WAGNER IN JERUSALEM

Der Entfesselungskünstler

von Kerstin Decker (Tagesspiegel Online 9.7.2001)

Nach viel öffentlichem Druck hatte Daniel Barenboim in Israel auf Wagner verzichtet. Aber nun der Eklat: Als Zugabe brach der Dirigent das Tabu und spielte, was in Israel unspielbar schien: "Tristan".

Am Anfang war von diesem Finale nichts zu ahnen. Donnerstag, Convention Center, Jerusalem, 20 Uhr 30. Das Konzert beginnt. Das Konzert beginnt noch lange nicht. Nicht mal der Sabbat fängt auf die Minute genau an, warum dann wohl eine Schubert-Sinfonie? Und irgendetwas muss in dieser zum Zerreißen gespannten Stadt doch noch ganz gelassen beginnen. Andante. Auch Konzertsäle lassen sich so betreten.

Da, der Walkürenritt! Ganz kurz nur. Aber das darf der Barenboim doch gar nicht! Vorn die Bühne ist immer noch leer. Dafür beginnt ein junger Mann in der 16. Reihe zu telefonieren. Eine Handy-"Walküre"! Kongeniale Telefon-Komposition. Ließ sich nicht auch Wilhelm II. seine Autohupe auf das Rheingold-Motiv stimmen? Bloß dass ein deutscher Kaiser mit Rheingold-Hupe etwas anderes ist als eine israelische Handy-"Walküre".

Die dürfen das spielen, und wir nicht!, sagt am nächsten Tag neidvoll ein Mitglied der Berliner Staatskapelle nach dem Anhören mehrerer Handy-"Walküren". Er ist nicht einverstanden mit der eigentümlichen musikalischen Gestimmtheit dieses Instruments. Sie könnten das besser. Aber Barenboim durfte die "Walküre" nicht spielen in Israel, seiner zweiten Heimat. Mit Schubert wollte er das Gastspiel beim Israel-Festival beginnen, Mahler, Beethoven sollten folgen und am dritten Tag dann die "Walküre" mit Placido Domingo, 1. Akt. Das Festival selbst hatte diesen Vorschlag gemacht. Das "Walküren"-Konzert war sofort ausverkauft.

Im letzten Sommer übertrug das israelische Klassik-Radio zum ersten Mal den ganzen "Tristan", dirigiert von Barenboim. Richter lehnten zur gleichen Zeit eine Klage von Holocaust-Opfern gegen ein israelisches Orchester ab, das das "Siegfried-Idyll" aufführen wollte. Kühl beschied das Gericht, eine Aufführung des "Siegfried-Idylls" könne den Shoa-Überlebenden "nicht direkt schaden". Die Aufführung fand statt. Ein alter Mann, dessen ganze Familie in Auschwitz umkam, brach mit einer Rassel in Siegfrieds Idyll ein. Erboste Zuhörer nahmen ihm die Rassel weg. Die Zeit schien reif für Wagner in Israel. Das allerletzte Tabu der Musikgeschichte stand kurz vor dem Fall. So schien es. Bis Barenboim Ende Mai unter dem Druck der israelischen Öffentlichkeit auf die "Walküre" verzichtete.

"Walküre". "Siegfried". Was ist nationalsozialistisch daran? Wagner hatte im "Ring des Nibelungen" die Schopenhauersche Einsicht vertont, dass die Dinge wirklich schön nur aus der Ferne sind und dass insofern das Rheingold in den Rhein gehört, als vagabundierendes Kapital jedoch entschieden negative Tendenzen offenbart. Und im Übrigen darf man es sehen wie der große Wagnerianer Loriot: "Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Leute." Nette Leute. Das klingt völlig anders als der Satz: Wotan ist Wagner ist Hitler. [Na klar, Wagner konnte hellsehen und hat deshalb seinen "Wotan" nach Hitlers Vorbild geschaffen - dem er bekanntlich auch selber nacheiferte, Anm. Dikigoros] Dieser traurige, irgendwie ziemlich unkämpferische Gott, der sich von seinem eigenen Sohn Siegfried den Speer zerschlagen lässt: "Geh mir aus dem Weg, Alter!" - Hitler? Nein, Loriot hat Recht. Nette Leute. Wie wir alle, bevor wir anfangen, einen Bausparvertrag abzuschließen und unser Lebensglück auf ein Eigenheim zu stellen. So wie Wotan, der Häusle-Bauer auf Walhall.

Vor dem Barenboim-Finale hätte man so schreiben können. So harmlos. Denn es gibt ja keine antisemitische Note, keine wirklich antisemitische Textzeile bei dem Antisemiten Wagner.

Im heißen Frieden

Ohnehin hatten wir Wagner fast schon vergessen. Bei Schuberts "Unvollendeter" und vollends, als sich in Mahlers 1. Sinfonie ein Vorhang zu heben schien, hinter dem eine andere Welt begann. So, als wäre die vorherige Schein. Auch der fatale Stillstand, das Gleichgewicht des Schreckens in Jerusalem. Nur Schein für einen großen musikalischen Augenblick. Musik ist Entwicklung. Und darum wohl Hoffnung. Barenboim und die Staatskapelle sind gekommen in den heißen Frieden Israels. Sie haben sehr gezögert und sind doch da. Das zählte, und jeder im Saal spürte es.

Aber dann dachte man doch: War Mahler denn denkbar ohne Wagner? Nahm dieser schmerzlich-schöne Klang nicht seinen Durchgang durch die Tristan-Partitur? Wagners Emanzipation der Dissonanz führt zur neuen Musik. Den Musiktheoretikern des Dritten Reichs schien Wagner viel zu dekadent. Und dann spielten sie Mahlers Adagietto - alle Seligkeit, deren einer fähig ist, im Augenblick des Abschieds. Barenboim, der Pathetiker, entwarf das in ganz großen Bögen. Und die Staatskapelle war nicht viele Instrumente, sondern ein einziges. Und doch durchsichtig, kristallklar wie der Schmerz manchmal. Die Menschen standen auf nach diesem Mahler. Ein Publikum, hört man, das sonst eher zu höflichem Beifall und dem schnellen Griff nach den Autoschlüsseln neigt. Und nun das.

Am nächsten Tag steht in den israelischen Zeitungen, dass Barenboim Gott sei. Sinngemäß. Ein Satz, den er in Berlin nicht ganz so oft hört. Als Kind ging er fort aus Jerusalem, als Gott kommt er nun immer mal zurück. Auch eine Entwicklung. Barenboim fährt mit Adrienne Goehler nach Yad Vashem. Nein, er will seine Stadt nicht missionieren. Man müsse auf Wagner verzichten, so lange, wie sich ein Holocaust-Opfer verletzt fühlt, sagte er noch im letzten Jahr. Ob Barenboim in Yad Vashem schon an die "Tristan"-Zugabe dachte?

Mittags, direkt vorm Sabbat, probt er Naturlaute. Nach Yad Vashem Beethovens Pastorale. Barenboim gefällt das sinfonieeigene Gewitter noch nicht: "Nicht Rattata! - Rottottotom!" Nachher beim Konzert spielen alle "Rottottotom" und die Fünfte gleich hinterher. Wieder stehen sie in den Reihen. Standing ovations für Barenboims Beethoven. - Beethoven. Den mochte Hitler auch. Der ist noch wichtiger gewesen für den Nationalsozialismus als Wagner. Gegen Beethoven war Wagner nur das Ornament der Naz-Bewegung, sagen Musikologen.

Zwischen Beethoven und seiner illegalen Fahrt nach Bethlehem muss Barenboim es endgültig beschlossen haben. Barenboim fuhr nach Bethlehem, das israelische Staatsbürger seit Monaten nicht mehr betreten dürfen. Dabei ist es beinahe ein Vorort von Jerusalem. Barenboim ging zu denen, die es seit Jahren nicht mehr verlassen dürfen. Er hört von den palästinensischen Studenten einer katholischen Universität, wie eingesperrt sie sich fühlen. Leben in einem Käfig. Juden sagen ihm das Gleiche. Nein, es gibt kein Schwarz oder Weiß. Kein Richtig oder Falsch. In Israel schon gar nicht. In der Musik auch nicht. Aber es gibt überall neue Unfreiheit. Und das Wagner-Verdikt von damals, ist es nicht längst eine Fessel?

Und dann hängt die Ankündigung im Hotelfoyer. Als zweite Zugabe "Vorspiel und Liebestod". Von Wagner steht da nichts. Von "Tristan" auch nicht. Das Orchester zeigt sich verstimmt, was bei musikalischen Einrichtungen sehr ernst zu nehmen ist. Das Englischhorn ist dagegen. Ein paar Geigen auch. Barenboim erklärt alles.

Was hast du, wer's nicht hören will, kann doch gehen!, sagt eine Bratsche zur anderen nach der Probe. - Ja schon, aber wir nicht, antwortet die zweite. Barenboim stellt jedem auch das frei.

Vor genau 20 Jahren hatte Zubin Metha mit der Israelischen Philharmonie das Gleiche versucht. Das Tristan-Vorspiel als Zugabe. Ein alter Mann war auf die Bühne gesprungen und hielt dem Dirigenten seinen Unterarm mit der eintätowierten Häftlingsnummer entgegen. Die Geige des ersten Konzertmeisters wurde Opfer seines Zorns.

Manche gehen zwischen Probe und Konzert dorthin, wo man jetzt keinesfalls hingehen soll. In Jerusalems Altstadt. Wir schauen nach Autos mit Aufklebern, auf denen "Barenboim, spiel Wagner!" stehen soll. Auf Hebräisch. Es ist keins zu sehen. Aber eine Jerusalemer Musikkritikerin hat ihren Sohn "Tristan" genannt. "Natürlich wollen wir den machen! Na, weil's 'ne geile Musik ist!", erklärt eine zweite Geige und spielt mit einem Palästinenser-Jungen Fußball auf der Via Dolorosa. Auch eine Vorbereitung auf das, worauf sich keiner vorbereiten kann. Direkt neben der evangelisch-lutherischen Bekenntniskirche und der Grabeskirche ruft der Muezzin. Hier passt nichts zusammen. Warum dazu nicht auch noch "Isoldes Liebestod" am Abend?

In der Konzertpause zwischen Schumann und Strawinskis "Sacre du printemps" ist das Englischhorn immer noch dagegen. Nie war das Orchester so uneins. Aber alle werden mitspielen. Barenboim macht es seinem Publikum nicht leicht. Nach dem "Sacre" ist da beinahe ein Abstand zwischen dem Orchester und dem Publikum. Und dann stehen sie doch wie an den Vorabenden. Erste Zugabe der "Blumenwalzer". Eine freundliche Nichtigkeit. Man könnte ein Törtchen danach essen. Immerhin brauchte man für den "Blumenwalzer" zwei Harfen. Für das "Tristan-Vorspiel" braucht man auch zwei Harfen. Nur wenige im International Convention Center lassen sich durch den "Blumenwalzer" zum Verlassen der Halle bewegen.

Und dann beginnt Barenboim zu reden. Ganz leise. Und auf Hebräisch. "Wagner!" ruft eine Frau in der elften Reihe, packt ihren Mann am Arm und zieht ihn aus dem Saal. Aber der brandet auf in Beifall. Dann die ersten Schmäh-Rufe. Es folgen die Schmähungen der Schmäher. Nur Barenboim steht unbeweglich auf der Bühne und redet. Das Konzert sei zu Ende, niemand brauche zu bleiben. Das Publikum solle selbst entscheiden. Nicht das Festival, nicht das Orchester - er allein habe diesen "Tristan" gewollt.

Saaltüren knallen

Jubel und "Faschisten!"-Rufe. Sie gelten Barenboim. Die Rufer sind keine Holocaust-Opfer. Sie sind jünger. 40 Minuten lang folgen Rede, Gegenrede, Schreie und Applaus. Am Ende hat sich eine Diskussionsabordnung vor der Bühne versammelt. Konzert mit Disput - das gab es noch nie. Es ist halb zwölf Uhr abends. Und es ist beklemmend mitanzusehen, wie Juden Juden niederschreien. Barenboim harrt aus. Er will nicht zu früh beginnen.

Und dann fängt das an. Diese klagenden Aufschwünge. Saaltüren knallen noch in das ungeheure Verlöschen, aber es ist nicht mehr aufzuhalten. Das Tristan-Vorspiel geht über ins "Mild und leise" von Isoldes Liebestod. Ist der Wagner-Bann jetzt gebrochen?

Er habe sich Hitler bei Wagner ohnehin nie wirklich vorstellen können, hat Thomas Mann gesagt. In dieser Atmosphäre "sublimer Verderbtheit", einer letztlich durch und durch erotischen Musik. Denn im Grunde hat Wagner doch immer wieder den reinen Eros vertont, also etwas, was sich gar nicht vertonen lässt. Man kann nach solchen Überwältigungen wohl vieles machen, aber kaum Hitler zuhören und in den Krieg ziehen.

Mit dem "Tannhäuser"-Vorspiel begann einst der zweite zionistische Kongress.

[Die Juden sind schon ein merkwürdiges Volk mit diesem ihrem grenzenlosen Haß auf eine Musik, die ihnen nun wirklich nichts getan hat. Auch der Erfinder des Automobils, der Glühbirne, des Telefons und des Wasserklosetts waren Antisemiten. Was müßten die Juden daraus für Konsequenzen ziehen - wenn sie denn wirklich konsequent wären? Anm. Dikigoros]

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