„Es ist seltsam: Die Menschen klagen darüber, dass die Zeiten böse sind. Hört auf mit dem Klagen. Bessert euch selber. Denn nicht die Zeiten sind böse, sondern unser Tun. Und wir sind die Zeit.“
Liebe Gemeinde,
wir stehen am Anfang des Neuen Jahres und hören bereits wieder so viel Negatives in den Nachrichten, dass wir diese Worte des alten Kirchenlehrers Augustinus gut nachvollziehen können. Denn wer unter uns hätte in den zurückliegenden Tagen noch nicht geklagt über all das, was schlecht läuft: in der Welt, in unserer Gesellschaft, in unserer Gemeinde, oder aber - ganz privat - in unserem eigenen Leben.
Klagen über böse Zeiten sind vermutlich so alt, wie die Menschheit. Auch die Bibel weiß davon zu berichten. Deshalb waren die ersten Christen so euphorisch, als Paulus in seinem 2. Brief an die Kolosser sagte: „Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Ich stelle mir vor, dass manch ein Gemeindeglied damals gedacht hat, dass Klagen dann überflüssig werden.
Doch es sieht anders aus. Obwohl die Aussage des Paulus stimmt, ist unser Alltag mehr durch das Alte und nur in bescheidenem Maße durch das Neue geprägt. Dies können wir nur ändern, wenn wir uns „das Neue“ im Alltag immer wieder neu ins Bewusstsein rufen. Doch dem weichen wir gerne aus!
Von daher ist es verständlich, dass Paulus nie müde wurde, die Gemeinden zu ermahnen, auch wenn diese Ermahnungen damals wohl ebenso wenig gern gehört wurden wie heute. Ein Beispiel davon steht im 12. Kapitel des Römerbrief. Ich lese die Verse 4 – 16.
4 Wir sind alle zusammen Glieder des einen Leibs der Kirche, jedes Glied hat aber eine Funktion.
5 Trotz unserer großen Anzahl sind wir alle zusammen der eine Leib in Christus, aber jeder hat eine bestimmte Aufgabe.
6 Bei jedem einzelnen hat ja die Gnade, die uns geschenkt wurde, eine andere Begabung hervorgebracht. Daher ermahne ich auch jeden anders: Wer prophetisch reden kann, der soll es so tun, dass die anderen darin ihren Glauben wiedererkennen.
7 Wer eine Aufgabe im Dienst der Gemeinschaft ausüben kann, soll wirklich dienen. Wer lehren kann, soll einfach nur Lehrer sein.
8 Wer anderen gut zureden kann, der soll es tun. Wem das Abgeben leicht fällt, der soll ohne Vorbehalte teilen. Wer Verantwortung für alle übernimmt, soll sie mit Hingabe tragen.
9 In der Liebe sollt ihr nicht falsches Spiel treiben. Wirklich verabscheuen sollt ihr die Heimtücke, auf reine Güte sollt ihr versessen sein.
10 Geschwisterliche Liebe untereinander übt mit Leidenschaft. Einer überbiete den anderen an Zuvorkommenheit.
11 Erlahmt nicht im Eifer, lasst das Feuer des Heiligen Geistes in euch glühen. Dient dem Herrn wie Sklavinnen und Sklaven
12 Blickt froh in die Zukunft, seid standhaft in der Bedrängnis, und ausdauernd im Gebet.
13 Wenn auswärtige Mitchristen in Not sind, helft ihnen durch eure Gaben. Gastfreundschaft sei euer höchstes Ziel.
14 Werdet ihr verfolgt, segnet eure Verfolger; stets komme euch das Segnen leichter über die Lippen als das Verfluchen!
15 Freut euch mit denen, die sich freuen, und weint mit denen, die traurig sind.
16 Seid euch einig im Denken und Handeln füreinander und miteinander. Strebt nicht ständig unzufrieden nach mehr, sondern haltet es mit den Demütigen und Bescheidenen. Bildet euch nichts ein auf eure Klugheit.
Uff! das reicht aber jetzt, mag mancher unter uns jetzt denken. In uns klingen Ermahnungen der Mutter auf: „Benimm dich! Sitz gerade! Sprich ganze Sätze! (Hier denke ich an die Jugendlichen von heute, die so gerne unvollständige Sätze sagen, wie: „Mama, darf ich ein Eis?“ Diese Beispiele könnten wir beliebig fortsetzen! Jeder kennt diese Ermahnungen und sie gehen, bzw. gingen einem ganz schön auf die Nerven. Am liebsten stellen wir unsere Ohren bei solchen Sätzen auf „Durchzug“. Doch Ermahnungen durchziehen unser ganzes Leben. Durch Eltern, Erzieherinnen, Lehrer, Chefs: Niemand unter uns, der sie nicht kennt.
So stellt sich die Frage: „Aus welcher Motivation heraus entstehen Ermahnungen? Was drängt den Ermahner dazu sie auszusprechen?“ Mag manche Ermahnung aus eigennützigen Motiven ausgesprochen werden, in aller Regel wird der Mahner aber unser Wohlergehen im Auge haben. Es soll uns gut gehen und unser Leben gelingen.
Auch Paulus geht es im Römerbrief darum, weil er weiß, dass es Gott mit uns Menschen gut meint. Paulus will, dass den Gemeindegliedern das Leben gelingt, dass es schön wird. Er will, dass die Menschen in Frieden und in einem guten Miteinander leben und glücklich werden. Seine Ermahnungen sind Ausdruck der Liebe zu seinen Brüdern und Schwestern. Sie sind keine Anordnungen eines Moralpredigers, der seine Schäfchen in den Griff bekommen will.
Leider wurde die Kirche immer wieder von Menschen als eine Moralinstitution erlebt, der es darum geht, Menschen zu beherrschen. Doch aus dem Mund des Apostel klingt die Liebe und Sorge um die einzelnen Gemeindeglieder an. Im 6. Kapitel des Römerbriefes hat er seine Grundüberzeugung verdeutlicht: „Die Sünde wird über euch nicht Herr sein, denn ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade!“ Doch bei aller Zuversicht, dass in Christus Jesus „Neues geworden ist“, die Sünde also keine Macht mehr hat, weiß Paulus genau, dass wir nicht lässig werden dürfen. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und sagen: „Wir brauchen nichts mehr dazu zu tun, denn wir sündigen ja nicht mehr!“ Nein, Paulus ruft uns zur Wachsamkeit und zur Ehrlichkeit uns selbst gegenüber auf.
Gott selbst hat den Menschen für mündig erklärt und er wartet darauf, dass unser Verhalten zu unseren Mitmenschen seine Liebe widerspiegelt. In unserem Alltag – in seinen unterschiedlichsten Dimensionen - soll sich diese Liebe in unserem Handeln konkretisieren. Liebe ist also der Beweggrund jeder einzelnen Ermahnung.
So läuft in unserem Text alles auf den einen Satz hinaus: „In der Liebe sollt ihr nicht falsches Spiel treiben. Wirklich verabscheuen sollt ihr die Heimtücke, auf reine Güte sollt ihr versessen sein.“
Das heißt: Liebe ohne doppelten Boden, ohne Hintergedanken. Können wir das überhaupt? Zum Beispiel gegenüber der Mutter, die ihr 3-jähriges Kind tot geprügelt hat? Gegenüber demjenigen, der Minderjährige missbraucht? Gegenüber einem Neonazi? Wie immer unsere Antwort ausfallen mag: Als mündige Christen sind wir zur Nächstenliebe aufgerufen! Denn Gott stellt sich nicht nur auf die Seite der Niedrigen, der Angefochtenen und Schwachen, sondern auch auf die Seite der Sünder!
Unser Tun wird immer wieder den Stempel der Unvollkommenheit tragen. Deshalb sind wir auf zusätzliche Hilfe angewiesen. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Von daher mahnt Paulus: „Erlahmt nicht im Eifer, lasst das Feuer des Heiligen Geistes in euch glühen.“
Wenn wir Paulus folgen, dann werden wir die Hilfe des Heiligen Geistes erwarten und darum bitten. Denn mit seiner Hilfe können wir „In der Liebe ehrlich sein.“ Mehr noch: alle Ermahnungen werden sich quasi wie von selbst umsetzen. Wenn wir unsere Innensteuerung dem Heiligen Geist überlassen, dann werden wir „die Heimtücke verabscheuen“ und „auf reine Güte versessen sein.“ Wir werden einen „frohen Blick in die Zukunft“ wagen. Wir werden die Stille suchen. Wir werden Gottes Wort allein und mit anderen lesen. Vor allem aber werden wir mit Gott im Gespräch bleiben und so den Halt und „roten Faden“ im Leben finden. Mit dem Gebet hören wir mit dem Klagen auf, weil wir die Möglichkeit ergreifen, uns zu bessern. Der Heilige Geist leitet uns besseren Zeiten entgegen. Durch seine Hilfe werden wir Freude und Leid als Teil unseres Lebens begreifen, das am Ende ein gelungenes, ein glückliches, ein vor Gott gültiges ewiges Leben sein wird.
Amen.