Liebe Gemeinde,
der gestrige Tag – Silvester – war der Tag, an dem viele Menschen Rückblick über das vergangene Jahr gehalten haben. Rückblick über das, was gewesen ist, was es an guten oder schlechten Nachrichten so gegeben hat und über das, was sie selbst getan oder versäumt haben. Das Gelingen oder Misslingen unseres Lebens im zurückliegenden Jahr bestimmt auf gewisse Weise auch die Vorausschau, die wir am Anfang eines Jahres gerne vornehmen. Mit der Vorausschau kommen auch alle guten Vorsätze zum Vorschein, die wir so oft an den Anfang eines Neuen Jahres stellen. Es melden sich aber auch alle Ängste und Unsicherheiten, gerade in Zeiten der Veränderungen und Neuerungen die uns im Neuen Jahr erwarten. Was uns in den Umbrüchen unserer Zeit jedoch bleibt, ist die Erfahrung, dass nicht nur wir planen, sondern dass Gott uns entgegen kommt immer noch einmal anders, als wir es uns denken. Und das betrifft auch sein eigenes Sein. Denn Gott ist für uns Menschen nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter, nicht nur der Ewige, sonder gleichermaßen die Ewige. Er vereint in sich alle Seinsformen.
Mit diesem Wissen lesen wir einen Text in der neuen Bibelübersetzung, der im Buch der Sprüche mehrere Weisheiten aneinander reiht. Ich lese im 16. Kapitel die Verse 1 – 9:
1 Die Menschen überlegen sich etwas im Herzen, die Antwort der Zunge kommt von der Ewigen. —
2 Den Menschen erscheint ihre Lebensweise fehlerlos, die Ewige aber prüft ihren Geist. —
3 Überlass der Ewigen, was du tust, so werden deine Vorhaben Bestand haben. —
4 Alles hat die Ewige mit Sinn und Zweck erschaffen - selbst die Ungerechten für den Tag des Unheils. —
5 Die Überheblichen sind der Ewigen ein Graus; sie werden mit Sicherheit nicht ungestraft bleiben. —
6 Mit Güte und Verlässlichkeit wird eine Verfehlung wieder gut gemacht, die Ewige zu ehren und zu achten führt vom Bösen weg. —
7 Wenn der Ewigen der Lebenswandel eines Menschen gefällt, dann schließen selbst die Frieden mit diesem Menschen, die ihm feindlich gegenüberstanden. —
8 Besser wenig mit Gerechtigkeit, als große Geschäfte ohne Recht. —
9 Die Menschen planen ihren Weg mit Verstand; die Ewige ist es, die ihre Schritte lenkt.
All diese Sprüche sind wie ein Fahrplan ins Neue Jahr. Der Abfahrtstermin steht fest: Heute, 1. Januar 2007. Unserer Planung fehlen nur noch die genauen Angaben zum Streckenverlauf. Wir planen zwar, setzen uns Ziele, wollen vieles erreichen. Manche Ziele jedoch werden sich erst im Laufe unserer Fahrt entwickeln, auch wenn es darunter einige Zwischenstopps gibt, die wir schon zu kennen glauben. Manche Planung unseres Lebens entsteht jedoch oft genug unter einem falschen Blickwinkel. Von daher sind wir aufgerufen, unser Tun letztlich mit Gott abzustimmen, auf unsere innere Stimme zu hören, auf die Impulse, die der Geist Gottes uns schenkt. Denn nur Gott kann die Differenz zwischen unserer Absicht und dem, was bei unserem Handeln herauskommt aufheben. Darüber hinaus prüft Gott als der und die Ewige selbst, welcher Geist hinter unseren Planungen steht, und aus welcher Motivation heraus unser Handeln geschieht. Von daher können wir nur in einer Haltung des Vertrauens ernsthaft handeln.
Die Sprüche unseres „Fahrplanes“ zeigen einige Lebensbereiche, Verhaltensweisen oder Eigenschaften auf, für die es hilfreich ist, Gottes Auffassung dazu mitzudenken.
Denn wer meint, er könne die Regeln des Lebens selbst festsetzen, dem misslingt sein Leben. Gott hat uns Menschen von daher in eine Gemeinschaft gestellt, in der nicht jeder nur auf das Seine sondern auch auf das Wohl des Anderen achten soll. So ist das Neue Jahr für uns persönlich oder als Gemeinde eine neue Chance, andere an unseren Begabungen oder Fertigkeiten teilhaben zu lassen. Denn dies wird unsere Fahrt interessanter und abwechslungsreicher gestalten, als wenn wir immer nur für uns selbst denken und handeln. Außerdem werden wir selbst dadurch reich beschenkt werden.
Und wir wissen, dass Gott selbst uns auf unserer Fahrt begleitet. Er trägt uns nicht nach, wenn wir an den falschen Stellen anhalten, oder aussteigen. Nein, stets hält er uns die Tür offen, wieder auf seinen Zug aufzuspringen und die Fahrt mit ihm und den zu uns gehörenden Menschen fortzusetzen.
In besonderer Weise trifft dieses auch auf die immer wieder gestörte Beziehung zwischen Gott und uns Menschen zu. Gott wurde und wird immer wieder von uns Menschen enttäuscht und dennoch geht er immer wieder auf uns zu. Durch seine Gebote bekommen wir alle Hilfe, damit unser Leben gelingt. Und immer wieder hören wir von Gott tröstende und Hoffnung machende Worte. Deshalb können wir immer wieder neue Kraft finden und neu anfangen, egal wie oft wir scheitern. Dafür steht das Kommen Jesu, von dem wir an Weihnachten berichten und der Sieg über den Tod, den wir an Ostern feiern. Am Ende siegt nie die Schuld, das Böse oder der Tod, sondern das Leben. Und das Leben kommt nicht, indem wir die Bösen hinrichten – wie beispielsweise Saddam Hussein am 30. Dezember - und dadurch meinen, den bedrohten Menschen eine bessere Zukunft zu schenken. Nein: Allein das Leben des Auferstandenen, sein Sieg über den Tod, schenkt uns eine sichere und bessere Zukunft, als wir Menschen sie uns je ausdenken können. Denn Gottes Güte, seine Verlässlichkeit und Treue sind stärker als alles, was uns von ihm trennt.
Deshalb können wir Gott ehren und achten und wieder eine Grundhaltung des Staunens, des sich Öffnens Gott gegenüber einnehmen und sich von ihm beschenken lassen. Denn daraus wächst dann die Haltung „die Ewige zu ehren und zu achten.“ Es geht dabei um die Anerkennung Gottes als den Lenker, die Beschützerin, den Bewahrer unserer Erde. Einem solchen Gott sich anzuvertrauen ist weise, und es ist gut und richtig mit ihm den Weg durch unser Leben zu gehen. Und sicher hilft der Blick auf ihn und seine Wegweisung auch, das Böse zu meiden. Mit Gottes Hilfe kann unser Umgang mit anderen von Güte und Verlässlichkeit bestimmt sein, weil uns bewusst ist, dass wir selbst aus Gottes Güte und Treue heraus leben.
Dann ist uns bewusst, dass „Wir Menschen unseren Weg mit Verstand planen; aber die Ewige unsere Schritte lenkt.“
Das Wissen um das Lenken der Ewigen ist kein Eingriff in unsere Freiheit, sondern Geschenk. Wir bleiben nicht uns selbst überlassen! Im Gegenteil: Gott hilft, Gefahren zu überstehen, ER bleibt auf allen Wegen bei uns. Auch auf dem Weg durch die Finsternis von Gewalt, Krankheit, Not und Tod. Wenn wir darauf vertrauen, und darauf dass Gott unsere Schritte lenkt, dürfen wir uns geborgen und sicher fühlen, wie ein Kind bei Vater und Mutter.
In diesem Allumfassenden ist jede und jeder Einzelne in seiner Einzigartigkeit einbezogen. Nur deshalb kann unser Leben gelingen: In einer Welt, die sich dem Glück des Menschen nicht versagt, sondern die dieses Glück befördert. Diese Welt aber ist in Gottes Hand. Von daher erwarten wir von IHM solches Gelingen und verdanken es IHM auch.
Von daher können wir mit dem Dichter Eduard Mörike sagen:
»In Ihm sei’s begonnen, der Monde und Sonnen
an blauen Gezelten des Himmels bewegt!
Du, Vater, du rate, lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt«.
Amen.