Eigentlich war es schon
immer mein Traum nach Cuba zu fahren. Warum weiß ich nicht ganz genau, irgend
so ein verklärtes Fernweh-Ding. Mein Blick bei der Planung „was tun wenn die
Füße mal wieder brennen?“ blieb im Jahr 2004 auf der Weltkarte bei Cuba haften.
In Folge besorgte ich mir ein günstiges Ticket und kümmerte mich nicht weiter
drum. Zwei Wochen vor Abflug wurde mir beim Studium der Reiseführer bewußt, was
ich mir eingebrockt hatte: Öffentlicher Transport - eine Katastrophe und
wichtige Orte nicht erreichbar, als einzige Alternative wurde der exorbitant
teure (und langweilige) Mietwagen genannt oder eben Fahrrad. Nun hatte ich
schon des Öfteren mir ein Rad im Ausland geliehen, allerdings nur für
Tagestouren. Mit dem Rad in Luxor durch Theben und das Tal der Könige, die
Tempelroute in Kyoto oder die Regenwälder von Byron Bay in Australien. Aber so
richtig wochenlang mit allem Gepäck, das erschien mir doch gewagt. Die
Verhältnisse in Cuba klangen jedoch vielversprechend und sie bewahrheiteten
sich auch. Fast alle Strassen geteert, ausgebautes Wegenetz und aus Benzin- und
Fahrzeugmangel praktisch kein Verkehr. Auf der sechsspurigen Hauptautobahn der
„carretera sur“ die von Havanna bis Santiago geht, überholte ich Eselkarren,
die zum Teil sogar als Geisterfahrer unterwegs waren! Und das ist wirklich kein
travelergeschwafel.
Einige Probleme gab es aber
doch: mit dem Geld - meine Kreditkarten waren auf Cuba ungültig, weil
US-Amerikanische Unternehmen das Embargo auch bei Tochtergesellschaften strikt
einhalten - löste ich durch Bargeld, ich lief also mit dem mehrfachen
Jahresgehalt eines cubanischen Arztes in der Hosentasche herum. Das zweite
Problem war das Essen: keine Supermärkte, fast keine Restaurants, selbst
Früchte oder Fisch waren nur sehr schwer zu bekommen: ich nahm 2 Kilogramm
Müsliriegel und Studentenfutter mit. Erst in Havanna habe ich eine richtig gute
Lösung dafür gefunden, doch davon später. Das dritte Problem waren die
Unterkünfte: Hotels (die offiziellen gehören alle dem Militär) gibt es nur sehr
wenige und nur in größeren Ortschaften, die „casas particulares“
(Privatwohnungen) stellten die einzige Alternative dar – eine sehr gute wie ich
dann schnell merken sollte.
Da ich Angst hatte, daß mein
Rad geklaut werden (was völlig unbegründet war) oder total den Geist aufgeben
könnte (was ich fast geschafft habe), entschied ich mich, statt der
Satteltaschen einen ganz gewöhnlichen Koffer-Rucksack mit Spannern auf dem
Gepäckträger zu fixieren. Dann kann ich das Rad vergessen und die Reise
trotzdem fortsetzen. Dieses Verfahren hat sich dermaßen bewährt, daß ich es
seitdem immer so mache. Ein Griff und ich habe mein gesamtes Gepäck z.B. auf
das Zimmer gebracht, das Rad im Bus verstaut oder das Rad entlastet, damit ich
es durch einen Fluß tragen kann.
Cuba ist ein lebendiges
Museum, frei von McDonald’s, Coca Cola und anderen Globalisierungsauswüchsen,
die die Welt in einen qualitätsgesicherten Einheitsbrei verwandeln. Wenn ich
mir früher aus Indien Rasiercreme und Fenchelzahnpasta mitbrachte, damit die
Erinnerung an die Reise noch lange anhält, hat Procter&Gamble diesem Spaß
mit Colgate & Co. schon längst ein Ende bereitet.
Aber Vorsicht mit
romantisierender Schwärmerei, Cuba ist die DDR im Endstadium: eine
Mangelwirtschaft in Resignation mit totaler gegenseitiger Überwachung. Dort zu
leben ist kein Zuckerschlecken. Um seinen Wohnort für den Besuch einer anderen
Stadt verlassen zu dürfen, muß der Cubaner beantragen. Ich habe gesehen, wie
Einheimische verhaftet und im Polizeiwagen abgeführt wurden. Am Playa del Este
bei Havanna wurden die Ausweise kontrolliert. Cuba wird von einer Diktatur
beherrscht. Normale Lebensmittel erhält man nur in den cubanischen
„Intershops“. Alles funktioniert per order mufti: Inzwischen sind
strassenzugweise die Kühlschränke und Glühbirnen gegen Stromsparer getauscht –
die LKW mit den archaischen Kühlaggregaten habe ich selber gesehen.
Trotz dieser schwierigen
Bedingungen erhalten die Cubaner sich ihr positives Lebensgefühl, vor allem die
Solidarität, Hilfsbereitschaft, absolute Ehrlichkeit und die Freude am Leben
haben sie erstaunlicherweise bewahrt, ja geradezu perfektioniert. Der Umgang
miteinander ist extrem freundlich, mit Ausnahme der omnipräsenten Soldaten,
zivilen Paramilitärs und Polizei.
Gerade auch die
Angewohnheit, Scherze in die Unterhaltung einzubinden gehört dazu wie die Luft
zum Leben. Immer wieder gerne von mir vernommen ist das „Guapo culo“ (in etwa:
Knackarsch) das Frauen jeder Couleur und jeden Alters mir auf dem Rad
nachriefen, das gehört einfach zum guten Ton. Die härtere Variante
untereinander ging etwa so, daß der Mann der Frau hinterher ruft „quieres
Vanilla con chocolate“, dessen übertragene Bedeutung ich an dieser Stelle nicht
wiedergeben möchte. Die Antwort kam lachend, prompt und so schnell, daß ich sie
leider nicht verstand, was den Mann aber augenblicklich verdutzt zum Schweigen
brachte. Meine Versuche mich dem Stil anzupassen, klingen hier in Europa völlig
daneben und macho-sexistisch, in Cuba war es aber der Brüller. Auf mein
„tolles“ Rad im Vorbeifahren an einer Bushaltestelle angesprochen, antwortete
ich dem Mann „deseas cambiar mi bici con tu esposa“ (willst du etwa mein Rad
gegen deine Frau tauschen) was sofort bejaht wurde und die betreffende Frau zu
einem Scherz animierte. Ich hatte nicht bedacht mir diesen Tausch visuell
vorzustellen. Die Schlagfertigkeit der Frau brachte dann alle zum lachen.
Gerne wurde ich auch
befragt, ob ich eher auf flaco oder auf gordo stehe. Mit meinem kleinen Finger oder
auch mal mit dem Daumen kratzte ich mir dann nachdenklich an der Stirn. Es
dauerte selten lang, bis meine non-verbale Antwort mit einem Grinsen verstanden
wurde.
Die Straßenverhältnisse und Verkehr
sind optimal, Räder werden teilweise gegen Bakschisch in Langstrecken-Bussen
mitgenommen. Die Cubaner stehen sehr früh auf, machen keine Siesta und sind
spät abends noch anzutreffen. Es wird zwar recht schnell dunkel bis gegen 19
Uhr, aber man kann problemlos auch noch nachts nach einem Quartier suchen. Cuba
per Radtour ist einfach perfekt. Ciclo o muerte!
Diesen Bericht schreibe ich
fast drei Jahre nach der Reise und frei aus dem Gedächtnis, da ich keine
Aufzeichnungen gemacht oder ein Tagebuch geführt habe. Die Kilometerangaben
sind folglich nur grob geschätzt. Inzwischen hat Fidel sein Camouflage gegen
einen roten Addidas-Trainer getauscht und die Ideologie komplett nach
Absurdistan geführt. Ich bin dieses Jahr nochmals auf Cuba gewesen, diesmal
leider ohne Rad. Die Versorgungslage hat sich dramatisch gebessert (vor allem
für die Touristen): überall gibt es Geschäfte, in denen man gegen Valuta Essen
und Getränke kaufen kann. Benzin und damit fahrende Auto gibt es dank Chavez
inzwischen zuhauf, nachdem dieser Companero Fidel die letzte Ölung gegen
Klarsicht (in Form von Augenärzten) getauscht hat. Die Geier in Miami kreisen
schon, aber die Menschen von Cuba warten noch immer.
Nun aber los hier...
Es fing mal wieder sehr
hektisch an: das am Vortag bestellte Taxi kam nicht, dann nur ein Kombi und es
dauerte eine Weile bis ein Transporter aufgetrieben war, der den Radkarton zum
Flughafen brachte. Der Karton war beim Warten auf die Taxe vom Schnee unten so
aufgeweicht, daß beim Auspacken das Rad einfach wieder herausfiel. Der
Zubringerflug nach Frankfurt war gestrichen worden und ich sollte einen Flieger
vorher nehmen, da der folgende Flug zu spät angekommen wäre. Condor fliegt nur
einmal pro Woche. Also wartete die Maschine extra auf mich: Ich hatte vorher
fragen wollen, ob ich den Pedalschlüssel mit an Bord nehmen darf, das in der
Aufregung aber vergessen. Klar, der wurde dann in einem Extra-Paket aufgegeben.
Ich hatte es aber richtig eingeschätzt, auf Cuba wäre es ein riesiger Aufwand
geworden sich einen neuen Schlüssel zu besorgen. Ich konnte es kaum fassen:
dieses Paket kam geöffnet in Holguin an und per Zufall hatte sich der Schlüssel
eingeklemmt und war nicht herausgefallen. In Frankfurt erfuhr ich, daß für die
Einreise eine Touristenkarte zwingend erforderlich ist, was kein Bestandteil meines Billigfluges
war. Also durchkämmte ich den Flughafen nach der Verkaufsstelle. Nichts gegen
Abenteuer, aber das war wohl eher Streß pur.
In Frankfurt traf ich dann
auf Leute, die gleich mehrere Räder eincheckten, die Erklärung war, daß sie an
dem Radrennen „Vuelta de Cuba“ teilnahmen. Da der Verlauf zufälligerweise
ziemlich meiner Routenführung entsprach von Holguin, Baracoa, Santjago nach
Havanna, kommentierte ich dies später bei meinen Zimmerwirten häufig mit der
Bemerkung ich sei der letzte der Rennfahrer und hätte das Peloton verloren.
Für die ersten drei Nächte
mußte man eine Unterkunft vorweisen, sonst wird eine Strafe fällig. Das wußte
ich, doch weder per Internet noch telefonisch ist es mir gelungen etwas zu
reservieren. Also stelle ich mich einfach bei der Paßkontrolle in Holguin an
und warte ab, was passieren wird. Der Beamte blickt in meinen Paß, auf den
Rucksack und die Touristenkarte, auf der ich etwas von „casa particular“
gekritzelt hatte. Wortlos zeigte er auf einen Stand von Islazul, da sollte ich
wohl hingehen. Statt jetzt abgenervt zahlen zu müssen und mir eine Standpauke
anzuhören, wurden mir einige sehr nette Hotels zu äußerst günstigen Preisen zur
Auswahl präsentiert. Wow, das geht ja einfach. Wieder zurück mit meinem
Hotelgutschein, hatte der Paßbeamte mitbekommen, daß ich etwas Spanisch sprach.
Er war sehr viel freundlicher, blickte sich um und steckte heimlich einen
Zettel in meinen Paß mit der Bemerkung das müsse ich mir unbedingt ansehen, er
würde auch für mich anrufen. Es war die Visitenkarte eines „casa particular“.
Ich war endlich wirklich da, grinste und begann dieses Land zu lieben.
Dieser Triumph wurde nur davon übertroffen, das erste Mal
auf dem Rad mit aufgeschnalltem Rucksack durch die tropische Landschaft zu
fahren. Nach rund 20 Kilometern absichtlich langsamer Fahrt, ich wollte das
Gefühl möglichst lange genießen, traf ich in der Provinzhauptstadt ein und
wunderte mich über die vielen Autos. Es sollte neben Havanna die einzige Stadt
mit viel Verkehr bleiben. Die vielbeschworenen Oldtimer hauen einen beim ersten
Mal schon um. Noch dazu sind bei vielen die Hinterachsen durch Lastwagenachsen
ersetzt, was den liebevoll handbemalten Modellen vollends das Aussehen eines
Dragsters gibt.
Die Cubaner sind extrem
rücksichtsvolle Fahrer: selbst an großen Kreuzungen bremst jedes Auto (auch
nachts!) und sogar große Laster mit Bauschutt, um dem Rad die Vorfahrt zu
gewähren. Völlig ungewohnt durfte ich allerdings auch nicht gegen die
Einbahnstraße fahren und fast jede war eine solche. Tut man es dennoch wird man
freundlich darauf hingewiesen und zwar von jedem einzelnen Passanten. Das hatte
ich schnell gelernt und akzeptiert, so machte es auch viel mehr Spaß, wenn alle
Rücksicht aufeinander nehmen und sich an die Spielregeln halten. Ein Gefühl,
das ich noch heute wehmütig vermisse, gerade in Berlin, wo ich fast täglich mit
dem Rad im Nahkampf zur Arbeit fahre.
Direkt auf dem Hauptplatz angekommen,
entschloß sich der Hinterreifen meines Rades Luft abzulassen. Kein Problem
dachte ich: Hinterrad ausgebaut und Schlauch auf die undichte Stelle geprüft.
Durch den Verkehrslärm konnte ich allerdings das Zischen der Punktierung nicht
hören und das Loch war einfach zu klein, um es zu erfühlen. Es wurde dunkel und
ich richtig nervös, so nervös, daß ich den Pitlock-Schlüssel nicht mehr finden
konnte. Ich setzte mich hin atmete durch und erinnerte mich daran, daß ich
einen Ersatzschlauch im Rucksack hatte. Scheiß auf das Loch, ich verstreute
meine Sachen auf dem Boden und ersetzte den Schlauch, dabei trat ich auch
zufälligerweise auf den Schlüssel. Ich war gerettet. Wenn das ein Cubaner
beobachtet hätte, der wäre vor Lachen umgefallen und hätte mir gezeigt, dass
eine Ecke weiter es einen Fahrradparkplatz mit einem Pincheria gab. Dort wäre
in aller Ruhe und Freundlichkeit mein Schlauch für ein paar Peso gewechselt
worden. Dies sollte glücklicherweise der einzige Platten für die gesamte Fahrt
bleiben.
Jetzt wollte ich nur noch
meine mit Öl verschmierten Arme abduschen und ins Bett. Auf der Ausfallstraße
erkundigte ich mich ein paar Mal nach dem Weg und jeder schien das Hotel, aber
nicht die Straße zu kennen. Eigentlich mußte ich gar nicht fragen, stehenbleiben
und sich umschauen reicht und schon wird man angesprochen, ob man helfen könne.
Hier kamen mir auch die ersten Fahrradtaxis entgegen: eine abenteuerliche
Stahlrohrkonstruktion, bei der eine Art Fernsehsessel als Sozius an ein
altertümliches Chinesenrad geschweißt wird. Dabei fiel mir auf, daß bei fast
allen cubanischen Rädern nur die Achse der Pedale als Trittfläche genutzt wird,
da der Rest schon vor langer Zeit abgefallen ist und Ersatzteile nicht
erhältlich sind.
Das Hotel entpuppte sich als
Bungalow-Siedlung im Safari-Stil mit Pool und Palmengarten. Eine von den
Beton-Gartenlauben hatte ich für mich allein. Die Dusche funktionierte
natürlich nicht. Die Reaktion auf meine Beschwerde an der Rezeption machte mir
deutlich, daß ich hier keine Hilfe zu erwarten hatte. Später erfuhr ich, daß
manchmal die Wasserversorgung für mehrere Tage oder gar Wochen ausfällt. Ich
war müde, naßgeschwitzt und vom Rad eingesaut. In der Not nahm ich eine Seife,
sprang in den Pool und wusch mir dort unter dem Sternenhimmel. Im Nachbarhaus
hörten einige cubanische Stewardessen noch Fernsehen. Vor dem Schalldruck der
Tele-Novelas mußten sie bestimmt auch ins Bad fliehen, so daß man kaum von
fernsehen sprechen kann. Die ganze Nacht ging das so, zumindest der Teil, den
ich noch mitbekam und der war sehr lang.
Voller Tatendrang stand ich
auf und hechtete auf die Terrasse meines Bungalows, allerdings nur, um den
satten Landregen zu genießen. Damit hatte ich nicht gerechnet, null
Regenkleidung, nicht einmal eine simple Jacke hatte ich mit. Eigentlich war
heute als dry-run eine Fahrt zur Küstenstadt Gibara geplant, aber die schien
ins Wasser zu fallen, damals war mir bestimmt nicht zum kalauern (=dry-run
fällt ins Wasser) zumute. Ich inspizierte die Bettdecke nochmals von unten.
Mittags regnete es noch immer und ich entschloß mich einfach loszufahren.
Cubanische Straßen sind
sorgfältig asphaltiert, die Oberfläche ist zumeist recht glatt. Mir war zum
Lachen, als ich den ersten Eselkarren sah, bei dem das Triebwerk Esel auf dem
Teer ausrutschte und unter Funkenschlag der Hufeisen im Spagat auf den Boden
knallte. Die Schadenfreude wurde umgehend gerächt, als ich bremsen mußte und
mit unverminderter Geschwindigkeit einfach von der leicht gewölbten
Straßendecke auf den Seitenstreifen, auf den Bürgensteig mitten in eine
Menschengruppe schlitterte. Die kannten den Effekt schon und sprangen zur
Seite, während ich hilflos und verblüfft mich schon automatisch entschuldigte,
obwohl ich noch gar nicht zum Stehen gekommen war, das schaffte ich nämlich nur
mit einem selbst provozierten Sturz.
Für die hügelige Landschaft
konnte ich mich auch im Regen begeistern, die Hütten am Wegesrand schienen aus
einer anderen Zeit zu sein. Grundstücke werden mit rechtwinklig beschnittenen
dichten Kakteenhecken abgegrenzt. Alles wirkte auf seine Art beruhigend,
verlangsamt, irgendwo mußte hier noch das Schloß überwuchert mit der Rosenhecke
kommen. In den Felder waren Schilder aufgestellt mit den üblichen Slogans:
·
¡Hasta la victoria siempre!
·
¡No al blokeo!
·
¡Todo para la Patria, Patria o muerte!
Großer Unterhaltungswert,
interessante Parallele zur DDR. Nur daß hier auch noch nette und lustige Bilder
dazu gemalt sind (z.B. Bush mit Hitler-Bärtchen). Immer wenn mich später die
Kräfte auf dem Rad verließen zischte ich einen der Einpeitscher ununterbrochen
vor mich hin: und – es wirkt, tatsächlich! „¡Hasta la victoria siempre!“ War
mein Lieblingsspruch, auch wenn er fatal an den “Endsieg” erinnert. Diese
auffällig ähnliche Verblendung ist sicherlich nicht zufällig.
Das Meer bietet sich als
Felsküste an, Gibara hinterläßt mit seinen engen Gäßchen einen etwas verträumt
verschlafenen Eindruck. Im Hafen eine öde Mauer, die die Stadt zum Meer
begrenzt und eine garagenähnliche dunkle Spelunke: am Meer schien hier niemand
interessiert. Oben auf dem Berg ein Aussichtpunkt, auf dem ich meine Kleider in
der inzwischen aufgetauchten Sonne trocknete.
Bei der Rückfahrt sah ich
noch den Kindern beim Krabbenfischen zu, die von einer Hängebrücke aus Eimer mit
Ködern in die Flußmündung hängten. Bei dem Versuch mir das näher anzusehen,
krachte die Brücke beinahe unter meinem Gewicht zusammen.
Zurück in Holguin stieg ich
dort auch auf den Aussichtsberg, allerdings über eine endlose und steile
Treppe, auf der ich mein Rad hinauftrug. Aber es sollte sich lohnen, der Blick
über die Stadt und die angenehm hügelige Landschaft war es ebenso wert wie die
Abfahrt durch ein kleines Dorf am Hang.
Da mein Hotel außerhalb von
Holguin war und ich zu faul war, kettete ich abends mein Rad an das Gitter
eines Restaurants. Drinnen gab es keine Karte, also fragte ich, was es denn so
zu essen gäbe. Blöde Frage: Huhn mit Bohnen oder Pizza. Und das war die
komplette Speisekarte für mich fast drei Wochen lang! Das Meer liegt zwar vor
der Haustür, aber wahrscheinlich darf keiner zum Fischen raus fahren, er könnte
sich ja nach Florida verfahren. Überall wachsen Früchte, aber die werden
vielleicht nach Canada exportiert? Das Cristal Bier tat mir sehr gut, nur
konnte ich mich nicht dazu durchringen den Trinkgewohnheiten der Cubaner zu
folgen: am Tisch wird eine Flasche Rum bestellt und gemeinsam ausgetrunken. Pur
versteht sich, nur Frauen und Weicheier-Gringos dürfen mit Limo mischen.
Als ich nach der Rechnung
fragte, fiel ich fast in Ohnmacht: so um die US$ 80. Ich wußte nicht, daß der
Betrag in Peso Nationales aufgeführt war. Also hielt ich einfach mein
Portemonnaie hin, sie sollten sich schon nehmen was sie brauchen. Erleichtert
bemerkte ich, daß die Bedienung höchst beglückt mit 5 Peso Convertibles (CUC,
also US$ 5) verschwand.
Meine Bettschwere hatte ich
längst erreicht und so freute ich mich schon auf die nächtlichen
Eifersuchts-Szenen aus der TV Konserve. Aber es sollte anders kommen: der Strom
fiel aus. Segen der Technik ist, daß sie mit Tücken behaftet ist, dieser Fehler
macht sie manchmal wieder menschlich.
Endlich wird es ernst, es
geht los: Die Straße ist verstopft mit Lastwagen, die treffender weise auch
Tintenfische genannt werden wegen des schwarzen Qualms der durch den Auspuff
die Umgebung verdunkelt. Ich plane vor der Industriestadt Nicaro unterzukommen,
damit ich in dem Moloch nicht übernachten muß. Wenn Busse fahren, dann tragen
sie als Ziel oft illustere Ortsnamen wie Haarlem, niemand macht sich die Mühe,
die Schilder auszutauschen.
Die Streckenführung ist
einfach, es gibt praktisch nur eine Richtung. Schnell wird es ernsthaft heißt
und mein Wasserverbrauch steigt dramatisch. Es gibt aber nirgendwo eine
Möglichkeit an Wasser oder Saft zu kommen. Die drei Liter auf zwei Flaschen
verteilt müssen fast immer für den Tag ausreichen. Nicht selten war der Durst
das schlimmste. Die Strecke, die ich vom Flieger aus gesehen hatte, führte
durch Felder die malerisch von den cubanischen Königspalmen belebt werden. Die
Regenfront verfolgte mich bis zum Nachmittag, konnte mich aber nicht einholen.
Es sollte nur den ersten und den letzten Tag der Reise regnen, auch wenn ich
mir manchmal eine Abkühlung noch so gewünscht habe. Viele Hänge waren auch ziemlich
vertrocknet und die Vegetation hatte sich zurückgezogen.
Die Hütten wirken wie aus
einem Humphrey Bogart Film – Schatz der Sierra Madre, die wenigen Menschen
grüßen zumeist freundlich oder ich werde ignoriert. Radfahrer sind häufig auf
Cuba, so daß man nicht weiter auffällt.
Einzig die Kuhherden
verstopfen manchmal die Strasse, Cowboys treiben die Kühe mit der flachen Seite
der Machete an. Menschen fahren stehend in den LKW, die zu containerähnlichen
Raumschiffen umgebaut sind. Warten auf die nächste Fahrgelegenheit ist
cubanischer Volkssport.
In Mayari stellte sich zum
ersten Mal das größte Problem dieser Tour ein: Durst. Blanker und
unerträglicher Durst. An den Bushaltestellen vor dem Ort gab es nur Alkohol und
Zuckerlimo, also fuhr ich einfach ins Zentrum. Aber auch hier gab es nichts zu
trinken, kein Geschäft oder Cafe, gar nichts. Auf meine Fragen erhielt ich
immer die Antwort, schwierig, aber versuch es mal bei Cespa. Jeder kannte
Cespa, nur ich nicht. Es handelte sich einfach um die Tankstelle, an der es, ja
richtig: Benzin, Rum und Softdrinks (diesmal warm) zu kaufen gab. Der Ort war
so ausgestorben wie eine Sauna am Äquator. Schöne Häuser, die mich ein wenig an
die verlassenen Silberstädte von Nevada erinnerten. Am Fluß hörte die Strasse,
wie auf der Karte verzeichnet, auf und ich kämpfte mich durch eine Buckelpiste
zur Hauptstrasse wieder durch. Immer noch durstig, immer noch heiß und immer
noch von den majestätischen Palmen auf den sanften Hügeln umgeben.
Als Ziel und
Übernachtungsgelegenheit hatte ich mir ein Campismo am Rio Cabonico ausgesucht:
Ein Campingplatz mit Hütten im Wald. Als ich dort eintraf, bedeutete mir ein
Wachmann am Schlagbaum, daß die Anlage geschlossen sei. Wie sich herausstellte,
nur für Touristen. Ich war nicht der einzige, ein etwas energischeres Paar im
Jeep aus Spanien ging der Sache auf den Grund – mit demselben Ergebnis. Auch
nahegelegenen Cayo Saeta hatten sie schon versucht, wer allerdings nicht über
Islazul bucht, hat verloren. Nun hing ich fest, die Sonne ging unter und ich
hatte nur noch einen einzigen letzten Plan. Langsam schlurfte ich am Dorfplatz
vorbei, wo mir vorher einige Leute aufgefallen waren, die da so saßen, weil sie
offenkundig immer da sitzen. Ich überlegte, ob ich es mit Frauen, Fußball oder
Wetter versuchen sollte, auch wenn ich bei ausgerechnet allen drei Themen mich
nun wirklich nicht für einen Experten halte. Aber sie kamen mir zuvor mit dem
woher&wohin und schnell war klar, daß ich eine Bleibe suchte. Zu meinem
Erstaunen wurde dies offen diskutiert, wer mich unterbringen könnte und so
landete ich im Dorfladen. Die Plastikkämme und Barbiedolls wurden zur Seite
geräumt ebenso wie das Moped in der Werkstatt, in der mein Bett aufgebaut
wurde. Erst danach wurde sichtbar, daß es sich um das Wohnzimmer handelte. Es
mußte das Wohnzimmer sein, denn ein anderes Zimmer hatte die Hütte nicht, meine
Wirte gingen zu den Eltern im Nebenhaus schlafen und ich blieb mit den Hühnern
und dem brummenden Kühlschrank allein. Vorher wollte ich noch duschen. Kein
Problem. Ich wurde hinter das Haus geführt, durch einen Wald, die Böschung
runter, na bitte, da ist doch das Badezimmer: ein ziemlich kühler Fluß mit
glitschigen Kieseln.
Erfrischt überlegte ich mir,
wie ich wohl zu einem Abendessen komme, allein schon die Verpackung der
Müsliriegel erzeugte inzwischen Brechreiz bei mir. Da hatte ich noch nicht das
Innere des Chevrolets im Vorraum des Wohnzimmers gesehen, dem eigentlichen
Verkaufsraum des Kurzwarenladens. Bei dem chromverzierten Monster handelte es
sich nicht um einen Oldtimer, sondern um einen Kühlschrank aus den 50ern.
Hieraus kamen alle Zutaten zum Batido (Milch plus x, wobei x jedwede Frucht
sein kann), bei dem ich nach knapp 2 Litern die Gunst der Wirtin vollends
gewonnen hatte. Was ich nicht ahnte, das war nur die Vorspeise, denn frittierte
Kochbananen und Reis mit Gemüse sollten noch folgen. Im Verdauungskoma spürte
ich dann auch keine Mosquitos mehr.
Die leere Strasse ließ am
nächsten Morgen meinen vollen Bauch in aller Ruhe seine Tätigkeit vollbringen.
Die Beine strampelten schon automatisch und ich konnte mich voll auf die
entspannende Landschaft konzentrieren. In Sagua de Tanamo hüpfte ich in einen
Bus der gerade abfuhr, um die nächsten 40 Kilometer nach Moa abzukürzen. Das
Bestechungsgeld für den Vermittler des Bustickets war höher als der Fahrpreis
selber, offiziell waren Fahrräder im Bus nämlich verboten.
Moa kündigte sich mit den
rauchenden Schornsteinen der Zink-Minen an.
Wieder im Sattel ätzten die
gelben Schwaden grün-rot-schillernden Seen die Lunge und Augen, Zink wird hier
im Tagebau geschürft (die Canadier sind hier dick im Geschäft) und vor Ort
verarbeitet. Die Mondlandschaft erinnert ein wenig an Yellowstone im
Kompaktformat oder auch original Bitterfeld in Panoramavision. Gleich nach dem
Ortsausgang fängt unvermittelt der Nationalpark „Alejandro Humboldt“ an.
Stille, keine Autos, keine Menschen, nur Natur, der Übergang könnte nicht
krasser ausfallen.
Sanfte Hügel, Palmen,
Sandbuchten und absolute Ruhe, jetzt war ich wirklich angekommen.
Nach ein paar Stunden
gemütlichen Treiben lassens, ging mein Wasservorrat zu Neige. Der Durst wurde
wieder unerträglich und als ich einen wunderschönen einsamen Strand wie aus dem
Bilderbuch komplett mit Fischerhütte sah, hatte ich nur Augen für eines: den
Abfall um die Hütte herum, alles Kokosnußschalen. Ich setzte mich zu dem
Fischer und übersprang den Teil mit Frauen, Fußball oder Wetter und kam gleich
zur Sache, ob es denn zu essen gäbe. Wortlos packte er sofort seine Machete und
erkletterte die nächststehende Palme. Und die war hoch, ok alle waren ziemlich
hoch und es war mir schon etwas peinlich, wie der Kolonialherr seinen Bimbo in
die Spur zu schicken, aber die nette und
natürliche Art befreite mich sogleich von meinen Ängsten: er hätte mir die
Kokosnüsse auch geschenkt.
Eine Herde kleiner Schweine
wetzte über den Strand, gerne hätte ich den Fischer gefragt, ob er seine
Machete nicht noch einmal zum Einsatz bringen könnte. Man kann richtig gemein werden,
wenn man Hunger hat...
Eigentlich wäre ich gerne an
diesem x-beliebigen Strand geblieben, aber ich hatte noch so viele Kilometer
vor mir, also schwang ich mich wieder in den Sattel.
Am späten Nachmittag
erwartete ich schon gar nicht, daß der Campismo Bahia de Taco geöffnet hatte
und die Hütten waren denn auch leer und unbewohnbar. Also steuerte ich direkt
Playa Maguana an. Schon auf dem Weg dahin hielt ein VW-Bus an und ich wurde
gefragt, ob ich schon eine Bleibe in Baracoa hätte. In Managua selber sah ich
zunächst keinen Strand und eigentlich auch keine geeignete
Übernachtungsgelegenheit. Bis mich eine einmeterfünfzig Frau mit goldenen und
fehlenden Zähnen ansprach. Aber ich suchte erst den Strand, der denn auch recht
idyllisch, wenn auch klein war. Vorsichtshalber nahm ich eine Dusche in der
Brandung, ich hatte die Lage schon richtig eingeschätzt. Ein extrem schönes
Haus mit einem dicken schwarzen Schwein lockte am Ende der Bucht, jedoch
niemand war dort anzutreffen, den ich nach einem Nachtquartier hätte fragen
können – mal vom Schwein abgesehen. Also zurück zur Zigeunerin, wie ich sie
intern getauft hatte. Klar hatte sie eine nette Hütte für mich ganz alleine.
Die Türen verfügten über keine Schlösser, wozu auch, da sie ohnehin nicht
richtig zugemacht werden konnten. Die Toilette war ein einsturzgefährdetes Loch
hinter der Behausung im angrenzenden Bananenhain – ich zog es vor, die Bananen
direkt zu düngen. Kein Licht, keine Kerze und ich klopfte bei der Chefin in
ihrem Haus mit dem Charme einer Fertigbetongarage zum Abendessen an. Am einzigen Stuhl im einzigen Raum saß ich am
einzigen Tisch und erwartete meine letzte Ölung. Die Familie fläzte derweil in
Schaumstoffarrangements vor einem kleinen Kasten, der sich auf den zweiten
Blick als museumswürdiger Vertreter der Braunschen Röhre erwies. Das Menu des
Abends bestand aus Fidel beim Räsonieren (etwas anderes zeigt das
Staatsfernsehen offensichtlich nicht) in einem anamorphotischen Minifernseher
Schwarz-Weiß, während ich köstlich frische Gambas (deren letzte Zuckungen ich
noch im Magen zu spüren glaubte, so frisch waren sie), fritierte Bananen auf
Reis mit Bohnen schaufelte. Selten so gut und aus Plastiktellern gegessen.
Fidel ödete weiter und der
Sohn des Hauses schlug vor, daß ich einer typischen Touristenbetätigung frönen
sollte: Bier trinken. Eigentlich hatte ich keine Lust auf Bier, aber noch
weniger attraktiv erschien mir die Vorstellung den Abend mit Fidel zu
verbringen.
Da es keinen Ort oder gar
ein Geschäft gab, war Bier nur im Hotel erhältlich, ein Hotel gab es
überraschenderweise. Hotel ist gut: ein Bungalow im Erich-Design (Honneker) mit
Hochsicherheitszaun, nur auf die Selbstschußanlagen wurde verzichtet. Alles zu
und dunkel, nur 100 Meter entfernt das fröhliche Treiben der drei Gäste, ich kam
mir vor wie in Ceuta. nachdem alle Rufe vergeblich waren, kam ich dummerweise
auf die Idee mit meiner Mini-LED-Taschenlampe dem Barkeeper Durst zu
signalisieren. Im stockdunklen Wald, den Rücken zur Brandung inmitten des 21.
Jahrhunderts wurde meine technische Kuriosität durch den Sohn bestaunt wie ein
Raumschiff im Orbit. Jau, genau das wollte ich schon immer mal nicht: mit
Glasperlen meinen Weg durchs Paradies pflastern. Kein Rufen oder Blinken mit
der Taschenlampe half, jedoch mein Durst war größer als die Angst vor möglichen
Hunden, Tretminen oder Schrotflinten in Verteidigungsstellung vor meiner
imperialistischen Invasion. Also kletterte ich über den Zaum und schritt auf
den Flachbau zu. Erich, mach mal’n Bier klar. An der Bar zeigte ich auf eine Flasche
Wasser und gestikulierte ein paar Bier. Wortlos, niemand fragte, woher ich käme
obwohl ganz offensichtlich war, daß ich kein Gast war. Ich zahlte und schwang
mich über das Eingangstor zurück in die Realität. Das Bier schenkte ich dem
Gastgeberinnensohn, ich hatte wirklich Durst.
Ein Abendspaziergang war
noch angebracht, durch den Palmenhain zur Küste. Ich hatte inzwischen volles
Vertrauen zu meiner Taschenlampe und mich von der Begeisterung anstecken
lassen: mit der Handleuchte kann mir nix passieren. Naja, es wurde richtig dunkel und der
Untergrund etwas belebt, aber dann erreichte ich doch die Mondbeschienene
Küste.
An den Felsen der Brandung
traf ich im Dunkeln zwei Angler, die mich sofort herbeiwinken, mir eine
Zigarette anboten und sich offenkundig unterhalten wollten. Es stellte sich
heraus, daß der eine schon mal in Deutschland, genauer in der DDR, der andere
in der Tschecheslowakei in Autofabriken gearbeitet hatte. Was sie dort am
meisten in Erstaunen versetzt hatte, war die Tatsache, daß Autos beim bremsen
im Schnee nicht sofort zum Stillstand kommen. Interessant, was so von einem
Jahr in der Ferne hängen bleibt, aber was beschwere ich mich.
Der Rückweg in Sandalen war
nicht so easy wie ich gedacht hatte, aber ganz so verwirrend wie es der Gastgeberinnensohn
erwartet hatte. Die stachelbewehrte Algarven-Mauer die wohl, inzwischen
ausgestorbene, Ziegen abwehren sollte, ließ mich nicht durch - schon wieder
Zonengrenze. Völlig planlos hüpfte ich im Stockdunklen ohne Stock oder Machete
gegen den natürlichen Stacheldraht an, vergeblich. Bis ich gerufen und in den
Mondschein gelenkt wurde. Sie hatten extra auf mich gewartet, da sie ohnehin
davon ausgegangen waren, daß ich nicht den Rückweg finde.
In meiner windschiefen Hütte
legte ich mich auf eine etwa einen halben Meter hohe Schaumstoffunterlage, die
sich sogleich unter meinem Hintern zusammenknautschte. Windschief ist etwas
untertrieben, da Ritzen, Fenster und Türen sich ohnehin nicht schließen ließen
und hinten, wo es ganz dunkel im Bananenhain wurde, befand sich das notwendige
Loch – quasi als Flußersatz, wenn man im Dunkeln stolpern sollte. Idealer
Zustand für den Stadtmenschen Phantasie zu entwickeln: Niemand weiß, daß ich
hier bin, aber jeder, daß ich jede Menge Bargeld mit mir führen muß. Das
Krachen der Wellen und Rauschen der Palmen und Bananen im nächtlichen Gestöber,
kein Schrei fällt auf. Was soll’s.
Ich hatte aus dem Wörterbuch
das spanische Äquivalent zum Schlagloch herausgesucht und verabschiedete mich
mit den Worten, daß ich ihre Hütte weiterempfehlen werde, auch wenn die
Matratze mehr Schlaglöcher hätte als die Strasse. Der goldene Schneidezahn der
casa-partikularin blitzte zum Abschied auf und ich war wieder auf der Piste.
Auf der Strasse ging es
zügig voran, wobei ich mehrmals angehalten wurde um mir eine Unterkunft in
Baracoa zu vermitteln. An der Flußbank
des Tao genieße ich den Ausblick auf den Tafelberg, den Kolumbus als
erster der „alten Welt“ gesichtet haben soll und der sich seitdem kaum
verändert haben soll – wie sollte er auch? Ein Mann spricht mich an, auf der
anderen Seite gäbe es hinter dem versteckten Dorf im Dschungel einen Weg zu den
Cascadas (Wasserfällen). Ich solle doch mein Rad auf sein Floß legen und dann könnten
wir hinfahren. Was er als Floß bezeichnete hätte ich für eine zufällig
angeschwemmte Ansammlung von Brettern gehalten. Ich lehnte ab, bot ihm aber
einen von meinen Aldi-Müsli-Riegeln an. Ich mußte ihm allen ernstes zeigen, wie
man das Silberpapier der Verpackung öffnet. Mir selber hingen die Dinger schon
zum Hals raus, aber er sprang gleich nach dem ersten Bissen in den Fluß um den
Durst und Riegel loszuwerden.
Einen Kilometer weiter
konnte man Kajaks mieten, das hatte mir der Mann vorher noch mitgeteilt. Und
das war eine sehr erfrischende Angelegenheit, obwohl ich mir sicher war, ob es
hier nicht doch Krokodile gab. Der Fluß endet am Meer an einer Sandbank auf der
man sich wie Robinson Crusoe fühlt. Endlich mal nicht der schmutzig braune
Sand, der mit Treibholz völlig überdeckt ist. Das Karibik-Raster klickt nur
noch bei papierweißem und weichen Korallensand. Die dröge Hitze drosch auf mich
ein, geweckt wurde ich per sanften Fußtritt von einem Kerl, der mir primitives
Touristen-Holzkästchen mit „Baracoa-Brandzeichen“ verkaufen wollte. Ich
überlegte kurz, ob ich ihm von meinen beliebten Riegeln etwas anbieten sollte,
flüchtete jedoch lieber auf mein Kajak. Schon James Cook wurde am Schluß seiner
Hartleibigkeit wegen in Stücke gerissen...
Vorbei an der Schokofabrik
treffe ich In Baracoa ein, da begegnet mir der erste (und auch fast Letzte auf
der gesamten Fahrt) Jineterio (Schlepper). Auf seinem Klappergerüst, das er
wohl als Rad bezeichnet hätte, will er mich einholen. Mein altes Rad ist zwar
auch nur ein völlig normales Straßenrad ohne besondere Teile, aber ich verfüge
wenigstens über eine Gangschaltung und Laufräder, deren Achter sich noch in
Grenzen hält. Unten am Malecon habe ich Mitleid, halte an und lobe seine
Ausdauer, eine Unterkunft lasse ich mir aber nicht vermitteln.
Die schönste Unterkunft im
kolonialstil-verseuchten Baracoa ist schon belegt: eine Terrasse oben am Hang
mit Blick über die zugewucherte Patina der kantigen und in romantisch
verfallenen Perle Cubas. Der Patron ist ein tiefdunkler schwerer Neger, dessen
Körperfülle einen Bären vor dem Winterschlaf neidisch gemacht hätte und der
zudem völlig akzentfrei US-Amerikanisch spricht. Sogleich wird in
Miami-Vice-Manier mit seinem Handy ungefragt alles mögliche für mich organisiert:
Eine Unterkunft um die Ecke, wo ich mein Rad über die Außentreppe drei
Stockwerke zum Dach mit dem Penthaus mit eigener Seeblick-Terrasse trage. Auch
das Restaurant, das aussieht als wäre es vor langer Zeit aus einem Roman von
Garcia-Marques zwischen den Seiten herausgefallen. Und schließlich eine Kiste
original-gefälschter Cohiba, die ich aber ablehne – Holzwürmer hatten schon
kleine Löcher in das Deckblatt gefressen.
Am nächsten Tag auf dem
Markt wurden mir dann Zigarren von „El Cazique“ aus Guantanamo für einen Dollar
aufgeschwätzt. Eine für nen Dollar pro Kopf, kann man doch mal eine testen,
aber er drückte mir gleich das ganze Dutzend in die Hand - für einen Dollar
versteht sich. Ein schwerer Fehler, den ich mit einem noch schwereren Kopf
bezahlen mußte.
Hier in Baracoa entdeckte
ich die Lieblingsbeschäftigung des lonesome travellers auf Cuba: das Casa de
trova. Stühle werden auf dem Platz aufgestellt und Bands spielen auf, schräg,
holprig und manchmal auch wirklich gut. Davor tanzen die Cubaner in einer
eleganten und geschmeidigen Weise, die den tumben Europäer auf seinen Sitz
verbannt. Die Mojitos verdunsten über der Zunge und schon bald sehnt man sich
nach der tropisch beheizten Horizontale unter dem Ventilator in meinem Reich
über den Dächern Baracoas.
Mein erster Ausflug galt der
Ostspitze von Cuba: diese ist allerdings militärisches Sperrgebiet. Bis zu der
Yumuri-Schlucht mit Klamm und Wasserfall ist es nicht weit und die Strasse
asphaltiert. Die angenehmen Hügel bescheren belebende Abfahrten und der Blick
gleitet über das Gebirge dessen Name mir entfallen ist. An der Küste sind
kleine Militärposten, auf DDR-Grenztürmen schauen gelangweilte Soldaten mit dem
Fernglas auf das Meer, bei guter Sicht kann man Florida am Horizont erkennen.
Auf einer Betonbrücke
beginnt die Fahrt in die Schlucht und ich überlege kurz, ob ich die 100 Meter
einfach durchschwimmen soll, statt eines der Boote mit „Führer“ zu chartern.
Alleine dürfe man nicht in das Gebiet bedeutete mir ein Uniformierter, Preis
der Veranstaltung konnte mir auch nicht gesagt werden – pay as you can. Mein
guida führte mich zunächst zu seiner Hütte aus Betonplatten in der er mir auf
einem Rost über einer Gasflasche ein recht schmackhaftes Menu zauberte. Beim brutzeln
ließ er mich noch einen an ihn gerichteten Brief aus Deutschland übersetzen.
Darin war die Frage, ob ein West-Paket auch bei ihm persönlich ankommen würde
oder es ihn in Schwierigkeiten bringen würde.
Auf die Reihenhüttensiedlung
angesprochen, erklärte er mir, daß die alten von Soldaten abgerissen wurden.
Das Material für die neuen wird gestellt und gebaut wird gemeinsam von allen
Dorfbewohnern, offenkundig waren keine Architekten dabei. Zeit für solche
Experimente hat man auch jede Menge: 3 Monate wird Akkord in den Plantagen
geleistet, den Rest darf man arbeitslos Touristen abfangen.
Die Grundversorgung mit
Nahrung, Wohnung, medizinischer Betreuung und Bildung ist gewährleistet, alles
andere ist aber ein Luxus, den der überzeugte Patriot ohnehin nicht wirklich
begehrt. Etwas Son y Bailar (Musik und Tanz) dürfen es dann doch sein und
natürlich gegen Rum ist auch nichts einzuwenden. Der Arbeiter und Bauernstaat
läßt grüßen.
Das Tal selber war recht
enttäuschend, das Wasser zwar kühl aber völlig eutrophiert mit Grünschleiern.
Ich konnte nur hoffen, daß die wurstähnlichen Gebilde an der Oberfläche rein
pflanzlichen Ursprungs waren. Als Imbiß wurden Kokosnüsse gereicht und zur
Unterhaltung schmierten wir uns rote Farbe aus Samen zur Kriegsbemalung ins Gesicht.
Die Wasserfälle die vor Geschäftsabschluß so beworben wurden, waren jetzt
mindestens 5 Stunden entfernt, mindestens. Später sollte ich noch in Erfahrung
bringen, was der Cubaner unter einem eindrucksvollen Wasserfall versteht. Ich
verrate hier nur das Stichwort: Männeken-Piss.
Auf der Rückfahrt entlang
der einzigen Strasse wurde mir wiederholt ein kleines Rennen angeboten. Einer
der Herausforderer erwiest sich als echter Athlet. Ich bewunderte den Jungen,
der mit seinem chinesischen Klapperrad und den Stiftpedalen bergab auf über 55
Km/h kam. Und genau da passierte es: hinter der nächsten Kurve kampierte eine
Herde Hühner mitten auf der Straße. Ohne Gepäck schaffte ich es gerade noch so
auszuweichen, mein Verfolger verschwand für kurze Zeit in einer Wolke schwarzer
Federn, keine Ahnung, wohin das dazugehörige Huhn verschwand. Ziemlich schnell
in irgendeinen Topf wahrscheinlich.
Abends erklomm ich der
Aussicht wegen noch den steilen Hügel hinter Baracoa auf dem ein altes, zum
Hotel umgebautes, Kastell trohnt. Auf den wenigen Serpentinen bergab beging ich
einen klitzekleinen Fehler: ich schaltete wie ein Anfänger vom kleinsten direkt
auf den größten Gang. Der Umwerfer verfing sich in den Speichen und wurde eine
halbe Umdrehung mitgeschleift. So um 180 Grad nach oben gebogen mit einigen
gebrochenen Speichen sah mein Rad nicht besonders einsatzfähig aus. Völlig
deprimiert trug ich den Schrotthaufen auf meinen Schultern nach Hause und
setzte mich erst einmal auf den Bordstein vor das Haus. Jetzt sich auf 3 Wochen
Strand einstellen oder gleich heulen?
Nach wenigen Minuten waren die Männer der Umgebung versammelt und
diskutierten, was zu tun sei. Werkzeug wurde beschafft und meine Anwesenheit
praktisch ignoriert, so taktvoll und mitfühlend war den Anwesenden auch ohne
Worte meine Situation klar. Letztendlich hätte ich nur die kleine Metallplatte
zwischen Gangschaltung und Rahmen benötigt, auf Cuba chancenlos. Dann überlegte
ich, ob ich die Gangschaltung ausbaue und die Kette verkürze. Einen Versuch
hatte ich noch: den Umwerfer zurückbiegen an die Ausgangsstellung.
Alle standen um mich herum
und hielten den Atem an, spannender als Kino, wenn es so etwas auf Cuba geben
würde. Es funktionierte, ca. 2 mm vom Blech hielten die Kette weiter in der
Spur. Diese Konstruktion sollte tatsächlich unglaublicherweise noch 800
Kilometer teils durch hammerharte Schotterpiste halten! Allerdings nutzte ich
aus Vorsicht nur noch die vordere und nicht mehr die hintere Gangschaltung. Die
Überquerung des Gebirges nach Guantanamo konnte ich somit getrost vergessen,
was mir eine willkommene Ausrede bot.
Ich bedankte mich bei allen
und sie trotteten sichtlich entspannt nach dem Abenteuer in ihre Schaukelstühle
auf den Verandas zurück und liessen sich den Nasenrücken noch ein wenig von der
untergehenden Sonne kraulen. Sie hatten mir den Mut geben die Schaltung
zurückzubiegen, normalerweise hätte ich das Rad weggeschmissen, weil ich nicht
an eine Reparatur geglaubt habe.
Zufälligerweise traf ich
abends den Patron mit den guten Verbindungen am casa de trova, wo wir mit den
Zigarren starteten. Zur Verfeinerung des Aromas werden diese in Rum getaucht,
was praktischerweise auch ihre sedierende Wirkung verstärkt. Dann badet man die
Zunge im Wasserglas voll Rum und schließlich macht man sich nicht mehr die
Mühe, die Flasche zu verschließen und läßt es fließen. Da jeder am Tisch sofort
eine neue Flasche besorgen möchte, sobald sie sich dem Ende zuneigt – sprich
die Unterkante des oberen Etikettes erreicht, ist dies ein gefährlicher
Kreislauf. Glücklicherweise durfte ich des Öfteren das Geld vorlegen. Als
Tourist direkt bezahlen zu wollen ist aber eher doppelt schlecht, die Preise
steigen, die Laune sinkt. Das Problem war, daß ich zu viele Zigarren vom Vortag
dabei hatte und diese ständig gebadet werden wollten. Irgendwann schwamm es
auch in meinem Kopf.
Wir gingen noch in eine
Freiluftdisko am Hügel, die man über eine Treppe mit den 1001 Stufen erreicht.
Mein Patron kannte selbstverständlich alle Anwesenden vom Türsteher bis zu den
Musikern und ich gab ihm Geld für den Rum, diesmal aber bitte mit alkoholfreien
Flüssigkeiten gemischt. Eigentlich war der klebrige Fanta-Verschnitt als
Verdünner gedacht. Das stellte sich als schwerer Fehler heraus: die Limo mit
dem Zucker und der Kohlensäure wirkte als fataler Brandbeschleuniger.
Irgendwann sah ich zwei Musikgruppen spielen und dann gar keine mehr, die Sicht unterhalb der Tischplatte war
eingeschränkt. Die Treppe mit den inzwischen 11001 ausgetretenen Stufen hat mich
Jose wohl herunter getragen. Bei seinem geschätztem Lebendgewicht von ca. 150
Kilogramm schon eine enorme Leistung. Der Rum muß wohl schmerzfrei durch ihn
hindurchgeflossen sein.
Ich wachte auf, weil ich intuitiv
meine Brille, meinen Geldgurt und meinen Paß im Halbschlaf suchte. Ebenso wie
meinen Kopf und meine Sandalen, war aber noch alles am Körper, inklusive der
Sandalen. Mein ängstliches Misstrauen war hier mal wieder völlig fehl am Platz.
Der Ventilator über dem Bett blies mir den Zigarrenrauch aus dem Kopf, in
meiner Hosentasche fand ich noch ein paar Zigarren, die ich gestern so
vergeblich gesucht hatte. Mir war so kotzschlecht, daß auch der Papayasaft
keine heilende Wirkung zeigte.
Also entschloss ich mich zu
einer Testfahrt um Ross und Reiter auf seine weitere Verwendungsfähigkeit zu
prüfen. Die trockene Lehmpiste war flach und 10 Km sollten wohl auch mit
rotierendem Kopf zu schaffen sein. Die Schwüle drückte das Gift aus dem Körper
und ein paar Straßengräben später wurde ich von einem Uniformierten im
Dschungel angehalten.
Ich war am Parkeingang
angelangt und die wollten doch glatt Eintrittsgeld von mir: ich dürfe nur mit
einem Führer hinauf zum El Yunque. Dazu hatte ich nun wirklich keine Lust, in meinem
Zustand mich auch noch zu unterhalten und wegen dem Ranger langsam zu gehen
ging schon gar nicht. Ich drehte direkt um und ließ nebenbei fallen, daß ich
erst einmal frühstücken wollte (hier mitten im Urwald – tolle Idee für eine
Ausrede). In Wirklichkeit plante ich
natürlich den Kontrollposten zu umgehen. Auf die Idee wären die Ranger
an meiner Stelle auch gekommen, also begannen sie aus ihrer Wachhütte heraus
mit mir zu handeln und boten mir einen akzeptablen Preis. Als Wechselgeld
erhielt ich Peso Nationales, was später meine Versorgungslage dramatisch
veränderte: Jetzt konnte ich an Straßenständen Tomaten, Bananen oder Mandarinen
für PN 1 kaufen. Den Gegenwert von ungefähr einem Bruchteil von einem Eurocent.
Alternativ kann man auch CUC 1 oder US$1 hinhalten und bekommt normalerweise
nichts wieder heraus, der Preis verdreißigfacht sich also mit Kunstwährung –
genialer Trick.
Einer der Ranger zeichnete
mir auf einem Papierfetzen den Weg mit den wichtigen Markierungspunkten (blaues
Haus, Ziegengatter, Wachhund etc.) auf - so richtig auf Individualtourismus ist
man selbst hier nicht so richtig eingestellt. Dann führte er mich durch eine
Kakaoplantage in der ich das Fruchtfleisch der frischen säuerlichen Kakaobohnen
probieren durfte. Er zeigte er mir noch den Anfang des angeblichen Wanderweges
und dann war ich allein mit meinem Kater. Schweißgebadet und hatte ernsthaften
Nachdurst von dem Saufgelage, aber tapfer lief ich los. Schon nach kurzer Zeit
kam ich durch Citrusplantagen (grapefruitähnliche Früchte, Orangen und
Zitronen), ein Geschenk des Himmels. Ich stopfte alles in mich hinein. Dann
folgten die Kokosnüsse, deren Saft Wunder wirkt gegen Kopfschmerzen. Mein
Schweizermesser bekam viel zu tun an diesem Morgen. Der Weg war nur sehr schwer
zu finden und ich verlief mich mehrmals, obwohl ich eigentlich über einen sehr
guten Orientierungssinn verfüge und das Ziel nicht zu übersehen war. So war ich
dem Polizisten sehr dankbar für seine Karte. Das letzte Stück des Tafelberges
ist natur gegebener maßen recht steil, doch klettern muß man nicht. Eher
kriechen durch den rötlichen Lehm, nüchtern sollte es besser funktionieren.
Oben war der El Yunque gar nicht flach, sondern hatte eine kleine Gipfelspitze
auf der die bronzene Büste eine Nationalhelden über einem Sockel thront. An
Skurrilität kaum zu überbieten, ebenso wie die Faszination des Ausblicks: der
Rio Taro schlängelt sich zwischen Dschungel und Plantagen zum Meer hin. Von
hier aus entdeckte ich auch den kilometerlangen Strand von Holguin, den ich
vorher nicht bemerkt hatte.
Nach einem Nickerchen
verirrte ich mich auf dem Abstieg bei der Suche nach dem Wasserfall in dem man
baden kann. Alles klebte mir am Leib und so zog ich in Erwartung des
erfrischenden Wasserfalls mein Hemd aus. Dazu rammte ich den als Wanderstock
getarnten Prügel für die Hunde in den Boden und warf meinen Tagesrucksack in
das Gras. Einige Meter weiter verbreiterte sich der Fluss und etwas zwickte
mich in den Nacken. Einige Elektroschocks an meinem Rücken weiter überprüfte
ich den Wanderstock auf Ameisenbefall: Rote, grüne oder schwarze Sechsbeiner
mit niedlichen Scheren am Kopf, um das Gift unter die Haut zu spritzen. Aber
der Stock war frei von Ameisen, dafür hatte sich eine Kolonie von kleinen
schwarzen Termiten an meinen Rucksack gehängt und bearbeitete meinen Rücken.
Ich wartete nicht mehr auf den Wasserfall und sprang gleich so wie ich war in
den Fluss – nur Kamera und Rucksack verschonte ich.
Auf dem Rückweg schenkte mir
noch ein Alter mit einem großen Sack auf dem Rücken ein paar grüne Orangen
daraus. Wieder Erwarten waren diese zuckersüß und äußerst aromatisch. Und nein,
der Alte hatte keinen weißen Bart und auch keine rote Mütze auf dem Kopf, aber
ich habe ihn auch so erkannt J
Der Strand war nun leicht zu
finden, gleich links an den Mangroven vorbei, kilometerlang unter dem Treibholz
begraben, gesäumt von Palmen. Das Treibgut ließ sich wie Flohmarktsmaterial
durchkämmen und einige von den Samenkörnern und glattgeschliffenen Hölzern
zieren heute noch meine Sammlung von Nutzlosigkeiten aus aller Welt.
Vorbei am Flughafen, der
gerne auch als Kulisse für das Remake von Casablanca gemietet werden kann.
Abends dann am alten Ortskern, dem Hafen mit Stadtstrand entlang geschlendert,
romantisch verfallene Hütten, in denen ganz unromantisch noch Menschen leben –
ohne Kanalisation, Strom, Wasser oder sonstigen zivilisatorischen Flüchen.
Erstaunlich wie schnell man von dem touristischen Teil in slumähnliche Gebiete
gelangt.
Zum Abendessen verleibe ich
mir nur einige Schokoriegel ein, aus dem Busch um die Ecke. Die fliegenden
Händler verkaufen sie heimlich aus Plastiktüten wie Drogen und wirklich, sie
machen auch süchtig.
Auch das schönste Paradies
hat ein Ende und der Ausweg führt über eine gewundene steile Strecke auf die
eine Wüstenpiste folgt. Zwei Tage und jede Menge Schweiß hätte es mich
gekostet, das Vertrauen zu meinem lädierten Rad war noch nicht besonders groß
und beschloss ich zu kneifen und den Bus nach Santiago zu nehmen. Wer es
sportlich nimmt, kann gerne die Berge bezwingen, ich holte die Redrenner durch
die Abkürzung ein wenig ein und konnte meinen inzwischen abgestandenen Witz in
Santiago neu beleben.
Am Busbahnhof wurden in
Bananenblätter gewickelte Eßwaren verkauft, der Inhalt teilweise undefinierbar,
teilweise wollte ich auch nicht mehr so genau hinschauen, aber willkommene
Abwechslung immerhin.
In Santiago kam ich abends
dann pünktlich zum ersten Stromausfall an. Meine Taschenlampensammlung kam
blendend an, wörtlich genommen. Im Art-Deco Hotel tappte ich mit dem Rad durch
die Eingangshalle zur Rezeption. Auf dem Dachgarten gab es noch kühles Bier und
als das Licht wieder ansprang, begab ich mich auf Nahrungssuche.
Möglichkeit Nummer 1 wurde an jeder Ecke, die nicht von Polizisten oder Soldaten
besetzt war, angeboten:
Das cubanische
Nationalgericht #1 die Pizza wird in speziell präparierten Ölfässern
zubereitet: waagrecht gelegt glüht in der unteren Hälfte die Kohle, in der
Mitte befindet sich das Blech für die Pizza. Auch zum Genuß der Pizza ist ein
spezielles Verfahren notwendig: Das Stück wird auf einen Pappdeckel gelegt,
zusammengefaltet und so dann senkrecht gehalten, damit das ranzige Öl abfließen
kann. Guten Appetit – den benötigt man sicherlich auch, um diesen Magenbrecher
herunter zu würgen.
Nummer 2 sich in ein
staatliches Etablissement mit original DDR-Service-Charme zu begeben, war auch
nicht so mein Fall.
Nummer 3 in einem der
Hotels, wo die fetten Herren die die jungen Mulattinnen ansabberten, verging
mir der Appetit. Auch wenn das cubanische Nationalgericht #2 der Mojito dort
lockte.
Die beste Wahl war dann doch
das in Fetzen zerstreifte Spanferkel im Brötchen mit Salat und Salsa, die
hoffentlich so scharf ist, dass alle Bakterien davon sofort tot umfallen.
Lekkkker, auch die nächsten zwei Wochen noch...
Da ich in einer Stadt lebe,
halte ich es nicht lange in einer anderen Stadt aus. Und schöne Ausflugsziele
gibt es in Santiago ausreichend. Das spanische Kastel Morro ist leicht
gefunden, ebenso wie der obligatorische Fahrradwächter für 1 CUC. Die Fahrt
führt durch die erfrischende Meeresbriese unter gnadenloser Sonne. Den Strand
erkennt man schnell an den Rastafahnen mit denen die tütenquarzenden
Sierra-Leone-Muscle-Beach-Boys abhängen. Die eklig gegelten Herren mittleren
(also eigentlich meines) Alters sind am baggern, allerdings nicht im Sand,
sondern mit den Augen auf den Brüsten der Mulattinnen klebend.
Egal, ne nette Ecke findet
sich überall und die Kokosnüsse sind kalt. Ich war wohl eingeschlafen,
jedenfalls war es zu spät für den Dinosaurier-Tierpark, so krauchte ich die
6-spurige fast fahrzeugfreie Carretera del Sur zurück. Einzig Wassertanklaster
und Eselskarren kamen mir entgegen, letztere natürlich auf meiner Seite als
Geisterfahrer.
Meine Karte aus dem Internet
verzeichnete vage ein paar krakelige Linien durch das Gebirge zu einem Symbol,
das die Legende als Hotel auswies. Aus einem Reiseprospekt wusste ich, dass es tatsächlich
ein Hotel gab mit dem originellen Namen El Salton (Der Wasserfall). Es stellte
sich denn auch heraus, dass es ein paar lustige Effekte gibt, wenn man mitten
in der Pampa einen Jungen auf einem Esel nach dem Wasserfall fragt und
eigentlich nur ein Hotel sucht.
Bis Coban mit der berühmten
Kirche findet man den Weg recht einfach durch den Hafen, die Slums und dann
immer die Autobahn weiter. Nur die Vegetation war verschwunden: weg gebrannt
bei ausfallenden Regenfällen. Mein Tacho zeigte dann bei Kilometer 16 an, jetzt
nach links abbiegen. Und tatsächlich befand sich dort ein Schild mit den
Aufschrift „Dos Palmas“. Wenn ich das Hotel nicht finden sollte, dann lockte
mich der Ausblick unter Palmen nächtigen zu können. Ein pueblo weiter kaufte
ich zwei Pyramiden mit eckigen Tomaten von der Strasse weg. Man soll Essen mit
Respekt behandeln und die buckligen roten Dinger lagen fein säuberlich
aufgetürmt im Staub. Ich vermutete richtig, dass dieses die letzte Gelegenheit
sein sollte, um Essen zu kaufen. Das Wasser ging mir bei der Hitze sehr schnell
aus, der Weg wurde auch diffuser und die einzige zuverlässige Orientierung bot
die Sonne. Die Täler sind reizvoll, die Vegetation abwechslungsreich. Meine
Zunge klebte am Gaumen fest. Mal schieben, dann tragen oder auch über
Kieselschotter fahren, fast hätte ich die kleine Bude mitten im Wald übersehen.
Fünf Pyramiden mit Mandarinen, die ich sofort alle kaufte. Der freundliche Mann
war doch sehr verwundert warum ich nichts zu trinken wollte. Jedes Kind weiß
doch, dass unter dem Tresen ein ganzes Fass mit frisch gepressten Orangensaft
steht. Ich war gerettet. Die hügelige Landschaft oberhalb der staubigen
Schotterpiste wurde immer schöner, mit Bambusinseln verziert, die Berge immer
höher. Cowboys nicken freundlich die Richtung nach las Minas, als am späten
Nachmittag endlich wieder eine Ansiedlung auftaucht. Kurz noch ein Rennen
gegeben, diesmal mit einem Traktor und schon mitten drin in einer Fiesta auf
dem Dorfplatz. Es gab nur Bier zu kaufen, so stellte ich mich beim Kiosk an.
Auch hier kein Wasser, aber Cokedosen, allerdings nur gegen Pesos. Ich war kurz
vor dem Verdursten, als sich dann doch ein Bauer wagte mir Geld zu tauschen und
ich mir die klebrig-kühle gefakte Klassenfeind-Soße eingoss.
Die Strassen danach waren
zwar nicht mehr beschildert, dafür aber wieder geteert. Die Leute kannten sogar
das Hotel.
Und das Hotel war richtig
gut, ich breitete mich wieder mal in einem Bungalow aus. Selbst der Wasserfall
existierte und Abendessen gab es auch. Das Leben kann so einfach sein.
An die Strecke erinnere ich
mich nicht mehr: ich glaube es ging bergab auf Teer und daher so schnell, dass
die folgenden Ereignisse das sanfte Abrollen ausradierte.
In der Fußgängerzone von Bayamo
musste ich doch tatsächlich vom Rad absteigen, am Hauptplatz durfte ich nicht
einmal das Rad schieben! Freundlich, aber bestimmt wurde ich darauf
hingewiesen, dass hier keine Räder geduldet würden, während ich die Gegend nach
der versteckten Kamera absuchte, die nicht existierte. Bayamo erwies sich als
das angekündigte sehr angenehme Provinzstädtchen, überaschenderweise waren alle
Hotels ausgebucht. Die Fotographen vor der Kirche führten mich zur Lösung: Am
Valentinstag ist Bayamo DAS Ziel aller heiratswütigen Paare von Cuba. Nach
einer Massentrauung, die die Innenstadt blockierte, durfte ich dann zum ersten
Mal einen Jineterio ansprechen, da ich nicht im Park übernachten wollte. Ich
lud ihn erst einmal zu einer Dose Bier ein, damit sein Redeschwall etwas
ausgebremst wurde. Ein Casa Particular war schnell gefunden und der Jineterio
sprach dann noch im Gegenzug eine Einladung zu einer Hochzeitsfeier aus.
Alle Restaurants waren
ebenfalls komplett ausgebucht, wieder einmal lief ich mit derb knurrendem Magen
durch die Strassen. An einem Kiosk erstand ich ein in heiß rauchendes Motoröl
getauchtes Huhn. Es war offensichtlich bei diesem Versuch von seinen Leiden
erlöst worden, nachdem es seit der Schlüpfung aus dem unvermeidlichen Ei mit
Radiergummis aufgezogen worden war. Ich konzentrierte mich auf den Ausblick
über einen schönen Park am Fluss, damit ich nicht mehr über das elende und zähe
Leben der Kreatur zwischen meinen Zähnen weiter sinnieren musste.
Wie in guten Gangsterfilmen brauchte ich den Jineterio für die Feier nicht zu
suchen, er traf mich. Wobei er seine „Schwester“ vorausgeschickt hatte, falls
ich zu dem Event eine Begleitung bräuchte – aber sind wir nicht alle ein
bisschen verwandt? Ich brauchte nicht und bei der Veranstaltung wurden dann
alle Tänze zur Musik bis zum Umfallen in einem romantisch überwucherten Patio
vorgeführt.
Der Rum brachte die Gäste
ordentlich in Stimmung, ich hatte jedoch für morgen einen anderen Plan und
versuchte das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Andere versuchten durch Anlehnung
im doggy-style aufrecht stehen zu bleiben. Mein Jineterio konzentrierte sich
auf das Tanzen. Drogen, nein würde er niemals nehmen und das wäre ja auch
absolut verboten. Ich schaute ihn nur an: er hatte auf dem einen Oberarm einen
Skorpion und auf dem Anderen ein Hanfblatt tätowiert. Als ich dann auf das
nette fünffingerige Kleeblatt zeigte, was damit denn sei, antwortete er allen
Ernstes das wäre doch eine schöne und dekorative Pflanze. Hier wollte mich
jemand auf den Arm nehmen.
Diesmal wollte ich ein
Rennen veranstalten: allein gegen den Bus. Dieser fuhr über Holguin und für
mich hatte ich den direkten Weg durch die Zuckerrohrfelder vorgesehen. Wenn wir
uns dann mittags in Las Tunas treffen, fahren wir gemeinsam weiter.
Also um 6 Uhr raus in den
Bodennebel – kein Auto ist unterwegs und die Teerstrasse führt schnurgerade
durch die endlosen Felder. Ich kam mir vor wie Moses durch das geteilte Meer
von grünen Stangen. Unter mir der tausendfach geflickte graue Belag der
Strasse. Die schwarzen Teerfüllungen in den Rissen formten sich zu
Schriftzeichen, deren Bedeutung ich bei der rollenden Meditation zu
entschlüsseln suchte. Nebel waberte auch noch in meinem Kopf, der letzte Mojito
lag kaum einen Kopfnicker zurück. Mittendrin auf der road-to-nowhere tauchte
dann das Modell einer Zuckrohrmühle geschmückt mit schwarzen Hahnenfedern auf.
Hinweisschild für die nächste Voodoo-Lounge im Rohrnest? Am Horizont dampfende
Schornsteine der Molassemelkereien mit süßlichen Schwaden, ob dort die
Oberarmtätowierten arbeiten? Durst und Nachdurst feuerten mich an, bis ich
endlich einen Straßenstand erreichte, an dem ich gleich 10 Gläser O-Saft
orderte.
Im riedgedeckten Kiosk am
Ortseingang saßen schon die Ersten gemütlich bei einer Flasche Frühstücks-Rum,
den sie inwendig mit Keksen verdünnten. Las Tunas wirkt ein wenig wie eine
Westernstadt, wie die Thunfische allerdings soweit ins Landesinnere kommen,
habe ich nicht herausfinden können. Irgendwie glaubte ich ständig Männer mit
tiefgezogenen Sombreros in Hauseingängen liegen zu sehen, dabei war einfach
alles nur in Staub und Hitze erstarrt.
Ja, der Bus kommt noch, der
Fahrer ißt in Holguin noch zu Mittag, aber ob er Platz hat für ein Rad wissen
wir nicht. Dutzende von Leuten saßen auf dem Busbahnhof mit ihrem Gepäck fest.
Zwei Stunden nach der avisierten Zeit springt der ganze Saal auf und rennt wie
ein Hühnervolk zum Bus, der zwar nach Havanna fährt, aber ausschließlich für
Pesozahler bestimmt ist. Ich solle doch den nächsten Bus nahmen, der für
Touristen geeignet ist. Also weiter warten und noch eine Runde durch Las Tunas
drehen. Gar nicht so übel hier, vor allem, wenn man weiß, dass man bald abfährt.
Als dann der richtige Bus
endlich eintrifft und nach ein paar Convertibles auch noch Platz für mein Rad
findet, war ich weichgekocht und beging den Fehler bis nach Santu Spiritus zu
buchen. Dadurch verpasste ich Camagüey, das vom Busfenster aus sich sehr schön
ausmachte und die schöne Strecke danach – beim nächsten Mal vielleicht.
Dies war dann auch meine
längste Busfahrt. In den Bushalten der Zwischenstopps darf man nicht essen wenn
man Hunger hat, sondern muß reinstopfen, wenn es etwas gibt. An diesem Tag
erhielt ich nur bei der Zwangspause klebrig aufgequollenen Leim (vulgo
Brötchen) gefüllt mit labberigem Käse auf fettähnlicher Substanz, selbst
Margarine wäre eine zu freundliche Bezeichnung dafür gewesen. Die gelben Lappen
stopfte ich mir rein, das weißlich-braune Drumherum warf ich weg.
Ein paar Stunden Pause auf
einem Autobahnparkplatz kurz vor Santu Spiritus später, rollte ich nachts durch
die seltsame Bungalowsiedlung zum zentralen Platz mit dem üblichen
Art-Deco-Hotel. Santu Spiritus wird skurrilerweise von den Cubanern für Ferien
in Stile der VEB-Kombinat-Kollektiv-Freizeit genutzt, sprich Saufen und
Gedudel. Welche Ruhe und angenehme Kühle. Nur die Studiosus-Expedition im Patio
des Hotels war auf Individual-Kollektiv-Freizeit gestimmt und zitierte vor dem
Reiseleiter bei Kaffee (selbstverständlich war der nicht so gut wie in
Deutschland) und Zigarre (ist ja wohl das mindeste) lautstark die
Versprechungen des Reisekataloges, die in diesem Dritte-Welt-Land nicht
eingehalten wurden. Das komplett erhaltene mittelalterlich anmutende
Kolonialstil-Ensemble dämmerte vor sich hin, als ich in mein Zimmer mit
mindestens 6 Meter Deckenhöhe verschwand und die deutsche Gemütlichkeit draußen
weiter lamentieren ließ.
Heute sollte es nur sanft
bergab gehen, zumindest nach meinem Plan. Die langgezogene wellige Strasse
führte dann auch durch ein angenehmes breites Tal, dem Valle de los Ingenios.
Von den Zuckerbaronen und ihren Bauten ist wenig übrig geblieben. An einem
verlassenenen Bahnhof suchte ich dann Mittag Schutz im Schatten, mit Blick auf
den Sklaventurm. Bei diesem hatte man die Glocke abmontiert, um ihn zu
renovieren, allerdings ohne zu bedenken, dass man die Glocke vielleicht danach
auch wieder in luftiger Höhe anbringen sollte. Aber es mangelt in Cuba an
entsprechend schwerem Gerät, die Ingenieure sind offensichtlich nicht mehr da.
Also schimmelt die Glocke zwischen weißen Laken, die vor dem Turm für die
Touristen zum Verkauf aufgehängt werden.
Am Ende des Tales gilt es
noch einen kleinen Pass zu überwinden, von dem aus man zum ersten Mal wieder
das Meer und das Gebirge sieht. Frische Luft ohne Ende und das Eis am Kiosk ist
auch nicht zu verachten.
In Trinidad wollte mich mein
Glück erstmals verlassen: keine Herberge zu finden. Ausgerechnet in Trinidad
war kein casa colonial frei, eigentlich gar kein Zimmer. In irgendeiner
Seitengasse gab es noch ein dunkles Loch, an dem dann morgens um 5 Uhr der
Brötchenverkäufer vorbeizog „hay pan“. Am liebsten hätte ich ihm sofort die
ganze Kiste abgekauft, damit er endlich Ruhe gibt.
Abends gebe ich mir den kompletten
Rummel mit Restaurant, casa de trova und einem besoffenen Mexikaner, der zwar
kaum noch stehen, geschweige denn singen konnte, dafür aber die Gitarre flink
und sicher bediente. Trinidad ist schon ein interessanter Treffpunkt für alle
Verrückten. Die casa de trova kostet Eintritt, der sich aber lohnt, um
rumselige Strandtouristen zum Rumba wackeln zu sehen.
Ein kurzer Ausflug zum
Strand lohnt sich: die Seesterne sind wie aus dem TUI-Katalog fett und pickelig.
In einer Hütte am Strand
kann man durchaus passabel essen
Die Palmen allerdings machen
sich etwas rar und es war nicht ganz einfach aus der brütenden Hitze zu
flüchten.
Ein Uniformierter forderte
wirklich Liegegebühren für den Strand. Ich wurde schneller müde als ein Cubaner
und murmelte mit schwerer Zunge und bleischweren Augenlidern so überzeugend
etwas von „soy cansado, mas tarde“ (bin müde, später), dass der Polizist sofort
respektvoll von mir abließ. Kein größeres Sakrileg, als eine Störung der
wohlverdienten Siesta.
Ein kleiner Pfad führt
hinter der Hotelanlage an den Mangroven vorbei bis zur Spitze der Halbinsel.
Der schöne Blick wird nur von dem fauligen Gestank des Wassers getrübt.
Auf dem Weg zurück sollte man
allerdings nicht den Weg verlassen, die Salzkruste im Tiedegebiet gibt leicht
nach und man watet im knietiefen Schlamm.
Trinidad liegt an einem
Hügel auf dem noch eine verfallene Kirche lockt und natürlich die Discohöhle,
die sicherlich nachts interessanter ist.
Die Suche nach einem neuen
casa particular hatte sich gelohnt, diesmal schlief ich in einem
Kolonial-Palast direkt neben der alten Kirche.
Trinidad eignet sich
wirklich gut zum Faulenzen.
Nun wollte ich wirklich kein
Fett ansetzen und die wolkenumhüllten Berge riefen. Mit einem grandiosen
Wasserfall wird geworben.
Zuvor gilt es noch eine
kleinere Steigung zu überwinden. Fast den kompletten Weg bergauf musste ich
schieben.
Bergab ist nur Schußfahrt
angesagt. Ohne Gepäck, ohne Helm, ohne Gnade donnere ich die Abfahrt in den
Pedalen stehend ungebremst hinab, Abheben mit beiden Reifen garantiert. Ja, der
Schweiß muß sich hier gelohnt werden!
Oben am Berg stehen ein paar
Hotels im Wald, von denen man sich nur wundern kann, wie sie wirtschaftlich
betrieben werden, aber das ist wahrscheinlich ohnehin nicht der Sinn.
Irgendwo an einem Parkplatz
steht ein Kiosk, an dem man logischerweise Eintritt zahlt für den Weg hinab zum
Wasserfall. Der lehmige Trampelpfad führt durch die feuchten Tropen zu einem
eisigen Wasserloch. Fallen tut dort aber nix.
Ein Eintrag im Gästebuch
meines Casa Particular vermerkt absolut zutreffend: Ein Wasserfall nicht
wesentlich größer als der von Männeken-Piss, ein solches Rinnsal wäre in
Norwegen nicht einmal eines Namens würdig befunden worden. Wie wahr, die Palmen
von Hammerfest allerdings werden von den Norwegern ehrfurchtsvoll mit nicht mit
dem Vornamen angesprochen.
Aus sportlicher Sicht ein
lohnenswerter Ausflug.
Ein kurze, aber auch eine
der schönsten Strecken. Entlang am Meer und dem steilen Gebirge am Horizont
nähert man sich einer Bucht folgend den Rauchfahnen der Ölraffinierien.
An diesem Tag hatten die
lekkeren fetten Krabben frei und sie spazierten auf der einzigen Strasse weit
und breit herum. Teilweise so groß wie meine Hand mit ausgestreckten Fingern,
waren sie erbost über mein rüpelhaftes Fahrverhalten.
Die tiefblauen Krabben
drohten und griffen mich, besser gesagt die Reifen meines Rades, mit der großen
rechten Schere an. Mit dem Gepäck gar nicht so einfach diesen
Möchtegerne-Kamikaze-Sushi auszuweichen. Ich überlegte, wie gut diese Viecher
wohl schmecken, aber es kam mir verdächtig vor, dass niemand von den
Einheimischen dieses köstliche Eiweiss auf acht Beinen einsammelt. Und es wäre
schnell säckeweise Nahrung zusammengekommen. Ganze Horden blieben vor mir
stehen und richteten sich allen Ernstes auf, um ihre Scheren in Stellung zu
bringen.
Brücken und Sandbuchten
laden zu einem Nickerchen ein, aber ich blieb hart, denn ich wollte noch den
botanischen Garten besuchen.
Dieser war über einen
kleinen Umweg zu erreichen und erwies sich als recht romantisch verwildert.
Auch die sonst üblichen komischen Schilder mit den lateinischen Namen fehlten
erfreulicherweise. Ein sehr angenehmer Ort, dessen Bambushecken mit einer
dämpfenden Unterlage und Schatten locken.
Cienfuegos ist recht einfach
zu erschliessen und hält viele Überaschungen für den Entdecker parat.
Wie immer erweisen sich
viele Tipps aus dem “lonely Planet” als unbrauchbar, da die Adressen zu weit
verbreitet sind und die Vermieter meist schon korrumpiert. Hier waren sie aber
sehr freundlich, ich bekam erst einmal einen frischen Orangensaft, die
Pressemappe des Casa Particular mit dem berühmten italienischen Erstdurchquerer
von Cuba per Rad, einen netten Plausch und eine Adresse einer anderen
Unterkunft am Industriehafen. In der Gegend hätte ich normalerweise nicht
übernachtet: die Schornsteine der Ölraffinerien flammen dekorativ als Silhouette
hinter den freistehenden Fassaden der Colonials mit ebenfalls zerfallenem
Bahnhof. Ein Pferd post als Torwart vor Baseball spielenden Kindern. Der Ball
besteht aus hartgewickelten Plastiktüten.
Cienfuegos (Hundert Feuer)
bekommt mit der Ölindustrie eine neue Bedeutung.
Mein Wirt entpuppt sich als
Arzt, der mit seinem Freund zusammen lebt und die Woche über in Trinidad
arbeitet. Ob die Krabben genießbar sind, weiss er nicht – er hat wohl andere
Probleme.
Die Sehenswürdigkeiten
verteilen sich auf den zentralen Platz und dem zwei Kilometer entfernten
ehemaligen Jachthafen.
Am Hafen glaube ich zunächst
hingekritzelten Speisekarte der Imbißbude nicht so recht: neben den üblichen
Verdächtigen Pizza und Huhn wurde dort lapidar Languste zum gleichen Preis gelistet.
OK, ich setzte mich an einen Plastiktisch mit Blick auf die verrosteten Tanker
und einem wackeligem Plastikstuhl und bestelle Langosta Mariposa (Languste auf
Schmetterling-Art) mit Fritten und einem Bier, um die Dekadenz zu
komplettieren. Die Rumflasche, wie sie auf allen anderen Tischen steht, erspare
ich mir
Abends an der Plaza unter
den Galerien der prächtigen Kolonialbauten und vor den Saloon-Schwingtüren,
tauchte ich eine Zigarre in Rum und meine Gedanken an die wenigen mir noch
verbliebenen Tage.
Trotzdem ich gerne noch in
Cienfuegos geblieben wäre, war ich inzwischen einfach zu neugierig auf Havanna.
Die Fahrt dorthin führt über eine immer breiter werdende und stärker befahrene Autobahn.
Entlang an endlosen Obstplantagen, deren Früchte wohl für den Export bestimmt
waren, auf Cuba gab es keine Zitronen, Orangen etc. zu kaufen. Ich schwächelte
also und entschied mich für ein Taxi, da der Bus 5 Stunden für die 150
Kilometer benötigt. Unnötig zu erwähnen, dass der Bus kurz vor Havanna zwei
Stunden Pause einlegt, weil der Fahrer etwas essen muß, ist ja auch nur ein
Mensch.
In Havanna selber kann man
sich sehr einfach orientieren und der Verkehr ist nicht zu dicht, also wieder
einmal alles ideal zum Radfahren geeignet. Ein einfaches Schloss sichert das
Rad, wahrscheinlich reicht für den kriminellen Antrieb einfach auch der Elan.
Die einzelnen Bezirke sind
großflächig und bieten viele interessante Winkel zum entdecken. Zu Fuß wäre das
ein mühseliges Unterfangen.
In Havanna entdeckte ich
endlich auch die optimale Lösung für meinen etwas ausgezehrten Körper: Eis in
Halbliterpackungen (seltsamerweise von Nestle) und Langusten – in dieser
Kombination wurde ich zum ersten Mal nach drei Wochen richtig satt.
Die Ameisen unter meinen
Fußsohlen trieben mich weiter voran, wenigstens einen weißen Karibikstrand
wollte ich gesehen haben. Der Klassiker ist hierfür Playa del Este. Zunächst
gilt es eine kleine Meerenge, die Hafeneinfahrt zu durchqueren. Den Bussen mit
der Platteform traute ich nicht und ganz um die Bucht herum erschien mir zu
öde. Zum Glück gibt es eine Fähre. Die hatten verzweifelte Verrückte vor Jahren
versucht nach Miami zu entführen, seitdem wird man wie auf einem Flughafen mit
einem Metalldetektor gescannt.
Die Fähre muß man sich als
Wrack mit einem LKW-Motor vorstellen, dem man kaum die 10 Minuten Überfahrt
zutraut. Aber wer mit Schwimmreifen versucht die 100 Kilometer nach Miami zu
überbrücken, dem erscheint sie allemal brauchbar.
Auf der Hinfahrt wurde ich
nicht wirklich kontrolliert, der Warnton brummte einfach ignoriert vor sich
hin. Zurück durchleuchtete man mich allerdings gründlich. Und auch die Augen
der Polizisten leuchteten auf, als sie mein gefährliches Schweizermesser
entdeckten. Ja, das müsse ich natürlich da lassen, leider. Vielleicht hatten
sie auch nur Angst, dass ich der Fähre die Reifen aufschlitze. Ich musste
nochmals raus und klebte das Messer unter dem Sattel fest. Ich hatte richtig
mit der Faulheit gerechnet, sie durchsuchten nur meinen Tagesrucksack und waren
traurig, dass ich offensichtlich mein Taschenmesser in einem Busch versteckt
hatte, wie ich es mit buddelnden Gesten aufgeregt erzählt hatte.
Auf der anderen Seite
erwarten mich Jesus mit ausgebreiteten Armen und ein Castel mit schönem
Ausblick über Havanna.
Die Strasse führt zügig zu
den Playa del Este, vorbei an wenig erbaulicher Landschaft.
Die Palmen und
korallenweisser Strand mit flach abfallendem Wasser locken mit duseliger
Entspannung.
Auf einer kleinen Insel
inmitten einer versteckten Lagune kann man ungestört die Kalorien in Form von
Langusten nachtanken.
Etwas weiter kommt noch mit
Guanabo ein richtiger Ort. Auch hier springen die ehrwürdigen Italiener mit den
chicas wie mit Pudeln um, nur dass letztere in der Regel keinen Rum saufen.
Die Bäckerei in der
Ortsmitte sollte man auf keinen Fall auslassen, hier gibt’s die Köstlichkeiten
im Kilo.
Ich gebe es zu, meine Karten
für Havanna waren schlecht, aber wo die Flugzeuge landeten sah man recht
deutlich. Also steuerte ich den Flughafen per Sichtflug an. Auf der letzten
Etappe sollte der Park Lenin liegen, ein Relikt aus den besseren 80er Jahren.
Wo es schon am ersten Tag geregnet hatte, war es nur konsequent, dass der Regen
auch an meinem letzten Tag einsetzen sollte.
Vorbei an Plattenbauten
erreichte ich nach kurzer Fahrt den verfallenen Park.
Hier wollte ich wehmütig
meine Reise noch mal in Gedanken Revue passieren lassen, was mir allerdings im
abkühlenden Regen wenig gelang.
Einen letzten trüben
Guarapo, frisch gepresst aus dem Rohr, am Kiosk zwischen den smartibunten
Oldtimern und dann über die Strasse zurück mit dem Flieger ins 21.ste
Jahrhundert.