glaubte Königin Luise, daß sie das von Gott gewollte Ziel der
damaligen Ereignisse noch erleben würde?
11. Ist es eigentlich sehr überraschend, daß die Königin ihrem
Glaubensbekenntnis die Worte hinzufügte: "so gut ich als eine Frau
es formen und zusammensetzen kann"? Versuchen Sie, Ihre Antwort zu
begründen! |
| B.
Relative pronouns: Fill in the blanks with appropriate relative pronouns.
Translate the sentences.
1. Die Fügung des Himmels, _______ die Königin in ihrem Brief
erwähnt, machte sie geistig glückselig.
2. Alles, _______ sich ereignete, mußte doch geschehen.
3. Die alte Weltordnung, _______ sich überlebt hat, stürzt zusammen.
4. Friedrich der Große schuf eine neue Zeit, mit _______ die späteren
Preußen nicht immer fortschritten.
5. Der König, mit _______ die Königin eine lange Unterredung gehabt
hatte, sah das klar ein.
6. Die Russen und die Preußen, _______ tapfer gekämpft hatten,
mußten doch am Ende das Feld räumen.
7. Der französische Kaiser, von _______ man viel lernen kann, war
schlauer als die Preußen.
8. Das, _______ er ausgerichtet hat, wird nicht verloren sein.
9. Die Königin behauptete, Napoleon sei das Werkzeug, _______ Gott
gebrauche, um das Alte zu begraben.
10. Der Thron, auf _______ Napoleon saß, war doch nicht fest und
sicher.
11. Napoleon, _______ man vielleicht bewundern aber durchaus nicht
lieben kann, war ehr- geizig und von seinem Glück geblendet.
12. Kümmerte er sich wirklich nicht um die ewigen Gesetze, nach
_______ sich die Menschen richten sollen?
13. Luise warnte vor den Lobrednern Napoleons, von _______ sie sich
nicht irre machen ließ.
14. Sie schrieb, sie werde wahrscheinlich das Ziel der göttlichen
Vorsehung, _______ in weiter Entfernung zu liegen scheine, nicht erreicht
sehen.
15. Sie fand Kraft und Mut in der Hoffnung, _______ tief in ihrer Seele
lag.
16. Sie gab zu, daß ihr Glaubensbekenntnis, _______ sie sorgfältig
zusammengesetzt hatte, Lücken haben könnte. |
| C.
Fill in the blanks with active-voice verbs in the indicative.
1. Für ihr eigenes Leben __________ (hoped) Königin Luise
nichts mehr.
2. Es ________ ihr klar ___________ (had become): Alles ________
__________ _________ (had had to come), wie es ___________
________ (had come).
3. _________ die alte Ordnung der Dinge ___________
(Is ... collapsing)?
4. ________ auch die Königin auf den Lorbeeren
Friedrichs des Großen ____________ (Had ... fallen asleep)?
5. Durch Napoleon __________ (buries) Gott das Alte, das
keine Spur vom Leben mehr __________ (shows).
6. Gewiß ________ manches besser _________ (will become).
7. Napoleon __________ (lost) das Gleichgewicht und __________
(fell).
8. Die Königin ________ fest an Gott ___________
(believed, conv. past).
9. Daher ________ sie eine bessere Zeit ____________
(expected, conv. past).
10. In dieser Hoffnung ________ sie Trost ___________
(found, conv. past).
11. Als sie zwei Jahre später ________ (died), _______ diese
bessere Zeit noch nicht ____________ (had...come).
12. Wann _________ die Welt das Ziel ____________
(will ... reach), wo alles ________ ________ (will be), was
es ________ ________ (should be)? |
| D.
Express in German.
1. Although the Prussians and the Russians fought bravely against
Napoleon, they had to to retreat.
2. Nevertheless, Queen Luise of Prussia is calm, for it is clear to her
that God is using the sly French Emperor to introduce a new order
of things.
3. Frederick the Great had created a new era, but the Prussians fell
asleep and did not progress.
4. Without truth and justice, a government cannot be secure, and
Napoleon is neither just nor honest.
5. Moreover, his ambition, which knows no moderation, makes him blind.
6. This blind Emperor will not reach his goal, for he will lose his
balance and fall.
7. Because of her belief in God, Queen Luise finds consolation in the
hope that better times will follow.
8. Everything happens so that the world will become what it should be.
9. The Queen knows that she will probably not see the day on which this
goal is reached. |
| Suggestion for oral
practice: Queen Luise's father
attempts to summarize for old acquaintances his daughter's appraisal of
Napoleon's chances for continued success. Each "listener" has
his own opinion about Napoleon and is quick to express it. |
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