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| S T A R T S E I T E | P O R T A L |
B R I E F E I N E S H S V - F A N S
(Anm.:
Verfasser unbekannt)
Lieber HSV!
Ich schreibe dir heute, weil ich letzte Nacht nicht schlafen konnte. Und auch
nicht die Nacht davor. Lieber HSV, ich habe lange gezögert, aber ich denke,
manche Dinge manifestieren sich erst, wenn sie gesagt sind. Und das geschriebene
Wort schafft Klarheit, auch für den Schreiber. Es steht dann auf Papier, klar,
deutlich, unwiderruflich. Unsere Beziehung, HSV, ist die Geschichte einer
unerfüllten Liebe. Unerwidert wäre vielleicht das treffendere Wort, denn erfüllt
war mein Leben mit dir durchaus.
Als mein Vater mich 1976 zum ersten Mal in den Volkspark mitnahm, da war ich dir
sofort verfallen. Voller Faszination, aber auch mit einem Gefühl der
Unsicherheit betrat ich diese neue Welt. Die grölenden Massen, der Geruch nach
Bier und Tabak und schwitzenden Körpern auf dem Weg zum Stadion, dann die Angst
"Bekommen wir noch eine Karte, Papa?" und schließlich die letzten Stufen zur
Westkurve hinauf, kurz vor Anpfiff: das gedämpfte Murmeln und Singen Unzähliger,
das plötzlich - so schien es mir - zu einem gewaltigen Geräuschorkan anschwoll,
wenn man das obere Ende des Aufgangs erreichte, und dann der sagenhafte Ausblick
auf Tausende und Abertausende, auf die Dominanz der Farben Schwarz-Weiß-Blau,
auf die verwegenen Gestalten in ihren Jeansjacken, die mit seltsamen,
geheimnisvollen Emblemen bestickt waren. All dies wurde nur übertroffen vom
Spiel selbst, das mit geheimnisvoll unsichtbaren Drähten mit der Zuschauermasse
verbunden schien.
Eine machtvolle Energie wogte von den Rängen der Tribünen auf das Spielfeld, und
sie floss wieder zurück, in die Hirne und Herzen der Fans, und bahnte sich ihren
Weg durch die Leiber und Stimmbänder der Zuschauer, die im Rhythmus des Spiels
zuckten, schrien, hin und her wogten. Ich glaube nicht, dass Fußballfans sich
ihren Verein aussuchen. Die Liebe zum Verein ist keine rationale Entscheidung.
Ich bin fest davon überzeugt, dass der Verein sich die Fans sucht.
Man wird erwählt, lange bevor man das erste Mal von seinem Verein gehört hat -
nenne es Fügung, Schicksal oder Vorsehung -, und dann bedarf es nur eines
Auslösers, eines Katalysators, der wie in einer chemischen Reaktion, ohne selbst
beteiligt zu sein, den Anlass der Einführung in den Zirkel der Auserwählten
gibt.
Lieber HSV, als mein Vater mit mir an jenem Sonnabend nach Hause fuhr, war ich
sehr schweigsam. "Hat´s dir nicht gefallen?", fragte Papa in Verkennung der
Umstände. Ich war überwältigt von dem, was ich gesehen, gehört, erlebt hatte:
Ich hatte mich in dich verliebt, Hals über Kopf, ganz und gar, ohne jede
Einschränkung. Und wie es nun einmal ist, hatte die Niederlage, die ich gerade
gesehen hatte (3:4 gegen den BVB), auf meine Liebe keinen Einfluss. Ganz im
Gegenteil: Mir war klar, zu dieser Familie möchte ich gehören. Hier ist mein
spirituelles Zuhause. Diese Farben bete ich an. Lieber Gott, lass mich ein HSVer
sein.
Ich kam in die Pubertät. Und vielleicht erinnerst du dich, wie schwer es für
mich in der Anfangszeit war, meinen Platz in deinen Reihen einzunehmen. Meine
Eltern waren kleine Leute, die erste Generation der Familie, die ihr Geld nicht
mit körperlicher Arbeit verdiente. Und wie alle Kleinbürger der unteren
Mittelschicht waren sie besorgt, die Familie könnte wieder in das Milieu der
Arbeiterschaft zurücksinken. Für meine Mutter waren deine Jünger, in ihren
Schals und Jeanswesten, mit der obligatorischen Dose Bier in der Hand, typische
Vertreter einer Unterschicht, mit der man den Umgang vermeiden müsse. Und so
musste ich das Signum meiner Zugehörigkeit zu dir, meine liebevoll und
sorgfältig bestickte Weste - die Aufnäher Freiburger FC Fanclub Panther und
Fanclub Rote Teufel Hannover waren mein großer Stolz -, häufig vor dem Spieltag
bei Oma verstecken, weil Mutter diese Rockerkleidung hasste.
HSV, in dieser Zeit begannst du mein ganzes Leben zu füllen.
So jedoch konnte ich mit dem Biedermann-Parka, den mir meine Mutter verordnete -
"der ist gefüttert und hält schön warm" -, runter zur Stader Straße, um mich
dort bei Oma umzuziehen: Parka an die Garderobe, Weste an, den Zweimeterschal um
den Hals und schnell zum 141er, der mich zum Harburger Bahnhof brachte. Mit
Glück gelang es mir auch, vorher in der Karstadt-Lebensmittelabteilung noch ein,
zwei Dosen Bier zu kaufen, ohne dass die Kassiererin an der Kasse nach meinem
Ausweis fragte.
HSV, in dieser Zeit begannst du mein ganzes Leben zu füllen. Es verging keine
Stunde, in der ich nicht an dich dachte. Am Montag, in der Schule, kritzelte ich
die Namen deiner Spieler auf die Tische, ich zählte die Stunden, die Tage
krochen dahin, bis schließlich - meist so am Donnerstagabend - das typische
Kribbeln einsetzte. Eine leichte Aufregung, die sich im Laufe des Freitags
schließlich zu einer hektischen Nervosität steigerte: Endlich war das Wochenende
da, Fußball - ich würde meine Liebe wieder sehen: dich, meinen HSV.
Junge Leute in der Pubertät sind zu großen Gefühlen fähig. Was sie hassen, das
hassen sie vollständig, was sie lieben, das lieben sie mit Haut und Haaren,
unbedingt, ohne das typische Wenn und Aber der älteren Generation. Ich liebte
dich, mein HSV. Du wurdest für mich Lebensinhalt, Familie, Tröster in
schwierigen Zeiten. Du warst mein Gott, meine Angebetete, mein Ein und Alles.
Ich lernte durch dich Menschen kennen, Brüder und Schwestern in
Schwarz-Weiß-Blau, Deine Kinder, wie auch ich eins war, mit denen ich als
beschütztes Mittelschicht-Kind sonst nie in Kontakt gekommen wäre:
Kleinkriminelle, Raufbolde, schwere Trinker, die zugleich aber auch Leute mit
großem Herz waren. Ich genoss ihre Freundschaft, den Zusammenhalt, die Kraft und
den Rückhalt, den sie mir gaben, und uns alle verband die Liebe zu dir. Bald
erkannte ich, dass ich körperlich litt, wenn ich nicht bei dir war.
Nur kurz war die Phase, in der ich vor dem Radio mitfieberte, wann immer du
auswärts spieltest. Die Konferenzschaltungen auf NDR 2 wurden zur Folter, der
ich erliegen musste. Ich fühlte mich schlecht, wie ein Liebhaber, der seine
Angebetete in schwerer Situation allein lässt. Und so tauschte ich das hilflose
Auf-und-ab-Gehen vor dem Radio gegen stundenlange Bahnfahrten, den familiären
Abendbrottisch gegen zugige Bahnhofshallen, das Klappbett mit der HSV-Bettwäsche
gegen das stete Paromm-Paromm-Paromm der Waggonachsen, die über Weichen rumpeln:
Ich begann, auswärts zu fahren. Überallhin bin ich dir gefolgt, zusammen mit all
den anderen Verrückten, die so fühlten wie ich. Mit viel Geld in der Tasche,
aber viel häufiger mit nur wenigen D-Mark, die gerade mal für die Eintrittskarte
und ein paar Bier reichten, und manchmal reichten sie nicht mal dafür. Ich
reiste dir nach Kaiserslautern hinterher, unter der Sitzbank des Abteils
liegend, in einer Pfütze aus Bier und Dreck, weil eine Fahrkarte einfach nicht
drin lag, und ich weinte mit dir in Athen Tränen der Freude, an jenem
unwirklichen Abend, den ich lange für den schönsten Moment meines Lebens hielt.
Der größte Moment war für mich immer, wenn deine Mannschaft nach dem Spiel zu
uns kam, an den Zaun, wo wir - eingepfercht wie Tiere -, von Metallgitter und
Staatsmacht umgeben, jubelnd deinen Namen priesen. Du hast mir unendliche
Stunden des Glücks beschert. Ich war dein Kind, und dein großer Name füllte mein
Leben ganz aus, bis in den letzten Winkel.
Vor dem ersten Spieltag schicktest du mir meine Dauerkarte für die neue Saison.
Aber sie kam nicht wirklich von dir. Ich wurde bedient vom Agent-Call-Center 37,
wie in der oberen Ecke der Rechnung Nr. 617962 vom 01. 06. 2001 über 500,00 DM
(255,65 EUR) steht. Ich habe jetzt sogar eine Kundennummer. Ich bin Nummer
40000132. Was ist mit dir geschehen, mein HSV? Was hast du aus uns gemacht?!
Wir haben uns deinen Namen in die Haut stechen lassen.
Wir haben dir unser Leben zu Füßen gelegt. Viele von uns haben ihren Job, ihre
Familie oder beides aufgegeben, um immer in deiner Nähe zu sein. Wie viele von
uns haben ihre Berufswahl nach deinen Anforderungen ausgerichtet ("Wir würden
Sie gerne einstellen. Wir arbeiten in unserem Betrieb in Sechstageschichten,
inklusive sonnabends . . ." - "Ja, danke, ich überleg´s mir noch mal.
Wiedersehen.").
Wir haben uns deinen Namen in die Haut stechen lassen, haben den Spott und das
Gelächter von Schul- und Arbeitskollegen ertragen, wenn es dir sportlich wieder
einmal schlecht ging, wir haben uns verzehrt nach dir. Jetzt nennst du mich
Kunde Nummer 40000132. Was ist mit dir geschehen? Graue Herren in grauen Anzügen
sitzen jetzt zusammen und bestimmen über dein Geschick. Du bist jetzt ein
Wirtschaftsunternehmen, sagen sie.
Sie sprechen mir das Recht ab, von Tradition zu sprechen.
Man muss dich professionell führen, sagen sie. Sie lachen über Leute wie mich,
wenn ich traurig bin, dass unser gemeinsames Zuhause nun nach einem
Wirtschaftsunternehmen benannt ist. Das ist der Lauf der Zeit, sagen sie, und
dass ich naiv wäre, dies nicht zu erkennen. Sie sprechen mir das Recht ab - MIR,
mein HSV, denk dir nur -, von Tradition zu sprechen. Sie sagen mir - MIR, mein
HSV -, ich hätte kein Recht, meine Stimme zu erheben. Wie lange wirst du noch
deinen heiligen Namen tragen, mein HSV? Wirst du bald Hamburger Sparkasse
Schwarz-Weiß-Blau heißen oder Hamburger Sportverein DaimlerChrysler AG oder
Sportverein Beiersdorf AG Hamburg, ähnlich wie die Vereine in Österreich?
Du lässt dich von deinen Angestellten erniedrigen und demütigen. Du lässt einen
Bosnier, dessen Landsleute glücklich sein können, wenn sie die letzten zehn
Jahre körperlich unversehrt den Krieg in ihrem Heimatland überlebt haben, von
dir Millionenbeträge fordern! Du diskutierst ernsthaft, ob 3,1 oder 3,3 oder 3,5
Millionen Mark für die Arbeitsleistung dieses Angestellten angemessen sind? Wo
ist deine Größe, dein Stolz, deine Tradition, von der zu sprechen mir verboten
wurde?
Was ist mit dir geschehen, mein HSV? Was ist mit MIR geschehen? Die Spieler, die
ich früher bejubelte, würde ich verachten, wenn ich nur die Kraft zu dieser
Gefühlsleistung aufbringen könnte. Angestellte, die sich nicht einmal mehr die
Mühe machen zu heucheln, wie gern sie in deinen Diensten stehen, die in deiner
Stadionzeitung vor Rinderhälften posieren, als wüssten sie um den harten
Broterwerb einfacher Leute, aber in jeder neuen Vertragsverhandlung beweisen,
dass sie jeden Bezug zum Leben arbeitender, WIRKLICH arbeitender Menschen
verloren haben.
Du wirkst auf mich seltsam blutleer, nicht lebendig, beinahe wie ein Untoter.
Bist du wie ein Vampir, wie der berühmte transsylvanische Graf, der sich vom
Blut seiner ihm Verfallenen nährt, bis sie völlig ihm gehören - um sie dann
fallen zu lassen? Nährst du dich vom Enthusiasmus junger Leute, bis deren Leben
völlig dir gehört - um sie dann zu desillusionieren? In der letzten Nacht kam
mir ein erschreckender Gedanke: Vielleicht gibt es dich überhaupt nicht!
Vielleicht ist all das, was ich in den vergangenen 25 Jahren in dir sah, nur die
Projektion meiner Wünsche und Sehnsüchte. All die Gedanken von Freundschaft,
Zusammenhalt, Treue - wir für euch, ihr für uns -, wurden sie von dir nur
reflektiert, chimärenhaft, wie eine magische Leinwand, auf der jeder sieht, was
er zu sehen wünscht? Bist du in Wirklichkeit immer nichts weiter als ein
mittelständisches Wirtschaftsunternehmen gewesen, das ein spät entwickelnder
Jüngling zu einer Pseudo-Religion erhoben hat? Ich mag dies nicht glauben, und
doch spüre ich, dass dies die Wahrheit ist.
Ich fühle mich leer, kalt, als hätte mich Dr. Frankenstein in der vorigen Nacht
auf sein Schloss entführt und mein heißes Herz gegen ein metallisches
Kunstprodukt ausgetauscht. Ich sehe jetzt klarer, leidenschaftsloser. Meinem
Leben scheint die Mitte genommen. Du, HSV, bist nicht mehr das, was ich
jahrzehntelang in dir zu sehen glaubte. Ich wünschte, wir könnten noch einmal
neu anfangen, nur du und ich und hundert andere Verrückte, irgendwo in der
Kreisklasse, fernab von den großen Geldsummen, den Profitcenters, den hohläugig
glotzenden Fußballmillionären, den Uwe Bahns und DJ Ötzis, den La Olas und dem
Fan-Kommerz, fernab von den grauen Männern in den VIP-Logen und Hinterzimmern.
Die Flamme wird ein Flämmchen sein.
Ich werde dich nicht gänzlich loslassen können. Du bist ich, seit 25 Jahren. Wer
würde sich schon einen solchen Lebensbetrug eingestehen? Aber vielleicht wirst
du irgendwann in der sportlichen - und damit wirtschaftlichen - Versenkung
verschwinden, vielleicht wird dann aus der Konkursmasse eine kleine,
unbedeutende Fußballmannschaft erstehen, die am Sonntagvormittag auf irgendeinem
Grandacker kickt. Dann werde ich da sein, mit heißem Herzen, voller
Leidenschaft, und die Luft wird nach Bier und Tabak und Schweiß riechen.
Bis zu jenem Tage jedoch werde ich weiter in deine AOL Arena kommen, werde aufs
Spielfeld starren, werde vielleicht sogar aufstehen, wenn mich andere mit ihrem
Gesang dazu auffordern, und werde deine Angestellten mit höflichem Applaus
bedenken. Die Flamme wird ein Flämmchen sein, doch ich werde sie am Leben
erhalten - bis zu dem Tage, an dem du wieder frei sein wirst.
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