S T A R T S E I T E       P O R T A L    

 

M I T   D E N   "S C H I L D G E N E R   T R E U E N"   I N   L I V E R P O O L

Sonntag, 20.02.2005 - Mittwoch, 23.02.2005

UEFA-Champions League Achtelfinale Saison 2004/2005

FC Liverpool - Bayer 04 Leverkusen
 

Endlich war es nach 2 ½ Jahren bzw. seit dem DFB-Pokalfinale in Berlin 2002 mal wieder so weit: Eine Auswärts-Bustour mit den „Schildgener Treuen´87“ aus Bergisch Gladbach. Unser diesmaliges Reiseziel sollte uns zum Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League in keine geringere englische Hafenstadt an der Mersey führen, die die Wiege der Beatles und jenes Fußballclubs darstellt, dessen Fans unweigerlich mit der weltbekannten Stadionhymne „You´ll Never Walk Alone“ in Verbindung gebracht werden, als nach Liverpool also. Die „Reds“ vor ihren eigenen Fans im Stadion an der „Anfield Road“ einmal live miterleben zu können, dürfte wohl für fast jeden Fußballfan der größte Traum in seinem Leben sein, der nun also für uns sogar in Erfüllung gehen sollte. Dementsprechend groß war natürlich auch die Vorfreude – zu Recht, wie sich noch herausstellen sollte.

Für unsere südwestdeutsche Fraktion, vertreten durch Corina, Dirk, Frank, Thomas, Marc und meiner Wenigkeit, begann die Tour bereits mit einem gemütlichen Schnitzelessen in Elke´s Sportheim in Norheim, wovon wir uns gegen 21:00 Uhr auf den Weg ins Rheinland begaben, das wir trotz winterlichster Straßenverhältnisse v. a. im Hunsrück unbeschadet und pünktlich um 23:15 Uhr erreichten. Auf dem Parkplatz von „Getränke Otter“ angekommen, erlebten wir schon ein erstes Highlight dieser unvergesslichen Tour: Wie bekommt man 35 Kisten Bier und 33 Menschen mitsamt Gepäck in einem Bus unter, der nur 32 Plätze bietet? Nach kurzem Beraten wurde der Entschluss getroffen, dass man schmerzliche sieben Kästen in Schildgen zurücklassen und ein Mitfahrer zumindest bis Frechen stehen müsse. Ab dort fungierte dann einer der insgesamt vier Busfahrern unserer Armada, die aus summa summarum drei Fahrzeugen bestand, als Springer, sodass Olli nicht lange die Rolle des Stehenden ausüben musste. Von Beginn an herrschte beste Stimmung an Board. Dank Hendrik´s hervorragender Organisation war für alles gesorgt, von gekühltem Kölsch über frische Äpfel bis hin zu Frikadellen und Würstchen (welch eine Kombination).

Spätestens an dieser Stelle sei nun LUDWIG zu nennen, ein kleines Wesen mit zwei zierlichen Beinchen, zwei noch zierlicheren Ärmchen und zarten 27,5 kg Körpergewicht – bei vollem Magen versteht sich -, das sich scheinbar herausnahm, unseren Bus mitsamt wertvoller Ladung zu steuern. Und nach genauerem Hinsehen wurde diese Einschätzung tatsächlich bestätigt. Diesen knuffigen wie auch zerbrechlichen Kerl schlossen wir - allen voran jedoch Olli, der möglicherweise seit jener Hotelnacht Zwillinge von jenem schmächtigen Typen zu erwarten hat - sehr schnell in unsere Herzen und er sollte sich später als das I-Tüpfelchen unserer Fahrt herausstellen. Er verstand es, sowohl Humor, fußballgesangliche Ahnungslosigkeit als auch fahrerisches Können hervorragend miteinander zu verbinden. So vernahm er es mit einem schüchtern-sympathischen Lächeln, als wir ihn fortan mit „Nacktmodel Ludwig“ feierten. Was anderes blieb uns auch nicht übrig, zumal wir durch das Fehlen von Board-TV keine Chance auf Pornos und wir meine mitgebrachten vier kölschen Karnevals-CDs bis Calais bereits mehrfach durchgehört hatten.

Calais, Calais... – was war da noch mal? Klar, die Fähre, die uns nach Dover fahren sollte. Ach richtig, hier stieg wohl definitiv dem letzten trinkenden Insassen unserer Meute endgültig der Alk in den Kopf. Anders lässt sich die Schöpfung von „Dover als Calais, Dover als Calais, Dover Dover Dover als Calais“ wohl kaum erklären. Ansonsten überstanden wir die Fährüberfahrt jedoch unversehrt. Zum Glück blieben solch starke Seegänge wie damals auf unserer London-Tour aus, sodass wir anschließend frohen Mutes die Hälfte der britischen Insel durchfahren konnten.

Am Montagmittag trafen wir planmäßig in Liverpool ein. Unser Hotel der renommierten Kette „Ibis“ befand sich zwischen Hafengebiet, Beatles-Museum und Innenstadt in zentraler Lage. Vor dem Einchecken galt es jedoch noch, die Zimmerbelegungen bekannt zu geben, welche Hendrik vornahm. Die Befürchtung, dass nachdem unser Bus zunächst nicht ausreichend Plätze auswies, nun auch zu wenige Zimmer gebucht wurden, blieb unberechtigt. Im Gegenteil: Hendrik arrangierte großzügig und schier uneigennützig, dass jeder von uns einen Teil der Nacht alleine mit Ludwig im Zimmer verbringen durfte: „Im Zimmer mit der Nummer 117: Marc Egner und LUDWIG. Im Zimmer mit der Nummer 224: Corina Gallon und LUDWIG...“. Tja, an dieser Stelle würde ich nun eigentlich gerne etwas vom Liverpooler Nachtleben berichten, aber nach einer durchgemachten Nacht im Bus zog ich es vor, ab 18:00 Uhr für knappe 14 Stunden die Äuglein im bequemen Hotelbett zu schließen, um gut gerüstet für das anstehende Match zu sein. Leider wurde diese Nachtruhe urplötzlich von einem gellend lauten Feueralarm unterbrochen, der sich selbst durch das mehrfache Betätigen der TV-Fernbedienung nicht abstellen ließ. Mein Zimmergenosse Marc vergewisserte sich durch einen flüchtigen Blick in den Gang unserer Etage, dass es sich wohl um falschen Alarm, vermutlich durch einen unserer Spezis verursacht, handeln musste, was sich dann am nächsten Morgen auch als richtig herausstellte.

Ausgeschlafen und wohl gesättigt durch das reichhaltige Frühstücksbuffet fuhr uns Ludwig am Dienstagmittag zum zentralen Sammelparkplatz aller Bayer-Fanbusse auf den King Docks. Von dort schwärmten wir dann in verschiedenen Gruppen aus, um die Stadt zu erkunden. Vor dem Beatles-Museum trafen wir uns absprachegemäß mit unseren Fanclub-Mitgliedern Martin und Christian, die mit dem Tagescharter anreisten, später stießen noch Brigitte, Volker und Michael, die ohne Übernachtung in einem der beiden Ultras-Busse mitfuhren, dazu. Einige zog es an kulturelle Orte, andere bevorzugten eher Pubs. Jedenfalls glich Liverpool an diesem Tag einer Kolonie in Schwarz und Rot. Überall in der Stadt traf man auf bekannte Gesichter aus Leverkusen. Brunnen und historische Gebäude wurden von Bayer-Fans gesäumt, einige demonstrierten den Engländern sogar ein echtes deutsches UFFTA-UFFTA-TÄTÄRÄ auf offener Straße. Man konnte in diesen Stunden schon erahnen, welch eine atemberaubende Atmosphäre einen später im Stadion erwarten sollte.

Bevor es dorthin ging, trafen nach und nach die Bayer-Fans auf dem besagten Sammelparkplatz ein. Toby Naumann baute sogar einen provisorischen FANERGY.de-Stand mit offiziellen Fanartikeln für das Duell zwischen den „Reds“ und unserer „Werkself“ auf. Ebenso anwesend waren aber auch echte englische Bobbies, die eigentlich das Geschehen auf dem Parkplatz beobachten sollten, schnell aber in den Bann der Besucher aus Leverkusen gezogen wurden und als ultimative Fotomotive herhalten mussten, was sie denn auch unbeschwerlich und unkompliziert ausübten. Zumindest so lange, bis sie für das Gruppenbild der „Schildgener Treuen“ posieren mussten. Irgendetwas schienen wir anders gemacht zu haben, sonst hätten sie wohl nicht urplötzlich unseren armen, wehrlosen Ludwig vorübergehend in Gewahrsam genommen. Doch nach Hinterlassen einer bescheidenen Kaution in Höhe von 3.500 Pfund konnten wir auch unseren Ludwig aus den Fängen der britischen Justiz loseisen. 

Nach Überstehen dieser brenzligen Situation ging es dann endlich in einem scheinbar unendlich langen Tross aus Bayer 04-Fanbussen in polizeilichem Geleitschutz gen „Anfield Road“. Hendrik wusste sich auf geniale Art und Weise für die Festnahme Ludwig´s zu revanchieren und schlug vor, jedem Bus einen Bobby an der Windschutzscheibe anzubringen und somit ein „Bobbycar“-Rennen zu veranstalten. Das brachte die Stimmung in unserem Bus auf den Siedepunkt und wir setzten uns fortan Kaffeefilter als Partyhüte auf, was ich schon immer einmal tun wollte. Dazu sangen wir – passend zu den Temperaturen in unserem Gefährt – Jürgen von der Lippe´s „Saunalied“, an dessen Text wir wohl auf den nächsten Fahrten noch arbeiten müssen, sowie ein „L-U-D-F-I-C-K-Tätärä“.

Das Stadion an der "Anfield Road" befindet sich ganz britisch mitten in einem Wohngebiet und ist als solches von Außen nur schwer erkennbar, doch innen vom Allerfeinsten. Selbst in den Toiletten befinden sich Lautsprecher, die die Musik und die Ansagen des Stadionsprechers bei wichtigen Geschäften ertönen lassen. Das Catering-Angebot unterscheidet sich wesentlich vom deutschen Durchschnitt. Bier wird, selbst alkoholfrei, nicht ausgeschenkt. Als Speisen werden vornehmlich Hot Dogs oder auch Würstchen "im Schlafrock" angeboten. So viel zu den Katakomben. Auf der Tribüne angekommen, geht einem wahrhaftig das Herz auf: Solch eine Nähe zum Spielfeld gibt es nur auf der Insel! Doch ich möchte gleich zu dem kommen, worauf ich mich persönlich am allermeisten gefreut habe: "You´ll Never Walk Alone" live und original von den LFC-Fans gesungen! Es beginnt leise, fast schon vorwarnend aus den Lautsprechern, bis sich die Tribünen - und dabei spreche ich nicht nur von der Fankurve - binnen Sekunden füllen und plötzlich 40.000 Kehlen das Stadion, dessen Ränge mit abertausenden empor gestreckten roten Schals gesäumt werden, wie ein gigantischer Chor mit dieser unvergleichlichen wie auch einmaligen Gänsehauthymne behallen. Wer solch eine pure Leidenschaft hinter sich weiß, ist wirklich niemals alleine. Diese Atmosphäre und diese Augenblicke während der Hymne sind wahrhaftig einzigartig und selbst unsere Stimmungskönige von Schalke werden niemals auch nur ansatzweise solch eine Stimmung erreichen können. Wer diese gute zweieinhalb Minuten einmal live miterlebt hat, der weiß, dass er etwas Außergewöhnliches erfahren hat, das sich wohl nur schwer mit Worten beschreiben lässt. In diesen Momenten war ich wirklich ungemein stolz und glücklich, dass ausgerechnet ich mit meinem Verein, mit Bayer 04 Leverkusen, Gast an der "Anfield Road" sein durfte. Ich bin heute noch überwältigt davon, wenn ich daran denke, wie alle Zuschauer im Stadion ununterbrochen immer und immer wieder ihre Mannschaft anpeitschen. Doch auch unserem schwarz-roten, 2.000-Mann (und natürlich Frauen) starken Anhang gebührt großer Respekt für die tolle Unterstützung und das friedliche Auftreten während all den Stunden in Liverpool. Mit gutem Gewissen behaupte ich, dass wir ein würdiger Vertreter des deutschen Fußball´s waren. Allein diese Erlebnisse lassen mich schnell darüber hinweg trösten, dass wir auf der Insel wieder mal verloren haben. Doch der späte, aber auch verdiente 3:1-Anschlusstreffer durch den vorher eingewechselten Franca lies zwei weitere positive Schlüsse zu: Erstens waren wir die erste deutsche Mannschaft überhaupt, die ein Tor an der "Anfield Road" bejubeln durfte und zweitens hatten wir dadurch - wenn auch vergebens, aber immerhin - noch die Hoffnung auf ein spannendes Rückspiel zwei Wochen später in Leverkusen.

Nach dem Abpfiff verbrachten wir noch 15 Minuten mehr oder weniger unfreiwillig im Block, was wir für das Einleiten von La Olas mit - sieh einer an - unseren VIPs nutzten. Um unseren zwischenzeitlichen "Behelfs"-Busfahrer Jürgen, der guten Gewissens mit 80 Grad Celsius Tankinhalt und sage und schreibe durchschnittlichen 90 Sachen über die Autobahn bretterte, auf den richtigen Weg zu bringen, stimmten wir noch ein "Über Dover fahr´n wir nach Calais" an. Doch es sollte unserem ehrwürdigen Ludwig vorbehalten sein, uns - wenn auch recht gerädert - sicher und mit unzählig vielen schönen Erinnerungen im Gepäck am Mittwochnachmittag in Schildgen wieder abzusetzen. Bedauerlich nur, dass die Firma "Rheinland Touristik" aufgrund zu großer Müllansammlung und zu heftiger Geruchsbildung (nichts bläht mehr als "Reissdorf Kölsch"!) den Bus wohl entsorgen lassen muss...

Vielen Dank euch allen, die ihr dabei wart, für diese unvergessliche Fahrt und hoffentlich bis bald zum nächsten Mal!!!

Euer Jörg-Timo

@ Psycho: Falls du mal wieder Wertsachen oder Gepäck von dir suchen solltest: Du weißt. schau´ mal unter den Bus!

@ Hendrik: Ich war jetzt zum vierten Mal mit euch im Bus unterwegs. Die erschütternde Bilanz: 4 Niederlagen, 0 Punkte, 4:13 Tore, 2 verspielte Titel! Es muss schon sehr für den Unterhaltungswert der von dir organisierten Touren sprechen, dass ich mich auch das nächste Mal wieder bedenkenlos in ein Abenteuer mit euch stürzen und dafür noch Dritte mobilisieren würde.

    S T A R T S E I T E       P O R T A L    
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