„Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung.“
Liebe Gemeinde,
diese Worte Martin Bubers laden uns heute ein, an die Ereignisse des 9. Novembers 1938 in besonderem Maße zu denken. Dieser Tag hat die damals unter uns lebenden Juden bis ins Mark erschüttert und Leid, Tod und Vertreibung in viele Familien gebracht. Der 9. November ist längst „Geschichte“. Doch er wirkt in erheblichem Maße noch in unsere Zeit hinein. Und so stellt sich die Frage, wie wir mit diesem Tag am besten umgehen. Immer mehr Menschen möchten ihn nach 65 Jahren als „abgeschlossene Vergangenheit“ zu den Akten legen. Können wir Christen uns dieser Entscheidung anschließen? Werden wir nicht vielmehr durch die biblischen Texte immer wieder ermuntert, ja aufgerufen, vielleicht sogar in die Pflicht genommen uns zu erinnern? Nicht um Geschehenes abzuschließen und zu vergessen, sondern um uns damit auseinander zu setzen.
Manche Texte sind dabei so aktuell, dass wir glauben, sie seien erst in unseren Tagen entstanden. Der 74. Psalm, den wir vorhin gemeinsam gebetet haben veranschaulicht dies in besonderer Weise.
Ich möchte mit Ihnen besonders über die Verse 1 – 10 und 18 + 20 nachdenken.
1 Warum, Gott, hast du uns für immer verstoßen,
warum raucht dein Zorn gegen die Schafe deiner Weide?
2 Gedenke deiner Gemeinde, die du vor alters erworben,
die du erlöst hast zum Stamm deines Erbes, des Berges Zion,
auf dem du Wohnung genommen hast.
3 Richte deine Schritte zu den ewigen Trümmern,
alles im Heiligtum hat der Feind verheert.
4 Deine Widersacher brüllten inmitten deiner heiligen Stätte,
stellten ihre Feldzeichen auf als Zeichen des Sieges.
5 Es war, wie wenn einer im dichten Gehölz die Axt schwingt,
6 so zerschlugen sie das ganze Schnitzwerk mit Hacke und Beil.
7 In Feuer steckten sie dein Heiligtum,
bis auf den Grund entweihten sie die Wohnung deines Namens.
8 Sie sprachen in ihrem Herzen: Wir zwingen sie nieder allesamt;
und sie verbrannten alle Gottesstätten im Land.
9 Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da,
und niemand ist bei uns, der wüsste, wie lange.
10 Wie lange, Gott, soll der Gegner schmähen,
soll der Feind deinen Namen ewig lästern?
18 Denke daran: Der Feind schmäht den Herrn,
und ein törichtes Volk lästert deinen Namen.
20 Blick auf den Bund, denn die dunklen Winkel des Landes
sind Stätten voll von Gewalt.
Liebe Gemeinde!
Der 74. Psalm schildert die Vernichtung der jüdischen Heiligtümer, die Zerstörung der Synagogen und des Tempels. Es ist ein Gebet aus alten Tagen – über die Jahrhunderte hinweg zeitlos. Ein Gebet auch für uns heute. Die Reichskristallnacht weist unseren Blick zurück auf die dunkelsten Stunden deutscher Geschichte, die in Auschwitz ihren Höhepunkt erreichte. Mit den Juden denken wir an die SHOAH, die „Vernichtung“ die in „dunklen Winkeln“ von der damaligen Staatsmacht beschlossen wurde. Es gab sie damals, als viele schwiegen, - und es gibt sie heute, wenn geschwiegen wird. In dunklen Winkeln werden Vorurteile gepflegt, Hass gesät und böse Pläne erdacht. Und wenn wir gehofft haben, dass das Unfassbare nie wieder von „deutschem Boden“ ausgeht, so sehen wir uns an manch dunklen Tagen des 21. Jahrhunderts neuer Gewalt gegenüber. Denken wir nur an manche Verwüstung jüdischer Friedhöfe, an manchen Versuch, erneut Brände in Synagogen zu legen oder ganz allgemein an Rechtsradikale, denen die Ausländer in unserem Lande oft genug hilflos ausgeliefert sind. „Dunkle Winkel“ sind überall da zu finden, wo Fanatiker das letzte Wort haben, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. In ihnen wird stets versucht, andere Sündenböcke zu finden, um den Blick von eigener Schuld abzulenken. Denken wir nur an die jüngste Entgleisung des CDU-Politikers Hohmanns, der in seiner Rede zum 3. Oktober über die Massenmorde während der russischen Revolution sagte: „Mit einer gewissen Berechtigung könnte man im Hinblick auf die Millionen Toten dieser ersten Revolutionsphase nach der Täterschaft der Juden fragen.“ Damit machte er vor allem kommunistische Juden für die Massenmorde während der russischen Revolution verantwortlich. Solches Denken ist völlig inakzeptabel und unerträglich und es zeigt, dass ohne Erinnerung die Geschichte sich jederzeit wiederholen kann.
Leider finden wir auch in uns selbst Gefühle, die wir nicht zulassen wollen und lieber verdrängen. Gefühle wie Neid, Hass und Minderwertigkeitsgefühle. Seelsorger und Therapeuten erleben es Tag für Tag in den Gesprächen mit Menschen, die sich ihnen anvertrauen. Diese negativen Gefühle gehören leider genau so zu uns, wie die hellen und frohen Seiten unserer Seele. Wie ein Schatten begleiten sie jeden Menschen. Und überall da, wo wir Menschen uns diesen Gefühlen ungeschützt ausliefern, gebären sie Mord, Gewalt, Terror und Hass.
Und so liegt bei den Opfern der sinnlosen Gewalt, damals wie heute die Frage des Psalmisten nahe: „Warum, Gott, hast du uns für immer verstoßen, warum raucht dein Zorn gegen die Schafe deiner Weide?“ Und damit verbunden auch die Bitte an Gott: „Gedenke deiner Gemeinde, die du vor alters erworben, die du erlöst hast zum Stamm deines Erbes, des Berges Zion, auf dem du Wohnung genommen hast.“
Wo immer Menschen anderen Menschen gegenüber Gewalt anwenden, wird diese Frage an Gott gerichtet. Gestern, heute und morgen, es wird immer so sein.
Deshalb geht es uns alle an! Auch die nach dem Krieg Geborenen, die weder Täter noch Opfer sind. Denn auch sie müssen sich erinnern. Denn nur durch die Erinnerung ist die Chance gegeben, dass eine Veränderung der Gedanken möglich wird. Denn viele Experimente zeigen, dass es jederzeit möglich ist, Menschen dazu zu bewegen, Täter zu sein. Denken wir nur an jenen jungen Lehrer einer amerikanischen High School, der sich zu einem ungewöhnlichen Experiment entschloss, um seinen Schülern zu beweisen, dass Anfälligkeit für faschistoides Handeln und Denken immer und überall vorhanden ist. Er musste erleben, dass die Bewegung, die er auslöste, drohte, ihn und sein Vorhaben zu überrollen. Sein Experiment geriet außer Kontrolle.
Wir wären also hilflos unseren Sinnen und trachten ausgeliefert, wenn, Gott mit uns Christen nicht einen neuen Bund geschlossen hätte. Wenn der Geist Gottes in uns nicht immer wieder den Satz Jesu erinnern würde: „Der unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Wir sind mit den Menschen des alten Bundes aufs Innigste verbunden. Deshalb gehen uns die Opfer etwas an. Nicht, weil wir mit ihnen verwandt oder bekannt wären, sondern weil Gott ihrer gedenkt. So helfen sie uns auch, uns im Erinnern uns an Gott selbst zu wenden. Denn nur Gott kann uns helfen, nur ER kann die Schuld tilgen. Das Geschehen, das Unfassbare jener Jahre, können wir durch keine noch so gute Tat ungeschehen machen. Doch wir können es dem bringen, der selbst gemartert wurde und der vor uns Gott um Vergebung bittet. Jesus Christus, der Sohn Gottes leidet am Kreuz von Golgatha. Er wird Opfer der Gewalt, doch mitten in der Dunkelheit seines Todes hält er an Gott fest und steht mitten in der Leidensgeschichte seines Volkes.
„Gott, gedenke deiner Gemeinde!“ - so haben Juden in jener Nacht geschrieen und später in den Konzentrationslagern.
Und weil Gott gedenkt, - darum sollen auch wir gedenken. Wir sollen uns daran erinnern, was bei uns geschehen ist. Wir wollen mit unserer Erinnerung Licht in die Dunkelheit unserer Tage bringen. Nachdenken, informieren, erinnern. Wir wollen weder verdrängen, noch sagen: „einmal muss doch Schluss sein“, damit die dunklen Kräfte nicht wieder zur Macht kommen. Als Christen bekennen wir: Das Kreuz wird zum Zeichen von Gottes Nähe mitten im Dunkel der Zeit. Es wird zum Zeichen für Gottes Nähe im Leid und im Tod. Es ist Zeichen dafür, dass Gott seines Bundes gedenkt. Die Namen der Entwürdigten und Ermordeten sind bei ihm nicht vergessen. Gott denkt an die Opfer und erinnert uns an sie. Er denkt aber auch an die Täter, die sich vor ihm verantworten müssen. Auch die Täter und ihre Taten sind bei Gott nicht vergessen.
Heute, wenn wir uns erinnern, wollen wir uns dazu aufrufen, wach zu bleiben und das Geschehen um uns herum mit wachen Augen verfolgen. Damit wir unsere Stimme erheben, wo immer wir denken, dass in einem dunklen Winkel solches Unrecht wieder Gestalt annehmen will. Weil Gott gedenkt, - darum sollten auch wir gedenken. Dann hören wir auch Versöhnliches. Vielleicht denken wir an Martin Bubers Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahre 1953, in der er unter anderem formulierte:
„Wenn ich an das deutsche Volk der Tage von Auschwitz und Treblinka denke, sehe ich zunächst die sehr vielen, die wussten, dass das Ungeheure geschah, und sich nicht auflehnten; aber mein der Schwäche des Menschen kundiges Herz weigert sich, meinen Nächsten deswegen zu verdammen, weil er es nicht über sich vermocht hat, Märtyrer zu werden. Sodann taucht vor mir die Menge all derer auf, denen das der deutschen Öffentlichkeit Vorenthaltene unbekannt blieb, die aber auch nichts unternahmen, um zu erfahren, welche Wirklichkeit den umlaufenden Gerüchten entsprach; wenn ich diese Menge im Sinne habe, überkommt mich der Gedanke an die mir ebenfalls wohlbekannte Angst der menschlichen Kreatur vor einer Wahrheit, der sie nicht standzuhalten können fürchtet. Zuletzt aber erscheinen die mir aus zuverlässigen Berichten an Angesicht, Haltung und Stimme wie Freunde vertraut Gewordenen, die sich weigerten, den Befehl auszuführen oder weiterzugeben und den Tod erlitten, oder die erfuhren, was geschah, und sich dagegen auflehnten und den Tod erlitten, oder die erfuhren, was geschah, und weil sie nichts dawider unternehmen konnten, sich den Tod gaben. Ich sehe diese Menschen ganz nah vor mir, in jener besonderen Intimität, die uns zuweilen mit Toten, und mit ihnen allein, verbindet; und nun herrscht in meinem Herzen die Ehrfurcht und die Liebe zu diesen deutschen Menschen.“
Liebe Gemeinde,
diese Gedanken eines Betroffenen ermutigen uns, die „Erinnerung als Geheimnis unserer Erlösung“ zu begreifen. Wenn wir Christen Abendmahl miteinander feiern, wird uns dies schon in den Einsetzungsworten Jesu bewusst. „Und solches tut – zu meinem Gedächtnis, zu meiner Vergegenwärtigung!“ Immer dann werden wir daran erinnert, dass der Sohn Gottes um unserer Schuld willen, den Tod auf sich genommen hat, um uns mit Gott zu versöhnen. Wenn wir uns erinnern, sehen wir unsere Zukunft vor uns!
Wo? In Gottes Reich, das durch Jesus Christus mitten in unserer Welt zu finden ist.
Amen.