8 Gegenüber jedem erfüllt eure Pflicht und Schuldigkeit! Nur in der Liebe ist es anders: Hier gibt es keine begrenzte Pflicht, sie ist grenzenlos. Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.
Liebe Gemeinde,
8 Gegenüber jedem erfüllt eure Pflicht und Schuldigkeit! Nur in der Liebe ist es anders: Hier gibt es keine begrenzte Pflicht, sie ist grenzenlos. Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.
Unser Predigttext greift die Liebe als Maßstab aller Dinge heraus. Wir bejahen dies sofort. Aber unser Leben zeigt im Großen, wie im Kleinen, dass gerade die mangelnde Liebe Familien auseinander gehen lässt. Und die mangelnde Liebe treibt viele Dornen: „Ehebruch, Mord, Diebstahl, Gier“ und vieles mehr.
Römer 13, 8 - 14
9 Alle Gebote, wie die gegen Ehebruch, Mord, Diebstahl, Gier und so weiter, kann man in dem einen Satz zusammenfassen: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst.“
10 Wer den Nächsten liebt, tut ihm nichts Böses. So ist die Liebe die vollkommene Erfüllung des Gesetzes.
11 Daran haltet euch, denn ihr wisst ja, dass nicht mehr viel Zeit ist. Ihr müsst langsam aufwachen, denn seit damals, als wir Christen wurden, ist das Heil näher gerückt.
12 Die Nacht geht dem Ende zu, der Tag ist zum Greifen nahe. Deshalb müssen wir alles, was dunkel ist abstreifen und alles anlegen, was strahlendes Licht ist. Zieht die finsteren Übeltaten aus und legt euch die strahlenden Wohltaten um.
13 Mit anständigen Kleidern wollen wir uns zeigen, wie es sich am Tag gehört: nicht mit Sauf- und Fressgelagen, nicht mit Orgien von Sex und Üppigkeit, nicht mit Streit und Kollegenneid.
14 Zieht Jesus Christus an, unseren Herrn, und lasst die Sorge um das tägliche Leben nicht in maßlose Gier ausarten.
von Rainer Maria Rilke erzählt man sich, dass er immer, wenn er in Paris war, mittags mit einer Freundin spazieren ging. Sie kamen stets an einer Bettlerin vorbei, die stumm, unbeteiligt und starr auf ihrem Platz saß. Nie sah sie einen Geber an. Die Freundin legte jedes Mal ein Geldstück in die Hand der Bettlerin, Rilke hingegen gab ihr nichts. Daraufhin angesprochen, meinte er, man müsse ihrem Herzen, nicht ihrer Hand schenken. Eines Tages brachte Rilke eine kaum erblühte, weiße Rose mit und legte sie in die Hand der alten Frau. Die Bettlerin sah zu ihm empor, küsste seine Hand, erhob sich und ging mit der Rose von dannen. Die nächsten Tage blieb die Bettlerin verschwunden. Erst eine Woche später war sie wieder auf ihrem gewohnten Platz - stumm, unbeteiligt und starr. Die Freundin konnte ihre Verwunderung nicht unterdrücken und fragte Rilke, wovon die Bettlerin denn all die Tage gelebt habe. Rilke antwortete: ‚Von der Rose’,.
‚Von der Rose’, - ist das nicht wunderbar?! Offenbar brachte die Rose etwas so Existenzielles mit sich, dass sie das Innerste der Bettlerin berührte. Diese verspürte solange Kraft, Energie und Lebensmut, bis die Rose verblühte. Erst dann trat der Alltag mit allen Problemen wieder in den Vordergrund. Verwandlung auf Zeit – könnten wir dies nennen!
Oft genug hindern Alltagsprobleme unseren Blick auf die wirklich wesentlichen Dinge unseres Lebens zu richten. So sehnen wir uns immer wieder einmal nach einem Neubeginn. Ein Lebenseinschnitt, der alles verändern würde. Vielleicht ist das der Grund, weshalb jeder Beginn eines neuen Kalenderjahres in der Regel mit viel Lärm und Feuerwerk gefeiert wird. Wir wollen das Alte, das Unschöne verjagen, um neu beginnen zu können.
Heute am 1. Advent haben wir eine ganz andere Chance. Wir feiern ein Neujahrsfest, das in großer Stille beginnt. Der Wechsel eines Kirchenjahres vollzieht sich ruhig und besinnlich. Denn nach alter christlichen Tradition beginnt eine Buß- und Fastenzeit. Bildlich gesehen haben wir in dieser die Chance uns von den Dornen unseres Lebens befreien zu lassen. Wenn wir diese Zeit nutzen, werden wir im Innersten nachvollziehen, was sich äußerlich abspielt.
Ab heute wird die dunkle Zeit nach und nach erhellt, indem wir mehr und mehr Lichter anzünden. Bis am Heilig Abend der Weihnachtsbaum uns an dem gleißenden Glanz erinnert, der die Hirten auf dem Felde aus dem Schlaf riss. Sie ließen sich von der Botschaft der Engel in Bewegung setzen, weil sie diese unglaubliche Geschichte mit eigenen Augen sehen wollten.
Mit dem neuen Kirchenjahr werden wir eingeladen uns selbst auf den Weg zu machen. Es ist ein weiter Weg, der uns zu dem Kind im Stall von Bethlehem bringt. Auf dem Weg dorthin gilt es, uns mit den biblischen Verheißungen auseinander zu setzen und unseren Glauben zu erneuern. Je mehr wir die Bereitschaft mitbringen, auf biblische Texte zu hören und uns von ihrer Botschaft beleben zu lassen, desto besser wird es uns gelingen.
Der heutige Predigttext aus dem Römerbrief im 13. Kapitel hilft uns den ersten Schritt zu tun. Es gilt Bilanz zu ziehen. Klar und deutlich zeigt Paulus auf, worauf es auch heute, 2000 Jahre später noch, ankommt!
9 Alle Gebote, wie die gegen Ehebruch, Mord, Diebstahl, Gier und so weiter, kann man in dem einen Satz zusammenfassen: „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst.“
10 Wer den Nächsten liebt, tut ihm nichts Böses. So ist die Liebe die vollkommene Erfüllung des Gesetzes.
Oft sind es kleine Dinge, die das Leben unerträglich machen:
Unbezahlte Rechnungen, die manchen Betrieb in den Konkurs treiben,
Steuerhinterziehung, Bestechlichkeit
Mobbing am Arbeitsplatz,
kleine Notlügen, die allmählich zu Falschaussagen werden.
Dies und vieles mehr nehmen wir kaum noch wahr. Wir haben uns fast alle schon mehr oder weniger daran gewöhnt. Von daher vertreiben wir die Liebe oft genug in das Reich der Märchen und Legenden. Und machen wider besseres Wissen selbst mit, um nicht abseits zu stehen.
Die Dornenhecke wird auf diese Weise immer undurchdringlicher und lässt niemanden mehr zu uns durch. Fast scheint es, als schliefen wir wie ‚Dornröschen’ hinter ihr und hofften auf den Tag der Erlösung.
Dornenhecken, so lehrt uns dieses Märchen sind nur durch die Liebe zu bezwingen. Durch diese aber kann neue Freude und neues Glück entstehen.
Dornen können den Blick auf die Rosen meines Lebens völlig verstellen. Deshalb bedarf es schon eines Prinzen, der hinter den Äußerlichkeiten das Schöne und Einzigartige des Lebens findet. Eines Königsohnes, der mit den Augen der Liebe sieht, die Dornen bezwingt und letztlich siegt.
’Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer’. Das verkünden wir an jedem 1. Advent und rufen uns selbst, wie allen Menschen zu: Gott selbst kommt zu dir. Seine Liebe gilt dir! Seine Liebe durchdringt alles, was dich gefangen nimmt. Seine Liebe heilt, was immer dir Schmerzen verursacht, was jemals dir Angst und Sorgen bereitet. Gott kommt zu dir und bringt mit sich die Liebe, den Frieden, die Gerechtigkeit und umfassende Hilfe.
Und das wunderbare daran ist, dass Gottes Kraft uns gerade da geschenkt wird, wo wir es vielleicht am wenigsten erwarten – mitten in unseren Alltäglichkeiten.
Mitten im Dornengestrüpp unseres Alltags lässt Gott durch seine Liebe Rosen wachsen. Plötzlich spüren wir in uns, dass sich Neues anbahnt, so wie die Knospe einer Rose aufspringt. Ganz unerwartet sehen wir „dass unser Dornenstrauch Rosen trägt.“
Wir ahnen was es heißt - Gott ist Mensch geworden. In Jesus Christus setzt ER sich selbst den verletzenden Dornen aus. Er wird Mensch und nimmt am Kreuz sogar den Tod auf sich, um uns seine Liebe zu zeigen. Diese Liebe, durch die er den Tod besiegt und uns ewiges Leben verheißen hat.
Gott ist Mensch geworden. Er kommt zu uns – oft genug gerade dann, wenn wir IHN am wenigsten erwarten.
Meist geschieht es unspektakulär. Er naht uns durch Menschen, die uns beistehen und helfen, mit unseren Problemen fertig zu werden. Durch ihre Zeichen der Liebe und Zuneigung spüren wir, dass Gott uns in ihnen begegnet. Menschen werden zu Boten Gottes, die für unsere Sorgen und Ängste Verständnis aufbringen.
Alles, was wir mit Dornen in Verbindung bringen, was immer wir für verdorrt, abgestorben, abgestumpft oder unwiederbringlich zerstört halten, wird von Gott mit besonderer Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe bedacht. Und diese Liebe hilft uns in gegenseitiger Achtung miteinander umzugehen. Dadurch ändern sich unsere Beziehungen in Ehe, Familie, und Freundschaften genauso, wie im Beruf und gesellschaftlichen Miteinander.
Paulus bringt die großen Gedanken Gottes mitten in unseren Alltag. Durch sie können wir anhalten, nachdenken und umkehren. Wir bekommen einmal mehr die Chance, neu anzufangen.
Vielleicht gelingt es uns, in diesen Tagen ein klärendes Gespräch zu führen. Uns Zeit für unsere Ehepartner, Kinder, Freunde oder Nachbarn zu nehmen. Geldangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Streit mit dem ersten Schritt zu beenden. Um Vergebung zu bitten und selbst Vergebung zu schenken. Alle diese Dinge gehören dazu, wenn wir Bilanz ziehen, um uns in dieser Adventszeit auf Gottes Kommen vorzubereiten.
Viel Zeit dafür bleibt nicht. Doch, wenn alles bereit ist, wenn Wünsche zur Ruhe kommen, wenn Beziehungen geklärt sind, dann können wir sagen: „Gott, ich bin bereit, dir zu begegnen.“ Dann kann Weihnachten werden.
‚Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.’ – Dies Wort gilt uns allen. Es sagt: Du bist nicht allein in den Dornen des Alltags. Gott ist da, er lässt auch aus deinen Dornen immer wieder die schönsten Blüten wachsen.
Unser Weg ist nicht nur gesäumt von Dornen, sondern von den Blüten die seine Liebe in unserem Leben hervorbringt. Solange die Dornen weiter Rosen tragen, haben wir keinen Grund zum Klagen. Letztlich offenbaren Dornen auch ihr Geheimnis: Wer mit Liebe hindurchgeht, findet das Leben. Wer mit den inneren Augen, den Augen des Herzens sieht, begegnet in Jesus Christus der Rose, die nie verblüht und dauerhaft Leben verwandelt.
Amen.