Wir Hasardeure des Lebens

von Peter Kamber

aus: Magazin der Basler Zeitung
(Nr. 43) vom 29. Oktober 1994

Zufall im Sinn von Ursachenlosigkeit ist eine Instanz für totale Zweifler, völlig Systemungläubige. Für die andern gibt es nur scheinbare Ursachenlosigkeit, hat das Zufällige einen von göttlicher Hand oder den Kräften der Natur bestimmten Platz. Antike und mittelalterliche Vorstellungen von der Notwendigkeit allen Geschehens sind zwar durch komplexere Modelle ersetzt, das Grundmuster blieb, Peter Kamber hat die Vorstellungen über den Zufall zusammengefasst.

«Le hasard fait bien des choses» - «Der Zufall macht viele Dinge möglich», so lautet ein in Frankreich sehr geläufiges Sprichwort. Das französische Wort für Zufall, «le hasard», stammt aus dem Arabischen, in welchem «az-zahr» die Bezeichnung für Würfel ist. Seit es Menschen gibt, die mit Würfeln spielen und dabei, wie etwa in dem eindrücklichen chinesischen Spielfilm «Leben» von Zhang Yimou (1993), ihr Hab und Gut verlieren, gilt der Ausspruch, das Leben sei ein Würfelspiel.

Der griechische Naturphilosoph Demokrit, der, nach allem, was wir von ihm wissen, an der Wende vom 5. zum 4. Jahrhundert eher zu den Nachdenklicheren unter seinen Zeitgenossen und nicht zu den Spielern zählte, stellte als einer der ersten den Zufall in einen Gegensatz zur Vernunft: «Die Unvernünftigen verdanken ihre Struktur der Gunst des Zufalls, diejenigen aber, welche unsere Lehren verstehen, jener der Vernünftigkeit.»

Epikur, einer von Demokrits geistigen Nachfahren, hielt an dieser Einstellung fest und spitzte den Gedanken noch zu: «Nur in wenigem gerät dem Weisen der Zufall herein, das Grösste und Wichtigste aber hat die Überlegung geordnet und tut es während der ganzen Zeit des Lebens.» Epikur meinte sogar, ein weiser Mensch halte es für besser, «mit vernünftiger Überlegung Unglück zu haben als ohne Überlegung Glück».

Damit wären wohl in unserer lotteriegläubigen Zeit nur noch die wenigsten einverstanden. Nie werde ich den Blick eines schon älteren Postangestellten vergessen, mit dem ich als Student beim Geldverdienen während einer Nachtschicht im alten Hauptpostamt in Zürich einmal ins Gespräch kam. Von der Nachtarbeit grau im Gesicht und wie ausgelöscht, begannen seine Augen zu leuchten, als er mir erzählte, für wieviel Geld er jede Woche Lotto spiele. Im fahlen Licht des Aufzugs, der uns zusammen mit einem Wagen voller Paket- und Briefsäcke für einen kurzen Moment zusammengebracht hatte, träumte er von einem Grossgewinn, von der ewigen Sonne und von einem raschen Ende der Plackerei. Der amerikanische Buchautor Paul Auster schrieb in seinem Roman «Die Musik des Zufalls», es gebe Leute, die kauften «überhaupt nur» Lose, «um darüber reden zu können, was [sie] mit dem Geld anfangen würden, falls [sie] zufällig einmal gewinnen sollten».

Das Glücksrad dreht sich, und es ist nie vorauszusehen, wo es anhält. Im alten Griechenland wurde seit dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Göttin Tyche als Gottheit der Schicksalsfügung und des Gelingens verehrt. Ihre Kennzeichen waren das Rad und die Kugel, deren unendliches Rollen und Drehen auf die Unbeständigkeit des Glücks verwiesen. Auch wenn sich der Glaube an den Zufall zu Zeiten bis zur Religion entfaltet, bleibt der Zufall doch eher eine Instanz für Zweifler, für Systemungläubige. Der Zufall entgeht gleichsam schon aus Definitionsgründen jedem System, hat ein unwägbares Wesen. Wer Aussagen über ihn macht, beginnt oft mit der Aufzählung dessen, was er nicht ist:

Der Zufall ist das Kehrbild zur Notwendigkeit, das Gegenteil jeder Bestimmung, er ist das Niemals-Festgelegte, das Unfassbare, das Medium des Unkalkulierbaren, das Bewegungsgesetz der ordnenden Unordnung. Der Zufall hat die Macht, jedes physikalische und menschliche Gesetz ausser Kraft zu setzen. Er gehorcht keiner Institution und operiert jenseits allen Ermessens. Zufall ist die blinde Fügung des Ungefügten.

So liesse sich erst einmal auf Anhieb antworten. Doch zur Rede gestellt, würden wir, Zweifler, die wir sind, noch einmal damit beginnen, nachzudenken, damit es uns nicht ergeht wie jenen, über die Aristoteles schrieb, dass sie «nur über Bezeichnungen reden, dabei aber nichts begreifen», und auch um dem Verdikt des Skeptikers Sextus Empiricus zu entgehen, der meinte, es sei nicht möglich, Fragliches anders als wiederum mit Fraglichem zu begründen. Zufall? Ja, was ist das wirklich? Wann greifen wir zu diesem Begriff, in welcher Redesituation rutscht uns das Wort über die Zunge? Was wollen wir sagen, wenn wir von Zufall sprechen? Ist der Zufall wirklich etwas, das es gibt, oder bloss eine Leerstelle unseres Denkens, so dass wir womöglich dem aufklärerischen französischen Mathematiker und Astronomen Laplace recht geben müssten, der im Zufall nur «das Mass unserer Unwissenheit» erblickte? Manchmal sagen wir in der Tat, wenn uns nicht viel an den Ursachen eines eingetretenen Ereignisses liegt: «Das ist Zufall», und meinen damit: «Dem kommt keine Bedeutung zu, dahinter verbirgt sich nichts.» Sehr bequem sind auch jene Redensarten, die dem Zufall, als wäre er ein handelndes Subjekt, eine Absicht unterschieben, die er ja gerade nicht haben kann: Zum Beispiel wenn wir sagen, etwas sei das «Werk des Zufalls» oder sei umgekehrt «vom Zufall vereitelt» worden.

Mit dem Zufall setzen wir ganz allgemein das Unvermutete in Verbindung. Nicht alles Unversehene ist jedoch zufällig. So würden wir nie in einer Todesanzeige schreiben, diese oder jene Person sei «zufällig» gestorben, sondern würden sagen, sie oder er sei «plötzlich» oder «völlig unerwartet» verstorben.

Hingegen können wir beim Fallen eines Schusses sagen, dass eine Person, die unbedacht und absichtslos an einer Pistole herumhantierte, «zufällig» eine andere Person - oder sich selbst - getötet hat. Im Falle des Russischen Roulettes jedoch, dieses verblendeten Spiels mit dem Tod, wo in der in eine Drehbewegung versetzten Trommel eines Revolvers statt sechs Patronen nur eine einzige steckt, reden wir nur ungern von Zufall, wenn sich ein Schuss löst und die fragliche Person die Wette und mit ihr das Leben verliert. Zumindest nach meinem Empfinden handelt es sich eher um einen Zufall, wenn kein Schuss losgeht…

Eine tieftraurige Geschichte über einen «zufälligen» Tod kam mir vor vielen Jahren zu Ohren, als das Kochgas in der Schweiz noch nicht entgiftet war. Die Frau eines Militärpiloten in einer kleinen Stadt in der Nähe von Zürich hatte in Phasen heftiger Verzweiflung damit begonnen, in der Wohnung Gas ausströmen zu lassen, wenn sie ihren Mann von weitem nach Hause kommen sah, um ihm so verständlich zu machen, dass ihr unter den gegebenen Bedingungen ihrer Ehe am Leben nicht mehr viel lag. Es war ein unüberhörbarer Appell. Was ihr der Ehemann jeweils sagte und was sie ihm, ist nicht überliefert. Bekannt ist nur, dass die Selbstmordversuche weitergingen. Regelmässig rettete er sie, indem er den Gashahn rechtzeitig wieder zudrehte und die Wohnung lüftete - bis eines Tages auf dem Nachhauseweg ein Bekannter oder Nachbar, es war aber mit Sicherheit ein Mann, ihn vor der Haustür zufällig in ein längeres Gespräch verwickelte und er danach seine Ehefrau nur noch tot auffand.

Zufall ist ein Begriff, der sich auf die Frage nach den Ursachen bezieht. Zufall ist scheinbare Ursachenlosigkeit: Dinge geschehen, Wirkungen erfolgen - ohne inneren Zusammenhang, selbst wenn, wie Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft bemerkte, so wie «alles, was geschieht», auch «alles Zufällige (…) eine Ursache haben» muss. In seinem Werk «Physik» definierte Aristoteles im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung den Zufall wie folgt:

«Wenn im Bereich der Geschehnisse, die im strengen Sinn wegen etwas eintreten und deren Ursache ausser ihnen liegt, etwas geschieht, das mit dem Ergebnis nicht in eine Deswegen-Beziehung zu bringen ist, dann nennen wir das ‹zufällig›.»

Zufallskombinationen

Zufall ist für Aristoteles «ein Was-sich-gerade-so-ergibt». Aristoteles unterstrich, dass es neben «einige[m]», das «aus Notwendigkeit und immer» oder «in der Regel so» oder «in den meisten Fällen so» eintritt, «auch Ereignisse gibt, die dem zuwider verlaufen» und eben aus Fügung, griechisch «tyche», wie die Schicksalsgöttin, oder Zufall, griechisch «autómaton», gewissermassen automatisch, ohne Planung, wie von selbst bewegt, erfolgen. Wenn ein Gläubiger einen Schuldner gerade in dem Augenblick trifft, wo dieser Geld erhält und wieder zahlungsfähig wird, oder einer ausgerechnet da eine Grube aushebt, um einen Baum zu pflanzen, wo ein anderer einen Schatz versteckt hat, dann ist das für Aristoteles Zufall. Denn Zufälligkeit schliesst sowohl Regelmässigkeit als auch Voraussagbarkeit aus.

Milan Kundera lässt in seinem Roman «Die Unsterblichkeit» eine seiner Figuren sagen, Zufälle gebe es «auf der Welt (…) in jeder Sekunde Millionen». Unter Zufall können wir also zunächst einfach das unvorhergesehene Zusammenfallen des Getrennten verstehen, die, wie es der Mathematiker Antoine Cournot umschrieb, «Kombination oder Begegnung von Phänomenen, welche unabhängigen Serien in der Kausalitätsordnung angehören»; oder - in den Worten des Biologen Jacques Monod - die «Überschneidung zweier voneinander unabhängiger Kausalketten».

Neben diesem Zufall als, wie Schopenhauer sagte, «Zusammentreffen in der Zeit des kausal nicht Verbundenen», als «Gleichzeitigkeit des kausal nicht Zusammenhängenden», gibt es aber noch einen anderen, weitergefassten, sozusagen existentiellen Zufall, der uns begegnet, wenn wir über die Zufälligkeit all dessen, was auf unserer Welt ist, nachdenken.

Zufälligkeit wider Notwendigkeit

Kant sagte es in der Kritik der reinen Vernunft kurz und bündig: «Zufällig (…) ist das, dessen kontradiktorisches Gegenteil möglich ist.» Odo Marquard fasste diese Umschreibung in seiner «Apologie des Zufälligen» zur griffigen Formel zusammen: «Zufällig ist das, was auch anders sein kann.»

«Zufälligkeit» und «Notwendigkeit» bilden in Kants «Tafel der Kategorien» ein Gegensatzpaar. Die spätlateinische Bezeichnung für Zufälligkeit, «contingentia», ist noch heute, eingedeutscht als Kontingenz, das Lieblingswort von akademischen Gelehrten wie etwa dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty oder dem deutschen Soziologen Niklas Luhmann, obwohl schon Kant sich von diesem Wort verabschiedet hat und ihm den deutschen Ausdruck «Zufälligkeit» vorzog. Die Bedeutung von kontingent - alles, was weder notwendig noch unmöglich ist - wird durch «zufällig» vollständig abgedeckt. Zufällig heisst ja nicht notwendig, und selbstverständlich ist Zufälliges immer auch möglich, da es ja, als Zugefallenes, als Ereignis, der Fall ist. Nehmen wir uns also die Freiheit, statt von Kontingenz von Zufälligkeit zu reden.

Zufälligkeit als Sachverhalt war hingegen stets ein sehr umstrittenes Konzept. Nicht erst im Mittelalter, schon in der Antike wurde von einflussreichen Leuten der Glaube an den Zufall heftig verworfen und die Lehre von der strengen Notwendigkeit alles Geschehenden vertreten. In der solcherweise für notwendig erklärten Ordnung der Dinge hatte selbst das Zufällige, wenn denn schon von ihm gesprochen werden musste, seinen genauen, von der ordnenden Hand des Göttlichen oder den Kräften der Natur vorgesehenen und zugewiesenen Platz.

Der Stoiker Seneca ging davon aus, dass alle Dinge von einem «unwandelbaren, für alle Ewigkeit festgeschriebenen Gesetz» herrührten, welches unsere Schicksale vom ersten Augenblick unserer Geburt bis zur Sterbestunde hin vorbestimme. Diese Auffassung teilte auch der als letzter Philosoph der Antike bekannte Lateiner Boethius, der im 5. und 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte. Für ihn war der Zufall, wie er sagte, «ausser einer Bezeichnung für eine hypothetische Sache ein gänzlich leeres Wort».

Diesen Glauben an eine «prästabilierte Harmonie» hat Voltaire bekanntlich in seinem Roman «Candide oder der Optimismus» mit unübertroffenem Witz für seine Zeit erschüttert. Die noch bei Leibniz zu findende Vorstellung, wonach in dieser besten aller möglichen Welten, wie Voltaire resümiert, «alles (…) notwendigerweise miteinander verknüpft und aufs beste eingerichtet» sei, führt der französische Aufklärungsphilosoph gründlich ad absurdum, indem er Candide und seinen philosophischen Lehrer Pangloss den schlimmsten Wechselfällen des Lebens und sämtlichen Ungereimtheiten der Epoche aussetzt. Denis Diderot liefert in seinem Roman «Jacques der Fatalist», einer ebenso witzigen wie scharfsinnigen Satire auf den Schicksalsglauben Spinozas, ein dem «Candide» vergleichbares, ebenso brillantes Lehrstück zur Frage von Zufall und Notwendigkeit.

Seither, und erst recht seit der Französischen Revolution, gilt, dass der Mensch seine Geschichte selber macht, in ihrer ganzen Zufälligkeit, zu welchem Ende auch immer, wenn auch nicht «aus freien Stücken», wie Marx mit seinem bekannten Ausspruch sagte, sondern unter den «gegebenen, unmittelbar vorgefundenen Umständen».

Das genaue Verhältnis, in dem Zufälligkeit, Freiheit und Notwendigkeit stehen, blieb dabei freilich ungeklärt.

Die Debatte ist demnach auch keinesfalls als abgeschlossen zu betrachten. An die Notwendigkeit der Geschichte jedoch vermag angesichts der von den Menschen verursachten Kalamitäten derzeit niemand recht zu glauben. Der herrschende Zeitgeist weht in unserem ausgehenden 20. Jahrhundert in die Richtung Zufall, dafür gibt es tägliche Beweise. Selbst Katastrophen brechen nur noch zufällig aus. Um den tieferen Gründen nachzuforschen, haben wir selten die Geduld.

Das Zufällige als neues Schicksal

Die Schnellebigkeit ergreift auch die Gedanken. Die Dinge kommen, wie sie kommen müssen. Mit Sprüchen wie «Wer weiss, wozu es gut ist» machen wir uns, wie schon Schopenhauer bemerkte, Mut und hoffen auf bessere Zeiten. Der heutige Mensch wird notgedrungen zum Hasardeur des Lebens und setzt, um zu überleben, im Beruf, in der Liebe und in Sachen Geld wie im Spielkasino alles auf Gewinn. Wir wärmen die heissen Eisen, die wir im Feuer haben, und fallen, wenn wir auf die Verliererseite kippen und unser Eifer erlischt, schnell ins Bodenlose.

Der soziale Rang wird zu einer reinen Frage der Glücks- oder der Pechsträhne. Ein paar unglückliche Zufälle, eine kurze Zeit, in der nichts gelingt, und weg sind wir. Wir wissen, das sind die Regeln des Spiels, auch wenn sie noch lange nicht für alle gelten. Wir sind gute Verlierer, so wie wir eben noch fröhliche Gewinner waren, und ähnlich Dostojewskis roulettesüchtigem jungen Mann im Roman «Der Spieler» sagen wir uns, wenn wir uns mit dem letzten Gulden in der Tasche hochreissen und wieder in die Gewinnzone kommen: «Morgen, morgen wird alles zum guten Ende kommen!» Wir sind so zufallsfreudig, dass wir auch nicht weiter erstaunt wären, uns plötzlich in einer gänzlich dem Zufälligen anheimgefallenen Welt wiederzufinden, wo die Schwerkraft einmal gälte, einmal nicht, wir ein Glas Wasser sicher auf den Tisch stellen könnten, es ein andermal davonfliegen sähen, wo das Geld einen Tag Zahlungsmittel, am nächsten Tag Spielzeug für die Kinder wäre, wo Staaten sich aus Laune in einem Augenblick die Freundschaft versicherten und im nächsten bereits den Krieg erklärten, die Sonne mal schiene, mal nicht, das Thermometer regellos rauf- und runterspränge, das Wasser in den Flüssen und Bächen mal flösse, mal nicht, wir an einem Tag auf allen vieren in den Strassen kröchen, am anderen Tag beschwingt und fröhlich aufrecht gingen oder plötzlich wie zu Stein erstarrt stehen blieben, jeder und jede nur aufs Geratewohl in seiner/ihrer eigenen Privatsprache spräche, sich singend, trällernd und zwitschernd Ausdruck verschaffte - wir Zufallsmenschen würden uns in dieser Zufallswelt einrichten wie in jeder andern auch und hätten sogar noch Spass dabei, Lewis Carroll und die Abenteuer seiner kleinen Alice zu rezitieren. Für den modernen Menschen, und erst recht für den postmodernen, ist die Willkürlichkeit der Wirklichkeit die verlässlichste Stütze.

Die Erfahrung der Zufälligkeit unserer persönlichen Existenz schilderte in jüngster Zeit keiner so drastisch wie der 1947 geborene amerikanische Romanautor Paul Auster. In seiner New-York-Trilogie verband er den Schicksalsbegriff aufs engste mit dem Zufall. In der Optik Paul Austers wird das Schicksal zur Summe der Zufälle, die uns widerfahren:

«War ‹Schicksal› wirklich das Wort, das er gebrauchen wollte? Es erschien ihm so gewichtig und altmodisch. Und dennoch, als er es gründlich untersuchte, entdeckte er, dass er genau das hatte sagen wollen. Oder wenn es schon nicht genau das war, so war der Ausdruck doch treffender als jeder andere, der ihm einfiel. Schicksal im Sinne von ‹was war›, was zufällig war.»

In seinem 1982 in Amerika erschienenen Buch «Die Erfindung der Einsamkeit» schreibt Paul Auster, dessen Vater eines Tages einmal auf und davon ging und sich nie wieder blicken liess: «Manchmal denke ich daran: wie ich in Niagara Falls, diesem Urlaubsort für Flitterwöchner, gezeugt worden bin. Nicht dass es eine Rolle spielte, wo es passiert ist. Aber der Gedanke an diese mit Sicherheit leidenschaftslose Umarmung, an dieses blinde pflichtbewusste Gefummel zwischen kalten Hotelbettdecken hat mir noch jedesmal demütigend bewusst gemacht, was für ein Zufallsprodukt ich bin. Niagara Falls. Oder das Hasardspiel zweier Körper, die sich vereinigen. Und dann ich, ein zufälliger Homunculus, der wie ein wilder Draufgänger in einem Fass den Wasserfall hinunterstürzt.»

Ganz ähnlich radikal hatte Jean-Paul Sartre 1938 in seinem Roman «Der Ekel» die Erfahrung der Zufälligkeit unserer persönlichen Existenz geschildert: «Wir waren ein Häufchen Existierender, die sich selber im Weg standen, sich behinderten, wir hatten nicht den geringsten Grund, dazusein, weder die einen noch die anderen (…). Das Wesentliche ist die Zufälligkeit. (…) Existieren, das ist dasein, ganz einfach (…): die Zufälligkeit ist (…) das Absolute (…).»

In seinem theoretischen Werk «Das Sein und das Nichts», das 1943 erschien, entwickelte Sartre aus diesem Gefühl der Absurdität unserer Existenz heraus eine strenge Verantwortlichkeitsphilosophie. Obwohl wir «in eine Welt geworfen» und einer «‹Situation› ausgeliefert» sind, die wir nicht gewählt haben, mithin «reine Zufälligkeit», ein «nicht zu rechtfertigende[s] Faktum» darstellen, da wir «anderes sein» könnten, als wir sind, seien wir «für den Platz», den wir mit unserer «Geburt» einnähmen, «verantwortlich». Seine persönliche Freiheit realisiere der Mensch, «indem er», so Sartre, «die Welt auf seine eigenen Möglichkeiten hin überschreitet»: «Ich bin nämlich ein Existierendes, das seine Freiheit durch seine Handlung erfährt (…). (…) ich bin verurteilt, frei zu sein.»

Es ist keineswegs überraschend, dass auch Sigmund Freud schon, der Begründer der Psychoanalyse, dem Zufälligen und den Zufälligkeiten einen bedeutenden Platz einräumte. Richard Rorty hat in seinem Buch «Kontingenz, Ironie und Solidarität» daran erinnert. In der 1910 entstandenen Schrift «Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci» rief Freud dazu auf, «den Zufall» nicht «für unwürdig» zu halten, «über unser Schicksal zu entscheiden»: «Wir vergessen (…) gern, dass eigentlich alles an unserem Leben Zufall ist, von unserer Entstehung an durch das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der darum doch an der Gesetzmässigkeit und Notwendigkeit der Natur seinen Anteil hat.»

In seinen berühmten Ausführungen über die Fehlleistungen mit ihrem «Charakter des Unmotivierten, Unscheinbaren und Unwichtigen» - wenn wir uns etwa versprechen und das genaue Gegenteil dessen aussprechen, was wir zu sagen beabsichtigten - zeigte Freud aber auch auf, dass in unserem Tun nicht immer alles so zufällig ist, wie es scheint. Auch hinter den gänzlich überflüssig erscheinenden sogenannten «Zufalls- und Symptomhandlungen», zu denen beispielsweise Versäumnisse, das Vergessen von Vorsätzen gehören, verbirgt sich vieles uns Unbewusstes. Gleiches lässt sich von Missverständnissen sagen, die nie völlig zufällig sind. Oft steuern wir so unvermutet mit, wie Freud sagte, «verblüffender», «unbegreiflicher Sicherheit auf ein verhülltes Ziel los».

Damit wären wir unversehens bei einer dritten Form von Zufall angelangt: dem Zufall, den wir selbst produzieren. Zufall ist das, was uns eben nicht immer ohne unser Zutun zu-fällt. Wir öffnen uns viel häufiger, als wir denken, dem Zufall und gewähren ihm dadurch erst Einlass.

Paradebeispiel dafür sind unsere Träume. Im Schlaf produzieren wir Bilder, die Zufall und doch kein Zufall sind, weil, wie sich Schopenhauer in seiner Schrift «Transscendente Spekulation über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen» - lange vor Freud schon - ausdrückte, «jeder der heimliche Theaterdirektor seiner Träume ist»

Zufälliges und Gewolltes

Das «Schicksal, welches wir», so Schopenhauer wörtlich, «doch heimlich selbst lenken (…), jedoch von einer Region aus, die weit über das vorstellende Bewusstsein im Traume hinausliegt und daher als unerbittliches Schicksal auftritt», erleben wir dabei meist ahnungslos «als äussern Zwang».

Die Objektwahl in der Liebe, das ist seit Freud auch nur allzu bekannt, erscheint häufig gerade da als zufällig, wo sie es am wenigsten ist. Da kann, wer sich auf die Gunst des Zufalls verlassen zu können glaubte, seinen Lebenstraum schon bald in einen Alptraum verwandelt sehen. Dem Ausdruck heftigsten Bedauerns über eine verunglückte Zufallsliebe gab Milan Kundera in seinem Roman «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» beredten Ausdruck. Nicht weniger als sechs Zufälle waren nötig, bis seine Unglücklichen zusammentrafen.

Der «Startmechanismus Zufall» für das «Liebesgeschehen» geht, wie der Soziologe Niklas Luhmann in seinem Buch «Liebe als Passion» schrieb, auf die Romantik zurück. Gegenüber dem Code der höfischen Liebe, der sich auf eine relativ kleine Oberschicht bezog, die sich beim Liebeswerben auf gründliche Vorinformationen stützte, vergrösserte die romantische Liebe die «Kontaktkreise». Die neue Freiheit der Wahl erhob den Zufall zum Schicksal. Mit «der Symbolmarke ‹Zufall›» wurde, wie Luhmann schreibt, «der Anfang der Liebesbeziehung (…) grundlos gesetzt, ins Voraussetzungslose gebaut».

Zufall ist aber wie gesagt immer auch, was uns zufällt und was wir auffangen. Zufälle sind unvorhergesehene Gelegenheiten, die wir annehmen oder ablehnen, von denen wir Gebrauch machen oder welche wir ungenutzt lassen. Mehr noch: Niklas Luhmann wies in seiner Studie «Die Wissenschaft der Gesellschaft» darauf hin, dass oftmals «ein blosses Warten auf Zufall (…) zu langsam» wäre und es so etwas wie «einen Beschleunigungsfaktor» gebe, «der erklärt, dass die (…) benötigten Zufälle sich häufen».

Menschen ahnen, dass, wenn sie sich schön machen, sie die Dinge forcieren. Als Zufall erscheint dann höchstens noch, wer sich zu wem gesellt.

Unglück und kleine Freiheiten

Die Unglücksfälle bieten ebenfalls ein weites Feld zur Untersuchung der Hintergründigkeit des Zufalls. Luhmann definiert das Wort Unfall in seinem Buch «Soziale Systeme» ganz allgemein als «ein unglückliches Zusammentreffen verschiedener Umstände, mit denen niemand zu rechnen brauchte». In Frankreich etwa werden jedes Jahr zwanzig bis vierzig Menschen vom Blitz erschlagen («Le Monde», 13. 8. 1993). Statistiken versetzen uns immer in Erstaunen. Was am allerzufälligsten scheint, erweist sich plötzlich als eiserne Regel. Das gilt etwa für Hundebisse. In New York beispielsweise wurden im Jahr 1955 täglich 75 Fälle gemeldet, in denen Leute von Hunden gebissen wurden. Ein Jahr später und im darauffolgenden Jahr wieder waren es je 74, im wieder darauffolgenden Jahr erneut 75, dann, 1959: 73 Hundebisse täglich. Arthur Koestler, der diese verblüffende Statistik in seinem Buch «Die Wurzeln des Zufalls. Ist Zufall wirklich Zufall?» zitiert, sah sich zur ironischen Frage veranlasst: «Wie wissen die New Yorker Hunde, wann ihr Tagespensum an Bissen erfüllt ist?» Statistische Erhebungen, etwa die berühmten, welche Emile Durkheim zum Ausgangspunkt seiner Studie über den Selbstmord machte, gaben im späten 19. Jahrhundert der Wissenschaft der Soziologie einen gewaltigen Auftrieb. Wo vorher blindes, ordnungsloses Geschehen und diffuse individuelle Schuld herrschten, tauchten plötzlich anonyme gesellschaftliche Wirkungskräfte auf. Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung haben den Zufall, wie Ian Hacking in einer grossen Studie («The Taming of Chance», 1990) schreibt, «gezähmt». Nicht aber eliminiert.

Ein legendär zufälliger Tod ereilte am 1. Juni 1938 den Schriftsteller Ödön von Horváth auf den Champs-Elysées. Während eines über Paris tobenden Gewitters wurde Horváth unter einem alten Kastanienbaum, in welchen der Blitz einschlug, von einem schweren herabstürzenden Ast am Hinterkopf getroffen. Eben hatte Horváth mit einem in Paris weilenden amerikanischen Filmproduzenten zusammengesessen, der eines seiner Bücher verfilmen wollte. Hollywood erwartete ihn, er wollte Europa verlassen, die Papiere lagen bereit, in Andeutungen hatte er auch ein neues grosses Romanprojekt skizziert, das den Titel «Adieu Europa» tragen sollte.

Grosse Boulevards, Brücken und Wegkreuzungen sind berüchtigte Stätten des Zufalls. Mühelos vermögen sie es, unserem Leben einen gänzlich anderen Verlauf zu geben oder es zu beenden. Thornton Wilder zeigte das in seinem historischen Roman «Die Brücke von San Luis Rey», die zufällig fünf Reisende - und warum gerade diese! - in den Abgrund riss. Albert Camus entwarf im Roman «La Chute» einen Mann, der in einer Novembernacht auf dem Pont Royal in Paris zufällig an einer Frau vorbeigeht, die sich gegen das Brückengeländer lehnt. Fünfzig Meter weiter, als er schon den Quai der Seine erreicht hat, um Richtung Saint-Michel zu gehen, hört er unvermutet, wie ihr Körper auf das Wasser klatscht. Mehrere Schreie ertönen noch, die plötzlich verstummen. Und er, er bleibt regungslos, unternimmt nichts, wirft sich diese Untätigkeit danach ein Leben lang vor, sich hilflos wünschend, die Frau stürzte sich noch einmal ins Wasser und gäbe ihm eine zweite Chance, sie - und damit sich selbst - zu retten.

Zufälle dauern oft nur einen Augenblick - lang genug, um uns für immer zu verwandeln. Paul Auster schuf in dem bereits kurz erwähnten Roman «Die Musik des Zufalls» eine Männerfigur, die an einer verpassten Autobahnauffahrt den Zufall nur allzu willig, wie eine Handvoll Spielkarten, aufnimmt und in der Folge alles, was er besitzt, verliert.

«Weiss man je, wohin man geht?» - das war schon Diderots Leitfrage in «Jacques der Fatalist». Die Freiheit, den Zufall Grund genug sein zu lassen, um etwas zu tun, ist uns kostbar.

Es gilt wohl schon, was Robert Musil im «Mann ohne Eigenschaften» als sogenanntes «Prinzip des unzureichenden Grundes» bezeichnet hat: «In unserem wirklichen (…) Leben», so Musil, «geschieht immer das, was eigentlich keinen rechten Grund hat.» Kant definierte die Freiheit als «ein Vermögen (…), eine Reihe von Begebenheiten von selbst anzufangen». Doch wie frei sind wir wirklich, wenn wir uns entschliessen, frei sein zu wollen? «Frei» bedeutet, wenn wir Schopenhauer folgen, «dem eigenen Willen gemäss»: «Frei bin ich, wenn ich tun kann, was ich will.» Der Stoiker Epiktet definierte die Freiheit als Leben nach dem eigenen «Gutdünken», Abwesenheit von Zwang und als Möglichkeit, mit ungebremstem «Antrieb» Wünsche zu verwirklichen. Oftmals entscheiden wir aber nicht nur unter den üblichen Bedingungen der Ungewissheit, sondern in einem Augenblick ausgesprochener «Willensschwäche», insofern wir, wie der amerikanische Sprachphilosoph Donald Davidson einmal erläutert hat, unserem «eigenen bestmöglichen Urteil, und zwar absichtlich», zuwiderhandeln!

Sind wir also überhaupt, Günstlinge und Opfer des Zufalls, die wir sind, je frei? Der Zufall, dem wir uns in die Arme werfen, zieht die Notwendigkeit wie einen Klotz hinter sich her. Wir lesen uns unsere Zufälle zwar aus, sind also eine «schaffende Kraft» im zufälligen Geschehen, wie Friedrich Nietzsche bemerkte. Doch uns selbst entgehen wir auf unserer Freiheitssuche nicht, auch wenn wir uns willentlich dem Zufall überlassen. Nietzsche sagte es in der für ihn so typischen provozierenden Schärfe:

«Ihr redet falsch von Ereignissen und Zufällen! Es wird sich euch nie etwas anderes ereignen als ihr euch selber! Und was ihr ‹Zufall› heisst - ihr selber seid das, was euch zufällt und auf euch fällt!»

Was bleibt da also, was ist da noch, wie Lukrez dichtete, «der freie (…), dem Schicksal entwundene Wille, dank dem vorwärts wir schreiten, wohin einen leitet die Freude»?

Wir werden, nach einigem Nachdenken, schnell wieder bescheiden und trösten uns beim Gedanken, dass da, wo es keine Antworten gibt, wenigstens Fragen möglich sind. Wir lernen auch wieder die treffende Kürze der alten Philosophen zu schätzen, etwa Epikurs, der meinte, «man muss gleichzeitig lachen und philosophieren», und in einem seiner weisen Sätze schlicht, aber sehr durchdacht sagte, «alles, was geschehe, geschehe teils nach Notwendigkeit, teils nach freier Entscheidung, teils nach Zufall».


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