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Der Vorwurf der Blasphemie wird heutzutage von den Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen gegen die gottlosen Atheisten des aufklärerischen, verderbten Westen erhoben. Gotteslästerei, Blasphemie wird als Beleidigung Gottes und damit auch als Beleidigung der gottesfürchtigen Gläubigen gesehen und geahndet. Die Fatwa gegen Salman Rushdie ist nur das krasseste Beispiel in unserer Zeit. (Anm. Dikigoros: Oh wei, da tritt die junge Studentin gleich kräftig ins Fettnäpfchen: "Fatwa" ist nicht weiblich, sondern männlich - solche Klopse sprechen nicht gerade für übergroße Sachkompetenz!) Dabei unterschlagen die Fundamentalisten sehr geschickt, daß ihre Position nicht nur von den "Gottlosen" angegriffen wird, sondern meist auch von den Frömmsten der Frommen, den Mystikern. Gerade die tiefreligiösen Mystiker haben immer Anstoß bei ihren Glaubensgenossen erregt (und ich bin sicher: lebten und lehrten sie heute, die Fundamentalisten würden sie schlimmer als Salman Rushdie verfolgen!) Leider hat dies auch Frau Schimmel vergessen, wenn sie die verletzten religiösen Gefühle der Muslime beklagt. Dann argumentiert sie aus dem Geist des Fundamentalismus und des religiösen Establishments, aber nicht aus dem Geist der von ihr sonst so geliebten Mystiker. Was also hat Dschalaleddin Rumi, der große Mystiker des Islam unter vergleichbaren Umständen gesagt und gelehrt? Ich zitiere jetzt durchgängig aus Annemarie Schimmels Buch über Dschalaleddin Rumi, einen der größten Mystiker des Islam. Rumi lebte zur Zeit der Niederlagen gegen die "heidnischen" Mongolen. Als die Seldschuken die Mongolenherrschaft anerkennen mußten, wurde auch sein Leben völlig verändert. Fluchte er den heidnischen Eroberern, rief er zum Kampf gegen die Unterdrücker auf? Er sprach: (S. 17) und: S.26 Rumi weiter (S. 113) weiter S. 86: S. 96 Frau Schimmel selbst: "In seiner neuerwachten Liebe begreift er [der Mensch], daß Gott die Quelle alles Geschaffenen, der Ursprung jeder Handlung ist." Rumi: Macht er mich zum Dolche, so werd' ich ein Dolch; Macht er mich zur Quelle, so gebe ich Wasser; Macht er mich zu Feuer, so schenke ich Glut; Macht er mich zum Regen, so bringe ich Ernte; Macht er mich zur Nadel, so stech' ich in den Leib; Macht er mich zur Schlange, so spritze ich Gift aus; Macht er mich zum Freunde, so diene ich ihm..." Würde er angesichts der Fatwa nicht sagen: Die Mystiker aller Glaubensrichtungen - und auch Rumi - sehen noch im Niedrigsten und Verächtlichsten das Wirken Gottes - also auch die Lästerung und den Lästerer als Werkzeug Gottes. S. 29 Zitat von Rumi: Schimmel S. 80 ff.:
Das, was man nie erdacht, das wird Er geben.' Mit Erstaunen sieht der Betrachter, daß Gift für die Schlange ein Teil
ihrer Stärke ist, während es für andere Wesen tödlich wirkt. "Der Mensch wird nie verstehen, wie alle diese Gegensätze Gottes Lob verkünden können; er steht verwirrt und verstört vor dem Spiel der Schöpfermacht. Erst wenn er zur Schau des göttlichen Geliebten gelangt ist, sieht er, daß in der göttlichen Vollkommenheit, kamal, die auf dem irdischen Plan widerstreitend scheinenden Attribute und Manifestationen in eines zusammenfallen. Goethes Wort:
Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn' S. 41: Erinnert er damit nicht an Jesus, dem man die unheilige Gemeinschaft mit Huren und Zöllnern übelnahm? Hätte Frau Schimmel doch bei Rumi etwas gelesen, bevor sie die Tränen der Gläubigen mitbeweint. Denn dann hätte sie Rushdie keine Vorhaltungen gemacht, sondern wie Rumi die weinenden Gläubigen getröstet - und an das Beste ihres Glaubens erinnert: S. 132 Rumi
Im Herzen, wenn die Zeit des Kummers kommt." S. 135
Und was ist das Ziel: - nicht die Verfolgung der Ungläubigen oder Lästerer, sondern:
Es ist: sich vor dem Einen zu verbrennen!" und:
Was kein Gedanken fassen kann, ist Gott." Und würde Rumi zur Fatwa sich nicht selbst zitieren: (S. 162/3)
Er wollte Nutzen; ich hielt's für Zerstörung. Wie manch Gebet ist zum Verlust und Schaden - Der reine Gott erhört es nicht aus Gnaden." Gerade weil die Mystiker (aller Glaubensrichtungen) selbst die niedrigsten und "verachtenswertesten" Dinge noch lieben und bejahen und selbst in dem Wirken der Feinde der Gläubigen und in der Lästerung Gottes noch Gottes Liebe erkennen können, wurden viele von ihnen zu Lebzeiten als Abweichler und Ketzer verfolgt (ihre Anhänger machten sie später zu Heiligen und Religionsstiftern) - oder man belächelte sie als Narren, die man nicht ernstzunehmen braucht. Im Christentum sind die besten Beispiele für beide Spielarten Franz von
Assisi und Meister Eckehart. Beide sprechen - wie alle Mystiker - aus
der unmittelbaren eigenen Gottesschau und gehen über die Bilder und Lehren der
Bibel und der kirchlichen Dogmata weit hinaus. Franz von Assisi wird geliebt -
und belächelt, wenn er den Tieren predigt. Denn er erkennt in ihnen die
göttliche Gegenwart ebenso wie in jedem Menschen - und auch in der "unbelebten"
Materie. Nur deshalb kann er von Bruder Sonne und Schwester Mond sprechen. Seine
Predigten und Bilder strahlen unmittelbar die Liebe aus, die ihn ganz erfüllte.
Er setzt seine Schau in poetische Bilder um, greift aber die kirchlichen Lehren
nicht direkt an. Darum konnte er von der Kirche integriert werden. Anders mit
Eckehart, der als Ketzer angeklagt und verfolgt wurde. Denn er spricht nicht nur
in Bildern - er argumentiert und schlußfolgert, und dies in ganz anderer Weise
als die offizielle Kirche. Er begibt sich auf der Ebene der gelehrten Diskussion
und wird damit für die Kirche gefährlich. Denn er wollte "mehr wissen als nötig
war". Man warf ihm vor, sein Ohr von der Wahrheit abzukehren und sich
Erdichtungen zuzuwenden. In der Bulle von Papst Johannes XXII. vom 27.
März 1329 wird dies so begründet: Folgende Sätze Meister Eckeharts sind mit dem Bannfluch belegt worden:
Zwei andere Beispiele, diesmal aus dem Zen-Buddhismus. Man könnte die Zen-Meister auch die göttlichen Narren des Buddhismus nennen. Der Kaiser von China fragte Bodhidharma: "Was ist der höchste Sinn der heiligen Wahrheit?" Bodhidarma: "Offene Weite - nichts von heilig."
Und Tozan, befragt: "Was ist Buddha?" antwortete "Eine Handvoll Hanf", und auf die gleiche Frage sagte Umnon: "Ein Scheißstock!" (Für uns heute: ein benutztes Stück Toilettenpapier!)" Das Anstößige der Mystiker liegt darin, daß sie nicht ausgrenzen und nicht unterscheiden - nicht zwischen heilig und unheilig, nicht zwischen Gotteslob und Gotteslästerung. Denn in der Erfahrung der Einheit mit Gott und dem Ganzen ist nichts vom Göttlichen getrennt oder ausgeschlossen. Schleiermacher (denn auch die Romantiker kann man unter die Mystiker zählen) drückt es so aus: (Zitiert aus "Friedrich Schleiermacher "Über die Religion - Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern", Verlag Philipp Reclam jun. , Stuttgart (S. 44 und 45) zurück zu Annemarie Schimmel - das weibliche im Islam heim zu Wenn Frauen eine Reise tun... |