Grußwort


von Herrn Staatssekretär Michael Sieber


anlässlich der Verleihung des Reuchlin-
      Preises der Stadt Pforzheim


                   an

Frau Prof. Dr. Dr. Annemarie Schimmel


    am Samstag, den 28. April 2001


      im Stadttheater Pforzheim


      Es gilt das gesprochene Wort!


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Anrede,

in Deutschland leben nach realistischen
Schätzungen mehr als drei Millionen Mos-
lems. Zu dieser großen Zahl muslimischer
Mitbürgerinnen und Mitbürger steht leider
das Wissen über den Islam in keinem guten
Verhältnis. Dieses Wissensdefizit ist einer
der Gründe dafür, dass man zum Beispiel das
Zusammenleben zwischen Deutschen und
Türken immer noch eher als ein Nebeneinan-
der denn als ein Miteinander beschreiben
muss.

Zu den deutschen Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern, die am meisten dazu bei-
getragen haben, unser Wissen über den Islam
zu vergrößern, gehören ganz zweifellos Sie,
verehrte Frau Professor Schimmel. Wer Ihre
Arbeiten gelesen hat, wird vor manchem
Vorurteil über den Islam geschützt sein. Die-
ser wird heute allzu oft und einseitig mit
Fundamentalismus und Extremismus gleich-
gesetzt. Natürlich kann das einer Religion
nicht gerecht werden, die eine große Breite
von Strömungen vereinigt und in der Werte
wie Gastfreundschaft oder die ethische Ver-
pflichtung gegenüber dem Mitmenschen eine
große Bedeutung haben. Darauf haben Sie,
liebe Frau Schimmel, uns immer wieder auf-
merksam gemacht.


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Der Oberbürgermeister hat zitiert, mit wel-
cher Begründung die Heidelberger Akademie
der Wissenschaften Annemarie Schimmel für
den Reuchlin-Preis 2001 vorgeschlagen hat.
Diese Gründe sind so überzeugend, dass ich
mich auf drei Punkte beschränken möchte ­
solche allerdings, die mir persönlich beson-
ders wichtig sind.

Erstens ehren wir heute eine Geisteswissen-
schaftlerin, die eine beeindruckende akade-
mische Karriere absolviert hat, wie zahlreiche
Publikationen und Preise ­ besonders natür-
lich der Friedenspreis des Deutschen Buch-
handels ­ belegen. Eine Karriere unter oft
schwierigen Bedingungen, die ­ ebenso wie
Ihre Veröffentlichungen ­ geeignet ist, Vor-
urteile zu widerlegen. Sie haben in einem In-
terview darauf hingewiesen, dass Sie Ihre
erste Berufung, im Jahr 1954, auf einen Lehr-
stuhl in der Türkei erhalten haben. Und das
nicht nur als  nichtmuslimische, junge, blon-
de Frau", sondern auch zu einer Zeit, als es in
Deutschland noch kaum Frauen auf Univer-
sitätslehrstühlen gab. Übrigens ist uns die
Türkei auch noch heute in diesem Punkt weit
voraus: Wussten Sie, dass es dort mit 25 %
den höchsten Anteil von Frauen auf
Universitätslehrstühlen gibt? In Deutschland
sind es gerade einmal um die 10 %.



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Zweitens scheint mir bemerkenswert, dass es
Ihnen immer wieder gelungen ist, das Ver-
bindende zwischen den Religionen, beson-
ders zwischen dem mystischen Denken in
den verschiedenen Religionen herauszuar-
beiten. Es gibt dazu einen schönen Satz bei
Mahatma Gandhi gefunden:
 Die Religionen sind verschiedene Wege,
die im gleichen Punkt münden. Was macht
es, dass wir verschiedene Wege gehen, wenn
wir nur das gleiche Ziel erreichen?"

Drittens sind Sie deshalb eine ausgezeichnete
Wahl für den Reuchlin-Preis, weil es vieles
gibt, was Sie mit Johannes Reuchlin verbin-
det:
*  Wie Reuchlin haben auch Sie sich dem
  Studium einer nicht-christlichen Religion
  gewidmet. Bei Reuchlin war es das Juden-
  tum und besonders die Kabbala, bei Ihnen
  der Islam und besonders der Sufismus. Das
  besondere Interesse galt also in beiden
  Fällen den mystischen Strömungen inner-
  halb der jeweiligen Religion.
*  Und natürlich darf bei der Verleihung eines
  Preises, der nach einem Humanisten be-
  nannt ist, daran erinnert werden: Sie, Frau
  Schimmel, haben darauf aufmerksam ge-
  macht, dass das Humanistische auch im
  Islam seinen Platz hat ­ mit dem Hinweis
  nämlich auf das  Gefühl der allumfassen-


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  den Menschlichkeit", das im Koran und in
  dessen Interpretationen durch die Sufis
  vermittelt werde.

Meine Damen und Herren,
der Reuchlin-Preis belegt, dass Pforzheim das
Erbe des berühmten Bürgers pflegt. Dafür
danke ich der Stadt. Dank auch der Reuchlin-
Forschungsstelle, die gemeinsam von der
Stadt und der Heidelberger Akademie der
Wissenschaften getragen wird.

Zwei neue Projekte halte ich für sehr interes-
sant:
*  Auf Initiative der Stadt Pforzheim sollen in
  Kooperation mit der Badischen Landesbib-
  liothek Texte von Johannes Reuchlin digi-
  talisiert und ins Internet eingestellt werden.
*  Außerdem plant die Stadt, die Reuchlin-
  kammer wiederherzustellen, in der vor dem
  zweiten Weltkrieg die Reuchlinbibliothek
  untergebracht war.

Ich wünsche beiden Projekten viel Erfolg.

Verehrte Frau Schimmel, wir alle und das
Land Baden-Württemberg gratulieren Ihnen
herzlich zum Reuchlin-Preis. Wir danken für
das Beispiel in dieser Zeit. Wir erwarten noch
viel von Ihnen!