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Die aus dem im Grunde gut gemeinten Code of Conduct hervorgegangene Political Correctness hat sich in Deutschland rasch zum Tugendterror entwickelt. Die selbsternannten «politisch Korrekten» wähnen sich im Besitz der alleinigen Wahrheit und verweigern deshalb jedes Recht auf Widerspruch. Dies gilt in erster Linie für die in Deutschland herausragenden Tabuthemen, die Martin Walser immer wieder aufzeigt: die nationalsozialistische Geschichte Deutschlands, die Frauen sowie die Ausländer. Und wenn man sich diesen Themen doch aufgeschlossen nähert, schlägt unbarmherzig die «Faschismuskeule» nieder - ein Begriff, den der Politologe Helmut Knütter (Anm. Dikigoros: vormals C3-Professor an der Universität Bonn) geprägt hat. Ist man mit diesem Totschlag-Argument als "Faschist", "Rassist" oder "Sexist" erfolgreich verunglimpft worden, wird man zum Aussätzigen degradiert, dem keine Gelegenheit mehr geboten wird, seinen Standpunkt darzustellen. Das Fatale an der Political Correctness ist, daß manche Auseinandersetzungen und Diskussionen von vornherein nicht oder nur in Form einer Diffamierungskampagne oder eines Schauprozesses stattfinden können. Dieses verordnete Denkverbot führt schliesslich zur Verkümmerung der Geistesfreiheit im ehemaligen Land der Denker. Politische Korrektheit erweist sich möglicherweise als Instrument der geistigen Gleichschaltung und stellt in der modernen Kulturgeschichte einen aussergewöhnlichen Präzedenzfall zensorischer Manipulation im Prozess der politischen Willensbildung dar. Angriff auf die DifferenzierungVerdeutlichen wir diese Manipulation anhand plastischer Beispiele: In Deutschland ist es seit geraumer Zeit aus vermeintlich antidiskriminierenden Gründen nicht mehr korrekt, von Zigeunern zu sprechen. Nur im Deutschen - und wirklich nur im Deutschen! - heisst es jetzt politisch korrekt «Roma und Sinti», wobei diese Bezeichnung inkorrekt ist, da es sich hierbei lediglich um die zwei Hauptstämme der Zigeuner handelt. (Anm. Dikigoros: Noch nichtmal das!) Im Grunde genommen ist die generalisierende Bezeichnung «Roma und Sinti» sogar rassistisch, da sie die kleineren Zigeunerstämme, wie z.B. die Lalleri, die Manusch, die Joneschti (Anm. Dikigoros: vormals "Jenischen"), die Polatschia, die Sikligars, die Boschi oder die Calé ignoriert und damit diskriminiert. Im Frühjahr 1996 gaben die Verantwortlichen des Evangelischen Missionswerkes in der eigenen Zeitung «Eine Welt» die Parole aus: "Menschenrechte für Menschenaffen!" Sie begründeten ihre Forderung damit, daß sich Mensch und Schimpansen genetisch kaum voneinander unterschieden. Der Theologe Martin Brückner schlußfolgerte daraus eine «unglaubliche Nähe» und meinte allen Ernstes, daß die Vorenthaltung der menschlichen Grundrechte den Affen gegenüber prinzipiell nichts anderes als Rassismus oder die Abwertung der Frau sei. Keine Idee scheint heute zu absurd, um nicht als neue und allgemeingültige Verhaltensmassregel eingeführt werden zu können. Lächerlichkeit und Unterminierung des Selbstwertgefühls sind der Preis.
Die direkte, in vielen deutschen Medien täglich zu erlebende Konsequenz der Durchsetzung politisch korrekter Verhaltensweisen ist die Bildung einer geschlechtslosen und aussagenschwachen Einheitssprache, hinter der nichts anderes als politisches Kalkül steht. Auf diese Weise avancierte der ursprüngliche "Fremdarbeiter" über den "Gastarbeiter" zum "ausländischen Arbeitnehmer" und "ausländischen Mitbürger" und wird heute endlich als Immigrant gehandelt. Der Lehrling wurde im Zuge der sozialistischen Gleichstellung ein Auszubildender, der allerdings rasch zum infantilen «Azubi» verkümmerte. Geradezu ein sozialer Shooting-Star wurde die Putzfrau, die nach der Raumpflegerin als Parkettkosmetikerin natürlich nicht mehr putzt, sondern sich nun der innenarchitektonischen Schönheitspflege widmet. Gegen Denkverbote ankämpfen
Insbesondere gegen Denkverbote in Wissenschaft, Forschung und Lehre gälte es heute anzukämpfen. Gerade auf diesen Gebieten verhindert die Political Correctness vielfach seriöses Agieren, da sie gewisse Forschungsvorhaben und Problemkonstellationen von vornherein tabuisiert und diese folglich nicht zu erforschen sind. Revisionismus in den Naturwissenschaften
An dieser Stelle scheint eine Grundsatzaussage über den Revisionismus angebracht, zumal er das Angriffsziel par excellence der politisch Korrekten darstellt. Man erinnert sich vielleicht noch an eine der vielen «historischen Tatsachen» dieses Jahrhunderts, die revidiert werden musste: Millionen von gottesfürchtigen Pilgern bestaunten noch bis vor wenigen Jahren in Turin das «Leichentuch Christi» - bis labortechnische Untersuchungen den Nachweis erbrachten, daß das Tuch aus dem Mittelalter stammt. Der Papst hat meines Wissens die mit den Untersuchungen
beauftragten Wissenschafter - Revisionisten! - weder exkommuniziert noch wurden ihnen unlautere Mittel vorgeworfen.
Denkbarrieren statt Diskussionen
Die Revisionisten pauschal als «Rechtsextreme» zu diffamieren, hat weder mit einer sachlichen Bewertung ihrer Arbeit noch mit einer notwendigen und kritischen Auseinandersetzung innerhalb der Wissenschaft und Forschung zu tun, sondern ist ausschliesslich politisch motiviert. Das Motto ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: «Mache deine politischen Gegner verächtlich, anstatt sie mit Gegenargumenten zu respektieren, und etabliere so - als dann einzige ernstzunehmende Kraft - deine Positionen in einem breiten Spektrum.» Auf der Strecke bleibt dabei freilich die oft beschworene demokratische Grundordnung, in der eine freie politische Willensbildung garantiert wird. Der ehemalige Verteidiger von RAF-Terroristen, Rechtsanwalt Horst Mahler, meinte unlängst: «Nach französischen Untersuchungen soll es zurzeit in Deutschland mehr politische Gefangene als in der DDR im Jahr vor ihrem Zusammenbruch geben.» Dieser Umstand ist ein erschreckender Indikator für die in diesem Lande praktizierte Meinungsfreiheit. *Vom Autor ist erschienen: Sind Gedanken noch frei? Zensur in Deutschland. München, Universitas 1998. [2. erw. Auflage 2001] weiter zu Die Zensurindustrie und ihre Handlanger weiter zu Zensur macht glücklich zurück zu Reisen durch die Vergangenheit |