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Pressebericht zu Karl Heinrich Ulrichs' 175. Geburtstag |
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"Für die schuldlose Menschenclasse" Der erste Schwule der Weltgeschichte:
Schon 1870
Von Detlef Grumbach "Zeichen des Staunens und des Spottes" verzeichnet das Protokoll des Deutschen Juristentags im Jahr 1867 in München. Karl Heinrich Ulrichs hatte das Wort ergriffen und forderte die Beratung eines Problems, das bis dahin sang- und klanglos unterdrückt worden war: die strafrechtliche Verfolgung der "Urninge", wie er sie nannte, weil es die Bezeichnung "Homosexuelle" noch gar nicht gab. Ulrichs kämpfte schon damals für die Rechte dieser "schuldlosen Menschenclasse", "welcher viele der größten und edelsten Geister unsrer so wie fremder Nationen angehört haben". Als er trotz Zwischenrufen weiterredete, wurde er niedergebrüllt. Ein typisch Bayerischer Skandal, könnte man denken, wenn man sich beispielsweise eine Debatte über gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Münchner Landtag vorstellt. Doch auch im Deutschen Bundestag
war das Klima nicht wesentlich freundlicher, als 1985 der erste offen schwule
Abgeordnete auftrat, und gerade Bayern galt Ulrichs als "in Deutschland
die älteste Freistatt der Urningsnatur". Homosexualität wurde
dort schon seit 1813 nicht mehr bestraft. Erst 1871 fand der preußische
Homosexuellenparagraph 175 Eingang ins einheitliche Reichsstrafgesetzbuch.
1935 wurde er deutlich verschärft und erst 1994 aus dem - wieder einheitlichen
- deutschen Strafrecht gestrichen./font>
Karl Heinrich Ulrichs gehört
neben dem Schweizer Publizisten Heinrich Hößli (1784 - 1864)
und dem Berliner Arzt Magnus Hirschfeld (1868 - 1935) zu den Vorkämpfern
der Schwulenbewegung. Ulrichs aber war mutiger als Hößli und
Hirschfeld. Anders als diese redete er nicht nur über jene Minderheit.
Er nahm vieles vorweg, was später die Schwulenbewegung realisierte.
Er bekannte sich zu seiner Veranlagung,
konfrontierte die Öffentlichkeit, gründete eine (schnell wieder
eingegangene) Zeitschrift, übte tatkräftig Solidarität und
träumte von einem "Urningsbund": "Stark genug möchte schon jetzt
die Classe der Urninge sein, um ihre Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung
geltend zu machen. Freilich gehört ein wenig Kühnheit dazu. Gestützt
auf den Schild der Gerechtigkeit ihrer Sache muß sie es wagen, aus
ihrer bisherigen Zurückhaltung und Vereinzelung mutig hervorzutreten."
Dennoch ging er 1867 mit Herzklopfen
in die Höhle des Löwen, doch er wollte "nicht unter die Hand
des Todtengräbers kommen, ohne zuvor freimüthig Zeugniß
abgelegt zu haben für das unterdrückte Recht angeborner Natur,
ohne zuvor, wenn auch mit minderem Ruhm, als einst ein größerer
Name, der Freiheit eine Gasse gebrochen zu haben." Der Frankfurter Sexualwissenschaftler
Volkmar Sigusch nennt Ulrichs deshalb ein "urnisches Sexualsubjekt", den
"ersten Schwulen der Weltgeschichte". Am 28. August vor 175 Jahren wurde
Karl Heinrichs Ulrichs in der Nähe des ostfriesischen Aurich geboren.
Ulrichs wuchs in der Nähe von
Hannover auf und studierte später Jura. Aus den sich anschließenden
Diensten im Königreich Hannover schied er 1854 aus, als er wegen "widernatürlicher
Wollust" denunziert wurde. Seinen Titel als Assessor durfte er weiterhin
tragen. In den Jahren zwischen 1864 und 1879 verfasste er zwölf Schriften
Forschungen
über das Räthsel der mannmännlichen Liebe. 1880 wanderte
er schließlich nach Italien aus, wo er 1895 in Aquila in den Abruzzen
starb.
Schon in seinen ersten Äußerungen,
in später gedruckten privaten Briefen an seine Familie, beruft er
sich auf die von Gott verliehene Natur. Sollte er ihn bitten, die Richtung
seiner Liebe "umzudrehen"? "Du sollst Gott nicht versuchen!", hält
er diesem Ansinnen entgegen und fragt voller Pathos: "Willst Du armes Geschöpf
von Mensch es besser wissen als der Schöpfer?"
Die vorbehaltlose Annahme, schlicht
und einfach anders zu sein, bildet die Grundlage seines späteren Kampfes
und hat bis heute nichts an Ausstrahlungskraft eingebüßt. Wo
Ratgeber für den Umgang mit homosexuellen Jugendlichen im Titel Eine
Liebe wie jede andere vorgaukeln und auch im Zusammenhang der Gleichstellung
gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in bester Absicht die Gleichheit
betont wird, fordert Ulrichs uneingeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten
trotz
der Ungleichheit: "Wir sind gar nicht Männer im gewöhnlichen
Begriff", eifert er gegen falsche Rollenerwartungen der Dioninge, wie er
die heterosexuelle Mehrheit nannte, und "so habt Ihr auch kein Recht, den
Maßstab gewöhnlicher Männer uns aufzuzwingen!"
1870 richtete er an die beiden großen
Kirchen "das Begehren, dem Urning und dessen Geliebten, sei er Urning oder
Dioning, zu gestatten, im Beisein 2er Zeugen vor den Altar zu treten und
vor dem Pfarrer die Erklärung abzugeben, dass sie hiedurch miteinander
ein Liebensbündnis eingehn, unter dem Gelöbnis ehelicher Treue".
Doch ging es ihm nicht um die Übernahme gleicher Muster oder die Anpassung
eines "Urningsbündnisses" an die Ehe.
Schon in den erwähnten Briefen
an die Familie spitzt er die noch heute virulente Diskussion zu: "Onkel
Wilhelm meint, durch die Uranier werde Gottes Ordnung in der menschlichen
Gesellschaft gefährdet (...). Ich erwidere: Durch sie wird doch nur
diejenige menschliche Gesellschaft alteriert oder modifiziert, welche ausschliesslich
dionäisch konstruiert ist. Die dionäische Majorität aber
hat gar kein Recht, die menschliche Gesellschaft ausschliesslich dionäisch
zu konstruieren. Solche Konstruktion derselben ist vielmehr nur empörender
Missbrauch: da wir in der menschlichen Gesellschaft ebenso existenzberechtigt
sind, als Ihr."
Als vor 30 Jahren die später
als Homosexuelle bezeichneten Urninge das Schimpfwort "Schwule" angenommen
und auf der Straße für ihre Rechte demonstriert haben, trugen
sie den Rosa Winkel der homosexuellen KZ-Häftlinge als Zeichen und
beriefen sich auf Magnus Hirschfeld und sein Wissenschaftlich-humanitäres
Komitee. An Karl Heinrich Ulrichs hat damals niemand gedacht, obwohl er
ihnen näher gestanden hätte. Denn Schwule in den siebziger und
achtziger Jahren wollten nicht mehr nur geduldet oder toleriert, sondern
als gleichwertig akzeptiert werden. Sie wussten, dass dies nur in einer
veränderten Gesellschaft möglich wäre.
Aber weiter zurück als bis in
die Jahre der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus reichte weder
die Erinnerung noch die Forschung, die auf diesem Gebiet erst begann. Und
immerhin wurde Hirschfelds Sexualwissenschaftliches Institut in Berlin
im Mai 1933 geplündert und zerstört und wurden seine Schriften
verbrannt. Nachdem aber die Verfolgung der Homosexuellen während der
Zeit des Nationalsozialismus und ihre Fortsetzung in der Bundesrepublik
nicht mehr der Fluchtpunkt der Emanzipationsbewegung ist und sich der Horizont
geweitet hat, erscheint Ulrichs heute jung, kämpferisch und unverbraucht.
So tritt "der erste Schwule der Weltgeschichte" aus dem Schatten Hirschfelds
und erfährt die Würdigung, die ihm gebührt.
(Frankfurter Rundschau vom 26.08.2000) |