„Man spricht mit dem Kopf. Wenn die Stimme zum Sprechen benutzt wird, werden die Unterhaltungen in der Regel nichts sagender, überflüssiger und weniger inspiriert.“
Liebe Gemeinde,
diese Gedanken der Aborigines verdanken wir der Schriftstellerin Marlo Morgan, die mit ihnen wanderte und dabei die wundervollen Geheimnisse und Weisheiten eines alten Stammes erfuhr.
„Die Aborigines glauben, die Stimme sei zum Singen geschaffen, zur Lobpreisung der Göttlichen Einheit und zum Heilen. Sie glauben, dass jeder Mensch singen kann. Selbst wenn er selbst diese Gabe nicht schätzt, weil er sich einbildet, nicht singen zu können, ändere dies nichts an der Größe des Sängers in ihm. Sie sind der Auffassung, dass die menschliche Stimme nicht zum Sprechen geschaffen wurde.“

Heute am Sonntag Kantate werden wir aufgefordert zu singen! Kantate! Singt! Diese Aufforderung ist gleichzeitig eine Einladung, über unser Singen und unsere Lieder nachzudenken. Denn wenn es stimmt, was die Aborigines denken, dann ist in jedem von uns ein großer Sänger verborgen.
Auch die Dichter der Psalmen und Erzähler in der Bibel sind dieser Auffassung: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Jauchzt, rühmt, lobt Gott!“ – Das haben wir mit dem 98. Psalm gemeinsam gebetet. Es ist die vielleicht häufigste Aufforderung, die uns in immer neuen Variationen in den Psalmen eingeschärft wird. Es ist eines der Appelle, die wir in der Bibel am meisten antreffen: Freut euch! Seid fröhlich! Singt dem Herrn ein neues Lied – denn er tut Wunder!

Liebe Gemeinde,
in der Vorbereitung zu diesem Gottesdienst habe ich mir die Frage gestellt, wann die Menschen früher gesungen haben.
Unbestritten ist, dass in allen Religionen beim Kultus gesungen wurde und wird. Doch Lieder entstanden aus den vielfältigsten Gründen:
-               um Soldaten zu ermutigen in die Schlacht zu ziehen und
-               nach einem errungen Sieg Siegeshymnen zu schmettern.
-               Bauern sangen bei der Feldarbeit,
-               Wäscherinnen an Waschtagen,
-               in den Küchen wurde gesungen,
-               beim Wandern, und vielen anderen Gelegenheiten mehr entstanden die vielfältigsten Lieder.

Gesang prägte den Alltag genauso wie die Festtage. Auch in der Trauer wurde gesungen, denken wir nur an die Klagelieder, wozu in alter Zeit sogar Klageweiber angeworben wurden. Bis ins 20. Jahrhundert zogen Bänkelsänger von Ort zu Ort, um auf Jahrmärkten , Kirchweihfesten, Marktplätzen, in Häfen, den Straßen der Städte oder auf der Dorfwiese von schauerlichen Geschichten, von Mord, Liebe, Katastrophen und aufregenden politischen Ereignissen zu berichten. Während seines Vortrages stellte sich der Bänkelsänger auf eine kleine Bank, das Bänkel. Dabei zeigte er meist mit einem langen Stab auf eine Bildtafel mit einigen Zeichnungen, die seine Moritat illustrierten.
Doch wie geht es uns heute? Singen wir noch im Alltag und wenn ja, welche Lieder singen wir? Singen wir auf unseren Wegen zu Arbeit, zu Freunden, auf dem Heimweg, oder sind die Lieder in uns verstummt. Es ist nicht zu verleugnen, dass Resignation, Hoffnungslosigkeit, Verbitterung, Streit, Ärger, aber auch Hochmut, Stolz oder andere negative Empfindungen uns die Lust am Singen nehmen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, dann sind viele unserer Unterhaltungen von den negativen Schlagzeilen geprägt, und unsere Stimmung wird davon in Mitleidenschaft gezogen.
Dabei sind wir doch aufgerufen ein neues Lied zu singen. Das Lied der Wunder Gottes. Das Lied das der Heilige Geist in uns gelegt hat, an dem Tag, an dem wir mit Gott verbunden wurden. Ein Lied, das unabhängig von unserer persönlichen Situation voller Hoffnung an die Wunder glaubt, die Gott wirkt. Lieder, die im Gegensatz zu unseren Problemen, unserer Angst  stehen. Lieder, die auch unsere Mitmenschen ermutigt, nicht alles schwarz zu sehen, sondern die bunte Palette der Möglichkeiten aufzuzeigen. Auch wenn uns das Lob manchmal im Halse stecken bleibt, weil wir Hilflosigkeit erleben; heilloses Durcheinander in den eigenen Gedanken und Gefühlen; Feindschaft und Gleichgültigkeit in Beziehungen und Familien; Krieg und Elend in der Welt.
Wir müssen die Aufforderung hören: Kantate! Singt! Singt Gott ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Es heißt also, sich neu einzustimmen! Denn Gott hat uns unsere Stimme zum Gesang geschenkt! Singen berührt uns tiefer als unser Sprechen. Es ist die wohl älteste und ursprünglichste musikalische Äußerungsform der Menschen. Dabei ist das Instrument unser Körper selbst - Lunge, Kehlkopf, Stimmbänder und Resonanzräume.  Was unsere Seele bewegt kommt in Emotionen unmittelbar zum Ausdruck.
Wenn wir dieses, in uns gelegte Potential nutzen, dann haben wir ganz andere Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten. Denn mit dem Singen können wir alles was uns beschäftigt verarbeiten. Es ist, als würde uns ein Kraftstrom durchströmen, der uns mit neuer Zuversicht und Hoffnung erfüllt.
Plötzlich sieht alles anders aus! Wir fühlen uns wieder stark und den Problemen gewachsen. Die Müdigkeit verfliegt und mit ihr auch die schlechte Laune. Ja, fast ist es, als wären wir neu geboren. Singen ist also eine Art Lebenselixier, der unsere Tatkraft beflügelt!
 „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Jauchzt, rühmt, lobt Gott!“ Diese Aufforderung erscheint uns, wenn wir neuen Mut in uns spüren ganz folgerichtig. Jetzt können wir unsere eigene, ganz persönliche Strophe zum Loblied Gottes dazusetzen. Denn wir erkennen hinter der Verwandlung Gottes Hand, das Wunder, dass er sich um uns bemüht, dass ihm unser ganz persönliches Wohlergehen wichtig ist. Und davon wollen wir dann auch singen!
Auch wenn das Lob Gottes nie unwidersprochen bleibt. Der Glaube singt sein Lied: Manchmal laut und fest; zuweilen schwach und ängstlich; ab und zu verhalten und zweifelnd. Doch, wie auch immer, im Singen wächst die Gewissheit: Gott tut Wunder. Gott schafft Heil.
Und mit ihr können wir unsere Seele ermuntern: Sieh nicht nur das Dunkle! Vergiss das Gute nicht, das Gott für dich getan hat und täglich tut!
Mehr noch: Gewinnt unsere Stimme ihre eigentliche Bestimmung zur „Lobpreisung der Göttlichen Einheit und zum Heilen zurück, dann spüren wir etwas von der wunderbar weiten Hoffnung, die uns Mut machen will, Mut zu einem Leben mit Gott.
Deshalb gilt: Kantate! Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!
Amen.

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