1. Kapitel: Wald



"Am Anfang war all dies Land wie eine große Weide, da liefen Mensch und Hornvater gemeinsam. Als dann aber eine Zeit des Hungers und der Kälte kam, litten sie viel, bis Mensch es nicht mehr ertragen konnte und den Hornvater im Schlaf mit einem Stein erschlug. Er nahm des anderen Fleisch und aß sich satt daran. Er nahm dem anderen die Decke und wärmte sich darin. Er schlief ein und träumte. Als er erwachte, war er allein. Das machte ihn sehr traurig. Da nahm der Mensch einen Zehen vom Hornvater und schnitzte sich eine Flöte daraus. Er setzte sich an den Eingang der Höhle, mit dem Rücken zum Heiligen Grund, und spielte ein wenig. Da kamen die größeren, älteren Brüder aus dem Grund und stellten sich um ihn herum. Er spielte noch ein wenig, da kamen die kleineren, jüngeren Brüder aus dem Grund und liefen zwischen den großen Brüdern. Er schloß die Augen und spielte sehr lange. Da kamen die anderen Aimats aus dem Grund, setzten sich um ihn herum und sahen ihm staunend zu. ‚Warum hast Du uns geweckt?‘, fragten sie. ‚Wegen der Einsamkeit‘, sagte er. Sein Name war Nulpo und die Zauberflöte ist hier bei mir."
Erzählung der alten Parre


Weit oben im Neckartal, unweit der Stadt Rottweil, gibt es eine Stelle, wo sich der Fluß nacheinander um zwei Anhöhen herumgegraben hat. Im Südosten liegt die Schlinge des älteren Laufes, und es ist schon lange her, daß sie zuletzt Wasser geführt hat. Sanft gerundet geht dort das "Bergle" in die trocken gefallene Niederung über, denn gegen eine schroffe Felswand anrauschend fließt der Neckar nun widerwillig nach Nordosten und schlägt einen weiten Bogen um die zweite und steilere Kuppe. Vom deren Höhe grüßen die Ruinen einer Burg hinab zur hölzernen Brücke und zwischen den beiden Hügeln steht ein stattlicher Hof, dessen Wiesen und Äcker sich im Tal breitmachen. Die Geleise der Eisenbahn, welche kurz zuvor die riesigen Tragpfeiler einer Autobahnbrücke unterquert haben, liegen nahebei und der Reisende erfährt den Anblick einer gefälligen, vom Menschen gezähmten Landschaft.

Vor mehr als siebeneinhalb tausend Jahren aber war das ganze Land eine rauhe Wildnis. Der Neckar wurde damals "Fluß des Wassergeistes" oder Norge genannt. Er strömte in raschem Lauf durch das enge Tal, unberührt von Menschenhand. Weiden lehnten sich über seine dunkle Oberfläche, vereinzelt stand auch eine Pappel oder Erle dicht am Ufer. Die Hänge bedeckten Eschen, Ahornbäume und Winterlinden. Auch auf der Hochebene zu beiden Seiten des Flusses reckten sich mächtige Stämme dem Licht entgegen, hier wuchsen vor allem Eichen, Sommerlinden und Rüster. An besonders trockenen Stellen standen vereinzelt auch knorrige Forchen, so etwa am steilen Rand des Muschelkalk-Felsens. Rot- und Hainbuchen jedoch fehlten gänzlich im Waldbild jener Tage.

Haselgebüsch wucherte reichlich auf lichten Plätzen und prangte in voller Blüte. Neben der Hasel gab es auch ruppige Weißdorn- und Schlehen-Büsche. Blauer Steinsame und Blasses Knabenkraut blühten schon an einigen offenen Stellen im Tal und auf der Sonnenseite der Hänge. Am Schatthang dagegen wuchsen Hirschzungen und Schild- und Eichenfarne rollten sich aus. Wo der Fluß reichlich vom Kies und Schotter seiner Fracht abgeladen hatte, gab es eine Bank, dort wippte etwas Scharbockskraut mit gelben Blüten, welche von einigen Hummeln angeflogen wurden. Deren behäbiges Summen war das einzige Geräusch vor dem Hintergrund einer tiefen und allumfassenden Stille, unterbrochen höchstens noch durch das verspielte Plätschern der Strömung, das Wispern der Zweige im Wind und einen gelegentlichen Vogelruf.

Ein kaum sichtbarer Pfad folgte dem Fluß und führte von dort zwischen den beiden Anhöhen über einen kleinen Paß, welcher die Flußschleifen kürzte. Dort kam ein Mann daher, ein Wilder. Er war von geringer Größe und dunkler Hautfarbe - soweit diese unter einer umfassenden Schmutzschicht erkennbar schien - bekleidet nur mit einem breiten, ledernen Hüftgurt. Einen zweiten solchen Gurt trug er als Tragetasche über der linken Schulter. Sein Geschlecht war in einer steifen Hülle aus Bast verstaut. Wie ein kleines Verhängnis umschwärmten ihn einige frühe Stechmücken.

Noch keine fünfundzwanzig Lenze mochte der Mann erlebt haben, doch hatte das harte Leben, welches er führte, ihn weit über seine Zeit altern lassen. Sein braunes Haupthaar wurde als verfilzter Zopf nur mühsam von einem kunstvoll geflochtenen Lederriemen gebändigt. Über sein Gesicht wucherte ein grob gestutzter Bart, in den sich schon das erste Grau geschlichen hatte, hinab zum Hals, von wo aus er sich fast mit der dunklen Behaarung auf Brust und Schultern vereinte. Mit weit auseinanderstehenden, leicht schräg gestellten und zusammengekniffenen Augen, breiter Nase und großen, beweglichen Ohren wirkte sein von tiefen Falten durchfurchtes Gesicht wie aus Erde geformt. Die Stirn des Mannes war schmal, sein Unterkiefer dagegen massig geformt. Zwischen Mund und Kinn stak ihm ein Pflock aus dem Penisknochen des Dachses. Wie er in die Sonne blinzelte und dabei den Mund öffnete, kam sein abgenutztes Gebiß zum Vorschein, in welchem schon etliche Lücken klafften. Eine Kette aus Tierzähnen - Hirschgrandeln, die Waffen des Wildschweins und ein Bärenfang - schmückte seine Brust. Auch baumelte dort eine einfache, aus dem Flügelknochen einer Hohltaube geschnitzte Lochpfeife. Schorfige Schrammen und frische Kratzer bedeckten den Leib und die Beinen entlang verliefen tiefe Schmucknarben, ganze Bündel von Linien, die mit Rötel1 hervorgehoben waren. Da der Mann barfuß schritt, mußte wohl eine dicke Hornhaut seine Fußsohlen schützen. Zwar war er schlecht gebaut und mager (bis auf einen vom Mangel aufgetriebenen Leib), doch an seinen Gliedmaßen wölbten sich knotige Muskeln, die etwas von der zähen Kraft erahnen ließen, welche in seinem Körper steckte. In der Rechten trug er eine fast mannshohe, leicht gebogene Stange, um den eine Sehne geschlungen war: seinen entspannten Jagdbogen.

Aus dem Stamm einer Ulme geschnitten, wies diese Waffe eine äußerst gewissenhafte Bearbeitung auf. Die Innenseiten ihrer gleichseitigen Wurfarme waren glatt, ihre Außenseiten dagegen halbrund geformt. Alle Oberflächen waren sorgfältig glattgeschabt worden. Am oberen Arm befand sich eine Durchbohrung, in welcher die Sehne beständig festgeknüpft war, das untere Ende dagegen wies unter einer sorgfältig ausgearbeiteten Verdickung des Holzes lediglich eine tiefe Kerbe auf. Über dem beidseitig eingezogen und fast eckigen, mit dünnen Därmen umwickelten Griffteil waren weiterhin drei geringere Vertiefungen eingeschnitten, eine knapp über der anderen, diese dienten als Pfeilführungen für verschieden Zielentfernungen. Durch Schweiß und Talg von der Hand des Schützen hatte der Griff im Lauf der Jahre einen dunkel glänzenden Farbton angenommen, ähnlich dem mit Wachs oder Fett behandelten Holz. Eine feine und kunstvoll eingeritzte Verzierung aus schräg liegenden Linienmustern - von ähnlicher Art übrigens wie die Verzierungen an den Beinen des Mannes - bedeckte die Vorderseiten des Bogens.

Über der rechten Schulter des Mannes staken in einem einfachen Lederköcher, welcher mit durchbohrten Schneckenhäuschen verziert war, einige lange und dreifach befiederte Pfeilschäfte. Zusammengeschnürte Riemen am oberen Ende des Köchers vermieden ein Klappern der Pfeile beim Laufen. Aus einer hölzernen, mit Leder eingefaßten Scheide im Hüftgurt ragte der Griff eines Horndolches, in den - zur Verzierung oder für einen besseren Halt - eine dicht an dicht gewundene Rille geritzt worden war. Die Waffe bestand aus dem Mittelfußknochen eines Hirsches, wobei die Verdickung des Sprunggelenkes den Knauf bildete.

Trotz der Eile, in der sich unser Mann ganz offensichtlich befand, spähte er wachsam einher, ließ seine Blicke vom Boden zum Blätterdach schweifen, blieb auch einmal stehen, drehte seine Ohren in den Wind und schnüffelte mit bebenden Nasenflügeln. Als er sich an einer Stelle etwas geräuschvoll zwischen einigen Haselbüschen hindurchwand, strich mit rohen Geschrei ein Eichelhäher ab. Der Mann zerknirschte ein düsteres Wort und ging etwas behutsamer weiter.

Er hörte den Norge, bevor er ihn sah und als ihn der Fluß kurz darauf zwischen den Bäumen anfunkelte, entdeckte er zugleich einen Reiher, der im seichten Wasser des gegenüberliegenden Gleithanges anstand. Vom Ruf des Hähers wachsam geworden, stand der große Raubvogel nicht mehr mit leicht emporgehobenem Haupt - wie er es tut, wenn er in Erwartung einer etwaigen nassen Beute unter seinem Schnabel hindurchschauen muß - sondern er hielt wachsam Ausschau nach dem Grund des Aufruhrs. Noch befand sich der Mann im tiefen Schatten der Bäume. Sehr langsam und leise zog er sich wieder ein Stück auf dem Pfad zurück. Sodann spannte er die Sehne auf seinen Bogen, indem mit dem linken Bein in den Bogen hineinstieg, so daß sich das Ende des schon bespannten Armes vor seinem rechten Fuß befand, während der Bogen zwischen seinen Beinen hindurch über seinem Hintern ragte. Er zog mit einer erheblichen Kraftanstrengung der Linken den oberen Wurfarm zu sich her, bis er dort die Sehne um die Kerbe schlingen konnte, und befestigte ihr freies Ende am schon gespannten Sehnenteil. Er prüfte die Waffe, wobei er die Sehne mit Zeige- und Mittelfinger umfaßte, sie jedoch wohlweislich nicht losließ. Aus seinem Köcher wählte er sodann einen Pfeil mit Querschneide. Die Feuersteinspitze ragte kaum aus der schwarzen Harzmasse, mit der sie geschäftet worden war. Dank einer tiefen Nock hielt das Geschoß sicher auf der Sehne, womit der Mann eine Hand frei hatte, um sich einen Weg zu bahnen, während er zum Fluß zurück schlich. Er hörte den Reiher abstreichen, noch bevor er ihn zu Gesicht bekam, stürmte voran und sandte dem Vogel einen hastigen Schuß nach - jedoch vergebens. Der Pfeil streifte den Stamm einer Erle (wobei die Spitze zu Schaden kam) und der Reiher verschwand stromauf um die nächste Flußbiegung. Halblaut stieß der Mann ein höchst übles Wort aus, welches dem Häher gelten mochte, der ihm die Jagd verdorben hatte. Sodann stieg er durch den Fluß, wandte sich mit einer kurzen und nichtssagenden Entschuldigung an den angeschossenen Stamm, aus dessen Verletzung mittlerweile ein roter Saft austrat, suchte und fand endlich den kostbaren Pfeil im Unterholz, bevor er kehrtmachte und zum unteren Anfang der Flußschleife zurücklief.

Steil führte das letzte Stück Weg den Hang hinunter. Bevor der Mann vollends hinabstieg, keckerte er zweimal wie eine Eichkatze. Ein eben solches Geräusch antwortete ihm. Halb rennend, halb rutschend gelangte er zum Ufer. Dort stand, in den Boden eingelassenen, ein Pfosten vom Umfang eines Menschenleibes, welcher vom Fluß aus gut sichtbar sein mußte. In das brüchige, altersgraue Holz war vor langer Zeit ein urtümliches Gesicht eingelassen worden, dessen verwitterten Züge wachsam auf den Norge hinab schauten. Angedeutet nur erhoben sich Nase und Backenknochen, während die dicken Brauen in einem Stück wuchtig herausragten. Augen und Ohren fehlten und der Mund formte einen Kreis wie zum Ruf.

Am Flußufer befanden sich außerdem zwei Weiber und ein kleines Mädchen. Die Frauen sahen einander so ähnlich, wie dies nur bei Schwestern der Fall sein konnte. Sie trugen Leibbinden aus Bast. Ihre Haare waren geflochten sowie auf eine eigenartig verschlungene Weise um die Köpfe geknebelt worden. Ein Kropf verunstaltete den Hals der einen. Das Mädchen war vollständig nackt und trug offen eine wilde Mähne. Sein Körper zeigte beginnende Reife, war aber noch unbehaart. Es wedelte mit der Hand, um einige geflügelte Quälgeister zu verscheuchen und unter seinen Stirnfransen huschten mit furchtsamer Neugierde die Augen umher. Alle drei Gestalten waren - wie ja auch der Mann - geradezu erstaunlich schmutzig. Allerdings zierte die Körper der Frauen keinerlei Farbe oder Schmuck. Zwischen ihren flachen und tiefhängenden Brüsten hingen neben aus Pflanzenrohr gefertigten Pfeifen von der Form, wie sie der Mann trug, jeweils eine Art runder Anhänger, etwas größer als die Fläche einer Hand. Er schien zweigeteilt: der obere Halbkreis bestand aus einem feinen Geflecht von Binsen, der untere aus einer glatten, stumpfschwarzen Masse. Zwei dünne Schnüre liefen von Grund des oberen Halbkreises über den unteren und auf der hinteren Seite des Anhängers durch zwei Schlaufen wieder zurück zum Nacken der Trägerin. Am Ufer lagen fürderhin zwei große Kiepen aus ineinander verwobenen Holzspalten sowie eine zusammengerollte Plane aus Tierhaut.

Kein Wort wurde gewechselt, schweigend legten sich die Erwachsenen im Sitzen den breiten, ledernen Tragriemen ihrer Last über ihre Stirn, mit jeweils etwas Moos oder Farn als Polster dazwischen. Dem Mädchen hatte man ein Gefäß aus zähem Wurzelholz anvertraut, welches - mit frischen Blattwerk ausgelegt - etwas schwelende Glut barg. Der Mann, der das kleinste (und leichteste) Bündel trug, half einem der Weiber auf die Beine, indem er sie an den Händen empor zog. Diese verfuhr dann mit ihrer Gefährtin gleichsam. Alsdann stieg die kleine Gruppe nicht ohne Mühe den Hang hinauf, wobei der Mann den Schluß bildete. Geräuschlos verschwanden sie im Zwielicht unter den Bäumen und Augenblicke später war das Ufer des Norge so einsam wie zuvor.

Der Name des Mannes lautete Rul, was soviel bedeutete wie "Großsprecher". Zum einen war dies spöttisch gemeint, denn Rul hatte schon als Knabe viel damit geprahlt, einst ein berühmter Jäger und Anführer werden zu wollen. Andererseits verfügte er über eine sehr laute und durchdringende Stimme, welche seinen Worten im Rat und Streit ein besonderes Gewicht verlieh.

Rul gehörte dem Stamm der Aimats2 an, dessen Jagdgründe sich von den felsigen Kadde3-Höhen über den obersten Teil des Langen Flusses bis zum Gebiet der Sommerseen erstreckte. Hier lebten die "Menschen von unserer Art" - denn dies bedeutet der Name der Aimats in ihrer eigenen Sprache - wie seit Anbeginn der Zeit auf harsche Weise nur von dem, was sie mit Glück und List erbeuten oder finden konnten. Die Aimats waren ein hartes Volk, indes waren die Zeiten noch härter, und so gab es nur noch wenige Familien, die der Wildnis ihren Lebensunterhalt abzutrotzen vermochten: die Tulka4, denen Rul angehörte, die Hukha5, die Nalli und die Ula.

Das Volk, zu dem die beiden Weiber gehörten, galt als mit den Aimats verwandt und lebte am mittleren Abschnitt des Norge, in einem ausgedehnten, wild- und fischreichen Landstrich rund um den gelben Twoba6-Sumpf. Dort ging das Leben leichter und angenehmer zu als bei den ruhelosen Aimats, denn diese Menschen besaßen zahme Tiere, die sich von ihnen willig töten und verspeisen ließen.

Vor Zeiten war Rul den Norge hinab gereist, um dort ein Weib zu freien, da von den heiratsfähigen Aimat-Mädchen eine jede ihm zu nahe stand. Er fand auch wirklich eine Frau, und unter der Bedingung, ihre Schwester gleichfalls zu versorgen, welcher der Mann kurz zuvor an einer seltsamen Krankheit gestorben war, bekam Rul sie zugesprochen (immerhin sparte er so einiges am Brautgelt). Der Tulka-Mann war mehrere Jahre in der Fremde geblieben. Dann wurde es ihm zu eng - wie er sagte - und er machte sich mit seinen Frauen und einer inzwischen geborenen Tochter auf, zurück zu seinen eigenen Leuten.

Ruls Weiber wurden einfach "Mutter" und "Tante" genannt, obgleich auch sie ihre richtigen Namen hatten. Das Mädchen gehörte zur Mutter, aber es stammte nicht von Rul. Ein jeder nannte es nur "Klein", und es würde erst dann einen richtigen Namen bekommen, wenn es zum ersten Male zwischen den Beinen blutete.

Bei den Aimats galten Weiber nicht viel und Jungfern oder "unbenutzte Weiber" noch weniger. Die Leidenschaft dieses Stammes war die Jagd und aller Stolz richtete sich auf den männlichen Nachwuchs, ungeachtet dessen, daß es oft genug die Frauen waren, die zum Ausgleich vieler mißglückter Beutezüge für Nahrung zu sorgen hatten. Für "Essen" und "Fleisch" aber gab es bei den Aimats nur ein Wort und viele - vor allem der Männer - taten oftmals so, als sei es für sie eine Qual, einen wohlschmeckenden Huchen oder fetten Kaulbarsch essen zu müssen, ganz zu schweigen von nahrhaften Haselnüssen, saftigen Rüben oder süßen Waldbeeren. Nicht ohne Neid hatte Rul die zahmen Tiere der Norge-Menschen angeschaut, es aber nicht über sich gebracht, sein Herz an sie zu binden. Zu tief saß bei ihm als echtem Sohn eines Jägervolkes die Lust an Streife, Pirsch und Anstand, zu unstet war sein Lebenswandel. So gab er denn lautstark vor, die Leute, denen seine beiden Weiber angehörten (denn er beschlief sie beide), ob ihrer angeblichen Weichheit und geradlinigen Tagesläufe zu verachten, überhaupt, da einige von den Norge-Menschen begonnen hatten, nach Art der Kalats die Bäume zu töten und den Boden aufzukratzen, um eßbares Gras zu pflanzen. Ohne Not hatte sich Rul durch seine hochmütigen Art viele Gegner und einige Feinde am Norge gemacht. Vor dem Morgengrauen und ohne eine Menschenseele zu bescheiden, zog dann die ganze Familie fort. So war es der Wille von Rul.

Bei den Norge-Menschen waren die Aimats auch als die "Schweifenden" bekannt. Bis zur "Pforte der Schweifenden" (Porta Suevica) hatten Rul und die Seinen - mühsam gegen das Frühjahrshochwasser ankämpfend - ein leichtes Corakel7 gestakt und getreidelt. An der Pforte, dort, wo das Flußtal enge wurde, begann auch eine sehr heftige Strömung mit mannigfachen Schnellen, Stufen und Blöcken. So versteckten die Reisenden ihr Boot und benutzten in der Folge einen uralten Wanderweg, welcher sie über viele Marschtage zur Wasserscheide und bis hinab zum Langen Fluß führen sollte.

Fußpfade wie dieser folgten damals jedem größeren Wasserlauf. Sie verliefen zwischen den Flüssen und Seen, über Pässe und Tragestrecken und manchmal auch entlang der Grenzen eines Stammesgebietes. Die Entfernungen darauf wurden in Tagesreisen gemessen und nach bestimmten Landmarken benannt - herausragenden Bäumen oder Baumgruppen, auffallenden Gesteinsanordnungen, Felsen oder Höhlen, Furten, Wasserfällen oder Gewässermündungen, Quellen, Seen oder Sümpfen oder auch solch einem geschnitzten Holzpfahl, wie er auch zwischen den beiden Umlaufbergen am Norge gestanden hatte.

Zu einem jedem dieser bemerkenswerten Orte gehörte ein eigenes kurzes Lied, der Joik8 oder "Gesang, der das Land nennt". Ein Aimat kannte sämtliche Joiken aller wichtigen Landmarken in seinem Gebiet und zusätzlich noch viele Lieder benachbarter Gegenden. Natürlich mußten diese Lieder laufend auf den neuesten Stand gebracht werden. Überflutungen, Erdrutsche, Steinschläge, Stürme und Waldbrände veränderten ja immer wieder das Antlitz des Aimat-Landes. Anläßlich eines großen Stammes-Treffens in der Zeit der kurzen Nächte wurden bei einem Liederwettstreit die jeweils neuesten Fassungen vorgetragen und für gut Befunden (oder auch verworfen).

Und so sang Rul gerade mit Fistelstimme:

Hoihoio

Im Flußbett ein Fels wie der Schädel eines kahlen Alten

Groß wie der braune Bär

Mit Moos bewachsen wie Schimmel

Der Norge krümmt sich am jenseitigen Ufer vorbei

Schäumt, sprudelt, spritzt und rauscht

Verläßt erleichtert den engen Lauf

Und stürzt weiter das Tal hinab

Meistenteils zogen Rul und die seinen direkt am Fluß entlang, manchmal aber, wenn etwa das Ufer sumpfig oder felsig wurde, verlief der Weg höher am Hang oder er kürzte eine der weiten Flußschleifen durch den Urwald. Auf diesen Überlandstrecken war der Pfad in der Weise gekennzeichnet, daß die Rinde nahebei stehender Bäume in Augenhöhe und auf zwei gegenüberliegenden Seiten bis auf das Holz hin abgeschalmt worden war. Einstmals hatte man deutlich den hellen Splint der so gekennzeichneten Bäume erkennen können, mittlerweile aber waren die Marken alt und nur noch schlecht sichtbar, weil verwittert oder von den Narben des Stammes überwallt. Manch gezeichneten Baum hatte auch ein Sturm oder das schiere Alter geworfen.

Die kleine Menschengruppe wandelte zumeist unter ausladenden Baumkronen, welche das meiste Licht vom Boden abschirmten. Flechten und Moosen wuchsen an den mächtigen Stämmen, auch hingen vielerlei Ranken im Geäst. An einigen Stellen hatten Blitz und Sturm gewütet oder gefräßige Holzkäfer, dort bildete ein Verhau aus Baumleichen, tückisch ineinander geworfen, ein Hindernis, welches nur umgangen werden konnte. Überhaupt lagen recht häufig tote Stämme im Weg. Und wenn einer der hölzernen Riesen gefallen war, hatte er ein Loch in das umliegende Blätterdach gerissen, wo sich in engen, kämpfenden Gruppen der Jungwuchs dem Licht entgegen schob. Durch Wind und schweren Regen war auch viel junges Stangenholz über den Pfad gebogen worden. Andernorts hinderte dichter Unterwuchs den Tritt des Wanderers. Dornige Brombeeren rissen an der Haut. Hohes, verfilztes Gras verwehrte den Blick zum Boden, darunter gab es Steine und Wurzeln, die tückisch zum Straucheln einluden.

Die Spuren anderer Waldbewohner vermochten wohl, den Wanderer in die Irre zu führen: so kreuzten etwa der uralte Wechsel einer Wolfssippe oder der Paß einer Rotte von Wildschweinen den Pfad der Menschen. Nahe einem feuchten Quell zeigten sich die Trittsiegel zweier Hirsche (wahrscheinlich stammten sie von einem alten Einsiedler und seinem Beihirsch oder von einer feisten Kuh mit Schmaltier). Ein Fuchs hatte auf einem am Boden liegenden, halbvermoderten Stamm seine Losung abgesetzt, in Form einer spitzen, fingerdicken Wurst, die mit Haaren, Obstkernen und Beerenresten durchsetzt war. Die Lager des Rehwilds lagen unauffällig am Hang, denn dort ruhten diese Tiere gern zum Wiederkäuen, das Haupt hangabwärts und in den Wind gerichtet. Am Fuß einer mächtigen Kiefer fand sich das Gewölle eines Kauzes, in welchem auch die feinsten Knöchlein der Beutetiere unversehrt geblieben waren. Huderpfannen von Waldhühnern gab an lichten Stellen auf oder in der Nähe des Pfades. Federreste, wahllos in kunstvollen Formen hingestreut, erzählten gleichgültig Geschichten vom qualvollen Sterben. Einmal konnten Rul und die seinen das Brechen eines großen Tieres im Unterholz vernehmen, als ein Tur9 oder Uson10 sich seinen Weg bahnte. Der Kuckuck rief, Spechte klopften und gelegentlich gurrte eine Hohltaube zaghaft und unsichtbar über ihren Köpfen. Während einer Nacht hörten sie bei Sonnenuntergang einen einsamen Farka11 heulen. Meist jedoch herrschte schlichtes Schweigen unter dem endlosen Blätterdach.

Die letzten Spuren ihresgleichen hatten die Wanderer auf einem seit langem nicht mehr benutzten Zeltstelle an der Pforte angetroffen. Seit die Norge-Menschen nicht mehr den Fluß hinaufzogen, um hier zu fischen und zu jagen, war die Gegend gänzlich verlassen, mithin auch der Pfad stark vernachlässigt. Vielleicht, daß sich noch der Verfemte von den öden Kadde-Hügeln hinab ins Tal wagte. Es war allerdings schon lange her, daß Rul das letzte Mal von diesem Mann gehört hatte, welcher vom Stamm geächtet worden war. Wahrscheinlich lebte jener Böse schon lange nicht mehr. Erst an der Wasserscheide würden sie wieder auf ihresgleichen treffen und dort mußten sie am nächsten Tag ankommen, wenn nichts Unvorhergesehenes geschah.

Derweil hatten sie allerdings noch arg zu kämpfen. Drohend schoben sich die Felsen von beiden Seiten immer näher an den Norge heran. Der Pfad lief jetzt ganz hart am Wasser. Zähes Weidengestrüpp klammerte sich an die Rückenlasten der Wanderer, knorrige Wurzeln und glitschige Steine hemmten ihren Schritt. Schließlich wateten sie knöchel- und knietief im Fluß, weil dies der einzig gangbare Weg schien. Die Büsche und Bäume auf beiden Uferseiten reckten ihre Zweige zusammen und der Norge lag vor ihnen wie in einer langen Höhlung.

Das Unvorhergesehene geschah, als einem der Weiber der Tragriemen wegriß. Dumpf klatschte die Kiepe der Tante ins seichte Wasser, wobei etliche der dünne Spannten splitterten. Vielleicht waren schon während der Bootsfahrt die Befestigung des Riemens naß und mürbe geworden, aber für Rul, der es eilig hatte, galt keine Entschuldigung. Er verlor vollkommen die Beherrschung. Wegen ihres schlechten Vorankommens, wegen der blutdürstigen Mücken, die ihn unaufhörlich quälten und wegen des nagenden Hungers nach drei Tagen Wanderung ohne ein rechtes Mahl war er gereizt wie ein rauschiger Eber. Noch bevor die Tante sich von ihrem ersten Schreck erholt und der Möglichkeit von Strafe gewahr werden konnte, kam er über sie. Unter Flüchen und Schlägen trieb er die Ärmste vor sich her, während Mutter und Kleines mit vor den Mund geschlagenen Händen und großen Augen zusahen. Durchs Gebüsch ging die wilde Jagd und wieder hinein in den Fluß, daß das Wasser hochauf spritzte. Dort hieb und trat Rul auf die Tante ein, bis jene bewußtlos im flachen Strom liegenblieb. Nun war an ein Weiterkommen erst recht nicht mehr zu denken, ja, die Tante wäre vielleicht gar ertrunken, wenn ihre beiden Gefährtinnen nicht zu Hilfe gekommen wären.

Mithin fand die nun ernsthaft einsetzende Abenddämmerung den kleinen Trupp auf einem morastigen Uferstreifen am Fuße der Felswand, wo er von den geflügelten Blutsaugern arg heimgesucht wurde. Die Frauen und das Mädchen rieben sich mit Schlamm ein, den sie aus der Uferböschung kratzten. Ruß oder Asche wären besser gewesen, standen aber nicht zur Verfügung. Rul hatte sich mürrisch fortgemacht und die Frauen mußten sich, so gut es eben ging, ein Lager richten.

Gute Zeltplätze hatte es auf der ganzen Strecke nur wenige gegeben - dies waren ausnahmslos alte und heruntergekommene Lagerstellen der Norge-Menschen gewesen. Ein guter Ort zum nächtlichen Verweilen sollte offen sein, um der Vorsicht willen und auch deswegen, weil es im schattigen Unterholz die meisten Stechmücken gab. Ein Lager, das direkt am Fluß zu liegen kam, sollte sich möglichst nicht an einem Abschnitt des Gewässers befinden, wo das Rauschen und Plätschern des Stromes bedeutsame Laute zu übertönen vermochte. Andererseits sollte Trinkwasser nicht zu weit entfernt sein. Etwas Totholz nahebei war gleichfalls von Nutzen, um möglichst rasch ein nur wenig rauchendes Feuer in Gang zu bringen. Und doch durfte das Lager selbst nicht inmitten toter Stämme oder unter abgestorbenen Ästen liegen, der Gefahr wegen, die vom fallenden Holz ausgehen mochte. Ein ebener Grund für die Schlafstatt war gleichfalls wichtig, damit man des Nachts nicht umherrutschte und dem Schlaf entsagen mußte. Ein angenehmes Lager zur Nachtruhe mochte wohl für die Anstrengungen eines Wandertages zu entschädigen - dagegen ein schlechtes, das konnte einem den nächsten Tag verderben, bevor dieser überhaupt begonnen hatte. Ein schlechter Ort konnte gefährlich werden, ein feindlicher Ort bedeutete manchmal Verderbnis und Tod.

Die Weiber und das Mädchen wateten durch den Fluß und zogen ein stückweit vom Wasser fort, dorthin, wo die Bäume etwas lichter standen. Die Stelle, den sie schließlich bezogen, schien ihnen ziemlich schlecht zu sein. Sie lag am Gleithang des Norge unter einigen alten Eschen und Eichen. Mit nicht geringer Anstrengung schufen fleißige Hände einen geringen Freiraum. Kleine Sträucher und Stauden wurden kurzerhand ausgerissen, Unterholz beiseite geräumt, Steine vom Boden gelesen. Dann gingen die beiden Frauen zu einigen Haselbüschen und schnitten dort Stangen und Ruten. Dazu benutzten sie ihre Halbmondmesser, die sogenannten Ulus12. Jene Anhänger, die sie trugen, bestanden nämlich tatsächlich aus zwei Teilen. Im Inneren der Bastscheiden steckten blattförmige Klingen, flache, sanft in der Längsbahn gewölbte Abschläge aus demselben weißgrauen Feuerstein, wie ihn der Mann für seine Pfeilspitzen benutzte. Die Griffe aus dick aufgetragenem Pech wiesen deutliche Vertiefungen für die Finger auf, da sie sich in der Hand erwärmten und somit von selbst dem Griff anpaßten.

Diese scharfen Klingen wurden am unteren Ende einer ausgewählten Stange angesetzt und rundherum tiefe Kerben in das Holz gedrückt. Die Weiber redeten mit den Büschen, während sie arbeiteten, entschuldigten sich warmherzig und statteten höflich ihren Dank ab, denn der Hasel galt diesen Menschen seit jeher als heilig. Flinke Hände knickten die Stangen um, spitzten die unteren Enden vollends zu und entfernten die seitlichen Zweige. Zurück im Lager, bohrten und hämmerten sie mit Schlagsteinen und kurzen, spitzen Pflöcken einen Kreis von Löchern ins Erdreich, rammten die Stangen in den Boden, bogen deren dünne Enden oben zusammen und verbanden sie mit zähen, dünnen Wurzeln. Dann flochten sie dünnere Ruten ein, wobei sie nicht wenig über den abwesenden Rul lästerten, angefangen damit, daß seine Unbeherrschtheit ihnen dies Ungemach eingetragen hatte, weitergehend über seine schlechten Gewohnheiten im allgemeinen sowie seine (ihrer Ansicht nach) geringe Tauglichkeit als Anführer und Jäger im allgemeinen sowie Vater und Beischläfer im besonderen. Die ungefüge Plane, mühsam ausgerollt und mit Riemen am Stangengerüst festgebunden, deckte nur einen Teil des Innenraumes ab. Ihr am Boden aufliegender Rand wurde mit einigen starken Ästen beschwert. Abfällig zogen die Frauen über Ruls Äußeres her, beginnend bei seinem ungepflegten Bart bis zur geringen Größe seines Geschlechts, die restlichen Teile des Zeltdaches bedeckten sie währenddessen notdürftig mit den Zweigen, die beim Schneiden der Stangen übriggeblieben waren, außerdem nahmen sie Garben von Grasbüscheln und Farnwedeln. Als sie Zweige von einer Esche schnitten, zogen sich ihre Entschuldigungen ein wenig in die Länge, was dem Fortschreiten der Tätigkeit natürlich abträglich war. Außerdem entfernten sich die Schnitterinnen einige Schritte rückwärts vom jeweiligen Stamm, denn Eschen - so glaubten sie - waren weniger verehrungswürdig als vielmehr unberechenbar. Sie polsterten den Boden ihrer Unterkunft mit Reisig und dürrem Laub aus. Dabei tratschten sie weiter über Rul und ahmten übertrieben nach, wie er sich bewegte und sprach. Wenn das Mädchen einen Ausdruck nicht begriff, erläuterten Mutter und Tante ihn ausführlich und mit hämischer Freude. So spotteten sie wohl, klagten aber nicht.

Schließlich stand die schlichte Unterkunft, welche "Kota"13 genannt wurde. Ihr Inneres war streng aufgeteilt: rechts vom Einlaß die Liegestatt des Mannes in Richtung der aufgehenden Sonne, links (unter dem schlechter abgedeckten Teil des Daches) das Abteil der Frauen. Immer lag der Mann rechts des Eingangs und dem Morgen zugewandt, auch wenn dadurch der Eingang einer Kota schlecht zugänglich sein sollte. Kinder schliefen bei den Aimats stets im hinteren Teil des Zeltes.

Die hölzernen Kiepen waren mittlerweile ihrer Fracht restlos ledig, und es herrschte ein auf den ersten Blick heilloses Durcheinander im Lager. Fast konnte man meinen, die kleine Gesellschaft versuche zwanghaft, sich in ihrer unmittelbaren Umgebung auszubreiten, um einem Gefühl der Verlorenheit im düsteren Urwald zu begegnen. Das gesamte Hab und Gut der Familie hing entweder am Gerüst der Unterkunft und an niedrigen Ästen nahestehender Bäume oder lag und stand auf dem Boden herum.

Eine kleine Trommel nahm den Mittelpunkt unter den ausgebreiteten Habseligkeiten ein. Sie war mit viel Aufwand und Geduld aus einem ausgehöhlten Pappelstumpf gefertigt und mit Rohleder bespannt worden, welches von dicken Fellschnüren an Ort und Stelle gehalten wurde. Zwei hölzerne Schlegel staken in dieser Verspannung. Die Aimats verwandten ihre Trommeln für den Tanz, die Beschwörung und zur Übermittlung von Nachrichten.

Das hölzerne Glutbehältnis hatte das Mädchen neben ein verschließbares Gefäß aus Birkenrinde abgestellt, den sogenannten "Tujesok"15. Darin bewahrte man wertvollen Rötel auf. Mehrere Rollen von Birkenrinde und Lindenbast lagen nahebei. Neben einer großen, rohen Flintknolle, welche noch in ihrer Rinde eingebettet war, ruhte auf einem ausgebreiteten Lederstück eine Sammlung von Werkzeugen aus Feuerstein, Schiefer, Knochen, Geweih, Horn und Holz. Einige der Geräte waren in einem unfertigen Zustand, andere durch langen Gebrauch abgenutzt oder für eine andere Verwendung umgeformt worden. Auf dem Werkzeugbeutel waren kunstvoll Taschen und Täschchen angebracht, denn viele der Stücke waren geradezu unglaublich klein und fein. Die Spitzen aus Stein oder Horn bewehrten Pfeile, Harpunen und Speere. Von den steinernen Klingen waren einige geschäftet, sie dienten meist als Messer oder Dolche. Die Kratzer sahen den Klingen ähnlich und wurden auch ähnlich gebraucht wie diese. Sie waren jedoch gröber, da man mit ihnen auch Stein bearbeitete. Mit dem Meißel wurden vor allem Langknochen zertrümmert, um an das kostbare Mark zu gelangen. Außerdem gab es noch einen Bohrer und mehrere Stichel. Ersterer war in einen Holzstab befestigt und wurde vermittels eines Handbogens bewegt, letztere benötigte man, um aus Holz, Knochen und Geweih feine Späne herauszutrennen, mit denen wiederum Pfrieme, Ahlen und Nähnadeln gefertigt wurden, ebenso die beinernen Angelhaken, die zusammen mit den zweiteiligen Haken aus Holz in einer eigenen Tasche steckten. Mehrere Schaber dienten dazu, Felle oder Häute von Fleisch, Fett und Wasser zu befreien, damit sie gegerbt werden konnten. Für das Herrichten der Häute wurden zudem das Oberschenkelstück eines Wildstieres und ein abgerundete Rippenstück vom Hirsch verwandt. Beide lagen gleichfalls unweit der Körbe. Zum Dengeln steinerner Schneiden gab es den Druckstab, bestehend aus einem Holzgriff mit eingelassener Knochenspitze, außerdem einen Lochstab aus Hartholz zum Strecken von Pfeilschäften und zur Herstellung von Lederriemen. Beide lehnten am Eingang der Unterkunft. Mehrere halbfertige Pfeilschäfte zerstreuten sich nachlässig um die Lastkörbe. Die Ausrüstung wurde vervollständigt durch einen Hammer und eine Hacke aus Hirschgeweih. Der Hammer war aus einer Stange gefertigt, welche unterhalb vom Mittelsproß abgeschlagen worden war. Um daß Schlaggewicht zu erhöhen, befanden sich an jenem Werkzeug noch die gesamte Rose und ein Teil des Schädelknochens. Außerdem gab es noch zwei unbearbeitete Rothirsch-Stangen, die als Schapf dienende Hirnschale eines Rehs und den Unterkiefer eines Dachses, der Verwendung als Nußknacker fand. Er stammte nebenbei von demselben Tieres, dessen Penisknochen Ruls Antlitz zierte.

In den Ästen rund um das Zelt hingen Nesselfäden, Seile aus geflochtenen Gräsern, Sehnen, Lederstreifen und -riemen. Fetzen von Fellen und Häuten, der Balg eines Igels und eine Tierblase mit Urin zum Gerben lagen neben verschiedenen Hölzer - unter ihnen auch solche, mit denen man Feuer durch Quirlen erzeugen konnte. Klumpen aus Wachs und Harz, Knochen, Tierzähnen und -krallen, Muschelschalen und Schneckenhäuser vervollständigten die Ausrüstung der Waldmenschen.

Geschützt vor der Sonne hingen im Inneren der Kota einige Bündel frischer und getrockneter Pflanzen: kostbare Kamille half bei Wunden und Geschwüren, seltener Kümmel wirkte gegen Magenleiden und diente als Gewürz, die raren Blätter der Birke verschafften Linderung bei Wasserstau, die der Weide bei Fieber. Lindenblüten nahm man zur Bekämpfung von Erkältungen und ein Sud von Eichenrinde war gut gegen Durchfall oder juckende Hintern. Wacholderbeeren wirkten bei Gelenkschmerzen, Misteln stärkten den geschwächten Leib und besaßen Zauberkraft. Auch Ruls Maske hing von einer Stange in der Kota. Jedem Aimat-Mann gehörte eine solche "Fratze", die nach der Art seiner Familie gestaltet war. Diese hier bestand aus dem weichen Holz der Linde und zeigte das Antlitz eines belfernden Fuchses. Der Winterbalg eines Tieres mit den Läufen und der Lunte - aber ohne Kopf - war am oberen Teil der Maske befestigt; er wurde über das Haupt des Trägers geworfen. Die Fänge waren echt, die Seher hingegen bestanden aus schwarzem Gagat14 und die Gehöre aus geflochtenen Binsen. Wenn die Fratze für den Tanz oder die Versammlung frisch bemalt und geschmückt war, mochte Rul wohl einen prächtigen Anblick bieten.

Am Eingang der Kota hatten die Frauen mittlerweile ein kleines, stark schwelendes Feuer angezündet, denn die Schnaken waren mittlerweile zur Plage geworden. Matten aus eng geflochtenen Binsen, die zugleich als Lager und Decken dienten, wurden in die Unterkunft geschafft, dann war das Lager fertig. Schwere Dunkelheit hatte die lange Dämmerung abgelöst, aber Glut und Qualm des Feuers mochten dem Mann den Weg zum Lager weisen.

Rul aber kam nicht, er verbrachte die Nacht unten am Fluß. Ob dies aus Scham wegen seiner Unbeherrschtheit oder aus Wut über sein vermeintliches Pech geschah, hätte er selbst nicht zu sagen vermocht. Ihm war nach Alleinsein zumute. Natürlich hatte er dabei Angst. Es wäre auch töricht gewesen, keine Angst zu haben, denn alles, was im Wald von einem Ort zum anderen wechselte, benutzte gerne ein offenes Flußbett als Weg. Diese Furcht zu ertragen, hatte Rul sich selbst auferlegt. Oder er suchte wissentlich die Gefahren, die von Einsamkeit und Dunkelheit ausgingen, da er auf einen Hinweis hoffte. Vor Räubern wäre Rul durch ein Feuer geschützt gewesen - diesen Verbündeten besaß er im Moment nicht - vor allen unbeschreiblichen Mächten aber schützte ihn gar nichts. Als gewöhnlicher Mensch war man ihnen ausgeliefert wie einem Blitzschlag im Gewittersturm. Natürlich gab es auch unter den Aimats die Weisen und Zauberkundigen, doch mit dem Wissen mußte auch ihre Angst wachsen, dachte Rul oftmals. Er hielt es für besser, unbedarft zu sein. Das einzige, was für ihn zu tun war: sich ducken und auf sein Glück vertrauen. Er kannte zwar niemanden, der von einem Wehrtier oder dunklen Geist angefallen worden war, ebensowenig, wie er einen Menschen zu nennen vermochte, den der Blitz erschlagen hatte. Vorkommen tat aber beides, dessen war er gewiß.

Des Nachts gibt es im Wald oftmals mehr Leben als am Tage. Fledermäuse huschen vorbei, Käuzchen rufen, Mäuse und Igel rascheln am Boden. Raubkatzen und Füchse gehen auf Beute und die Sauen brechen auf der Suche nach Nahrung lautstark den Waldboden um. Mancher Baum, dem eine böse Absicht innewohnt, beginnt, sich zu rühren, und zwischen den Stämmen wandeln andere Mächte, körperlos. Selbst das Plätschern und Glucksen des Wassers, im Sonnenlicht ein friedliches und freundliches Geräusch, klingt im Dunkel unheilverkündend. Eine einsame Böe rauscht in den Kronen, oder es sind die Stämme selbst, die ihre Blätter schütteln, in Wut. Nachts und allein in der Wildnis müssen die Gedanken fest sein und der Wille zum Leben klar. Man muß sich beidem stellen, der echten Gefahr und der scheinbaren Bedrohung. Oft ist Gefahr an einen bestimmten Ort gebunden und es verlangt nicht viel Erfahrung, diesen zu erkennen. Der Bauch zeigt sehr rasch ein Unwohlsein.

Diese Nacht am Norge war mondlos, sternenklar und ziemlich frisch. Rul grübelte und döste mit dem Rücken an einen Stamm gelehnt, seinen gespannten Bogen fest in die Hand geheftet. Manchmal nickte er ein, um bald darauf wieder hochzuschrecken, dann schätzte er die Dauer seines Schlummers am Verlauf der Sterne, soweit er diese in der Talenge sah. Sonst geschah einfach gar nichts.

Schließlich begann, getragen und feierlich flötend, die erste Amsel den Morgen zu begrüßen. Bald darauf tat ein Kleiber seine Anwesenheit kund. Die dunklen Schrecken wichen den Stimmen der Dämmerung. Mit immer neuen Rufen erfüllten die Gefiederten das Tal. Die Anspannung wich von Rul. Seinen ermatteten und zugleich überreizten Sinne erschienen die jungen Formen, Farben und Geräusche der Welt fast schmerzhaft scharf und deutlich. Alle Angst schien mit einem Mal unbegründet, fast lächerlich gewesen zu sein - bis zum nächsten Mal eben. Und Wunschträume von einem Reh, auch einem noch so mageren, welches zur Tränke ins Tal hinab käme, blieben unerfüllt. Rul wandte sein Gesicht gen Osten, um die Sonne - die "Übergroße Glut" - zu begrüßen, auch wenn er ihren Aufgang wegen der Enge des Tales und dem dichten Blätterdach nicht verfolgen konnte.

Die Glut wurde von den Altvorderen der Aimats am Himmel entlang getragen. Sie war entzündet worden, um das ewige Zwielicht zu erhellen, welches bis dahin geherrscht hatte und die grausame Kälte zu bannen. Manchmal herrschte Krieg zwischen den Ahnen und üblen Schattengeistern. Oder hungrige Räuberseelen zogen schwarz verhüllt zum Himmel hinauf und überfielen die Altvorderen. Dann gab es einen Kampf und die Ahnen warfen mit Bränden um sich. So waren die Menschen auf der Erde an ihr Feuer gekommen.

Hin und wieder siegte aber auch der böse Feind und bestahl die Alten, dann herrschte Finsternis auf der Erde. Wenn die Glut überhaupt am Himmel erschien, so kam dies daher, weil die Ahnen mit ihren Kindern und Enkeln, die ja in Kälte und Dunkelheit leben mußten, Mitleid bekamen. Sie selbst hatten ja in ihrem Zeltlager im Morgenland ein mächtiges Feuer entzündet. Am allerersten Tag, den die Welt sah, schleppten die Ahnen die Glut dieses Feuers in einem steinernen Gefäß mühsam am Firmament empor. Die Aimats und alle anderen Menschen freuten sich arg und dankten den Ahnen mit reichen Opfern. Aber die Altvorderen kannten die Pfade des Himmels nicht und nicht seine Höhe, die sich ändert wie der First einer Kota mit jedem neuen Nachtlager. Daher bekamen sie mit ihrer schweren Steinschale am Scheitelpunkt des Himmelsdaches das Übergewicht und rutschten hilflos auf der Seite des Sonnenuntergangs in den großen See am Ende der Welt. Platsch - und die Glut erlosch. In jener ersten Nacht mühten sich die Ahnen, möglichst heil zu ihrem Stammsitz zurück zu gelangen, während die Aimats im Finsteren jammerten und klagten. Durch die kalten Höhlungen des Rotaimo16 huschten die Alten scheu ins Land des Sonnenaufgangs zurück. Als sie dann unversehrt in ihrem Stammsitz angekommen waren, zündeten sie mit viel Zauberei wieder ein Feuer an. In dessen Licht und Wärme schwatzten sie ein bißchen und stellten fest, daß es ja eigentlich gar nicht so schlimm gewesen wäre, in dieser Nacht. Und sie bekamen erneut Mitleid mit ihren Kindern und Enkeln, schufen sich ein neues Steingefäß und zogen bald darauf erneut los. So ging es fort und fort bis heute.

Eines Tages aber, so glaubten es die Aimats, würden die Altvorderen genug davon haben, von der Plackerei und Rutscherei, dem kalten Bad und der heimlichen, gefahrvollen Wanderung zurück in ihr Lager. Nachts, beim Schwatz am Zauberfeuer, würden sie dann beschließen, sich einmal auszuruhen und die Bäuche vollzuschlagen. Sie wollten ihre wunden Füße mit Hirschtalg pflegen und sich mit den Weibern vergnügen. Und da auch schon damals ein jeder wußte, wie leicht schlechte Gewohnheiten einreißen können, hüteten die Aimats ihre Brände als kostbaren Besitz. Sie gaben auch ihren Verstorbenen - den jüngeren Ahnen - etwas Glut davon mit. Das waren die funkelnden Sterne am Himmelsdach, jeder Stern die Herdstelle eines toten Aimat.

Rul dankte den Altvorderen jeden Morgen. Manche der Aimats dankten auch noch den Sternen ihrer jüngeren Ahnen, aber das tat Rul nur noch, wenn sie ihm - wie in dieser Nacht - auch geleuchtet hatten.

Nachdem er gerüstet war, blies er auf seiner Pfeife einen einzigen schrillen Ton. Das war das übliche Zeichen für seine Frauen, mit ihrem Tagwerk zu beginnen. Daraufhin schritt er fort, in die Richtung, aus welcher er den Rauch des Lagerfeuers zu wittern vermeinte. Eilig lief er, in der heimlichen Hoffnung, das Weibsvolk würde inzwischen schon etwas Eßbares aufgetrieben haben. So achtete er nicht genug darauf, wohin er seine Füße setzte, strauchelte über eine Ranke und ging mit einer lauten Verwünschung zu Boden. Dort lag er, Rul, der Jäger, mit dem Gesicht im feuchten Dreck und ärgerte sich über die eigene Hast. Wie er aufstehen wollte und den Kopf drehte, fiel sein Blick zufällig auf etwas, das dort neben ihm wuchs. Er schaute ungläubig.

Ein junges Gehölz war’s, aber eines, wie es Rul noch nie gesehen hatte - er, der unter und zwischen den Hölzern seiner Heimat wandelte, seitdem seine Beine ihn trugen. Es war von glatter und steingrauer Rinde bedeckt. Die braunen Knospen sahen bald wie Dornen aus, so lang und spitz waren sie. Breit eiförmig, von ganzem Rand und mit feinen Wimpern besetzt waren die jungen Blättchen. Den Hauptrieb hatte wohl ein Reh abgeäst, doch schon übernahm ein Seitenzweiglein die Führung. Von allen Seiten beschaute Rul das Stämmchen, um sich dessen Erscheinung gut einzuprägen. Unheimlich ward ihm zumute und fast ängstlich spähte er aus, ob ihn nicht ein böser Geist narrte. Oder vergönnte ihm eine wohlwollende Macht das erhoffte Zeichen. Doch wofür? Geheimnisvolle Kräfte dünkten ihm am Werk zu sein. Er mußte darob um Deutung fragen.

An dieser Stelle beginnt die Beschreibung eines linearbandkeramischen Dorfes in Westungarn (TBK) und der zweite Handlungsstrang des Geschichte. (...)

Auch weit den Langen Fluß hinab, im Land der Kalats waren in dieser Nacht die Sterne beobachtet worden.

...

In dieser Nacht hatte Kleines das Feuer zu hüten gehabt. Sie sah ihren Ziehvater, eingedenk der Spötteleien des vorigen Abends, mit sorgenvollem Blick aus den Büschen treten. Er beachtete sie jedoch nicht im geringsten, sondern kroch in die Hütte, wo bald darauf ein wüstes Geschiebe und Geächze zu hören war. Das Mädchen war solches gewohnt. Es hatte längst beschlossen, sich niemals so zu gebärden. Nachdem es einen feuchten Prügel auf die Glut gelegt hatte und einen Bruch in den Boden gesteckt, welcher die Richtung besagte, verschwand es, um im Wald etwas Eßbares aufzutreiben.

Bald kamen auch die Mutter und die Tante ins Freie, während Rul in der Hütte blieb, offenbar gänzlich erschöpft von der morgendlichen Anstrengung. Die Frauen trennten sich, mit Grabstöcken bewaffnet. Eine blieb am Hang, die andere ging hinab zum Fluß.

Dort, im kühlen und dunklen Wasser des Norge, stand eine Forelle. Sie trug ein silbergraues, mit schwärzlichen Flecken gefärbtes Schuppenkleid, welches das dunkle Wasser sowie den helleren Grund des Flusses nachahmte. Ihr kraftvoller Rumpf teilte das Wasser, krümmte sich beständig und übertrug diese Bewegung auf die Schwanzflosse; derart hielt sie sich gegen die Strömung. Rücken- und Afterflosse dienten der Wahrung des Gleichgewichtes und mit den Brustflossen konnte sie die Richtung bestimmen. Das tat sie jedoch nicht, sondern beschränkte sich statt dessen darauf, durch unterschiedlich starkes Öffnen der Kiemendeckel kleinere Richtungsänderungen vorzunehmen. Sie war müde. Das Geschäft des Laichens war erst seit kurzem vorüber. Vorbei die Tage lustvollen, stromaufwärts gerichteten Kampfes gegen das rasche Wasser. Geleitet von ihren Riechgruben und den feinen, am ganzen Körper verteilten Geschmacksknospen war sie bis zu den Stellen gelangt, an denen sie ihre Jugend verbracht hatte. Dort oben, im Kiesbett eines seichten, klaren Baches, wühlte sie ein Laichbett, während sich schon einige Männchen abwartend in der Nähe versammelt hatten. Dann kam die aufregende Zeit der Kämpfe zwischen den Männchen und einer heftigen Werbung, bevor sie sich mit dem stärksten und farbenprächtigsten von ihnen zusammengetan hatte - oder war es nur der Durchtriebenste gewesen? Gemeinsam hatten sie Eier und Samen ausgestoßen, dann mußte die Grube von ihr wieder zugedeckt werden. Dann war alles vorbei, die Hochstimmung hatte sie verlassen und sie fühlte sich nur noch erschöpft. Ein wenig würde sie noch hierbleiben, ausruhen und zu Kräften kommen müssen. Bald wollte sie das letzte Stück des Heimwegs antreten, zurück in ihr Jagen, welches sie sich wahrscheinlich würde neu erobern müssen. Die meisten ihrer vormaligen Freier waren bereits verschwunden, nur ihr Auserwählter war noch da. Sein bunt gezeichnetes Hochzeitskleid verblaßte allmählich.

Mücken tanzten über der Wasseroberfläche, aber die Forelle war zu träge, um nach ihnen zu haschen. Nur ein gelegentlich vorbeitreibender Flohkrebs löste eine unwillkürliche Schluckbewegung aus, ebenso die Larve einer Köcherfliege oder eine unvorsichtige kleine Koppe, die zu neugierig war, um weiterleben zu können. Die Forelle ließ sich treiben, schwamm wieder ein stückweit stromauf, schluckte und ließ sich erneut treiben. Sie war müde und zufrieden und träumte vor sich hin.

Als Rul eine ganze Zeit später erwachte und aus der Kota kroch, war er allein. Die Sonne blinzelte freundlich durch die Baumkronen und nur wenige Mücken wollten ihn plagen. Doch nun verspürte er einen wahrhaft wölfischen Hunger. Auch wollte er noch einmal zu diesem seltsamen Gewächs gehen, während er flußaufwärts nach Spuren eines Wildbrets Ausschau hielt. Er blieb unbefriedet, denn das Pflänzchen blieb ihm so rätselhaft wie am Morgen und die einzige Fährte, die er fand, war alt und stammte von einem alten Änakx1.

Er gelangte endlich an ein Fischwasser, eine kleinen Stufe im Fluß, unterhalb derer ein tiefer Kolk lag. Dort standen zwei Bachforellen, welche bei seinem Erscheinen in die Deckung der Uferböschung stob.

Etwas Neues war am Rand ihres Gesichtsfeldes aufgetauchte. Die Linsen der Forelle stellten sich auf eine größere Entfernung ein und sie erkannte die Bewegungen eines großen Landbewohners. Im Wasser war die Forelle eine Räuberkönigin, gut getarnt, schnell und tödlich, aber vor allem, was vom Ufer kam, hatte sie Angst. Dort mußten riesige Wesen leben, gemessen nach dem Schall im Wasser, der von ihren Tritten herrührten. Es gab von außerhalb nichts zu riechen, nichts zu schmecken und die sonst so scharfen Augen der Forelle lieferten nur ein verschwommenes Bild. Das Landwesen wurde größer, es kam also näher. Seine dunkle Gestalt hob sich deutlich vor dem Hintergrund des blauen Himmels ab. Schon konnte die Forelle die Erschütterungen spüren, die von jenem Unbekannten verursacht wurden. Sie übertrugen sich vom Erdreich in das Wasser und von dort auf ihre empfindliche Seitenlinie. Sachte und verhaltene Bewegungen waren es, und die Forelle spürte eine durchaus gefährliche Absicht. Ihr Gefährte huschte schon zur Uferböschung und sie war neben ihm, bevor sie sich dessen bewußt wurde.

Zum Fischfang nahm Rul einen besonders langen und dünnen Pfeil, welcher eine winzige, beinerne Spitze mit drei Widerhaken aufwies. Sacht ließ er sich am Rand des Ufers nieder und stieg behutsam ins Wasser. Er brachte den aufgelegten Pfeil eine Handbreit über die Wasseroberfläche. Nun mußte er geduldig ausharren, ob die Geschuppten wieder hervorkämen. Das würde lange dauern. Unbeweglich stand er, obgleich ihn die Stechmücken arg piesackten und seine Zehen im knietiefen und kalten Wasser gefühllos wurden.

Er betrachtete eine kleine, giftgrüne Spinne, welche sich an einem unsichtbaren Faden über das Wasser hangelte und ließ die Gedanken schweifen. Als die Spinne ihr feingesponnenes Netz in den Zweigen einer am gegenüberliegenden Ufer stehenden Weide erreicht hatte, hielt sie inne, als müsse sie verschnaufen. Dann nahm sie ihren Anstand in der Mitte des Netzes ein. Rul fühlte sich auf eine ganz bestimmte Art mit ihr verbunden. Er fragte sich, ob sie seine Anwesenheit wohl bemerkte, so wie er die ihre. Alles in allem waren er und die Achtbeinige gleich. Ihrer beider Geschäft galt dem Tod.

In ihrer Deckung drängten sich die beiden Fische eng aneinander. Draußen quirlte das Wasser auf eine gänzlich neue Art um etwas herum, was vorher noch nicht dagewesen war. Sie fürchteten sich. Er stieß ihr mit der Mundöffnung sanft in die Seite, wie er es bei der Werbung getan hatte. Es war tröstlich, den Körper des Gefährten zu spüren. Sie würden lange hier unten bleiben.

Rul hielt sich nicht zu unrecht für einen erfahrenen Jäger. Die Blüte seiner Jahre lag zwar schon hinter ihm, doch war sein Alter noch lange nicht so weit fortgeschritten, als daß er nicht einen verwundeten Hirsch über mehrere Tage hinweg hätte zu Tode hetzen können. Das war Waidwerk, wie er es liebte: rascher Lauf und wilder Kampf und der Geschmack des warmen Blutes hernach. Er war ein Meister im Bestätigen des Wildes, im Spüren und Fährten, ein Meister auch im Umgang mit Speer und Bogen, Harpune und Schleuder, Wurfholz und Dolch. Schlingen, Fallen und Gifte galten ihm als unwaidmännisch, als Hilfsmittel von Knaben, Alten und Versehrten. Netze, Angelhaken und Fischgabeln dagegen sah er als Werkzeuge für Weiber an. Zu seinem eigenen Leidwesen sah er sich jedoch oft gezwungen, diese zu verwenden, um seinen brennenden Hunger (und den seiner Nächsten) zu stillen. Seine tiefste Erniedrigung fand er jedoch im Sammeln von Pilzen, Nüssen und Beeren. Zahnlose Greise mochten an diesem Futter mümmeln, er selbst schlug seine Zähne lieber in saftiges, von Todesangst gewürztes Fleisch. Und doch - mit Wonne dachte er die späten Tage im Jahr, in welchen Mund und Hände sich vom Saft der Bramel, Ambas oder Herlitze färbten. Auch die bittere Reselbeere oder die mehlige Frucht des Wibelken hätte er momentan nicht verschmäht. Im Norge-Land gab es ganze Haine, wo Holzäpfel und Wildbirnen wuchsen. Er erinnerte sich mit Leid an jene - zugegebenermaßen recht seltenen - Gelegenheiten, zu welchen er Fleisch im Übermaß gehabt und es nicht genügend zu würdigen vermocht hatte.

Er dachte auch an die Zeit der langen Nächte, in welchen die Jäger der Aimats zu zweit oder dritt aufbrachen, um den brunftenden Hirsch zu erlegen. Seinem Vater war er Auge, Ohr und Hand gewesen bei diesen Jagden, hatte alle Treiben vorgenommen, die Ausrüstung getragen und das Lager versorgt. Weiberarbeiten waren dies, aber Weiber durften nicht mit auf die Großwildjagd. Inzwischen war er selbst schon nicht mehr jung. Das Gewicht des Lebens begann, an seinem Körper unangenehme Spuren zu hinterlassen. Zeitweilig, wenn er das rechte Bein in einer bestimmten Weise belastete, durchzuckte ein scharfer Schmerz sein Kniegelenk. Ebenso plagte ihn die linke Schulter, welche er sich einmal auf einem hartem Nachtlager gründlich verlegen hatte. Auch Rücken und Hüfte peinigten ihn bisweilen.

Was ihm jedoch wirkliche Sorge bereitete, war, daß sein Augenlicht allmählich nachließ. Für einen Wildbeuter bedeutete dies das Elend schlechthin, denn er jagte zuerst mit der Schärfe seiner Augen. So mancher dunkle Fleck in der Entfernung wäre von Rul wohl unbeachtet geblieben, hätte nicht eine Bewegung seinen scharfen Augen den Bären verraten oder das wilde Schwein. Was aber, wenn er die mögliche Beute falsch ansprach oder einen unpassenden Pfeil aussuchte? Den falschen Zielpunkt wählte? Das Schußzeichen des Tieres nicht richtig deutete oder ein Pirschzeichen übersah?

Ein weiterer Anlaß zur Unruhe: noch war er stark, behend und schier unermüdlich, aber bald schon mochte die Kraft seiner Arme und Beine nachlassen, seine Atem kurz und sein Schritt unsicher werden. Dann brauchte er einen Gehilfen, einen Hund oder einen Sohn. Einen Jungen hatte ihm sein Weib bereits tot geboren, ein weiteres Kind, ein Mädchen, war von Rul ausgesetzt worden. Er konnte und wollte keine vier Frauen versorgen. Drei waren schon zuviel.

Langsam ließ die Angst der Forelle nach. Zwar strömte das Wasser immer noch um das neue Hindernis, doch der Schreck über das Ungewohnte begann zu verblassen. Erinnerungen waren nicht die Stärke der Forelle, und sie wollte hinaus an die Sonne, wo fette Krebse ihr Kraft für die Heimreise spenden sollten. Sie spürte ein Drängen, welches von der Möglichkeit herrührte, daß ihr Jagen besetzt war. Der Gefährte spürte ihre Ungeduld und stupste sie noch einmal sanft. Er selber hatte es nicht eilig. Seine bunte Färbung machte ihn verletzlich, das war ihm wohl bewußt. Außerdem wartete kein eigenes Jagen auf ihn. Sie blieben noch.

Ein welkes Weidenblatt hatte sich vom Ast gelöst und hing nun an einem unsichtbaren Spinnfaden. Es drehte sich in der Brise, immer schneller und immer in der gleichen Richtung. Rul fragte sich, wann der Faden wohl reißen mochte. Als die Brise erstarb, wurde das Blatt langsamer und der Faden hielt immer noch. Die Füße schmerzten ihm mittlerweile arg. Um sich abzulenken, hob Rul langsam den Kopf und schaute hinauf in den Himmel. Tiefblau war der, mit einer einzigen, langen Wolke von der Form eines gewaltigen Rückgrates. Die seitlichen Auswüchse sahen eigenartig faserig aus. Das war kein Zeichen, er hatte solche Wolken schon oft gesehen. Weit, weit über ihm kreisten zwei Bussarde. Rul beneidete die Mausjäger um ihre Unangreifbarkeit. Es gab von dieser Art immer mehr im Lande ...

Die alte Parre hatte als Kind noch Fleisch vom schnellfüßigen Runax2 gegessen - das gab es nicht mehr. Die Kadde waren gleichfalls verschwunden und der Elakx3 sehr selten geworden. Vom wahren Kind des Hornvaters, dem Schelakx4, kündeten nur noch Legenden. Rul dachte an Geschichten aus den Tagen des weißen Dunstes, von der "Großen Weidezeit" und den mächtigen Altvorderen, seinen Vorfahren. Fleisch hatte es damals in Hülle und Fülle gegeben. Besonders die Kadde lebten in riesigen Herden und die Jäger schleuderte einfach ihre Wurfspieße in das Gedränge. Es gab also niemals Mangel. Seit er als Knabe davon gehört hatte, wünschte sich Rul, in jener Zeit zu leben. Eine Sehnsucht überfiel ihn oftmals, wie die verblaßte Erinnerung an einen glücklichen Traum. Welche Taten hätte er damals vollbringen können! Seine Gedanken funkelten wie der Widerschein der Sonne im Fluß.

Doch sehr lange hielten seine Träumereien nicht vor. Das Wasser war zu kalt, seine vornübergebeugte Stellung zu mühsam. Die Muskeln an Schulter und Hals begannen zu schmerzen. Bald würde er aufgeben müssen, weil er zu einem raschen und sicheren Schuß nicht mehr in der Lage war.

Nur noch das beißende Gefühl des Hungers hielt ihn auf seinem Anstand. Um sich abzulenken, stellte er sich die Frage: was würdest Du jetzt gerne tun? Er versuchte sich vorzustellen, wie er mit dem Corakel langsam auf einem Sommersee trieb, eine Schleppangel ausgeworfen, die Füße ins Wasser hängend - aber das war zu langweilig. Dann probierte er es mit einer aufregenden Wildwasserfahrt, auf einem der Flüsse, die von Mittag her in den Langen Fluß einmündeten, doch konnte man hierbei selbstverständlich keine Schleppangel führen. Und wo blieben nur diese verdammten Forellen? Wieder und wieder versuchte er, seinem Denken eine bestimmte Richtung zu geben, aber es half nichts. Er drehte sich im Kreis.

Die Forelle hielt es endlich nicht mehr aus. Das Hindernis im Wasser war nicht mehr neu und sie konnte - oder wollte - keine böse Absicht mehr spüren, die auf sie lauerte. Langsam tastete sie sich aus der Sicherheit der Uferdeckung. Der Gefährte ließ sie gewähren. Schließlich kam es auch ihm zugute, wenn sie die Lage ausspähte.

Als er schon entschieden hatte, daß er nun aufgeben wollte, sah Rul mit einem Mal den Schatten eines Fisches über dem Grund. Er blinzelte und faßte sich. Jetzt galt es! Er beugte sich noch ein wenig weiter vor und spannte seinen Bogen. Es galt, die Brechung des Lichtes zu berücksichtigen, also hielt er etwas unter das Ziel. Einen kurzen Moment stand die Welt für ihn still, dann ließ er die Sehne fahren. Der Pfeil durchdrang den Körper des Fisches. Das Wasser brauste auf und färbte sich rötlich. Es war kaum etwas zu sehen. Blind tastete Rul nach seiner Beute und bekam endlich den Pfeilschaft zu fassen. Er packte ihn und warf die Beute an Land.

Ein heftiger Stoß traf die Forelle, gerade, als sie sich wieder ihrer alten Tätigkeit des Treibens, Schluckens und Träumens hingeben wollte. Irgendwas Schreckliches war passiert. Sie spürte keinen wirklichen Schmerz, eher eine Art starken Juckreiz, aber da stak ein großes Ding in ihrem Leib. Sie konnte sich nicht mehr recht bewegen und schmeckte Blut - ihr eigenes - und viel davon .. Ihr Körper gehorchte nicht mehr. Sie war erstaunt und zutiefst entsetzt, als sie merkte, daß sie emporgehoben wurde. Ihr ganzes Gewicht hing an diesem fremden Ding. Mit einem Mal, während sie nämlich über die Wasseroberfläche gelangte, fühlte sie sich schrecklich schwer, und sie spürte, wie sie an jenem Ding entlang rutschte, was ein schreckliches Gefühl war. Ihre Schwimmblase sackte zusammen und die Innereien traten nach außen, dort, wo das Ding ihren Leib spaltete. Sie rang heftig um Atem, aber es gab keine Luft für sie. Sie spürte den heftigen Aufprall auf dem harten Grund kaum, so sehr war sie damit beschäftigt, qualvoll nach Luft zu schnappen. Sie erstickte, mit heftige Zuckungen wild um ihr Leben zu kämpfend, und zuckte noch, als sie längst tot war.

Ich brauche einen Sohn, wiederholte Rul im Stillen, während er, am Ufer sitzend, die Beute mit seinem Knochendolch aufschlitzte, sie ausnahm, entschuppte und roh verschlang.

Als er ins Lager zurückkam, sortierten Mutter, Tante und Kleines gerade die geringen Früchte ihrer Mühen. Auf dem Boden lagen Streifen eßbaren Bastes, die von Birken, Linden, Eschen und Ahornbäumen stammten. Vom Flußufer stammte Bachbitterkraut, die Kuckucksblume, Mausdarm und sehr junger, noch eingerollter Wurmfarn. Etwas Hasenkraut und Frühsalat waren am Hang gewachsen und von der Ebene rührte das wenige her, was es an tierischer Speise gab. Dort vor allem standen die dicken, toten Stämme, in welche Käfer und andere Gliedertiere ihre Eier legten. So fanden sich Larven vom Hirschkäfer und Schwarze Würmer sowie Ameisenpuppen. Die wenigen fetten Engerlinge, welche das Mädchen ausgegraben hatte, waren sogleich von ihm verspeist worden, doch hatte es glücklich einige alte Ellerling-Pilze entdeckt. Alles in allem gab es nicht mehr als einen Mundvoll für jeden von ihnen und daher baute die Mutter ein Dreibein, spannte das mit Wasser gefüllte Kochleder auf und machte sich daran, im neu entfachten Feuer einige Steine zu erhitzen. Wenigstens sollte heiße Brühe ihre Mägen füllen.

Rul war inzwischen damit beschäftigt, eine neue Pfeilspitze herzustellen. In seiner Sammlung hatte er keinen Querschneider mehr, wollte aber einen großen Vogelpfeil bereit haben. So nahm er die Knolle aus Flint, welche er bei den Norge-Menschen erstanden hatte und schlug mit einem handlichen Geröll rundherum die Rinde ab. Ein letzter, besonders harter Schlag köpfte die Knolle und schuf eine glatte Oberfläche, deren Kanten er sorgfältig glättete. Dann nahm er das Stück genau in Augenschein. Er suchte nach einem am Rand sitzenden Leitgrat, von dem aus er die Arbeit fortsetzten konnte. Als er eine dementsprechende Stelle gefunden hatte, klemmte er sich die Knolle zwischen die Knie, um anschließend mit einem kurzen, trockenen Schlag mit dem Geweihhammer auf ein keilförmiges Zwischenstück aus Horn eine einzelne, regelmäßige Klinge abzutrennen. Für die weitere Zurichtung benutzte er seinen Druckstab, mit welchem er die Klinge an einem Ende schräg zuspitzte. Dabei benutzte er einen flachen Stein als Amboß. Dann legte er das Werkstück an die Kante des Steines, legte etwa eine Fingerbreite unter der Schrägspitze eine Kerbe an und zerbrach die Klinge an dieser Sollstelle. Nachdem er die Bruchkante gedengelt hatte, war die Spitze fertig. Er setzte sie in den alten Schaft und umwickelte die Verbindungsstelle großzügig mit feinen Nesselfasern. Währenddessen erwärmte er einen Pechklumpen über dem Feuer, bis der flüssig war und verstrich endlich das Pech von der Spitze über die Umwicklung bis auf den Schaft des Pfeiles.

In derselben Zeit flickte die Tante ihre Kiepe mit Ästen und zähen Ranken.

Unter Zuhilfenahme gegabelter Stöcke und vieler Unmutsäußerungen schafften es die beiden Frauen, die erhitzten Kochsteine ins Leder zu befördern. Das Wasser begann zu sieden. Indes hatten sie nur ein Gefäß, um damit zu schöpfen. Rul benutzte es selbstverständlich als erster und nahm sich auch die dicksten Brocken. Mutter und Tante folgten, am Schluß kam das Mädchen - da war schon nicht viel mehr als warmes Wasser im Kochleder. Dann brachen sie das Lager ab und zogen los. Alle beschäftigen sich mit denselben Gedanken: welche Entbehrung dieser Tag schon gebracht und welche Enttäuschungen vielleicht noch auf sie warten mochten. Rul dachte auch an das Zeichen, welches ihm vielleicht zuteil worden war.

Der Hunger machte ihnen mittlerweile schwer zu schaffen. Wie ein reißendes Tier nagte er an ihren Innereien, verschärft nur durch das geringe an Nahrung, was ihre Mägen zuvor gekitzelt hatte. Zwar wurden die Sinne geschärft, doch Kraft, Denkvermögen und Urteilsfähigkeit ließen nach. Sie dachten fast nur an Essen, sprachen - wenn überhaupt - vom Essen und sahen Fische im Wasser oder fette Würmer und Schnecken am Boden, wo es keine geben konnte. Immer weniger wichtig schien es ihnen, wohin sie ihre Füße setzten und um der Leere ihrer Bäuche zu begegnen, hätten sie Gefahren auf sich genommen, die sie sonst zu meiden pflegten. Schließlich wollte Rul auf einen Baum klettern. Zwar wußte er ungefähr, wo sie sich befanden, aber Ungeduld und Neugierde ließen ihm keine andere Wahl. Er wollte Gewißheit haben, ob sich andere seiner Art in der Nähe befanden. Sein mehrmaliges Pfeifen in der Tonfolge "Hier bin ich - wo bist Du?" hatte keinen Erfolg gezeitigt.

Sie waren bei einer hohen, weit hinauf astfreien Esche angelangt. Rul schuf sich aus Haselstangen eine Steighilfe in Form eines Dreieckes, welche eng um den Stammfuß herum mit Lederriemen fest zusammengebunden wurde. Zwei Schlaufen an den Ecken nahmen die Füße auf. Er krallte seine Zehen um das Holz des Gestells, schlang seine muskulösen Arme um den Baum und nahm einen weiteren, dicken und ungegerbten Lederriemen in die Hände, um den fehlenden Umfang zu ersetzen. Dann preßte er das Gesicht gegen die rauhe Borke, klammerte sich am Stamm fest und zog die Beine unter sein Gesäß. Vorsichtig belastete er die Steighilfe und schob schließlich seine Oberkörper nach oben. Eine halbe Schrittlänge war gewonnen. Mit zunehmender Höhe wurde die Besteigung immer waghalsiger, da der Stamm an Dicke abnahm und das Klettergestell immer schräger am Baum anlag. Außerdem wurde die Rinde der Esche um so glatter, je höher Rul kam. Einmal rutschte er ab und kam erst nach einem Drittel der schon zurückgelegten Strecke wieder zum Halten. Sein Herz schlug ihm im Hals. Die Innenseite seiner Gliedmaßen waren arg zerschunden, ebenso eine Gesichtshälfte, aber nach kurzem Zögern stieg er wieder auf. Er dachte, daß er für so etwas eigentlich zu alt war. Von einem Baum auszuschauen war Sache eines Jüngeren. Blut und Speichel netzten den Stamm, sein Atem ging stoßweise und er fühlte, wie seine Kraft erlahmte, als er glücklich den untersten Ast der Esche erreichte - zumindest zwölf Schritte über dem Grund. Die beiden Frauen und das Mädchen schauten mit offenen Mündern nach oben und sahen ziemlich klein und verängstigt aus, aber sie hatten nicht halb soviel Angst wie er selbst. Mit bebenden Fingern löste die er Füße aus den Schlaufen und band seine Kletterhilfe am Ast fest. Nach einer ganzen Weile, die er brauchte, um wieder zu Atem zu kommen stieg er in den Ästen auf. Das war verhältnismäßig einfach. Bei dem Gedanken, wie er einmal, nach einem mißglückten Schuß auf einen Eber, in die schwachen Äste einer Birke hatte fliehen müssen, verzog er sogar ein wenig das Gesicht. Schneller war er zuvor noch nie und seither nicht mehr geklettert!

Rul genoß die viel zu selten gefühlte Weite um sich, als er so in die Nähe des Himmels gelangte. Sonne und Wind in seinem Gesicht - und keine Stechmücken! Seine Welt lag im Schatten und Zwielicht unter den Bäumen, aber sein Herz gehörte dem offenen Land. Er sehnte sich mit einem Mal zu den schimmernden Sommerseen seines Volkes, wo ein Mann nach Herzenslust in Licht und Wasser baden konnte. Da war er vollends in der Krone und konnte weit über das Land schauen. Von allen Seiten brandete der Urwald im ersten jungen Grün des Jahres heran wie eine unermeßliche Woge. Rul konnte die hellen Felsen sehen, die am Rand der Kadde-Höhen zwischen den Bäumen heraus blinzelten, und die sanften Bögen jener bewaldeten Höhenzüge, die in Richtung der sinkenden Sonne im Dunst lagen - einer hinter dem anderen. Der Lauf des Norge bis zu seiner Quelle hin war nur zu erahnen, aber er biß sich mit den Augen an ihm fest, bis er meinte, den schwachen Rauch eines Feuers in der Ferne zu sehen. Tief sog er witternd die Luft ein, doch stand der Wind falsch. Er zückte er seine Pfeife, blies erneut "Hier bin ich - wo bist Du?" und bekam endlich Antwort.

Ringsum mehrten sich bald Hinweise, welche die Anwesenheit von Menschen kundtaten - frische Schalmen, eine alte Feuerstelle und ein erst kürzlich aufgelassenes Lager, wo die kreisförmige Anordnung von Steinen noch den einstigen Standort einer Kota bezeichnete. Schließlich fanden sie ein wenig altes Bruchzeichen in der Form eines rund zusammengebogenen, abgefegten Eichenzweiges, der am schuppigen Stamm einer Tanne hing. Rul hielt die Seinen zur Vorsicht an, denn irgendwo in der Nähe gab es eine sicher gut getarnte Schlagfalle oder Grube. Es war jedoch eine Schlinge, und das kleine Mädchen sah sie zuerst. Durch kunstvolle Verhaue und unter Zuhilfenahme natürlicher Hindernisse war am unteren Ende einer schmalen Klinge eine Verengung entstanden. In der Kopfhöhe eines zur Tränke ziehenden jungen Rot- oder erwachsenen Rehwildes hing ein dünner, aber äußerst zäher Lederstrick, welcher von einigen mittlerweile verdorrten und brüchigen Halmen und Zweiglein offen gehalten wurde.

Rul gab einer solchen Vorrichtung wenig Aussichten auf Erfolg. Im Sommer vielleicht, wenn der liebestolle Bock sich mit seinem Gehörn hier verfangen mochte ... Eine weitere, jäh aufgeflammte Hoffnung auf Nahrung erstarb. Nach einer weiteren Weile mühsamen Fortkommens unter und zwischen den sich anklammernden Büschen fanden sie dann eine Njallax5.

Das Behältnis bestand aus einem großen irdenen Topf mit vier seitlichen Knubben. Eine hölzerne Lade verschloß den Hals. Das Gefäß war von einem Riemengeflecht umgeben und hoch über dem Grund am Ast einer starken Linde aufgeknüpft. Rul verwunderte sich. Er hatte nie gedacht, hier, am Rande seiner Heimat auf eines dieser neuartigen Tujesoks zu treffen. Dieser Topf sah zudem ganz anders aus als jene grobe Tonware, welche die Norge-Menschen benutzen. Er trug nämlich ein Ziermuster aus drei tief eingeschnittenen, wellenförmig umlaufenden Bändern. Rul schnaubte verächtlich, denn seit jeher gruben die Aimats ihre Njallas in den Boden oder bauten sie als Plattformen in die Bäume.

Auch die beiden Weiber hatten noch nie eine solche Irdenware gesehen. In ihrer Heimat wurden die Töpfe und Schalen mit groben Stichreihen verziert. Auch war der Ton hier anders, heller und feiner. Wenn Rul sie darauf angesprochen hätte, würde er sich eine Peinlichkeit erspart haben. Er fragte sie aber nicht. Zudem war der Inhalt der Njalla ja auch viel wichtiger. Es gab geröstete Nüsse, von denen allerdings viele schon ranzig waren.

Notdürftig gesättigt wanderten Rul und die Seinen indes immer noch am Fluß entlang, dessen Verlauf sich nach einigen weiteren wilden Windungen beruhigt zu haben schien. Sie gelangten zur Mündung des Bergwassers, wo ein geschnitzter Pfosten stand, dessen stumpfer Blick ihnen aus unzähligen Augen folgte. Es war ein unheimlicher Anblick. Das Tal des Norge öffnete sich.

Der Pfad war nun meistenteils deutlich ausgetreten. Er führte durch einen Boschen, wie die Aimats ein solches Dickicht aus Haselsträuchern nannten. Einige wenige junge Eschen und Ahornbäume hatten sich mühsam einen Weg zum Licht gebahnt. Am Grund wuchs Bingelkraut und vereinzelt die Ilex und wenn man genau hinsah, konnte man die verkohlten Stümpfe von Stämmen sehen, die vor vielen Jahren einem - wie Rul wußte - absichtlich gelegten Brand zum Opfer gefallen waren. Als einstige Nutznießer dieses Feuers ragten einige wenige Birken und Pappeln über den Boschen heraus. Doch lief ihre Zeit rasch ab, sie waren alt und schwach geworden und brachen im Frühjahr oder Herbst unter stürmischen Winden. Bleiche Zunderschwämme und Buckel-Trameten hatten sich auf halbvermoderten Verhauen niedergelassen. So bot der Wald hier eine eigentümlichen Anblick von strotzendem jungen Leben und zugleich dem schleichenden Verfall des Alters.

Bald kamen sie an die Stelle, wo das Eschenwasser in den Norge mündete. Dort stand erneut ein Holzpfahl mit eingeschnittenem Gesicht am Ufer. Hier waren die Augen geschlossen dargestellt und eine tiefe Falte grub sich sorgens- oder schmerzensreich dazwischen. Das obere Ende bedeckte eine Art von Mütze aus Birkenrinde. Auch sah es so aus, als ob sich drei Münder in dem Gesicht befänden.

Solch ein Pfosten hieß "Cairn"x6, verkörperte fast immer einen jüngeren Ahnen und diente den Aimats zu verschiedenen Zwecken. Neben seiner Eignung als Landmarke konnte er das Jagen einer bestimmten Familie begrenzen, über die Tiere eines Gebietes wachen und mögliche Gegner abschrecken. Jede Sippe wählte eine bestimmte Holzart und hatte ihre eigene Art der Schnitzerei. Alle Arten der Darstellung galten als bedeutsam. Ein offener Mund beispielsweise stellte den "Ruf der Aimats" dar, weil diese sich selbst auch als "Wortemacher" bezeichneten. Der Cairn am Paß zwischen den zwei Umlaufbergen des Norge hatte den baldigen Landanspruch des Stammes kundgetan, denn die Aimats waren sehr auf die Einhaltung ihrer Grenzen bedacht. Jener Pfahl mit den vielen Augen an der Bergwasser-Mündung hatte die genaue Trennlinie zwischen den Gebieten der Norge-Menschen und der Aimats bezeichnet. Der Pfosten an der Eschenwasser-Mündung jedoch stand für den Beginn des festen Jagen einer ganz bestimmten Aimat-Familie.

Lauthals sang Rul das Lied des Cairns. Es handelte von einem Mann namens Muddar, der vor Zeiten einmal mit dem Geist des dunklen Norge-Flusses um sein Leben hatte feilschen müssen. Muddar hatte nämlich einen verbotene Fisch - seinerzeit eine Äsche - gefangen. Glücklicherweise hatte er von dem Fisch bis auf die feinen Bäckchen noch nichts verspeist gehabt, denn so konnte er sich mit dem Wassergeist daraufhin einigen, mit seinem eigenen Leib für das Vergehen zu büßen. Muddar steckte also seinen Kopf in den Fluß und die Fische des Norge kamen und fraßen ihm die Backen aus dem Gesicht. Das Ganze dauerte natürlich ziemlich lange haben, weil Muddar ja ziemlich oft nach Luft schnappen mußte. Dann war er heimgegangen mit zwei fransigen Löchern im Gesicht, zwischen denen seine Zähne grinsten, so daß es einen jeden verstörte, der ihn ansah. Keine schöne Geschichte ...

Um jenen feuchten Niederungen zu entgehen, die den Norge von nun an bis fast zu seiner Quelle begleiteten, folgten Rul und sein Anhang für eine Weile dem Bachlauf des Eschenwassers. Über eine schmale Klinge kamen sie hinauf zur Ebene und wandten sich direkt dem Mittagstand der Sonne zu. Bald darauf durchwateten sie wieder einmal den Fluß - der hier oben kaum mehr als drei Schritte breit war - und schritten das Tal weiter aufwärts. Das Oberhaupt der hiesigen Familie, die zu den Nalli gehörte, liebte keine Annäherung über die Ebene. Jeder Besucher wußte das und sogar die Streuner und Landstreicher richteten sich meist danach. Rul und die Seinen wanderten an einem Steilhang entlang, der bald wie ein Dorn gen Mittag ins enge Flußtal hineinragte. Die Wanderer passierten eine kleine Schwitzhütte direkt am Fluß. Offenbar war sie schon länger nicht mehr betrieben worden. Von dort führte ein steiler, sichtlich oft beschrittener Pfad den Kamm entlang in die Höhe. Dreimal war das weiche Kalkgestein aufgebrochen, dreimal sahen sie tiefe Schwundrisse im Erdreich klaffen, derweil sie sich nach oben mühten. Am untersten Graben wucherte eine böse Ranke, welche der Kleinen einen Schmiß im Gesicht beibrachte. Am mittleren Riß schnauften die schwer beladenen Weiber schon arg. Ein dürrer Kiefernstamm lag quer darüber, und sie mußten sich darunter her ducken. Am dritten und tiefsten Riß rochen sie den Rauch von Feuer und hörten mehrere Hunde jaulen.

Das Lager der Nalli-Familie bot einen recht guten Blick über das Tal und reichte ein stückweit in die Ebene hinein, wo das Unterholz ausgeräumt und verheizt worden war. Es bestand aus einer festen Hütte, die geschickt in die Wurzelgrube einer umgestürzten Eiche gebaut war. Der Stamm mit dem Durchmesser einer Manneshöhe lag noch da, wohin ihn sein Schicksal geworfen hatte, seiner Rinde entblößt und fleckig vom Alter. Er war mit Schnitzwerk und Schmierereien bedeckt sowie von tiefen Kerben übersät. Die Unterseite des Wurzelballens diente als Wand für die Kota, die anderen Seiten der Unterkunft bestanden aus Stangen, über die Bastmatten sowie schwere, wasserdicht gegerbte und zusammengenähte Hirschhäute gebreitet waren. Die Nähte an den Häuten waren mit Pech wasserfest versiegelt. Das Erdreich am Einlaß war sorgsam mit einem hölzernen Flechtwerk verschalt. Ein großes Tamtam stand neben den Stufen. Es gab noch zwei Schrägdächer aus Zweigen und Reisig im Lager, Regenschirme zum Kochen und Werken. Einer dieser Unterstände lehnte an dem liegenden Stamm. Ein wenig entfernt befand sich der Abtritt, eine Grube mit einer Sitzstange darüber. Eine solche Anlage war bei den Aimats auch als "Donnerbalken" bekannt.

Der Ort schien menschenleer, aber bei einem der Schrägdächer schwelte ein Feuer und zwischen zwei halbhohen Stämmen spann sich eine Laufleine mit drei sehr aufgeregten Hunden daran. Wie Rul erkannte, waren die Abstände, mit denen die einzelnen Tieren an der Leine befestigt waren, derart bemessen, daß zwei von ihnen nur dann zueinander finden konnten, wenn dies auch beide wollten. Kein Hundekot war zu sehen, so daß zu vermuten war, daß die Tiere regelmäßig von der Koppel gelassen wurden - eine Fürsorge, die unter den Aimats eher selten zu finden war. Von heller Bauch- und dunkler Rückenseite war das größte Tiere, dessen struppiges Nackenfell grimmig emporragte. Es hatte seine Fänge gebleckt und knurrte wild. Dicke Muskeln schwollen an seinem Leib, als es sich gegen die Leine stemmte. Das zweite Tier, eine Hündin, drehte sich in engen Kreisen. Sie musterte die Ankömmlinge mit kaltglitzernden Augen und schien weniger erbost über ihr ungebetenes Eindringen als vielmehr von beunruhigender Aufmerksamkeit zu sein. Um die Lichter herum bildete ihr ansonsten schwarzer Pelz eine helle Maske. Der dritte Hund, eine schlankes, hochbeiniges Wesen mit spitzer Schnauze und einem Schlappohr, machte hohe Sprünge und gebärdete sich auch sonst wie verrückt. Man konnte allerdings den Eindruck gewinnen, diesem Gesellen ginge es mehr um Zuwendung als Abschreckung.

Wahrscheinlich stand irgendwo in der Deckung jemand mit einem gespanntem Bogen. Rul wurde sich bewußt, daß man ihn hier vielleicht nicht mehr erkennen mochte. Er flüsterte seinen Weibern einige Anweisungen zu, ließ sich dann am Feuer nieder, stocherte in der Glut und bot auch sonst ein Bild vollkommener Gelassenheit. Die Frauen entledigten sich ihrer Lasten, in denen sie alsbald geschäftig zu kramen begannen. Sie riefen ein ums andere Mal den Namen von Rul, der ihnen Anweisungen geben sollte, wie sie dies oder jenes am besten auspacken und am Boden ablegen sollten. Rul antwortete stets voller Würde. Seine Trommel und die Fuchsfratze wurden mit großer Anteilnahme bedacht. Auch das Mädchen spielte mit, nachdem sie von Rul einen Schlag mit der flachen Hand erhalten hatte. Die Aufführung half, denn wenig später trat eine Gestalt aus dem Schatten des Waldes. Ein Mensch, einer von ihrer Art.

Anmerkungen zu Kapitel 1.1

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