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Ayna* (1. April 2107): Neu-Ankara - In seinem letzten Zusammentreffen hat das EU-Parlament in Brüssel noch einmal ausdrücklich bekräftigt, daß die deutsche Regierung, deren provisorischer Sitz in Schwerin (ehemals Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern) ist, das Existenzrecht des Staates Neutürkei bedingungslos anerkennen muß. Sollte die deutsche Regierung unter der Führung der Republikaner weiterhin darauf beharren, die Neutürkei nicht anzuerkennen, so müsse Deutschland schlimmstenfalls mit einem Ausschluß aus der Europäischen Union rechnen, deren Gründungsmitglied sie einst war, zur Zeit jedoch suspendiert ist. Vor allem das EU-Land Türkei plädiert lautstark für einen Ausschluß Deutschlands aus der EU. Mitte des 21. Jahrhunderts eskalierten die Straßenschlachten zu gegenseitigen Pogromen und Terroranschlägen. Es drohte ein Bürgerkrieg auszubrechen. Zu diesem Zeitpunkt bildeten die Menschen mit Migrationsabstammung die knappe Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, die meisten davon mit muslimischem Hintergrund, da die deutsche Bevölkerung infolge zunehmender Geburtendefizite immer weiter zurückgegangen war. Dies spiegelte sich auch im Bundestag wider: Parteien mit Migrationshintergrund kamen an die Regierung und schlossen Koalitionen nur noch untereinander, während Parteien, die hauptsächlich von deutschstämmigen Politikern vertreten wurden, in die Opposition gedrängt wurden. Es wurden stimmen laut, Deutschland zu teilen. Türkischstämmige Politiker forderten im Westen Deutschlands, wo die Bevölkerungsgruppe mit Migrationsabstammung am stärksten vertreten war, einen eigenen Staat für diese Bevölkerungsgruppe, da nach ihrer Sicht ein friedliches Zusammenleben zwischen Menschen mit deutscher Abstammung und Menschen mit Migrationsabstammung auf die Dauer nicht mehr möglich war. Da Deutschland nicht mehr im Stande war, seinen Konflikt zwischen Deutschstämmigen und Migrationsstämmigen eigenständig zu lösen, wurde im Jahre 2047 der UN-Sicherheitsrat angerufen, welche nach Lage der Dinge ebenfalls für eine Teilung Deutschlands war. Gemäß dem UN-Teilungsplan sollten Teile Westdeutschlands und Süddeutschlands den Migranten überlassen werden. Nach einem bundesweiten Volksentscheid stimmte die Mehrheit der Migranten dem zu. Die deutschstämmige Bevölkerung hingegen boykottierte mehrheitlich die Teilnahme an diesem Volksentscheid, weil sie sich darin benachteiligt sah. Begründet wurde dies damit, daß unwirtlich gewordene Gebiete im Osten Deutschlands an sie vergeben werden sollten. Als am 14. Mai 2048 im Bundestag die Regierung, angeführt von der rechtslastigen Türkischen Volkspartei, den Staat „Republik Neutürkei“ ausrief, kam es zum Krieg. Türkischsstämmige Soldaten der Bundeswehr bekämpften ihre deutschstämmigen Kameraden, wobei türkische Milizen im westlichen Deutschland sich den Kämpfen anschlossen. Durch die größere Opferbereitschaft der türkischen Seite gerieten binnen kurzer Zeit Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg, Hamburg, Bremen (außer Bremerhaven) und der westliche Teil Berlins unter türkische Kontrolle. Die große Mehrheit der deutschstämmigen Bevölkerung in diesen Bundesländern flüchtete oder wurde ins verbliebene Gebiet der Bundesrepublik Deutschland vertrieben. Dafür aber flüchtete die Mehrheit der Bevölkerung mit Migrantionshintergrund (vorwiegend Muslime) im verbliebenen Deutschland ins Staatsgebiet der jungen Neutürkei, das international anerkannt wurde. Die Länder der Europäischen Union enthielten sich zunächst, einzig die Türkei erkannte als erstes EU-Land den neuen Staat auf Mitteleuropa sofort an. Da das Reichstagsgebäude nun auf der türkischen Seite Berlins lag, mußte der verbliebene deutsche Staat seinen Regierungssitz ins östliche Teil Berlins verlegen. Im Staatsgebiet der Neutürkei wurde Frankfurt in Istiklalfurt** umbenannt und – aufgrund seiner zentralen Lage – zur Hauptstadt der jungen Republik gemacht. Nur noch 20% der Bevölkerung im Staatsgebiet der Neutürkei sind heute deutschstämmig, weitere 20% bilden Migrationsstämmige nichtmuslimischer Herkunft und die übrigen 60% Muslime (40% Türken, 18 % andere, 2% deutschstämmige Muslime), wöhrend im Gebiet des verbliebenen Deutschlands die heutige Bevölkerung zu 80% deutscher Abstammung und 20% anderer Abstammung (nur 2% Türken) sind. Beide Staaten – sowohl Deutschland als auch die junge Neutürkei – hatten nun ein Flüchtlingsproblem. Die Bevölkerung der jeweiligen Minderheit wurde schikaniert. Die einzige noch intakte Moschee im östlichen Berlin im Stadtteil Heinersdorf, das einst der Ahmadiyya Muslim Jamaat gehörte, jedoch aufgrund der Sezession aufgegeben wurde, und danach von den wenigen verbliebenen Muslimen im östlichen Berlin genutzt wurde, wurde nach einem Brandanschlag schwer beschädigt. Deutsche innerhalb der Neutürkei wurden vom Wehrdienst ausgeschlossen. Die Neutürkei entzog Deutschen, welche ins verbliebene Deutschland geflüchtet waren, das Rückkehrrecht. Die Tatsache, daß der Widerstand der Deutschen Befreiungsorganisation gegen die neutürkische Besatzung die Lage der deutschen Bevölkerung im besetzten Deutschland nicht verbesserte sowie die weit verbreitete Armut in deutschen Flüchtlingslagern führten 2087 schließlich zu einem großen Aufstand der deutschen Bevölkerung im besetzten Deutschland. Auslöser war der Zusammenstoß eines neutürkischen Militärlastwagens mit zwei deutschen Taxis am 8. Dezember jenes Jahres. Die radikalislamkritische Untergrundorganisation Station Dreizehn verübte terroristische Anschläge in Städten der Neutürkei. Ein fanatischer Anhänger jener Untergrundorganisation erschoß am 24. Februar 2094 in Hamkale in der Imam Ali Moschee mit einem Maschinengewehr 29 betende Muslime, anschließend wurde er selbst getötet. Anfang der 2090er Jahre kam es zu Verhandlungen zwischen der Deutschen Befreiungsorganisation und der neutürkischen Regierung. In der norwegischen Hauptstadt Oslo wurde 2093 ein Abkommen unterzeichnet, in welchem den Deutschen die Räumung Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins zugesichert wurde. Die übrigen besetzten Gebiete Deutschlands sollten nach und nach geräumt werden, und Deutschland sollte den östlichen Teil Neu-Ankaras unter dem deutschen Namen der Stadt, nämlich Berlin, als seine Hauptstadt verwalten. Bis dahin hat die deutsche Regierung ihren Sitz provisorisch nach Schwerin verlegt. Dennoch kam die Region nicht zur Ruhe. Militante Deutsche u.a. die Republikaner verübten weiterhin Anschläge in der Neutürkei und leisteten vor allem im Saarland erbitterten Widerstand gegen neutürkische Besatzungstruppen, dass diese sich schließlich am 24. Mai 2100 vollständig aus dem Saarland zurückzogen. Als der Chef der neutürkischen Arbeiterpartei, Ali Akgün-Müller, der für die Massaker an der deutschen Bevölkerung im Saarland 2082 verantwortlich gemacht wird, im September 2100 den Dom in Kolonya***** (ehemals Köln), das einzig noch intakte römisch-katholische Gotteshaus in der Stadt, besuchte, löste dies einen erneuten Großaufstand innerhalb der besetzten Gebiete Deutschlands aus, bei dem bis heute Tausende ums Leben kamen. 2103 begann die Neutürkei Sperranlagen an der Grenze zu Deutschland zu bauen, um den anhaltenden Terroranschlägen deutscher Extremisten vorzubeugen. Kritiker bemängeln, daß die Neutürkei tief auf deutschem Gebiet jene Sperranlagen errichtet. Die deutsche Regierung in Schwerin wirft der Neutürkei mit ihrem Tun Landraub vor.
Als im Juli 2106 deutsche Extremisten im Grenzgebiet zwischen dem deutschen Saarland und der Neutürkei zwei neutürkische Soldaten entführten, rückten neutürkische Streitkräfte erneut ins Saarland ein, wobei tausende Zivilisten ums Leben kamen. Deutsche Extremisten im Saarland antworteten darauf mit verstärktem Raketenbeschuß auf neutürkisches Gebiet bis nach Manizkent (ehemals Mainz), wobei dutzende neutürkische Zivilisten ums Leben kamen. Das Vorgehen der Neutürkei im Saarland löste internationale Proteste aus. Die EU-Staaten bekräftigten, daß die Neutürkei das Recht hat, sich gegen ihre Angreifer zu verteidigen, welche ihr das Existenzrecht absprechen, riefen die Neutürkei aber gleichzeitig zur Verhältnismäßigkeit auf. Die Neutürkei verteidigte ihr Handeln damit, daß deutsche Extremisten seit Jahren vom Saarland aus neutürkisches Gebiet mit Raketen beschössen. Durch internationales Eingreifen ins Geschehen wurde beschlossen, daß das Grenzgebiet Saarlands zur Neutürkei durch internationale Truppen kontrolliert werden soll. Die Republikaner, welche am 25. Januar 2106 an den Bundestagswahlen teilgenommen und die absolute Mehrheit gewonnen hatten, wurden nach ihrer Regierungsbildung von der neutürkischen Regierung und von der EU niemals anerkannt, da die Republikaner das Existenzrecht der Republik Neutürkei nicht anerkannten und in ihrer Satzung die Vernichtung des Staates Neutürkei geschrieben steht. Da die Republikaner-Regierung Deutschlands dies verweigerte, wurde Deutschland aus der EU suspendiert. Da keine Einigkeit zwischen der eher gemäßigten Oppositionspartei CDU (welche das Existenzrecht der Neutürkei bereits anerkannt hatte) und der radikalen Republikaner herrschte, kam es innerhalb Deutschlands zu Straßenkämpfen zwischen Anhängern der CDU und der Republikaner. Der Streit wurde Anfang 2107 in Genf beigelegt und es wurde eine gemeinsame Regierung zwischen der CDU und den Republikanern gebildet. Allerdings wurde nicht darüber gesprochen, ob die Republikaner das Existenzrecht der Neutürkei nun anerkennen sollten. Die neue deutsche Regierung wurde seitens der Neutürkei und der EU wiederum nicht anerkannt. Am 1. Januar 2107 trat die Neutürkei der Europäischen Union bei. Dies ist der Grund, warum die EU noch einmal Druck auf die Republikaner in der deutschen Regierung ausübt, damit diese das Existenzrecht des neuen EU-Mitglieds Neutürkei ausdrücklich anerkennen, ansonsten Deutschland von einem Ausschluß aus der EU rechnen muß. Anmerkungen: Nachbemerkung: zurück zu Auf der Fährte des Grauwolfs zurück zu Reisen, die Geschichte[n] machten heim zu Reisen durch die Vergangenheit |