"Vogelgrippe" in der ARD:

Gebührenfinanzierte Panikmache

von Christian Stöcker (Der Spiegel, 8. März 2006)

Kürzungen, Anmerkungen und Links: Nikolas Dikigoros

"Ausnahmezustand" hieß die gestrige Folge der ARD-Krankenhausserie "In aller Freundschaft". Ein kleiner Junge erkrankt darin durch ein Vogelgrippe-Virus. Das Drehbuch des Quotenrenners war kaum mehr als eine Ansammlung von Fehlinformationen, die bei vielen Zuschauern für Irritation sorgte.

Der MDR hat sich gestern Abend (ARD, 21.05) in seiner Krankenhausserie "In aller Freundschaft" des Themas "Vogelgrippe" angenommen. Die Bundestierärztekammer hatte im Vorfeld Bedenken gegen die Folge angemeldet, die Verantwortlichen des Senders haben sich aber, nach nochmaliger Begutachtung, trotzdem entschieden, sie auszustrahlen. Man sei auch im Nachhinein der Meinung, "besonnen und professionell mit dem Thema umgegangen zu sein", sagte MDR-Sprecherin Birthe Gogarten, "wir sind der Meinung, keine Panikmache betrieben zu haben."

Dramatische Pause, dann Fehlinformation am laufenden Band

In der Folge kommt ein kleiner Junge mit Fieber ins Krankenhaus. "Der Kleine fantasiert die ganze Zeit von Papageien", heißt es, dann macht der neue Klinikarzt Martin Stein eine dramatische Pause, blickt mit ernst-entschlossenem Gesicht auf - und fordert eine mikrobiologische Untersuchung an. Sein "schrecklicher Verdacht" (MDR) bestätigt sich natürlich, "Jonas hat die Vogelgrippe".

Das Szenario ist hanebüchen - der kleine Jonas hat sich durch die Gitterstäbe eines Käfigs bei einem in der Zoohandlung erworbenen Papageien angesteckt. Ein einziger mit dem H5N1-Virus infizierter Papagei ist weltweit bislang entdeckt worden, bei ihm angesteckt hat sich niemand, und das wäre selbst mit viel gutem Willen auch gar nicht möglich, ohne das Gefieder des Tiers zu verspeisen oder seinen Kot kleinzumahlen und zu inhalieren. Abgesehen davon, dass ein infizierter Papagei die Zoohandlung wohl kaum lebend erreicht hätte - EU-weit gilt nämlich eine 30-tägige Quarantäne für importierte Vögel, sofern es sich nicht um Geflügel handelt.

Es kommt aber noch schlimmer in der - übrigens auch sonst für Faktentreue nicht eben berühmten - TV-"Sachsenklinik". TV-Professor Simonis tritt ernst vor die Fernsehserien-Presse (die seltsamerweise nur aus ein paar Lokalreportern mit Kugelschreiber besteht) und sagt "wie Sie wissen, ist die Übertragung von Mensch zu Mensch immer noch nicht ausgeschlossen." Diesen dramaturgischen Kunstgriff braucht es, damit der Heldenmut der Doktoren und Schwestern, die den kleinen Jonas und seinen Teddybär auf die Isolierstation begleiten, auch ausreichend deutlich wird. Draußen bangen die Verwandten.

Die verzweifelte Mutter - ein Muss

Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Das H5N1-Virus wird derzeit definitiv nicht von Mensch zu Mensch übertragen, die ziemlich routinemäßige Behandlung eines tatsächlich infizierten Menschen mit antiviralen Medikamenten wäre, was das persönliche Risiko angeht, etwa ebenso heldenhaft wie die Betreuung eines Menschen mit einem Armbruch. Aber eine Mutter, die vor der Glastür mit der großen roten Aufschrift "Zutritt verboten" steht und in Todesverachtung um Einlass fleht, kann ein Krankenhausserien-Drehbuch einfach nicht weglassen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

So wird aus einer faktisch unmöglichen Ansteckung und einer gezielten Verdrehung der Tatsachen ein Szenario wie in Wolfgang Petersens Seuchen-Thriller "Outbreak". Zum Glück geht dann am Ende alles doch gut aus, Jonas wird wieder gesund, und der ebenfalls fiebrige Opa litt nur an einer "empathischen Reaktion", hat sich also gar nicht angesteckt. Professor Simonis darf mit einem Gläschen Sekt in der Hand noch mal beruhigen: "Es ist überhaupt noch nicht erwiesen, dass die Vogelgrippe von Mensch zu Mensch übertragen werden kann." Tatsächlich ist erwiesen, dass das nicht möglich ist, aber das klänge nicht so schön nach "puh, noch mal Glück gehabt".

Späte Schadensbegrenzung durch den Virologen

Der Virologe Christian Jassoy von der Universität Leipzig hatte folgerichtig im an die Sendung anschließenden Chat alle Mühe, die geweckten Ängste wieder zu zerstreuen. Immer wieder wurde gefragt, ob sich die Vogelgrippe auf den Menschen übertragen kann, ob sie für Menschen "zwingend tödlich" ist, wie man "die Vogelgrippe von einer normalen Grippe unterscheiden kann". Der eine oder andere sorgte sich auch um Sittich oder Papagei im heimischen Käfig - all das wäre überflüssig gewesen, hätte man sich beim MDR an Fakten gehalten, statt das Thema emotional auszuschlachten. Da hilft auch eine vor und nach der Ausstrahlung eingeblendete Tafel mit dem Hinweis, dass es in Deutschland keine einzige H5N1-Infektion bei Menschen gibt, nichts.

Die Kunst hat keine Verpflichtung, sich an die Fakten zu halten. Sie darf, ebenso wie ihre kleine Schwester, die Unterhaltung, fabulieren, erfinden und verdrehen, wenn es der Sache dient. Das kann Schwierigkeiten verursachen - immer dann, wenn die Kunst sich der Realität allzu sehr nähert, zum Beispiel bei der Darstellung historischer Ereignisse - aber das muss das Publikum aushalten.

Anders verhält es sich, wenn ein Stück Fiktion ein Thema behandelt, das Menschen aktuell in Sorge, womöglich in Angst versetzt. Ein Thema, bei dem es klare wissenschaftliche Fakten auf der einen Seite und ein diffuses, medial angeheiztes Gefühl der Bedrohung auf der anderen Seite gibt. Nimmt sich Fiktion eines solch heißen Eisens an, darf man strengere Maßstäbe anlegen, weil die Gefahr einer nachträglichen Uminterpretation des Gesehenen von Fiktion in Faktum beim Publikum besteht.

Die Vogelgrippe-Folge der Krankenhausserie sei schon im November gedreht worden, erklärt Birthe Gogarten vom MDR, und damals sei das alles noch sehr weit weg gewesen. Sachlich falsch jedoch war das Drehbuch auch damals schon. Der MDR hätte gut daran getan, auf die Ausstrahlung zu verzichten - aber bei einem Marktanteil von 19,3% werden sich die Verantwortlichen im Nachhinein wohl noch bestätigt fühlen. Für den Rest der Republik bleibt die bedauerliche Tatsache, dass über sechseinhalb Millionen Menschen nicht nur ihre Zeit vergeudet haben, sondern fahrlässig in die Irre geführt wurden. (Anm. Dikigoros: Fahrlässig? Das glaubt C.S. doch wohl selber nicht - das war vorsätzlich! Schließlich sollten die fernsehkonsumierend*innen Untertanend*innen auf die für 2020 geplante Corona-Panhysterie eingestimmt werden! (Bei der dann niemand*in mehr zu sagen oder zu schreiben wagte, daß das alles nur Fiktion und "Panikmache" war - der/die/das wäre sofort ins KQ[uarantäne]Z[entrum] eingewiesen und mit dem mRNA-"Impf"-Stoff zu Tode gespritzt worden!)


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