Liebe Gemeinde,
Wer singt, betet doppelt! Kaum ein Satz hat mich in den zurückliegenden Jahren so beschäftigt, wie dieser des Kirchenvaters Augustinus. Denn bis heute begleitet mich die Musik in vielen Stunden meines Lebens.
Die fröhlichen Stunden haben ein anderes Gesicht, als die traurigen, doch so verschieden diese Stunden auch sind, alle ihre Gefühle finde ich in der Musik wieder und somit ist sie es, die mich am besten trösten kann. In ihr spüre ich meine Zweifel genauso deutlich, wie meine Hoffnung und neu aufkeimendes Vertrauen. Selbst in den schwersten Stunden steigen in mir nach einiger Zeit wieder Lieder auf, die mich durch ihre Melodien und Texte aufrichten.
Es wohnt der Musik ein Geheimnis inne, das nur schwer in Worten Ausdruck finden kann. Dieses Wissen und Ahnen ist uraltes Wissen und Ahnen unserer Vorfahren. Die Hebräer drücken dies schon in ihrer Sprache aus, denn in der hebräischen Sprache wird für Kehle und Seele das selbe Wort benutzt.
Wir könnten demzufolge den Beginn des Lobgesangs der Maria: "Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes" auch folgendermaßen übersetzen: "Meine Kehle singt, erhebt, lobt den Herrn!" Bewegen wir in unserer Kehle die Stimmbänder, spricht - genauer - singt auch unsere Seele. Umgekehrt klingen Worte, die aus der Tiefe unserer Seele kommen, wie eine Melodie.
Sie denken jetzt vielleicht, Sie könnten nicht singen, dieser Gedanke ändert jedoch nichts an der Größe des Sängers in Ihnen!!
Die Stimme ist zum Singen geschaffen, zum Lobpreis Gottes und zur Heilung. Singen bewirkt etwas in den Menschen und auch im Sänger selbst vollzieht sich heilsame Kraft. Wer wüßte nicht, wieviel heilsames von einer singenden Mutter auf ihr Kind übergeht. Sie läßt ihr Kind teilhaben an ihren Gefühlen und Träumen, an Vergnüglichem, wie an Nachdenklichem und das Kind spürt genauestens, was in ihr vorgeht, selbst wenn es die Worte noch nicht verstandesgemäß erfassen kann.
Ein Gedicht von Anne Steinwart bringt dies für mich sehr gut zum Ausdruck:
"Trauriges Vogellied - Überall gewesen. Nirgendwo ein Nest gebaut. Überall mein Lied gesungen. Nirgendwo Gehör gefunden. Überall Federn verloren. Will dennoch weitersingen." Und von sich schreibt sie: "Will nicht leugnen die Dunkelheit. Aber auch nicht das Sonnenlicht. Singen will ich in die Dunkelheit von der Sonne ein Lied."
In beiden Gedichten kommt zum Ausdruck. Singen ist die Ursprache des Menschen! Ehe ein Kind noch Worte nachspricht und denken lernt, verständigt es sich durch Laute und Töne. Es hat quasi seinen eigenen Gesang.
Selbst Jesus lebte mit dieser Erkenntnis und zitiert einen Psalm "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du Lob bereitet", als er mit den Schriftgelehrten über das Geschrei der Kinder im Tempel diskutiert.
Für die Aborigines, den Ureinwohnern Australiens ist klar, daß die Natur - Pflanzen und Bäume - uns Menschen ein stilles Lied singen. Sie glauben darüberhinaus aber auch, daß dieses Geschehen ein Wechselspiel sein soll und die Natur selbst uns bittet, auch für sie zu singen.
Daran wird deutlich, daß der Schöpfungsauftrag Gottes selbst unserem Singen eine große Verantwortung überträgt.
Wie aber verhält es sich beim beten? Genauso wie das Singen, hat das Beten für uns seinen Platz wenn wir dankbar und froh sind über etwas, das uns gelang; froh sind, mit anderen Menschen zu feiern, so wie heute morgen hier im Gottesdienst. Besonderes Gewicht erhält unser Gebet in Stunden der Not, wenn wir kraft- oder mutlos sind und uns nach Aufrichtung sehnen. Wenn wir Zweifel spüren und nach Hoffnung Ausschau halten. Gebet, so können wir den Psalmen Israels entnehmen, ist Gesang der Seele und so verwundert es nicht, daß Augustinus das Singen mit dem Beten verknüpft.
Bis zum Weihnachtsfest haben wir noch 22 Tage vor uns. Für jeden dieser Tage könnten wir eines der 22 Adventslieder singen, und über seinen Inhalt nachsinnen. Wir werden dann genauer hören, was die Menschen früher bewegt hat und ermutigt werden, die Mißstände und Ungerechtigkeiten unserer Zeit beim Namen zu nennen. Wir werden neu in unserem innersten Sein erfahren, daß sich mit dem Kommen Jesu in diese Welt der Himmel bereits geöffnet hat und dieses Kommen Jesu in uns neu erwarten.
Dann gewinnt Advent seine wahre Bedeutung zurück und wir gewinnen in dieser Zeit neu die kindliche Erwartungshaltung: "Bald ist Weihnachten! Bald feiern wir den Geburtstag des Sohnes, der uns vom Vater geschenkt wird. Und dann können wir als Gottes Kinder singen, weil dieser geöffnete Himmel Lieder hat. Beherzigen wir dies, können wir etwas von dem Geheimnis erfahren, das uns eine chassidische Geschichte vermitteln will. "Es heißt im Psalm: "Denn gut ist Gesang unserem Gott." Rabbi Elimelech deutete es: "Gut ist es, wenn der Mensch bewirkt, daß Gott in ihm singe."
Mögen wir dies erleben und froh daran werden, wenn Gott in uns singt.
In den Psalmen spiegelt sich die unauflösbare Gleichzeitigkeit des Singen und Betens wider und manch biblische Geschichte erzählt uns davon. Ob wir an Petrus und Silas denken, die sogar das Wunder erleben, daß sich durch ihren Gesang ihre Fesseln lösen und sich die Türen ihres Gefängnisses auftun. Oder an die Jünglinge im Feuerofen, die erfahren, daß ihr Gesang die Engel herbeiholt und sie unversehrt wieder aus dem Feuer steigen können.
Diese und andere Geschichten wollen uns ermutigen wieder etwas davon zurückzugewinnen, was Joseph von Eichendorffs Gedicht uns zuruft? "Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort."
Amen.