Zur ästhetischen Position Franz Jochen Herferts

Die "Neue Musik" ist tot, es lebe neue Musik
    Betrachtungen gegen den Strom

Nachdem die alten "Avantgardisten" ihre Ideale, insbesondere das des kontinuierlichen Fortschritts des musikalischen Materials, im Lauf der Zeit verraten haben, die neueste Produktion entweder auf Imitation der alten avantgardistischen Werke oder aber auf die postmoderne Variante von Klassizismus und Expressionismus hinausläuft, muß man sagen: die "Neue Musik" ist tot. Abhilfe aus dieser Situation kann nur das schöpferische Denken in den von der "Neuen Musik" vernachlässigten, gleichwohl zentralen Bereichen der Musik, nämlich Rhythmus, Zusammenklang und Melodik, bringen. 

Dies ist nur möglich, wenn man sich zuerst und vor allen Dingen von der "Ideologie der Neuen Musik" freimacht, von deren Verpflichtung auf die Fortschrittsideologie ("Tendenz des musikalischen Materials"), von ihrer Verabsolutierung von Geschichte, von deren pseudowissenschaftlicher Verknüpfung von musikalischen Phänomenen mit gesellschaftlichen Zuständen, schließlich von ihrer oft bußpredigerhaften, gesellschafts=und kulturkritischen Schurigelei. 

Schöpferisches Denken im Bereich der Zusammenklänge bedeutet, diese aus den Fesseln traditionellen Tonsatzdenkens zu befreien. Dadurch können sogar schlichte triadische Akkorde wieder eine unmuseale Verwendung finden. Ziel dieses schöpferischen Denkens ist es, vorbehaltlos alle Akkorde verwenden zu können, von den einfachen bis zu den komplexen. 

Schöpferisches Denken im Bereich des Rhythmus bedeutet, vor allem von anderen Musikkulturen zu lernen, von der arabischen, indischen, der schwarzafrikanischen, vom "Jazz" und den auf ihn folgenden Musikströmungen. Hierzu gilt es auch, sich von zentraleuropäischem Bildungsbürgerdünkel zu verabschieden. 

Mit schöpferischem Denken bei Zusammenklängen und Rhythmus im Hintergrund kann auch im Bereich der Melodizität Neuartiges entstehen, sei es als tatsächliche Melodik, sei es als Symbiose von Klang und Melodik. 

Schöpferisches Denken soll schließlich ganz besonders die musiktheoretische Mangelsituation aus der Welt schaffen, die infolge des Zusammenbruchs der alten, unangemessen gewordenen Harmonielehre entstanden ist. Nicht deren zeitbedingte stilistische Regeln, deren Erneuerung Schönberg unternahm, sondern die ebenfalls in ihr enthaltene Theorie über den Fortgang der Musik in der Zeit verlangt nach Ersatz, als allgemein formulierte Theorie eines propulsiven Prinzips in der Musik, die alle akustischen Phänomene berücksichtigt, also auch Geräusche, nicht nur Töne, und auch andere musikalische Eigenschaften einbezieht außer den Zusammenklang. 

Durch interdisziplinäres Denken unter Einbezug der Kybernetik ist solch eine Theorie möglich. Sie gibt auch neue formöffnende Mechanismen an die Hand, welche die als Geniestreich hinausposaunte "Momentform", die ja nur "Konsequenz" des Zusammenbruchs der alten Harmonielehre ist, überwinden können. 

Auf einer höheren Ebene geht es um eine Umgestaltung des Musikdenkens als solchem, weg von motivisch-thematischer Musik (und "thematischer Arbeit") und ihrer letzten Konsequenz, dem Serialismus, hin zu sonaler Musik, in der nicht melodische Linien, sondern Klänge im Mittelpunkt der kompositorischen Arbeit stehen ("Klangarbeit", "rhythmische Arbeit"). 

Die schöpferische Erneuerung auf den beschriebenen zentralen Gebieten der Musik führt in eine andere, hoffnungsvollere ästhetische Richtung als das Auf-der-Stelle-Treten in alten "avantgardistischen" Positionen oder als die "Postmoderne", eben zu "sonaler Musik". Aus dieser Sicht ist alle zuvor geschaffene Musik, insbesondere eben auch die "Neue Musik" "präsonal". 

Während "Avantgardisten" eindimensional dem Fortschritt entlang denken, erkundet die schöpferisch tätige Persönlichkeit ein mehrdimensionales Terrain, deswegen steht der uniformen und vorhersehbaren Produktion des "Avantgardisten" ein vielgestaltiges und schwer etikettierbares Oeuvre der Schöpferpersönlichkeit gegenüber. 

Im Gegensatz zum nach künftiger Klassizität schielenden "Avantgardisten" nimmt die nur sich selbst treue Schöpferpersönlichkeit eine von Tradition, realem Publikum und jeglicher Art von Musikbetrieb unabhängie Position ein, läßt sich also auch vom Neue-Musik-Betrieb nicht verbiegen.

Im Gegensatz zu den meisten relevanten Komponisten der Vorgängergeneration und ihrer um eine Generation jüngeren Nachfolger, die der Fortschrittsideologie der Musik anhängen, die zuerst konsequent von Schönberg vertreten und umgesetzt wurde, bin ich weniger geschichtsergeben, nicht mit Haut und Haaren der abendländischen Musiktradition verpflichtet. Vielmehr geht es um eine Verflechtung dieser Tradition mit anderen musikalischen Traditionen außerhalb Europas, jedoch so, daß die Elemente nicht mehr ohne weiteres erkannt werden können, sondern in ihrer Verschmelzung eine neue Qualität bekommen. In einer Musikszene, in der exklusive Originalität zwanghaft und absichtsvoll hergestellt wird, geht es mir darum, eine solche eher unbewußt entstehen zu lassen. 

Ich betone die grundsätzliche Freiheit der musikalischen Imagination sowohl von traditionalistischen oder fortschrittsideologisch-avantgardistischen Zwängen, als auch ihre Unantastbarkeit von bußpredigerhaften Vorwürfen. Den prinzipiell absichtslosen Grundantrieb des Komponierens und damit verbunden den im Wesen zweckfreien Charakter eines Kunstwerks sowie seinen ganzheitlichen Charakters.