Liebe Gemeinde,


es gibt Worte, die uns – wenn wir sie nur hören – schon in eine Negativhaltung bringen. Herrschaft ist ein solches, da die Menschheitsgeschichte zur Genüge zeigt, dass die Folgen jedweder Herrschaft meist Unterdrückung, Unfrieden und Ungerechtigkeit im Gefolge haben. So hören wir Texten, in denen es um Herrschaft geht ungern zu, selbst dann, wenn von der Herrschaft Gottes die Rede ist. So sei die Frage erlaubt: Welchen Stellenwert räumen wir der Herrschaft Gottes in unserem Leben ein? Was verbinden wir mit ihr?
Paulus greift diese Frage in seinen Briefen auf. Ein Beispiel davon steht im 14. Kapitel des Römerbriefes. Ich lese die Verse 17 – 19.
17 Denn Gottes Herrschaft hängt nicht an Essen und Trinken, sondern an Gerechtigkeit und Frieden und Freude im Heiligen Geist.
18 Wenn ihr in diesem Sinne Christus dient, seid ihr Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.
19 Darum lasst uns dem nachstreben, was dem Frieden dient und der Erbauung untereinander.

Wir könnten dieses Thema jetzt schnell beenden und denken, Gottes Herrschaft sei eine Sache des geistlichen Lebens, Essen und Trinken – der Genuss an sich - dagegen eine Sache unseres irdischen Lebens. So hätten wir einen Ausweg gefunden, dem unbeliebten Thema auszuweichen. Doch wird nicht unser Leben von Gott selbst stets im Ganzen gesehen? Gehören unsere Bedürfnisse nicht auch dazu? Unsere Antwort kann nur ein klares „Ja“ sein. In der Kritik steht demzufolge auch nicht der „Genuss an sich“, sondern einzig und allein unsere Haltung dem Genuss gegenüber.
Schon der Dichter Christian Morgenstern sagte: „Genuss kann unmöglich das Ziel des Lebens sein. Genuss ohne etwas darüber ist etwas Gemeines.“ Dieses „etwas darüber“ hat für mich mit der „Herrschaft Gottes“ zu tun. Von daher bin ich der Auffassung, dass es sich lohnt darüber nachzudenken, wie und wodurch sich Gottes Herrschaft in unserem Leben zeigt.
Für mich zeigt sie sich überall da, wo wir mit Gott über uns und unsere Lebensführung im Gespräch sind! Denn als Folge dieses Gespräches werden wir unsere äußeren Lebensbedürfnisse niemals überbewerten. Im Gegenteil: Wir werden darum ringen, Seinen Willen für unser ganz persönliches Leben in Erfahrung zu bringen. Darüber hinaus erkennen wir, dass unser leibliches und geistliches Leben keine Gegensätze, sondern zwei Anteile unseres Menschseins sind. So zeigt sich Gottes Herrschaft mitten unter uns und nicht erst im zukünftigen Leben, welches uns nach unserem Tod erwartet! Dies können wir glaubend versichern, seit Jesus als Mensch unter Menschen gelebt hat.
Er selbst sagt dazu: „Gottes Herrschaft ist nicht etwas, das sich zuerst durch bestimmte Zeichen auf Erden oder am Himmel ankündigt und dann plötzlich ausbricht. Man wird auch nicht sagen können »Hier ist sie!«, oder »Dort ist sie!«. Sondern unsichtbar ist Gottes Herrschaft bereits unter euch. Sie kann hervorbrechen und dann sichtbar werden.“
Obwohl Gottes Herrschaft also mitten unter uns ist, ist sie nicht jederzeit sichtbar. Sie kann aber hervorbrechen, wo immer wir Menschen uns danach ausstrecken. Und dann sind „Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist“ ihre Erkennungszeichen. Erkennungszeichen, aber auch Maßstäbe für unser persönliches, wie auch gemeindliches Leben, um unseren Auftrag Gottes in dieser Welt zu erfüllen. ER hat seine Welt erschaffen, und sie uns anvertraut. Deshalb kommt es jeden neuen Tag darauf an, dass wir uns dieser Verantwortung bewusst sind. Gerecht werden können wir ihr jedoch nur, wenn wir uns nach Gottes Willen verhalten und damit seiner Herrschaft unterstellen.
Selbst sind wir dazu nicht fähig: Der Heilige Geist ist derjenige, der Gottes Herrschaft auf- und ausbaut. ER hilft uns, mit den Gaben dieser Erde gerecht umzugehen. ER schenkt uns Ideen und genügend Phantasie, damit wir sie bewahren, und alle Menschen an dem teilhaben lassen, was uns anvertraut ist. Wo immer dies gelingt, erleben wir ein Stück praktizierten Frieden, der Krieg unnötig macht.
Paulus spricht von „Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist“, und lädt uns damit ein, uns durch den Heiligen Geist führen und leiten zu lassen. Wenn wir dazu „Ja“ sagen, werden wir uns jedem Lärm und Zwang der Konsumgesellschaft bewusst entziehen können und die Stille suchen. Denn in der Stille – das ist meine feste Überzeugung – können wir die Impulse des Geistes Gottes wahrnehmen und den Willen Gottes erkennen. Sich der Führung des Heiligen Geistes anzuvertrauen, so Paulus, hat Konsequenzen - in der uns sichtbaren, wie in der uns unsichtbaren Welt! Er sagt: „Wenn ihr in diesem Sinne Christus dient, seid ihr Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.“ Leben, wie Jesus Christus es uns vorgelebt hat, ist wahrhaft nicht leicht, doch schenkt uns der Heilige Geist die richtige Steuerung dazu! Und es hat nicht nur Gottes Zustimmung, sondern auch die Achtung bei den Menschen zur Folge.
Wir müssen unser Tun von daher gar nicht auf den Beifall und die Anerkennung der Menschen ausrichten. Geradlinigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit werden immer Anerkennung finden. Auch von Menschen, die von sich behaupten, nicht an Gott zu glauben. Daran zeigt sich, dass Gottes Maßstäbe universelle Geltung haben. Wenn wir uns an diesen Maßstäben orientieren, dann ist Gottes Herrschaft in unserem Leben sichtbar.
Wie gut ist es zu wissen, dass wir uns die Kraft dazu nicht selbst holen müssen, sondern sie uns durch den Geist Gottes täglich neu geschenkt wird. Durch IHN können wir „dem nachstreben, was dem Frieden und der Erbauung untereinander dient.“
Wir werden heute morgen ermuntert, uns keine Sorgen um Äußerlichkeiten zu machen, sondern unser Augenmerk den wirklich wichtigen Dingen zuzuwenden: Die Verbindung mit Gott zu festigen, und uns von seinem Geist leiten zu lassen.
Verbindung mit Gott zu halten, unser Leben in allem voller Dankbarkeit aus seiner Hand zu nehmen, zeigt unter anderem „Frieden und Freude im Heiligen Geist“. Wo immer wir uns von ihm leiten lassen, ist Gottes Herrschaft gegenwärtig. Paulus zeigt uns, was es bedeutet, vom Heiligen Geist geleitet zu werden. Er zeigt das Ziel, nach dem zu streben lohnt: „Gerechtigkeit, Friede und Freude“. So wird der Glaube auch nach außen glaubwürdig macht. Nicht »Gleichschaltung«, sondern ein Miteinander, das von Liebe und gegenseitiger Toleranz bestimmt ist. Vermeintlich »Starke«, die mit jeder Veränderung zurechtkommen, können sich – im Bewusstsein ihre Freiheit dennoch zu behalten - den Schwachen anpassen. »Schwache«, oder besser gesagt Ängstliche werden durch den selben Geist Gottes ermutigt, auch einmal etwas zu wagen. Sie erkennen durch Gottes Geist, dass Menschen, die anders handeln und leben können als sie selbst, ebenfalls unter Gottes Herrschaft stehen. »Starke« werden mit Hilfe des Heiligen Geistes anders Denkende tolerieren, ohne vorschnell durch Abgrenzung Mauern zu bauen. Dadurch können anscheinend »Schwächere« manches mittragen, auch wenn ihre eigene Entscheidung anders wäre. Dementsprechend entsteht Friede, Gerechtigkeit und Freude untereinander. So „dienen wir Christus und sind Gott wohlgefällig“. Und dann genießen wir unser Leben mit „etwas darüber“, wobei dieses darüber die Herrschaft Gottes durch den Heiligen Geist in uns ist. Wenn wir uns in aller Entschiedenheit und mit aller Sehnsucht des Herzens dem Heiligen Geist öffnen, wird er in uns leben und von dort aus die Regie übernehmen. Dadurch gerät das Ziel nicht aus unseren Augen: eine Gemeinde mit bunter Verschiedenheit, aber mit Rücksicht aufeinander, damit die Freiheit, zu der mich Christus befreit, „dem Frieden und der Erbauung untereinander dient“. Wenn uns dies täglich neu bewusst ist und in unserem Leben wirksam wird, dann spüren auch die Menschen um uns herum, was es mit Gottes Herrschaft auf sich hat.
Amen.

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