1         Intro Cuba 2005

 

Eigentlich war es schon immer mein Traum nach Cuba zu fahren. Warum weiß ich nicht ganz genau, irgend so ein verklärtes Fernweh-Ding. Mein Blick bei der Planung „was tun wenn die Füße mal wieder brennen?“ blieb im Jahr 2004 auf der Weltkarte bei Cuba haften. In Folge besorgte ich mir ein günstiges Ticket und kümmerte mich nicht weiter drum. Zwei Wochen vor Abflug wurde mir beim Studium der Reiseführer bewußt, was ich mir eingebrockt hatte: Öffentlicher Transport - eine Katastrophe und wichtige Orte nicht erreichbar, als einzige Alternative wurde der exorbitant teure (und langweilige) Mietwagen genannt oder eben Fahrrad. Nun hatte ich schon des Öfteren mir ein Rad im Ausland geliehen, allerdings nur für Tagestouren. Mit dem Rad in Luxor durch Theben und das Tal der Könige, die Tempelroute in Kyoto oder die Regenwälder von Byron Bay in Australien. Aber so richtig wochenlang mit allem Gepäck, das erschien mir doch gewagt. Die Verhältnisse in Cuba klangen jedoch vielversprechend und sie bewahrheiteten sich auch. Fast alle Strassen geteert, ausgebautes Wegenetz und aus Benzin- und Fahrzeugmangel praktisch kein Verkehr. Auf der sechsspurigen Hauptautobahn der „carretera sur“ die von Havanna bis Santiago geht, überholte ich Eselkarren, die zum Teil sogar als Geisterfahrer unterwegs waren! Und das ist wirklich kein travelergeschwafel.

Einige Probleme gab es aber doch: mit dem Geld - meine Kreditkarten waren auf Cuba ungültig, weil US-Amerikanische Unternehmen das Embargo auch bei Tochtergesellschaften strikt einhalten - löste ich durch Bargeld, ich lief also mit dem mehrfachen Jahresgehalt eines cubanischen Arztes in der Hosentasche herum. Das zweite Problem war das Essen: keine Supermärkte, fast keine Restaurants, selbst Früchte oder Fisch waren nur sehr schwer zu bekommen: ich nahm 2 Kilogramm Müsliriegel und Studentenfutter mit. Erst in Havanna habe ich eine richtig gute Lösung dafür gefunden, doch davon später. Das dritte Problem waren die Unterkünfte: Hotels (die offiziellen gehören alle dem Militär) gibt es nur sehr wenige und nur in größeren Ortschaften, die „casas particulares“ (Privatwohnungen) stellten die einzige Alternative dar – eine sehr gute wie ich dann schnell merken sollte.

Da ich Angst hatte, daß mein Rad geklaut werden (was völlig unbegründet war) oder total den Geist aufgeben könnte (was ich fast geschafft habe), entschied ich mich, statt der Satteltaschen einen ganz gewöhnlichen Koffer-Rucksack mit Spannern auf dem Gepäckträger zu fixieren. Dann kann ich das Rad vergessen und die Reise trotzdem fortsetzen. Dieses Verfahren hat sich dermaßen bewährt, daß ich es seitdem immer so mache. Ein Griff und ich habe mein gesamtes Gepäck z.B. auf das Zimmer gebracht, das Rad im Bus verstaut oder das Rad entlastet, damit ich es durch einen Fluß tragen kann.

 

Cuba ist ein lebendiges Museum, frei von McDonald’s, Coca Cola und anderen Globalisierungsauswüchsen, die die Welt in einen qualitätsgesicherten Einheitsbrei verwandeln. Wenn ich mir früher aus Indien Rasiercreme und Fenchelzahnpasta mitbrachte, damit die Erinnerung an die Reise noch lange anhält, hat Procter&Gamble diesem Spaß mit Colgate & Co. schon längst ein Ende bereitet.

Aber Vorsicht mit romantisierender Schwärmerei, Cuba ist die DDR im Endstadium: eine Mangelwirtschaft in Resignation mit totaler gegenseitiger Überwachung. Dort zu leben ist kein Zuckerschlecken. Um seinen Wohnort für den Besuch einer anderen Stadt verlassen zu dürfen, muß der Cubaner beantragen. Ich habe gesehen, wie Einheimische verhaftet und im Polizeiwagen abgeführt wurden. Am Playa del Este bei Havanna wurden die Ausweise kontrolliert. Cuba wird von einer Diktatur beherrscht. Normale Lebensmittel erhält man nur in den cubanischen „Intershops“. Alles funktioniert per order mufti: Inzwischen sind strassenzugweise die Kühlschränke und Glühbirnen gegen Stromsparer getauscht – die LKW mit den archaischen Kühlaggregaten habe ich selber gesehen.

Trotz dieser schwierigen Bedingungen erhalten die Cubaner sich ihr positives Lebensgefühl, vor allem die Solidarität, Hilfsbereitschaft, absolute Ehrlichkeit und die Freude am Leben haben sie erstaunlicherweise bewahrt, ja geradezu perfektioniert. Der Umgang miteinander ist extrem freundlich, mit Ausnahme der omnipräsenten Soldaten, zivilen Paramilitärs und Polizei.

Gerade auch die Angewohnheit, Scherze in die Unterhaltung einzubinden gehört dazu wie die Luft zum Leben. Immer wieder gerne von mir vernommen ist das „Guapo culo“ (in etwa: Knackarsch) das Frauen jeder Couleur und jeden Alters mir auf dem Rad nachriefen, das gehört einfach zum guten Ton. Die härtere Variante untereinander ging etwa so, daß der Mann der Frau hinterher ruft „quieres Vanilla con chocolate“, dessen übertragene Bedeutung ich an dieser Stelle nicht wiedergeben möchte. Die Antwort kam lachend, prompt und so schnell, daß ich sie leider nicht verstand, was den Mann aber augenblicklich verdutzt zum Schweigen brachte. Meine Versuche mich dem Stil anzupassen, klingen hier in Europa völlig daneben und macho-sexistisch, in Cuba war es aber der Brüller. Auf mein „tolles“ Rad im Vorbeifahren an einer Bushaltestelle angesprochen, antwortete ich dem Mann „deseas cambiar mi bici con tu esposa“ (willst du etwa mein Rad gegen deine Frau tauschen) was sofort bejaht wurde und die betreffende Frau zu einem Scherz animierte. Ich hatte nicht bedacht mir diesen Tausch visuell vorzustellen. Die Schlagfertigkeit der Frau brachte dann alle zum lachen.

Gerne wurde ich auch befragt, ob ich eher auf flaco oder auf gordo stehe. Mit meinem kleinen Finger oder auch mal mit dem Daumen kratzte ich mir dann nachdenklich an der Stirn. Es dauerte selten lang, bis meine non-verbale Antwort mit einem Grinsen verstanden wurde.

 

Die Straßenverhältnisse und Verkehr sind optimal, Räder werden teilweise gegen Bakschisch in Langstrecken-Bussen mitgenommen. Die Cubaner stehen sehr früh auf, machen keine Siesta und sind spät abends noch anzutreffen. Es wird zwar recht schnell dunkel bis gegen 19 Uhr, aber man kann problemlos auch noch nachts nach einem Quartier suchen. Cuba per Radtour ist einfach perfekt. Ciclo o muerte!

 

Diesen Bericht schreibe ich fast drei Jahre nach der Reise und frei aus dem Gedächtnis, da ich keine Aufzeichnungen gemacht oder ein Tagebuch geführt habe. Die Kilometerangaben sind folglich nur grob geschätzt. Inzwischen hat Fidel sein Camouflage gegen einen roten Addidas-Trainer getauscht und die Ideologie komplett nach Absurdistan geführt. Ich bin dieses Jahr nochmals auf Cuba gewesen, diesmal leider ohne Rad. Die Versorgungslage hat sich dramatisch gebessert (vor allem für die Touristen): überall gibt es Geschäfte, in denen man gegen Valuta Essen und Getränke kaufen kann. Benzin und damit fahrende Auto gibt es dank Chavez inzwischen zuhauf, nachdem dieser Companero Fidel die letzte Ölung gegen Klarsicht (in Form von Augenärzten) getauscht hat. Die Geier in Miami kreisen schon, aber die Menschen von Cuba warten noch immer.

 

Nun aber los hier...

2         Flug Berlin – Frankfurt – Holguin. 05-02-2005

 

Es fing mal wieder sehr hektisch an: das am Vortag bestellte Taxi kam nicht, dann nur ein Kombi und es dauerte eine Weile bis ein Transporter aufgetrieben war, der den Radkarton zum Flughafen brachte. Der Karton war beim Warten auf die Taxe vom Schnee unten so aufgeweicht, daß beim Auspacken das Rad einfach wieder herausfiel. Der Zubringerflug nach Frankfurt war gestrichen worden und ich sollte einen Flieger vorher nehmen, da der folgende Flug zu spät angekommen wäre. Condor fliegt nur einmal pro Woche. Also wartete die Maschine extra auf mich: Ich hatte vorher fragen wollen, ob ich den Pedalschlüssel mit an Bord nehmen darf, das in der Aufregung aber vergessen. Klar, der wurde dann in einem Extra-Paket aufgegeben. Ich hatte es aber richtig eingeschätzt, auf Cuba wäre es ein riesiger Aufwand geworden sich einen neuen Schlüssel zu besorgen. Ich konnte es kaum fassen: dieses Paket kam geöffnet in Holguin an und per Zufall hatte sich der Schlüssel eingeklemmt und war nicht herausgefallen. In Frankfurt erfuhr ich, daß für die Einreise eine Touristenkarte zwingend erforderlich  ist, was kein Bestandteil meines Billigfluges war. Also durchkämmte ich den Flughafen nach der Verkaufsstelle. Nichts gegen Abenteuer, aber das war wohl eher Streß pur.

In Frankfurt traf ich dann auf Leute, die gleich mehrere Räder eincheckten, die Erklärung war, daß sie an dem Radrennen „Vuelta de Cuba“ teilnahmen. Da der Verlauf zufälligerweise ziemlich meiner Routenführung entsprach von Holguin, Baracoa, Santjago nach Havanna, kommentierte ich dies später bei meinen Zimmerwirten häufig mit der Bemerkung ich sei der letzte der Rennfahrer und hätte das Peloton verloren.

 

Für die ersten drei Nächte mußte man eine Unterkunft vorweisen, sonst wird eine Strafe fällig. Das wußte ich, doch weder per Internet noch telefonisch ist es mir gelungen etwas zu reservieren. Also stelle ich mich einfach bei der Paßkontrolle in Holguin an und warte ab, was passieren wird. Der Beamte blickt in meinen Paß, auf den Rucksack und die Touristenkarte, auf der ich etwas von „casa particular“ gekritzelt hatte. Wortlos zeigte er auf einen Stand von Islazul, da sollte ich wohl hingehen. Statt jetzt abgenervt zahlen zu müssen und mir eine Standpauke anzuhören, wurden mir einige sehr nette Hotels zu äußerst günstigen Preisen zur Auswahl präsentiert. Wow, das geht ja einfach. Wieder zurück mit meinem Hotelgutschein, hatte der Paßbeamte mitbekommen, daß ich etwas Spanisch sprach. Er war sehr viel freundlicher, blickte sich um und steckte heimlich einen Zettel in meinen Paß mit der Bemerkung das müsse ich mir unbedingt ansehen, er würde auch für mich anrufen. Es war die Visitenkarte eines „casa particular“. Ich war endlich wirklich da, grinste und begann dieses Land zu lieben.

Dieser Triumph  wurde nur davon übertroffen, das erste Mal auf dem Rad mit aufgeschnalltem Rucksack durch die tropische Landschaft zu fahren. Nach rund 20 Kilometern absichtlich langsamer Fahrt, ich wollte das Gefühl möglichst lange genießen, traf ich in der Provinzhauptstadt ein und wunderte mich über die vielen Autos. Es sollte neben Havanna die einzige Stadt mit viel Verkehr bleiben. Die vielbeschworenen Oldtimer hauen einen beim ersten Mal schon um. Noch dazu sind bei vielen die Hinterachsen durch Lastwagenachsen ersetzt, was den liebevoll handbemalten Modellen vollends das Aussehen eines Dragsters gibt.

Die Cubaner sind extrem rücksichtsvolle Fahrer: selbst an großen Kreuzungen bremst jedes Auto (auch nachts!) und sogar große Laster mit Bauschutt, um dem Rad die Vorfahrt zu gewähren. Völlig ungewohnt durfte ich allerdings auch nicht gegen die Einbahnstraße fahren und fast jede war eine solche. Tut man es dennoch wird man freundlich darauf hingewiesen und zwar von jedem einzelnen Passanten. Das hatte ich schnell gelernt und akzeptiert, so machte es auch viel mehr Spaß, wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen und sich an die Spielregeln halten. Ein Gefühl, das ich noch heute wehmütig vermisse, gerade in Berlin, wo ich fast täglich mit dem Rad im Nahkampf zur Arbeit fahre.

 

Direkt auf dem Hauptplatz angekommen, entschloß sich der Hinterreifen meines Rades Luft abzulassen. Kein Problem dachte ich: Hinterrad ausgebaut und Schlauch auf die undichte Stelle geprüft. Durch den Verkehrslärm konnte ich allerdings das Zischen der Punktierung nicht hören und das Loch war einfach zu klein, um es zu erfühlen. Es wurde dunkel und ich richtig nervös, so nervös, daß ich den Pitlock-Schlüssel nicht mehr finden konnte. Ich setzte mich hin atmete durch und erinnerte mich daran, daß ich einen Ersatzschlauch im Rucksack hatte. Scheiß auf das Loch, ich verstreute meine Sachen auf dem Boden und ersetzte den Schlauch, dabei trat ich auch zufälligerweise auf den Schlüssel. Ich war gerettet. Wenn das ein Cubaner beobachtet hätte, der wäre vor Lachen umgefallen und hätte mir gezeigt, dass eine Ecke weiter es einen Fahrradparkplatz mit einem Pincheria gab. Dort wäre in aller Ruhe und Freundlichkeit mein Schlauch für ein paar Peso gewechselt worden. Dies sollte glücklicherweise der einzige Platten für die gesamte Fahrt bleiben.

Jetzt wollte ich nur noch meine mit Öl verschmierten Arme abduschen und ins Bett. Auf der Ausfallstraße erkundigte ich mich ein paar Mal nach dem Weg und jeder schien das Hotel, aber nicht die Straße zu kennen. Eigentlich mußte ich gar nicht fragen, stehenbleiben und sich umschauen reicht und schon wird man angesprochen, ob man helfen könne. Hier kamen mir auch die ersten Fahrradtaxis entgegen: eine abenteuerliche Stahlrohrkonstruktion, bei der eine Art Fernsehsessel als Sozius an ein altertümliches Chinesenrad geschweißt wird. Dabei fiel mir auf, daß bei fast allen cubanischen Rädern nur die Achse der Pedale als Trittfläche genutzt wird, da der Rest schon vor langer Zeit abgefallen ist und Ersatzteile nicht erhältlich sind.

Das Hotel entpuppte sich als Bungalow-Siedlung im Safari-Stil mit Pool und Palmengarten. Eine von den Beton-Gartenlauben hatte ich für mich allein. Die Dusche funktionierte natürlich nicht. Die Reaktion auf meine Beschwerde an der Rezeption machte mir deutlich, daß ich hier keine Hilfe zu erwarten hatte. Später erfuhr ich, daß manchmal die Wasserversorgung für mehrere Tage oder gar Wochen ausfällt. Ich war müde, naßgeschwitzt und vom Rad eingesaut. In der Not nahm ich eine Seife, sprang in den Pool und wusch mir dort unter dem Sternenhimmel. Im Nachbarhaus hörten einige cubanische Stewardessen noch Fernsehen. Vor dem Schalldruck der Tele-Novelas mußten sie bestimmt auch ins Bad fliehen, so daß man kaum von fernsehen sprechen kann. Die ganze Nacht ging das so, zumindest der Teil, den ich noch mitbekam und der war sehr lang.

3         Holguin - Gibara. 60 Km

 

Voller Tatendrang stand ich auf und hechtete auf die Terrasse meines Bungalows, allerdings nur, um den satten Landregen zu genießen. Damit hatte ich nicht gerechnet, null Regenkleidung, nicht einmal eine simple Jacke hatte ich mit. Eigentlich war heute als dry-run eine Fahrt zur Küstenstadt Gibara geplant, aber die schien ins Wasser zu fallen, damals war mir bestimmt nicht zum kalauern (=dry-run fällt ins Wasser) zumute. Ich inspizierte die Bettdecke nochmals von unten. Mittags regnete es noch immer und ich entschloß mich einfach loszufahren.

Cubanische Straßen sind sorgfältig asphaltiert, die Oberfläche ist zumeist recht glatt. Mir war zum Lachen, als ich den ersten Eselkarren sah, bei dem das Triebwerk Esel auf dem Teer ausrutschte und unter Funkenschlag der Hufeisen im Spagat auf den Boden knallte. Die Schadenfreude wurde umgehend gerächt, als ich bremsen mußte und mit unverminderter Geschwindigkeit einfach von der leicht gewölbten Straßendecke auf den Seitenstreifen, auf den Bürgensteig mitten in eine Menschengruppe schlitterte. Die kannten den Effekt schon und sprangen zur Seite, während ich hilflos und verblüfft mich schon automatisch entschuldigte, obwohl ich noch gar nicht zum Stehen gekommen war, das schaffte ich nämlich nur mit einem selbst provozierten Sturz.

Für die hügelige Landschaft konnte ich mich auch im Regen begeistern, die Hütten am Wegesrand schienen aus einer anderen Zeit zu sein. Grundstücke werden mit rechtwinklig beschnittenen dichten Kakteenhecken abgegrenzt. Alles wirkte auf seine Art beruhigend, verlangsamt, irgendwo mußte hier noch das Schloß überwuchert mit der Rosenhecke kommen. In den Felder waren Schilder aufgestellt mit den üblichen Slogans:

·        ¡Hasta la victoria siempre!

·        ¡No al blokeo!

·        ¡Todo para la Patria, Patria o muerte!

Großer Unterhaltungswert, interessante Parallele zur DDR. Nur daß hier auch noch nette und lustige Bilder dazu gemalt sind (z.B. Bush mit Hitler-Bärtchen). Immer wenn mich später die Kräfte auf dem Rad verließen zischte ich einen der Einpeitscher ununterbrochen vor mich hin: und – es wirkt, tatsächlich! „¡Hasta la victoria siempre!“ War mein Lieblingsspruch, auch wenn er fatal an den “Endsieg” erinnert. Diese auffällig ähnliche Verblendung ist sicherlich nicht zufällig.

Das Meer bietet sich als Felsküste an, Gibara hinterläßt mit seinen engen Gäßchen einen etwas verträumt verschlafenen Eindruck. Im Hafen eine öde Mauer, die die Stadt zum Meer begrenzt und eine garagenähnliche dunkle Spelunke: am Meer schien hier niemand interessiert. Oben auf dem Berg ein Aussichtpunkt, auf dem ich meine Kleider in der inzwischen aufgetauchten Sonne trocknete.

Bei der Rückfahrt sah ich noch den Kindern beim Krabbenfischen zu, die von einer Hängebrücke aus Eimer mit Ködern in die Flußmündung hängten. Bei dem Versuch mir das näher anzusehen, krachte die Brücke beinahe unter meinem Gewicht zusammen.

Zurück in Holguin stieg ich dort auch auf den Aussichtsberg, allerdings über eine endlose und steile Treppe, auf der ich mein Rad hinauftrug. Aber es sollte sich lohnen, der Blick über die Stadt und die angenehm hügelige Landschaft war es ebenso wert wie die Abfahrt durch ein kleines Dorf am Hang.

Da mein Hotel außerhalb von Holguin war und ich zu faul war, kettete ich abends mein Rad an das Gitter eines Restaurants. Drinnen gab es keine Karte, also fragte ich, was es denn so zu essen gäbe. Blöde Frage: Huhn mit Bohnen oder Pizza. Und das war die komplette Speisekarte für mich fast drei Wochen lang! Das Meer liegt zwar vor der Haustür, aber wahrscheinlich darf keiner zum Fischen raus fahren, er könnte sich ja nach Florida verfahren. Überall wachsen Früchte, aber die werden vielleicht nach Canada exportiert? Das Cristal Bier tat mir sehr gut, nur konnte ich mich nicht dazu durchringen den Trinkgewohnheiten der Cubaner zu folgen: am Tisch wird eine Flasche Rum bestellt und gemeinsam ausgetrunken. Pur versteht sich, nur Frauen und Weicheier-Gringos dürfen mit Limo mischen.

Als ich nach der Rechnung fragte, fiel ich fast in Ohnmacht: so um die US$ 80. Ich wußte nicht, daß der Betrag in Peso Nationales aufgeführt war. Also hielt ich einfach mein Portemonnaie hin, sie sollten sich schon nehmen was sie brauchen. Erleichtert bemerkte ich, daß die Bedienung höchst beglückt mit 5 Peso Convertibles (CUC, also US$ 5) verschwand.

Meine Bettschwere hatte ich längst erreicht und so freute ich mich schon auf die nächtlichen Eifersuchts-Szenen aus der TV Konserve. Aber es sollte anders kommen: der Strom fiel aus. Segen der Technik ist, daß sie mit Tücken behaftet ist, dieser Fehler macht sie manchmal wieder menschlich.

4         Holguin – Mayari – Rio Cabonico. 120 Km

 

Endlich wird es ernst, es geht los: Die Straße ist verstopft mit Lastwagen, die treffender weise auch Tintenfische genannt werden wegen des schwarzen Qualms der durch den Auspuff die Umgebung verdunkelt. Ich plane vor der Industriestadt Nicaro unterzukommen, damit ich in dem Moloch nicht übernachten muß. Wenn Busse fahren, dann tragen sie als Ziel oft illustere Ortsnamen wie Haarlem, niemand macht sich die Mühe, die Schilder auszutauschen.

Die Streckenführung ist einfach, es gibt praktisch nur eine Richtung. Schnell wird es ernsthaft heißt und mein Wasserverbrauch steigt dramatisch. Es gibt aber nirgendwo eine Möglichkeit an Wasser oder Saft zu kommen. Die drei Liter auf zwei Flaschen verteilt müssen fast immer für den Tag ausreichen. Nicht selten war der Durst das schlimmste. Die Strecke, die ich vom Flieger aus gesehen hatte, führte durch Felder die malerisch von den cubanischen Königspalmen belebt werden. Die Regenfront verfolgte mich bis zum Nachmittag, konnte mich aber nicht einholen. Es sollte nur den ersten und den letzten Tag der Reise regnen, auch wenn ich mir manchmal eine Abkühlung noch so gewünscht habe. Viele Hänge waren auch ziemlich vertrocknet und die Vegetation hatte sich zurückgezogen.

Die Hütten wirken wie aus einem Humphrey Bogart Film – Schatz der Sierra Madre, die wenigen Menschen grüßen zumeist freundlich oder ich werde ignoriert. Radfahrer sind häufig auf Cuba, so daß man nicht weiter auffällt.

Einzig die Kuhherden verstopfen manchmal die Strasse, Cowboys treiben die Kühe mit der flachen Seite der Machete an. Menschen fahren stehend in den LKW, die zu containerähnlichen Raumschiffen umgebaut sind. Warten auf die nächste Fahrgelegenheit ist cubanischer Volkssport.

In Mayari stellte sich zum ersten Mal das größte Problem dieser Tour ein: Durst. Blanker und unerträglicher Durst. An den Bushaltestellen vor dem Ort gab es nur Alkohol und Zuckerlimo, also fuhr ich einfach ins Zentrum. Aber auch hier gab es nichts zu trinken, kein Geschäft oder Cafe, gar nichts. Auf meine Fragen erhielt ich immer die Antwort, schwierig, aber versuch es mal bei Cespa. Jeder kannte Cespa, nur ich nicht. Es handelte sich einfach um die Tankstelle, an der es, ja richtig: Benzin, Rum und Softdrinks (diesmal warm) zu kaufen gab. Der Ort war so ausgestorben wie eine Sauna am Äquator. Schöne Häuser, die mich ein wenig an die verlassenen Silberstädte von Nevada erinnerten. Am Fluß hörte die Strasse, wie auf der Karte verzeichnet, auf und ich kämpfte mich durch eine Buckelpiste zur Hauptstrasse wieder durch. Immer noch durstig, immer noch heiß und immer noch von den majestätischen Palmen auf den sanften Hügeln umgeben.

Als Ziel und Übernachtungsgelegenheit hatte ich mir ein Campismo am Rio Cabonico ausgesucht: Ein Campingplatz mit Hütten im Wald. Als ich dort eintraf, bedeutete mir ein Wachmann am Schlagbaum, daß die Anlage geschlossen sei. Wie sich herausstellte, nur für Touristen. Ich war nicht der einzige, ein etwas energischeres Paar im Jeep aus Spanien ging der Sache auf den Grund – mit demselben Ergebnis. Auch nahegelegenen Cayo Saeta hatten sie schon versucht, wer allerdings nicht über Islazul bucht, hat verloren. Nun hing ich fest, die Sonne ging unter und ich hatte nur noch einen einzigen letzten Plan. Langsam schlurfte ich am Dorfplatz vorbei, wo mir vorher einige Leute aufgefallen waren, die da so saßen, weil sie offenkundig immer da sitzen. Ich überlegte, ob ich es mit Frauen, Fußball oder Wetter versuchen sollte, auch wenn ich bei ausgerechnet allen drei Themen mich nun wirklich nicht für einen Experten halte. Aber sie kamen mir zuvor mit dem woher&wohin und schnell war klar, daß ich eine Bleibe suchte. Zu meinem Erstaunen wurde dies offen diskutiert, wer mich unterbringen könnte und so landete ich im Dorfladen. Die Plastikkämme und Barbiedolls wurden zur Seite geräumt ebenso wie das Moped in der Werkstatt, in der mein Bett aufgebaut wurde. Erst danach wurde sichtbar, daß es sich um das Wohnzimmer handelte. Es mußte das Wohnzimmer sein, denn ein anderes Zimmer hatte die Hütte nicht, meine Wirte gingen zu den Eltern im Nebenhaus schlafen und ich blieb mit den Hühnern und dem brummenden Kühlschrank allein. Vorher wollte ich noch duschen. Kein Problem. Ich wurde hinter das Haus geführt, durch einen Wald, die Böschung runter, na bitte, da ist doch das Badezimmer: ein ziemlich kühler Fluß mit glitschigen Kieseln.

Erfrischt überlegte ich mir, wie ich wohl zu einem Abendessen komme, allein schon die Verpackung der Müsliriegel erzeugte inzwischen Brechreiz bei mir. Da hatte ich noch nicht das Innere des Chevrolets im Vorraum des Wohnzimmers gesehen, dem eigentlichen Verkaufsraum des Kurzwarenladens. Bei dem chromverzierten Monster handelte es sich nicht um einen Oldtimer, sondern um einen Kühlschrank aus den 50ern. Hieraus kamen alle Zutaten zum Batido (Milch plus x, wobei x jedwede Frucht sein kann), bei dem ich nach knapp 2 Litern die Gunst der Wirtin vollends gewonnen hatte. Was ich nicht ahnte, das war nur die Vorspeise, denn frittierte Kochbananen und Reis mit Gemüse sollten noch folgen. Im Verdauungskoma spürte ich dann auch keine Mosquitos mehr.

5         Rio Cabonico – Moa – Playa Maguana. 130 Km, davon 40 Km Bus

 

Die leere Strasse ließ am nächsten Morgen meinen vollen Bauch in aller Ruhe seine Tätigkeit vollbringen. Die Beine strampelten schon automatisch und ich konnte mich voll auf die entspannende Landschaft konzentrieren. In Sagua de Tanamo hüpfte ich in einen Bus der gerade abfuhr, um die nächsten 40 Kilometer nach Moa abzukürzen. Das Bestechungsgeld für den Vermittler des Bustickets war höher als der Fahrpreis selber, offiziell waren Fahrräder im Bus nämlich verboten.

Moa kündigte sich mit den rauchenden Schornsteinen der Zink-Minen an.

Wieder im Sattel ätzten die gelben Schwaden grün-rot-schillernden Seen die Lunge und Augen, Zink wird hier im Tagebau geschürft (die Canadier sind hier dick im Geschäft) und vor Ort verarbeitet. Die Mondlandschaft erinnert ein wenig an Yellowstone im Kompaktformat oder auch original Bitterfeld in Panoramavision. Gleich nach dem Ortsausgang fängt unvermittelt der Nationalpark „Alejandro Humboldt“ an. Stille, keine Autos, keine Menschen, nur Natur, der Übergang könnte nicht krasser ausfallen.

Sanfte Hügel, Palmen, Sandbuchten und absolute Ruhe, jetzt war ich wirklich angekommen.

Nach ein paar Stunden gemütlichen Treiben lassens, ging mein Wasservorrat zu Neige. Der Durst wurde wieder unerträglich und als ich einen wunderschönen einsamen Strand wie aus dem Bilderbuch komplett mit Fischerhütte sah, hatte ich nur Augen für eines: den Abfall um die Hütte herum, alles Kokosnußschalen. Ich setzte mich zu dem Fischer und übersprang den Teil mit Frauen, Fußball oder Wetter und kam gleich zur Sache, ob es denn zu essen gäbe. Wortlos packte er sofort seine Machete und erkletterte die nächststehende Palme. Und die war hoch, ok alle waren ziemlich hoch und es war mir schon etwas peinlich, wie der Kolonialherr seinen Bimbo in die Spur zu schicken, aber die  nette und natürliche Art befreite mich sogleich von meinen Ängsten: er hätte mir die Kokosnüsse auch geschenkt.

Eine Herde kleiner Schweine wetzte über den Strand, gerne hätte ich den Fischer gefragt, ob er seine Machete nicht noch einmal zum Einsatz bringen könnte. Man kann richtig gemein werden, wenn man Hunger hat...

Eigentlich wäre ich gerne an diesem x-beliebigen Strand geblieben, aber ich hatte noch so viele Kilometer vor mir, also schwang ich mich wieder in den Sattel.

Am späten Nachmittag erwartete ich schon gar nicht, daß der Campismo Bahia de Taco geöffnet hatte und die Hütten waren denn auch leer und unbewohnbar. Also steuerte ich direkt Playa Maguana an. Schon auf dem Weg dahin hielt ein VW-Bus an und ich wurde gefragt, ob ich schon eine Bleibe in Baracoa hätte. In Managua selber sah ich zunächst keinen Strand und eigentlich auch keine geeignete Übernachtungsgelegenheit. Bis mich eine einmeterfünfzig Frau mit goldenen und fehlenden Zähnen ansprach. Aber ich suchte erst den Strand, der denn auch recht idyllisch, wenn auch klein war. Vorsichtshalber nahm ich eine Dusche in der Brandung, ich hatte die Lage schon richtig eingeschätzt. Ein extrem schönes Haus mit einem dicken schwarzen Schwein lockte am Ende der Bucht, jedoch niemand war dort anzutreffen, den ich nach einem Nachtquartier hätte fragen können – mal vom Schwein abgesehen. Also zurück zur Zigeunerin, wie ich sie intern getauft hatte. Klar hatte sie eine nette Hütte für mich ganz alleine. Die Türen verfügten über keine Schlösser, wozu auch, da sie ohnehin nicht richtig zugemacht werden konnten. Die Toilette war ein einsturzgefährdetes Loch hinter der Behausung im angrenzenden Bananenhain – ich zog es vor, die Bananen direkt zu düngen. Kein Licht, keine Kerze und ich klopfte bei der Chefin in ihrem Haus mit dem Charme einer Fertigbetongarage zum Abendessen an.  Am einzigen Stuhl im einzigen Raum saß ich am einzigen Tisch und erwartete meine letzte Ölung. Die Familie fläzte derweil in Schaumstoffarrangements vor einem kleinen Kasten, der sich auf den zweiten Blick als museumswürdiger Vertreter der Braunschen Röhre erwies. Das Menu des Abends bestand aus Fidel beim Räsonieren (etwas anderes zeigt das Staatsfernsehen offensichtlich nicht) in einem anamorphotischen Minifernseher Schwarz-Weiß, während ich köstlich frische Gambas (deren letzte Zuckungen ich noch im Magen zu spüren glaubte, so frisch waren sie), fritierte Bananen auf Reis mit Bohnen schaufelte. Selten so gut und aus Plastiktellern gegessen.

Fidel ödete weiter und der Sohn des Hauses schlug vor, daß ich einer typischen Touristenbetätigung frönen sollte: Bier trinken. Eigentlich hatte ich keine Lust auf Bier, aber noch weniger attraktiv erschien mir die Vorstellung den Abend mit Fidel zu verbringen.

Da es keinen Ort oder gar ein Geschäft gab, war Bier nur im Hotel erhältlich, ein Hotel gab es überraschenderweise. Hotel ist gut: ein Bungalow im Erich-Design (Honneker) mit Hochsicherheitszaun, nur auf die Selbstschußanlagen wurde verzichtet. Alles zu und dunkel, nur 100 Meter entfernt das fröhliche Treiben der drei Gäste, ich kam mir vor wie in Ceuta. nachdem alle Rufe vergeblich waren, kam ich dummerweise auf die Idee mit meiner Mini-LED-Taschenlampe dem Barkeeper Durst zu signalisieren. Im stockdunklen Wald, den Rücken zur Brandung inmitten des 21. Jahrhunderts wurde meine technische Kuriosität durch den Sohn bestaunt wie ein Raumschiff im Orbit. Jau, genau das wollte ich schon immer mal nicht: mit Glasperlen meinen Weg durchs Paradies pflastern. Kein Rufen oder Blinken mit der Taschenlampe half, jedoch mein Durst war größer als die Angst vor möglichen Hunden, Tretminen oder Schrotflinten in Verteidigungsstellung vor meiner imperialistischen Invasion. Also kletterte ich über den Zaum und schritt auf den Flachbau zu. Erich, mach mal’n Bier klar. An der Bar zeigte ich auf eine Flasche Wasser und gestikulierte ein paar Bier. Wortlos, niemand fragte, woher ich käme obwohl ganz offensichtlich war, daß ich kein Gast war. Ich zahlte und schwang mich über das Eingangstor zurück in die Realität. Das Bier schenkte ich dem Gastgeberinnensohn, ich hatte wirklich Durst.

Ein Abendspaziergang war noch angebracht, durch den Palmenhain zur Küste. Ich hatte inzwischen volles Vertrauen zu meiner Taschenlampe und mich von der Begeisterung anstecken lassen: mit der Handleuchte kann mir nix passieren.  Naja, es wurde richtig dunkel und der Untergrund etwas belebt, aber dann erreichte ich doch die Mondbeschienene Küste.

An den Felsen der Brandung traf ich im Dunkeln zwei Angler, die mich sofort herbeiwinken, mir eine Zigarette anboten und sich offenkundig unterhalten wollten. Es stellte sich heraus, daß der eine schon mal in Deutschland, genauer in der DDR, der andere in der Tschecheslowakei in Autofabriken gearbeitet hatte. Was sie dort am meisten in Erstaunen versetzt hatte, war die Tatsache, daß Autos beim bremsen im Schnee nicht sofort zum Stillstand kommen. Interessant, was so von einem Jahr in der Ferne hängen bleibt, aber was beschwere ich mich.

Der Rückweg in Sandalen war nicht so easy wie ich gedacht hatte, aber ganz so verwirrend wie es der Gastgeberinnensohn erwartet hatte. Die stachelbewehrte Algarven-Mauer die wohl, inzwischen ausgestorbene, Ziegen abwehren sollte, ließ mich nicht durch - schon wieder Zonengrenze. Völlig planlos hüpfte ich im Stockdunklen ohne Stock oder Machete gegen den natürlichen Stacheldraht an, vergeblich. Bis ich gerufen und in den Mondschein gelenkt wurde. Sie hatten extra auf mich gewartet, da sie ohnehin davon ausgegangen waren, daß ich nicht den Rückweg finde.

In meiner windschiefen Hütte legte ich mich auf eine etwa einen halben Meter hohe Schaumstoffunterlage, die sich sogleich unter meinem Hintern zusammenknautschte. Windschief ist etwas untertrieben, da Ritzen, Fenster und Türen sich ohnehin nicht schließen ließen und hinten, wo es ganz dunkel im Bananenhain wurde, befand sich das notwendige Loch – quasi als Flußersatz, wenn man im Dunkeln stolpern sollte. Idealer Zustand für den Stadtmenschen Phantasie zu entwickeln: Niemand weiß, daß ich hier bin, aber jeder, daß ich jede Menge Bargeld mit mir führen muß. Das Krachen der Wellen und Rauschen der Palmen und Bananen im nächtlichen Gestöber, kein Schrei fällt auf. Was soll’s.

6         Playa Maguana – Baracoa. 40 Km

 

Ich hatte aus dem Wörterbuch das spanische Äquivalent zum Schlagloch herausgesucht und verabschiedete mich mit den Worten, daß ich ihre Hütte weiterempfehlen werde, auch wenn die Matratze mehr Schlaglöcher hätte als die Strasse. Der goldene Schneidezahn der casa-partikularin blitzte zum Abschied auf und ich war wieder auf der Piste.

Auf der Strasse ging es zügig voran, wobei ich mehrmals angehalten wurde um mir eine Unterkunft in Baracoa zu vermitteln. An der Flußbank   des Tao genieße ich den Ausblick auf den Tafelberg, den Kolumbus als erster der „alten Welt“ gesichtet haben soll und der sich seitdem kaum verändert haben soll – wie sollte er auch? Ein Mann spricht mich an, auf der anderen Seite gäbe es hinter dem versteckten Dorf im Dschungel einen Weg zu den Cascadas (Wasserfällen). Ich solle doch mein Rad auf sein Floß legen und dann könnten wir hinfahren. Was er als Floß bezeichnete hätte ich für eine zufällig angeschwemmte Ansammlung von Brettern gehalten. Ich lehnte ab, bot ihm aber einen von meinen Aldi-Müsli-Riegeln an. Ich mußte ihm allen ernstes zeigen, wie man das Silberpapier der Verpackung öffnet. Mir selber hingen die Dinger schon zum Hals raus, aber er sprang gleich nach dem ersten Bissen in den Fluß um den Durst und Riegel loszuwerden.

Einen Kilometer weiter konnte man Kajaks mieten, das hatte mir der Mann vorher noch mitgeteilt. Und das war eine sehr erfrischende Angelegenheit, obwohl ich mir sicher war, ob es hier nicht doch Krokodile gab. Der Fluß endet am Meer an einer Sandbank auf der man sich wie Robinson Crusoe fühlt. Endlich mal nicht der schmutzig braune Sand, der mit Treibholz völlig überdeckt ist. Das Karibik-Raster klickt nur noch bei papierweißem und weichen Korallensand. Die dröge Hitze drosch auf mich ein, geweckt wurde ich per sanften Fußtritt von einem Kerl, der mir primitives Touristen-Holzkästchen mit „Baracoa-Brandzeichen“ verkaufen wollte. Ich überlegte kurz, ob ich ihm von meinen beliebten Riegeln etwas anbieten sollte, flüchtete jedoch lieber auf mein Kajak. Schon James Cook wurde am Schluß seiner Hartleibigkeit wegen in Stücke gerissen...

Vorbei an der Schokofabrik treffe ich In Baracoa ein, da begegnet mir der erste (und auch fast Letzte auf der gesamten Fahrt) Jineterio (Schlepper). Auf seinem Klappergerüst, das er wohl als Rad bezeichnet hätte, will er mich einholen. Mein altes Rad ist zwar auch nur ein völlig normales Straßenrad ohne besondere Teile, aber ich verfüge wenigstens über eine Gangschaltung und Laufräder, deren Achter sich noch in Grenzen hält. Unten am Malecon habe ich Mitleid, halte an und lobe seine Ausdauer, eine Unterkunft lasse ich mir aber nicht vermitteln.

Die schönste Unterkunft im kolonialstil-verseuchten Baracoa ist schon belegt: eine Terrasse oben am Hang mit Blick über die zugewucherte Patina der kantigen und in romantisch verfallenen Perle Cubas. Der Patron ist ein tiefdunkler schwerer Neger, dessen Körperfülle einen Bären vor dem Winterschlaf neidisch gemacht hätte und der zudem völlig akzentfrei US-Amerikanisch spricht. Sogleich wird in Miami-Vice-Manier mit seinem Handy ungefragt alles mögliche für mich organisiert: Eine Unterkunft um die Ecke, wo ich mein Rad über die Außentreppe drei Stockwerke zum Dach mit dem Penthaus mit eigener Seeblick-Terrasse trage. Auch das Restaurant, das aussieht als wäre es vor langer Zeit aus einem Roman von Garcia-Marques zwischen den Seiten herausgefallen. Und schließlich eine Kiste original-gefälschter Cohiba, die ich aber ablehne – Holzwürmer hatten schon kleine Löcher in das Deckblatt gefressen.

Am nächsten Tag auf dem Markt wurden mir dann Zigarren von „El Cazique“ aus Guantanamo für einen Dollar aufgeschwätzt. Eine für nen Dollar pro Kopf, kann man doch mal eine testen, aber er drückte mir gleich das ganze Dutzend in die Hand - für einen Dollar versteht sich. Ein schwerer Fehler, den ich mit einem noch schwereren Kopf bezahlen mußte.

Hier in Baracoa entdeckte ich die Lieblingsbeschäftigung des lonesome travellers auf Cuba: das Casa de trova. Stühle werden auf dem Platz aufgestellt und Bands spielen auf, schräg, holprig und manchmal auch wirklich gut. Davor tanzen die Cubaner in einer eleganten und geschmeidigen Weise, die den tumben Europäer auf seinen Sitz verbannt. Die Mojitos verdunsten über der Zunge und schon bald sehnt man sich nach der tropisch beheizten Horizontale unter dem Ventilator in meinem Reich über den Dächern Baracoas.

7         Baracoa – Boca de Yumuri. 70 Km

 

Mein erster Ausflug galt der Ostspitze von Cuba: diese ist allerdings militärisches Sperrgebiet. Bis zu der Yumuri-Schlucht mit Klamm und Wasserfall ist es nicht weit und die Strasse asphaltiert. Die angenehmen Hügel bescheren belebende Abfahrten und der Blick gleitet über das Gebirge dessen Name mir entfallen ist. An der Küste sind kleine Militärposten, auf DDR-Grenztürmen schauen gelangweilte Soldaten mit dem Fernglas auf das Meer, bei guter Sicht kann man Florida am Horizont erkennen.

Auf einer Betonbrücke beginnt die Fahrt in die Schlucht und ich überlege kurz, ob ich die 100 Meter einfach durchschwimmen soll, statt eines der Boote mit „Führer“ zu chartern. Alleine dürfe man nicht in das Gebiet bedeutete mir ein Uniformierter, Preis der Veranstaltung konnte mir auch nicht gesagt werden – pay as you can. Mein guida führte mich zunächst zu seiner Hütte aus Betonplatten in der er mir auf einem Rost über einer Gasflasche ein recht schmackhaftes Menu zauberte. Beim brutzeln ließ er mich noch einen an ihn gerichteten Brief aus Deutschland übersetzen. Darin war die Frage, ob ein West-Paket auch bei ihm persönlich ankommen würde oder es ihn in Schwierigkeiten bringen würde.

Auf die Reihenhüttensiedlung angesprochen, erklärte er mir, daß die alten von Soldaten abgerissen wurden. Das Material für die neuen wird gestellt und gebaut wird gemeinsam von allen Dorfbewohnern, offenkundig waren keine Architekten dabei. Zeit für solche Experimente hat man auch jede Menge: 3 Monate wird Akkord in den Plantagen geleistet, den Rest darf man arbeitslos Touristen abfangen.

Die Grundversorgung mit Nahrung, Wohnung, medizinischer Betreuung und Bildung ist gewährleistet, alles andere ist aber ein Luxus, den der überzeugte Patriot ohnehin nicht wirklich begehrt. Etwas Son y Bailar (Musik und Tanz) dürfen es dann doch sein und natürlich gegen Rum ist auch nichts einzuwenden. Der Arbeiter und Bauernstaat läßt grüßen.

 

Das Tal selber war recht enttäuschend, das Wasser zwar kühl aber völlig eutrophiert mit Grünschleiern. Ich konnte nur hoffen, daß die wurstähnlichen Gebilde an der Oberfläche rein pflanzlichen Ursprungs waren. Als Imbiß wurden Kokosnüsse gereicht und zur Unterhaltung schmierten wir uns rote Farbe aus Samen zur Kriegsbemalung ins Gesicht. Die Wasserfälle die vor Geschäftsabschluß so beworben wurden, waren jetzt mindestens 5 Stunden entfernt, mindestens. Später sollte ich noch in Erfahrung bringen, was der Cubaner unter einem eindrucksvollen Wasserfall versteht. Ich verrate hier nur das Stichwort: Männeken-Piss.

 

Auf der Rückfahrt entlang der einzigen Strasse wurde mir wiederholt ein kleines Rennen angeboten. Einer der Herausforderer erwiest sich als echter Athlet. Ich bewunderte den Jungen, der mit seinem chinesischen Klapperrad und den Stiftpedalen bergab auf über 55 Km/h kam. Und genau da passierte es: hinter der nächsten Kurve kampierte eine Herde Hühner mitten auf der Straße. Ohne Gepäck schaffte ich es gerade noch so auszuweichen, mein Verfolger verschwand für kurze Zeit in einer Wolke schwarzer Federn, keine Ahnung, wohin das dazugehörige Huhn verschwand. Ziemlich schnell in irgendeinen Topf wahrscheinlich.

 

Abends erklomm ich der Aussicht wegen noch den steilen Hügel hinter Baracoa auf dem ein altes, zum Hotel umgebautes, Kastell trohnt. Auf den wenigen Serpentinen bergab beging ich einen klitzekleinen Fehler: ich schaltete wie ein Anfänger vom kleinsten direkt auf den größten Gang. Der Umwerfer verfing sich in den Speichen und wurde eine halbe Umdrehung mitgeschleift. So um 180 Grad nach oben gebogen mit einigen gebrochenen Speichen sah mein Rad nicht besonders einsatzfähig aus. Völlig deprimiert trug ich den Schrotthaufen auf meinen Schultern nach Hause und setzte mich erst einmal auf den Bordstein vor das Haus. Jetzt sich auf 3 Wochen Strand einstellen oder gleich heulen?  Nach wenigen Minuten waren die Männer der Umgebung versammelt und diskutierten, was zu tun sei. Werkzeug wurde beschafft und meine Anwesenheit praktisch ignoriert, so taktvoll und mitfühlend war den Anwesenden auch ohne Worte meine Situation klar. Letztendlich hätte ich nur die kleine Metallplatte zwischen Gangschaltung und Rahmen benötigt, auf Cuba chancenlos. Dann überlegte ich, ob ich die Gangschaltung ausbaue und die Kette verkürze. Einen Versuch hatte ich noch: den Umwerfer zurückbiegen an die Ausgangsstellung.

Alle standen um mich herum und hielten den Atem an, spannender als Kino, wenn es so etwas auf Cuba geben würde. Es funktionierte, ca. 2 mm vom Blech hielten die Kette weiter in der Spur. Diese Konstruktion sollte tatsächlich unglaublicherweise noch 800 Kilometer teils durch hammerharte Schotterpiste halten! Allerdings nutzte ich aus Vorsicht nur noch die vordere und nicht mehr die hintere Gangschaltung. Die Überquerung des Gebirges nach Guantanamo konnte ich somit getrost vergessen, was mir eine willkommene Ausrede bot.

Ich bedankte mich bei allen und sie trotteten sichtlich entspannt nach dem Abenteuer in ihre Schaukelstühle auf den Verandas zurück und liessen sich den Nasenrücken noch ein wenig von der untergehenden Sonne kraulen. Sie hatten mir den Mut geben die Schaltung zurückzubiegen, normalerweise hätte ich das Rad weggeschmissen, weil ich nicht an eine Reparatur geglaubt habe.

 

Zufälligerweise traf ich abends den Patron mit den guten Verbindungen am casa de trova, wo wir mit den Zigarren starteten. Zur Verfeinerung des Aromas werden diese in Rum getaucht, was praktischerweise auch ihre sedierende Wirkung verstärkt. Dann badet man die Zunge im Wasserglas voll Rum und schließlich macht man sich nicht mehr die Mühe, die Flasche zu verschließen und läßt es fließen. Da jeder am Tisch sofort eine neue Flasche besorgen möchte, sobald sie sich dem Ende zuneigt – sprich die Unterkante des oberen Etikettes erreicht, ist dies ein gefährlicher Kreislauf. Glücklicherweise durfte ich des Öfteren das Geld vorlegen. Als Tourist direkt bezahlen zu wollen ist aber eher doppelt schlecht, die Preise steigen, die Laune sinkt. Das Problem war, daß ich zu viele Zigarren vom Vortag dabei hatte und diese ständig gebadet werden wollten. Irgendwann schwamm es auch in meinem Kopf.

 

Wir gingen noch in eine Freiluftdisko am Hügel, die man über eine Treppe mit den 1001 Stufen erreicht. Mein Patron kannte selbstverständlich alle Anwesenden vom Türsteher bis zu den Musikern und ich gab ihm Geld für den Rum, diesmal aber bitte mit alkoholfreien Flüssigkeiten gemischt. Eigentlich war der klebrige Fanta-Verschnitt als Verdünner gedacht. Das stellte sich als schwerer Fehler heraus: die Limo mit dem Zucker und der Kohlensäure wirkte als fataler Brandbeschleuniger. Irgendwann sah ich zwei Musikgruppen spielen und dann gar keine  mehr, die Sicht unterhalb der Tischplatte war eingeschränkt. Die Treppe mit den inzwischen 11001 ausgetretenen Stufen hat mich Jose wohl herunter getragen. Bei seinem geschätztem Lebendgewicht von ca. 150 Kilogramm schon eine enorme Leistung. Der Rum muß wohl schmerzfrei durch ihn hindurchgeflossen sein.

8         Baracoa – El Yunque. 30 Km

 

Ich wachte auf, weil ich intuitiv meine Brille, meinen Geldgurt und meinen Paß im Halbschlaf suchte. Ebenso wie meinen Kopf und meine Sandalen, war aber noch alles am Körper, inklusive der Sandalen. Mein ängstliches Misstrauen war hier mal wieder völlig fehl am Platz.
Der Ventilator über dem Bett blies mir den Zigarrenrauch aus dem Kopf, in meiner Hosentasche fand ich noch ein paar Zigarren, die ich gestern so vergeblich gesucht hatte. Mir war so kotzschlecht, daß auch der Papayasaft keine heilende Wirkung zeigte.

Also entschloss ich mich zu einer Testfahrt um Ross und Reiter auf seine weitere Verwendungsfähigkeit zu prüfen. Die trockene Lehmpiste war flach und 10 Km sollten wohl auch mit rotierendem Kopf zu schaffen sein. Die Schwüle drückte das Gift aus dem Körper und ein paar Straßengräben später wurde ich von einem Uniformierten im Dschungel angehalten.

Ich war am Parkeingang angelangt und die wollten doch glatt Eintrittsgeld von mir: ich dürfe nur mit einem Führer hinauf zum El Yunque. Dazu hatte ich nun wirklich keine Lust, in meinem Zustand mich auch noch zu unterhalten und wegen dem Ranger langsam zu gehen ging schon gar nicht. Ich drehte direkt um und ließ nebenbei fallen, daß ich erst einmal frühstücken wollte (hier mitten im Urwald – tolle Idee für eine Ausrede). In Wirklichkeit plante ich  natürlich den Kontrollposten zu umgehen. Auf die Idee wären die Ranger an meiner Stelle auch gekommen, also begannen sie aus ihrer Wachhütte heraus mit mir zu handeln und boten mir einen akzeptablen Preis. Als Wechselgeld erhielt ich Peso Nationales, was später meine Versorgungslage dramatisch veränderte: Jetzt konnte ich an Straßenständen Tomaten, Bananen oder Mandarinen für PN 1 kaufen. Den Gegenwert von ungefähr einem Bruchteil von einem Eurocent. Alternativ kann man auch CUC 1 oder US$1 hinhalten und bekommt normalerweise nichts wieder heraus, der Preis verdreißigfacht sich also mit Kunstwährung – genialer Trick.

Einer der Ranger zeichnete mir auf einem Papierfetzen den Weg mit den wichtigen Markierungspunkten (blaues Haus, Ziegengatter, Wachhund etc.) auf - so richtig auf Individualtourismus ist man selbst hier nicht so richtig eingestellt. Dann führte er mich durch eine Kakaoplantage in der ich das Fruchtfleisch der frischen säuerlichen Kakaobohnen probieren durfte. Er zeigte er mir noch den Anfang des angeblichen Wanderweges und dann war ich allein mit meinem Kater. Schweißgebadet und hatte ernsthaften Nachdurst von dem Saufgelage, aber tapfer lief ich los. Schon nach kurzer Zeit kam ich durch Citrusplantagen (grapefruitähnliche Früchte, Orangen und Zitronen), ein Geschenk des Himmels. Ich stopfte alles in mich hinein. Dann folgten die Kokosnüsse, deren Saft Wunder wirkt gegen Kopfschmerzen. Mein Schweizermesser bekam viel zu tun an diesem Morgen. Der Weg war nur sehr schwer zu finden und ich verlief mich mehrmals, obwohl ich eigentlich über einen sehr guten Orientierungssinn verfüge und das Ziel nicht zu übersehen war. So war ich dem Polizisten sehr dankbar für seine Karte. Das letzte Stück des Tafelberges ist natur gegebener maßen recht steil, doch klettern muß man nicht. Eher kriechen durch den rötlichen Lehm, nüchtern sollte es besser funktionieren. Oben war der El Yunque gar nicht flach, sondern hatte eine kleine Gipfelspitze auf der die bronzene Büste eine Nationalhelden über einem Sockel thront. An Skurrilität kaum zu überbieten, ebenso wie die Faszination des Ausblicks: der Rio Taro schlängelt sich zwischen Dschungel und Plantagen zum Meer hin. Von hier aus entdeckte ich auch den kilometerlangen Strand von Holguin, den ich vorher nicht bemerkt hatte.

Nach einem Nickerchen verirrte ich mich auf dem Abstieg bei der Suche nach dem Wasserfall in dem man baden kann. Alles klebte mir am Leib und so zog ich in Erwartung des erfrischenden Wasserfalls mein Hemd aus. Dazu rammte ich den als Wanderstock getarnten Prügel für die Hunde in den Boden und warf meinen Tagesrucksack in das Gras. Einige Meter weiter verbreiterte sich der Fluss und etwas zwickte mich in den Nacken. Einige Elektroschocks an meinem Rücken weiter überprüfte ich den Wanderstock auf Ameisenbefall: Rote, grüne oder schwarze Sechsbeiner mit niedlichen Scheren am Kopf, um das Gift unter die Haut zu spritzen. Aber der Stock war frei von Ameisen, dafür hatte sich eine Kolonie von kleinen schwarzen Termiten an meinen Rucksack gehängt und bearbeitete meinen Rücken. Ich wartete nicht mehr auf den Wasserfall und sprang gleich so wie ich war in den Fluss – nur Kamera und Rucksack verschonte ich.

Auf dem Rückweg schenkte mir noch ein Alter mit einem großen Sack auf dem Rücken ein paar grüne Orangen daraus. Wieder Erwarten waren diese zuckersüß und äußerst aromatisch. Und nein, der Alte hatte keinen weißen Bart und auch keine rote Mütze auf dem Kopf, aber ich habe ihn auch so erkannt J

Der Strand war nun leicht zu finden, gleich links an den Mangroven vorbei, kilometerlang unter dem Treibholz begraben, gesäumt von Palmen. Das Treibgut ließ sich wie Flohmarktsmaterial durchkämmen und einige von den Samenkörnern und glattgeschliffenen Hölzern zieren heute noch meine Sammlung von Nutzlosigkeiten aus aller Welt.

Vorbei am Flughafen, der gerne auch als Kulisse für das Remake von Casablanca gemietet werden kann. Abends dann am alten Ortskern, dem Hafen mit Stadtstrand entlang geschlendert, romantisch verfallene Hütten, in denen ganz unromantisch noch Menschen leben – ohne Kanalisation, Strom, Wasser oder sonstigen zivilisatorischen Flüchen. Erstaunlich wie schnell man von dem touristischen Teil in slumähnliche Gebiete gelangt.

Zum Abendessen verleibe ich mir nur einige Schokoriegel ein, aus dem Busch um die Ecke. Die fliegenden Händler verkaufen sie heimlich aus Plastiktüten wie Drogen und wirklich, sie machen auch süchtig.

9         Baracoa – Guantanamo – Santiago. Bus

 

Auch das schönste Paradies hat ein Ende und der Ausweg führt über eine gewundene steile Strecke auf die eine Wüstenpiste folgt. Zwei Tage und jede Menge Schweiß hätte es mich gekostet, das Vertrauen zu meinem lädierten Rad war noch nicht besonders groß und beschloss ich zu kneifen und den Bus nach Santiago zu nehmen. Wer es sportlich nimmt, kann gerne die Berge bezwingen, ich holte die Redrenner durch die Abkürzung ein wenig ein und konnte meinen inzwischen abgestandenen Witz in Santiago neu beleben.

Am Busbahnhof wurden in Bananenblätter gewickelte Eßwaren verkauft, der Inhalt teilweise undefinierbar, teilweise wollte ich auch nicht mehr so genau hinschauen, aber willkommene Abwechslung immerhin.

In Santiago kam ich abends dann pünktlich zum ersten Stromausfall an. Meine Taschenlampensammlung kam blendend an, wörtlich genommen. Im Art-Deco Hotel tappte ich mit dem Rad durch die Eingangshalle zur Rezeption. Auf dem Dachgarten gab es noch kühles Bier und als das Licht wieder ansprang, begab ich mich auf Nahrungssuche.
Möglichkeit Nummer 1 wurde an jeder Ecke, die nicht von Polizisten oder Soldaten besetzt war, angeboten:

Das cubanische Nationalgericht #1 die Pizza wird in speziell präparierten Ölfässern zubereitet: waagrecht gelegt glüht in der unteren Hälfte die Kohle, in der Mitte befindet sich das Blech für die Pizza. Auch zum Genuß der Pizza ist ein spezielles Verfahren notwendig: Das Stück wird auf einen Pappdeckel gelegt, zusammengefaltet und so dann senkrecht gehalten, damit das ranzige Öl abfließen kann. Guten Appetit – den benötigt man sicherlich auch, um diesen Magenbrecher herunter zu würgen.

Nummer 2 sich in ein staatliches Etablissement mit original DDR-Service-Charme zu begeben, war auch nicht so mein Fall.

Nummer 3 in einem der Hotels, wo die fetten Herren die die jungen Mulattinnen ansabberten, verging mir der Appetit. Auch wenn das cubanische Nationalgericht #2 der Mojito dort lockte.

Die beste Wahl war dann doch das in Fetzen zerstreifte Spanferkel im Brötchen mit Salat und Salsa, die hoffentlich so scharf ist, dass alle Bakterien davon sofort tot umfallen. Lekkkker, auch die nächsten zwei Wochen noch...

10   Santiago – Playa Sibone. 20 Km

 

Da ich in einer Stadt lebe, halte ich es nicht lange in einer anderen Stadt aus. Und schöne Ausflugsziele gibt es in Santiago ausreichend. Das spanische Kastel Morro ist leicht gefunden, ebenso wie der obligatorische Fahrradwächter für 1 CUC. Die Fahrt führt durch die erfrischende Meeresbriese unter gnadenloser Sonne. Den Strand erkennt man schnell an den Rastafahnen mit denen die tütenquarzenden Sierra-Leone-Muscle-Beach-Boys abhängen. Die eklig gegelten Herren mittleren (also eigentlich meines) Alters sind am baggern, allerdings nicht im Sand, sondern mit den Augen auf den Brüsten der Mulattinnen klebend.

Egal, ne nette Ecke findet sich überall und die Kokosnüsse sind kalt. Ich war wohl eingeschlafen, jedenfalls war es zu spät für den Dinosaurier-Tierpark, so krauchte ich die 6-spurige fast fahrzeugfreie Carretera del Sur zurück. Einzig Wassertanklaster und Eselskarren kamen mir entgegen, letztere natürlich auf meiner Seite als Geisterfahrer.

11   Santiago – El Salton. 80 Km

 

Meine Karte aus dem Internet verzeichnete vage ein paar krakelige Linien durch das Gebirge zu einem Symbol, das die Legende als Hotel auswies. Aus einem Reiseprospekt wusste ich, dass es tatsächlich ein Hotel gab mit dem originellen Namen El Salton (Der Wasserfall). Es stellte sich denn auch heraus, dass es ein paar lustige Effekte gibt, wenn man mitten in der Pampa einen Jungen auf einem Esel nach dem Wasserfall fragt und eigentlich nur ein Hotel sucht.

Bis Coban mit der berühmten Kirche findet man den Weg recht einfach durch den Hafen, die Slums und dann immer die Autobahn weiter. Nur die Vegetation war verschwunden: weg gebrannt bei ausfallenden Regenfällen. Mein Tacho zeigte dann bei Kilometer 16 an, jetzt nach links abbiegen. Und tatsächlich befand sich dort ein Schild mit den Aufschrift „Dos Palmas“. Wenn ich das Hotel nicht finden sollte, dann lockte mich der Ausblick unter Palmen nächtigen zu können. Ein pueblo weiter kaufte ich zwei Pyramiden mit eckigen Tomaten von der Strasse weg. Man soll Essen mit Respekt behandeln und die buckligen roten Dinger lagen fein säuberlich aufgetürmt im Staub. Ich vermutete richtig, dass dieses die letzte Gelegenheit sein sollte, um Essen zu kaufen. Das Wasser ging mir bei der Hitze sehr schnell aus, der Weg wurde auch diffuser und die einzige zuverlässige Orientierung bot die Sonne. Die Täler sind reizvoll, die Vegetation abwechslungsreich. Meine Zunge klebte am Gaumen fest. Mal schieben, dann tragen oder auch über Kieselschotter fahren, fast hätte ich die kleine Bude mitten im Wald übersehen. Fünf Pyramiden mit Mandarinen, die ich sofort alle kaufte. Der freundliche Mann war doch sehr verwundert warum ich nichts zu trinken wollte. Jedes Kind weiß doch, dass unter dem Tresen ein ganzes Fass mit frisch gepressten Orangensaft steht. Ich war gerettet. Die hügelige Landschaft oberhalb der staubigen Schotterpiste wurde immer schöner, mit Bambusinseln verziert, die Berge immer höher. Cowboys nicken freundlich die Richtung nach las Minas, als am späten Nachmittag endlich wieder eine Ansiedlung auftaucht. Kurz noch ein Rennen gegeben, diesmal mit einem Traktor und schon mitten drin in einer Fiesta auf dem Dorfplatz. Es gab nur Bier zu kaufen, so stellte ich mich beim Kiosk an. Auch hier kein Wasser, aber Cokedosen, allerdings nur gegen Pesos. Ich war kurz vor dem Verdursten, als sich dann doch ein Bauer wagte mir Geld zu tauschen und ich mir die klebrig-kühle gefakte Klassenfeind-Soße eingoss.

Die Strassen danach waren zwar nicht mehr beschildert, dafür aber wieder geteert. Die Leute kannten sogar das Hotel.

Und das Hotel war richtig gut, ich breitete mich wieder mal in einem Bungalow aus. Selbst der Wasserfall existierte und Abendessen gab es auch. Das Leben kann so einfach sein.

12   El Salton – Bayamo. 65 Km

 

An die Strecke erinnere ich mich nicht mehr: ich glaube es ging bergab auf Teer und daher so schnell, dass die folgenden Ereignisse das sanfte Abrollen ausradierte.

In der Fußgängerzone von Bayamo musste ich doch tatsächlich vom Rad absteigen, am Hauptplatz durfte ich nicht einmal das Rad schieben! Freundlich, aber bestimmt wurde ich darauf hingewiesen, dass hier keine Räder geduldet würden, während ich die Gegend nach der versteckten Kamera absuchte, die nicht existierte. Bayamo erwies sich als das angekündigte sehr angenehme Provinzstädtchen, überaschenderweise waren alle Hotels ausgebucht. Die Fotographen vor der Kirche führten mich zur Lösung: Am Valentinstag ist Bayamo DAS Ziel aller heiratswütigen Paare von Cuba. Nach einer Massentrauung, die die Innenstadt blockierte, durfte ich dann zum ersten Mal einen Jineterio ansprechen, da ich nicht im Park übernachten wollte. Ich lud ihn erst einmal zu einer Dose Bier ein, damit sein Redeschwall etwas ausgebremst wurde. Ein Casa Particular war schnell gefunden und der Jineterio sprach dann noch im Gegenzug eine Einladung zu einer Hochzeitsfeier aus.

Alle Restaurants waren ebenfalls komplett ausgebucht, wieder einmal lief ich mit derb knurrendem Magen durch die Strassen. An einem Kiosk erstand ich ein in heiß rauchendes Motoröl getauchtes Huhn. Es war offensichtlich bei diesem Versuch von seinen Leiden erlöst worden, nachdem es seit der Schlüpfung aus dem unvermeidlichen Ei mit Radiergummis aufgezogen worden war. Ich konzentrierte mich auf den Ausblick über einen schönen Park am Fluss, damit ich nicht mehr über das elende und zähe Leben der Kreatur zwischen meinen Zähnen weiter sinnieren musste.
Wie in guten Gangsterfilmen brauchte ich den Jineterio für die Feier nicht zu suchen, er traf mich. Wobei er seine „Schwester“ vorausgeschickt hatte, falls ich zu dem Event eine Begleitung bräuchte – aber sind wir nicht alle ein bisschen verwandt? Ich brauchte nicht und bei der Veranstaltung wurden dann alle Tänze zur Musik bis zum Umfallen in einem romantisch überwucherten Patio vorgeführt.

Der Rum brachte die Gäste ordentlich in Stimmung, ich hatte jedoch für morgen einen anderen Plan und versuchte das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Andere versuchten durch Anlehnung im doggy-style aufrecht stehen zu bleiben. Mein Jineterio konzentrierte sich auf das Tanzen. Drogen, nein würde er niemals nehmen und das wäre ja auch absolut verboten. Ich schaute ihn nur an: er hatte auf dem einen Oberarm einen Skorpion und auf dem Anderen ein Hanfblatt tätowiert. Als ich dann auf das nette fünffingerige Kleeblatt zeigte, was damit denn sei, antwortete er allen Ernstes das wäre doch eine schöne und dekorative Pflanze. Hier wollte mich jemand auf den Arm nehmen.

13   Bayamo – Las Tunas (70 Km) – Santu Spiritus (Bus).

 

Diesmal wollte ich ein Rennen veranstalten: allein gegen den Bus. Dieser fuhr über Holguin und für mich hatte ich den direkten Weg durch die Zuckerrohrfelder vorgesehen. Wenn wir uns dann mittags in Las Tunas treffen, fahren wir gemeinsam weiter.

Also um 6 Uhr raus in den Bodennebel – kein Auto ist unterwegs und die Teerstrasse führt schnurgerade durch die endlosen Felder. Ich kam mir vor wie Moses durch das geteilte Meer von grünen Stangen. Unter mir der tausendfach geflickte graue Belag der Strasse. Die schwarzen Teerfüllungen in den Rissen formten sich zu Schriftzeichen, deren Bedeutung ich bei der rollenden Meditation zu entschlüsseln suchte. Nebel waberte auch noch in meinem Kopf, der letzte Mojito lag kaum einen Kopfnicker zurück. Mittendrin auf der road-to-nowhere tauchte dann das Modell einer Zuckrohrmühle geschmückt mit schwarzen Hahnenfedern auf. Hinweisschild für die nächste Voodoo-Lounge im Rohrnest? Am Horizont dampfende Schornsteine der Molassemelkereien mit süßlichen Schwaden, ob dort die Oberarmtätowierten arbeiten? Durst und Nachdurst feuerten mich an, bis ich endlich einen Straßenstand erreichte, an dem ich gleich 10 Gläser O-Saft orderte.

Im riedgedeckten Kiosk am Ortseingang saßen schon die Ersten gemütlich bei einer Flasche Frühstücks-Rum, den sie inwendig mit Keksen verdünnten. Las Tunas wirkt ein wenig wie eine Westernstadt, wie die Thunfische allerdings soweit ins Landesinnere kommen, habe ich nicht herausfinden können. Irgendwie glaubte ich ständig Männer mit tiefgezogenen Sombreros in Hauseingängen liegen zu sehen, dabei war einfach alles nur in Staub und Hitze erstarrt.

Ja, der Bus kommt noch, der Fahrer ißt in Holguin noch zu Mittag, aber ob er Platz hat für ein Rad wissen wir nicht. Dutzende von Leuten saßen auf dem Busbahnhof mit ihrem Gepäck fest. Zwei Stunden nach der avisierten Zeit springt der ganze Saal auf und rennt wie ein Hühnervolk zum Bus, der zwar nach Havanna fährt, aber ausschließlich für Pesozahler bestimmt ist. Ich solle doch den nächsten Bus nahmen, der für Touristen geeignet ist. Also weiter warten und noch eine Runde durch Las Tunas drehen. Gar nicht so übel hier, vor allem, wenn man weiß, dass man bald abfährt.

Als dann der richtige Bus endlich eintrifft und nach ein paar Convertibles auch noch Platz für mein Rad findet, war ich weichgekocht und beging den Fehler bis nach Santu Spiritus zu buchen. Dadurch verpasste ich Camagüey, das vom Busfenster aus sich sehr schön ausmachte und die schöne Strecke danach – beim nächsten Mal vielleicht.

Dies war dann auch meine längste Busfahrt. In den Bushalten der Zwischenstopps darf man nicht essen wenn man Hunger hat, sondern muß reinstopfen, wenn es etwas gibt. An diesem Tag erhielt ich nur bei der Zwangspause klebrig aufgequollenen Leim (vulgo Brötchen) gefüllt mit labberigem Käse auf fettähnlicher Substanz, selbst Margarine wäre eine zu freundliche Bezeichnung dafür gewesen. Die gelben Lappen stopfte ich mir rein, das weißlich-braune Drumherum warf ich weg.

Ein paar Stunden Pause auf einem Autobahnparkplatz kurz vor Santu Spiritus später, rollte ich nachts durch die seltsame Bungalowsiedlung zum zentralen Platz mit dem üblichen Art-Deco-Hotel. Santu Spiritus wird skurrilerweise von den Cubanern für Ferien in Stile der VEB-Kombinat-Kollektiv-Freizeit genutzt, sprich Saufen und Gedudel. Welche Ruhe und angenehme Kühle. Nur die Studiosus-Expedition im Patio des Hotels war auf Individual-Kollektiv-Freizeit gestimmt und zitierte vor dem Reiseleiter bei Kaffee (selbstverständlich war der nicht so gut wie in Deutschland) und Zigarre (ist ja wohl das mindeste) lautstark die Versprechungen des Reisekataloges, die in diesem Dritte-Welt-Land nicht eingehalten wurden. Das komplett erhaltene mittelalterlich anmutende Kolonialstil-Ensemble dämmerte vor sich hin, als ich in mein Zimmer mit mindestens 6 Meter Deckenhöhe verschwand und die deutsche Gemütlichkeit draußen weiter lamentieren ließ.

14   Santu Spiritus - Trinidad. 70 Km

 

Heute sollte es nur sanft bergab gehen, zumindest nach meinem Plan. Die langgezogene wellige Strasse führte dann auch durch ein angenehmes breites Tal, dem Valle de los Ingenios. Von den Zuckerbaronen und ihren Bauten ist wenig übrig geblieben. An einem verlassenenen Bahnhof suchte ich dann Mittag Schutz im Schatten, mit Blick auf den Sklaventurm. Bei diesem hatte man die Glocke abmontiert, um ihn zu renovieren, allerdings ohne zu bedenken, dass man die Glocke vielleicht danach auch wieder in luftiger Höhe anbringen sollte. Aber es mangelt in Cuba an entsprechend schwerem Gerät, die Ingenieure sind offensichtlich nicht mehr da. Also schimmelt die Glocke zwischen weißen Laken, die vor dem Turm für die Touristen zum Verkauf aufgehängt werden.

Am Ende des Tales gilt es noch einen kleinen Pass zu überwinden, von dem aus man zum ersten Mal wieder das Meer und das Gebirge sieht. Frische Luft ohne Ende und das Eis am Kiosk ist auch nicht zu verachten.

In Trinidad wollte mich mein Glück erstmals verlassen: keine Herberge zu finden. Ausgerechnet in Trinidad war kein casa colonial frei, eigentlich gar kein Zimmer. In irgendeiner Seitengasse gab es noch ein dunkles Loch, an dem dann morgens um 5 Uhr der Brötchenverkäufer vorbeizog „hay pan“. Am liebsten hätte ich ihm sofort die ganze Kiste abgekauft, damit er endlich Ruhe gibt.

Abends gebe ich mir den kompletten Rummel mit Restaurant, casa de trova und einem besoffenen Mexikaner, der zwar kaum noch stehen, geschweige denn singen konnte, dafür aber die Gitarre flink und sicher bediente. Trinidad ist schon ein interessanter Treffpunkt für alle Verrückten. Die casa de trova kostet Eintritt, der sich aber lohnt, um rumselige Strandtouristen zum Rumba wackeln zu sehen.

15   Trinidad – Playa Ancon. 20 Km

 

Ein kurzer Ausflug zum Strand lohnt sich: die Seesterne sind wie aus dem TUI-Katalog fett und pickelig.

In einer Hütte am Strand kann man durchaus passabel essen

Die Palmen allerdings machen sich etwas rar und es war nicht ganz einfach aus der brütenden Hitze zu flüchten.

Ein Uniformierter forderte wirklich Liegegebühren für den Strand. Ich wurde schneller müde als ein Cubaner und murmelte mit schwerer Zunge und bleischweren Augenlidern so überzeugend etwas von „soy cansado, mas tarde“ (bin müde, später), dass der Polizist sofort respektvoll von mir abließ. Kein größeres Sakrileg, als eine Störung der wohlverdienten Siesta.

Ein kleiner Pfad führt hinter der Hotelanlage an den Mangroven vorbei bis zur Spitze der Halbinsel. Der schöne Blick wird nur von dem fauligen Gestank des Wassers getrübt.

Auf dem Weg zurück sollte man allerdings nicht den Weg verlassen, die Salzkruste im Tiedegebiet gibt leicht nach und man watet im knietiefen Schlamm.

Trinidad liegt an einem Hügel auf dem noch eine verfallene Kirche lockt und natürlich die Discohöhle, die sicherlich nachts interessanter ist.

Die Suche nach einem neuen casa particular hatte sich gelohnt, diesmal schlief ich in einem Kolonial-Palast direkt neben der alten Kirche.

16   Trinidad. 0 Km

 

Trinidad eignet sich wirklich gut zum Faulenzen.

17   Trinidad – Tropes Colantes. 40 Km

Nun wollte ich wirklich kein Fett ansetzen und die wolkenumhüllten Berge riefen. Mit einem grandiosen Wasserfall wird geworben.

Zuvor gilt es noch eine kleinere Steigung zu überwinden. Fast den kompletten Weg bergauf musste ich schieben.

Bergab ist nur Schußfahrt angesagt. Ohne Gepäck, ohne Helm, ohne Gnade donnere ich die Abfahrt in den Pedalen stehend ungebremst hinab, Abheben mit beiden Reifen garantiert. Ja, der Schweiß muß sich hier gelohnt werden!

Oben am Berg stehen ein paar Hotels im Wald, von denen man sich nur wundern kann, wie sie wirtschaftlich betrieben werden, aber das ist wahrscheinlich ohnehin nicht der Sinn.

Irgendwo an einem Parkplatz steht ein Kiosk, an dem man logischerweise Eintritt zahlt für den Weg hinab zum Wasserfall. Der lehmige Trampelpfad führt durch die feuchten Tropen zu einem eisigen Wasserloch. Fallen tut dort aber nix.

Ein Eintrag im Gästebuch meines Casa Particular vermerkt absolut zutreffend: Ein Wasserfall nicht wesentlich größer als der von Männeken-Piss, ein solches Rinnsal wäre in Norwegen nicht einmal eines Namens würdig befunden worden. Wie wahr, die Palmen von Hammerfest allerdings werden von den Norwegern ehrfurchtsvoll mit nicht mit dem Vornamen angesprochen.

Aus sportlicher Sicht ein lohnenswerter Ausflug.

18   Trinidad – Cienfuegos. 60 Km

Ein kurze, aber auch eine der schönsten Strecken. Entlang am Meer und dem steilen Gebirge am Horizont nähert man sich einer Bucht folgend den Rauchfahnen der Ölraffinierien.

An diesem Tag hatten die lekkeren fetten Krabben frei und sie spazierten auf der einzigen Strasse weit und breit herum. Teilweise so groß wie meine Hand mit ausgestreckten Fingern, waren sie erbost über mein rüpelhaftes Fahrverhalten.

Die tiefblauen Krabben drohten und griffen mich, besser gesagt die Reifen meines Rades, mit der großen rechten Schere an. Mit dem Gepäck gar nicht so einfach diesen Möchtegerne-Kamikaze-Sushi auszuweichen. Ich überlegte, wie gut diese Viecher wohl schmecken, aber es kam mir verdächtig vor, dass niemand von den Einheimischen dieses köstliche Eiweiss auf acht Beinen einsammelt. Und es wäre schnell säckeweise Nahrung zusammengekommen. Ganze Horden blieben vor mir stehen und richteten sich allen Ernstes auf, um ihre Scheren in Stellung zu bringen.

Brücken und Sandbuchten laden zu einem Nickerchen ein, aber ich blieb hart, denn ich wollte noch den botanischen Garten besuchen.

Dieser war über einen kleinen Umweg zu erreichen und erwies sich als recht romantisch verwildert. Auch die sonst üblichen komischen Schilder mit den lateinischen Namen fehlten erfreulicherweise. Ein sehr angenehmer Ort, dessen Bambushecken mit einer dämpfenden Unterlage und Schatten locken.

Cienfuegos ist recht einfach zu erschliessen und hält viele Überaschungen für den Entdecker parat.

Wie immer erweisen sich viele Tipps aus dem “lonely Planet” als unbrauchbar, da die Adressen zu weit verbreitet sind und die Vermieter meist schon korrumpiert. Hier waren sie aber sehr freundlich, ich bekam erst einmal einen frischen Orangensaft, die Pressemappe des Casa Particular mit dem berühmten italienischen Erstdurchquerer von Cuba per Rad, einen netten Plausch und eine Adresse einer anderen Unterkunft am Industriehafen. In der Gegend hätte ich normalerweise nicht übernachtet: die Schornsteine der Ölraffinerien flammen dekorativ als Silhouette hinter den freistehenden Fassaden der Colonials mit ebenfalls zerfallenem Bahnhof. Ein Pferd post als Torwart vor Baseball spielenden Kindern. Der Ball besteht aus hartgewickelten Plastiktüten.

Cienfuegos (Hundert Feuer) bekommt mit der Ölindustrie eine neue Bedeutung.

Mein Wirt entpuppt sich als Arzt, der mit seinem Freund zusammen lebt und die Woche über in Trinidad arbeitet. Ob die Krabben genießbar sind, weiss er nicht – er hat wohl andere Probleme.

Die Sehenswürdigkeiten verteilen sich auf den zentralen Platz und dem zwei Kilometer entfernten ehemaligen Jachthafen.

Am Hafen glaube ich zunächst hingekritzelten Speisekarte der Imbißbude nicht so recht: neben den üblichen Verdächtigen Pizza und Huhn wurde dort lapidar Languste zum gleichen Preis gelistet. OK, ich setzte mich an einen Plastiktisch mit Blick auf die verrosteten Tanker und einem wackeligem Plastikstuhl und bestelle Langosta Mariposa (Languste auf Schmetterling-Art) mit Fritten und einem Bier, um die Dekadenz zu komplettieren. Die Rumflasche, wie sie auf allen anderen Tischen steht, erspare ich mir

Abends an der Plaza unter den Galerien der prächtigen Kolonialbauten und vor den Saloon-Schwingtüren, tauchte ich eine Zigarre in Rum und meine Gedanken an die wenigen mir noch verbliebenen Tage.

19   Cienfuegos – La Habana. Taxi

 

Trotzdem ich gerne noch in Cienfuegos geblieben wäre, war ich inzwischen einfach zu neugierig auf Havanna. Die Fahrt dorthin führt über eine immer breiter werdende und stärker befahrene Autobahn. Entlang an endlosen Obstplantagen, deren Früchte wohl für den Export bestimmt waren, auf Cuba gab es keine Zitronen, Orangen etc. zu kaufen. Ich schwächelte also und entschied mich für ein Taxi, da der Bus 5 Stunden für die 150 Kilometer benötigt. Unnötig zu erwähnen, dass der Bus kurz vor Havanna zwei Stunden Pause einlegt, weil der Fahrer etwas essen muß, ist ja auch nur ein Mensch.

20   La Habana

In Havanna selber kann man sich sehr einfach orientieren und der Verkehr ist nicht zu dicht, also wieder einmal alles ideal zum Radfahren geeignet. Ein einfaches Schloss sichert das Rad, wahrscheinlich reicht für den kriminellen Antrieb einfach auch der Elan.

Die einzelnen Bezirke sind großflächig und bieten viele interessante Winkel zum entdecken. Zu Fuß wäre das ein mühseliges Unterfangen.

In Havanna entdeckte ich endlich auch die optimale Lösung für meinen etwas ausgezehrten Körper: Eis in Halbliterpackungen (seltsamerweise von Nestle) und Langusten – in dieser Kombination wurde ich zum ersten Mal nach drei Wochen richtig satt.

 

21   La Habana – Playa del Este. 50 Km

 

Die Ameisen unter meinen Fußsohlen trieben mich weiter voran, wenigstens einen weißen Karibikstrand wollte ich gesehen haben. Der Klassiker ist hierfür Playa del Este. Zunächst gilt es eine kleine Meerenge, die Hafeneinfahrt zu durchqueren. Den Bussen mit der Platteform traute ich nicht und ganz um die Bucht herum erschien mir zu öde. Zum Glück gibt es eine Fähre. Die hatten verzweifelte Verrückte vor Jahren versucht nach Miami zu entführen, seitdem wird man wie auf einem Flughafen mit einem Metalldetektor gescannt.

Die Fähre muß man sich als Wrack mit einem LKW-Motor vorstellen, dem man kaum die 10 Minuten Überfahrt zutraut. Aber wer mit Schwimmreifen versucht die 100 Kilometer nach Miami zu überbrücken, dem erscheint sie allemal brauchbar.

Auf der Hinfahrt wurde ich nicht wirklich kontrolliert, der Warnton brummte einfach ignoriert vor sich hin. Zurück durchleuchtete man mich allerdings gründlich. Und auch die Augen der Polizisten leuchteten auf, als sie mein gefährliches Schweizermesser entdeckten. Ja, das müsse ich natürlich da lassen, leider. Vielleicht hatten sie auch nur Angst, dass ich der Fähre die Reifen aufschlitze. Ich musste nochmals raus und klebte das Messer unter dem Sattel fest. Ich hatte richtig mit der Faulheit gerechnet, sie durchsuchten nur meinen Tagesrucksack und waren traurig, dass ich offensichtlich mein Taschenmesser in einem Busch versteckt hatte, wie ich es mit buddelnden Gesten aufgeregt erzählt hatte.

Auf der anderen Seite erwarten mich Jesus mit ausgebreiteten Armen und ein Castel mit schönem Ausblick über Havanna.

Die Strasse führt zügig zu den Playa del Este, vorbei an wenig erbaulicher Landschaft.

Die Palmen und korallenweisser Strand mit flach abfallendem Wasser locken mit duseliger Entspannung.

Auf einer kleinen Insel inmitten einer versteckten Lagune kann man ungestört die Kalorien in Form von Langusten nachtanken.

Etwas weiter kommt noch mit Guanabo ein richtiger Ort. Auch hier springen die ehrwürdigen Italiener mit den chicas wie mit Pudeln um, nur dass letztere in der Regel keinen Rum saufen.

Die Bäckerei in der Ortsmitte sollte man auf keinen Fall auslassen, hier gibt’s die Köstlichkeiten im Kilo.

22   La Habana – Flughafen. 25 Km

 

Ich gebe es zu, meine Karten für Havanna waren schlecht, aber wo die Flugzeuge landeten sah man recht deutlich. Also steuerte ich den Flughafen per Sichtflug an. Auf der letzten Etappe sollte der Park Lenin liegen, ein Relikt aus den besseren 80er Jahren. Wo es schon am ersten Tag geregnet hatte, war es nur konsequent, dass der Regen auch an meinem letzten Tag einsetzen sollte.

Vorbei an Plattenbauten erreichte ich nach kurzer Fahrt den verfallenen Park.

Hier wollte ich wehmütig meine Reise noch mal in Gedanken Revue passieren lassen, was mir allerdings im abkühlenden Regen wenig gelang.

Einen letzten trüben Guarapo, frisch gepresst aus dem Rohr, am Kiosk zwischen den smartibunten Oldtimern und dann über die Strasse zurück mit dem Flieger ins 21.ste Jahrhundert.

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