Liebe Gemeinde,
was fällt Ihnen ein, wenn sie das Wort Bibel hören? Ein verstaubtes altes Buch, ein Familienerbstück, eine kostbare Bibelausgabe mit verschnörkelter Schrift und besonderen Bildern berühmter Maler, oder ein Buch, das Sie täglich begleitet, dessen Einband vielleicht schon abgegriffen ist, und in das Sie womöglich eigene Notizen gemacht haben? Es gibt die unterschiedlichsten Erfahrungen. Erfahrungen von Menschen, die erzählen, dass bestimmte Bibeltexte sie auf ihrem Lebensweg begleiten: Der Tauf- oder Konfirmationsspruch; der Trauspruch oder ein persönliches Segenswort, das einen wichtigen Anlass begleitet hat, oder auch ein Trostwort bei der Trauerfeier für einen lieben Menschen. Worte, die in ganz unterschiedlichen Situationen des Lebens geholfen haben, Gedanken und Gefühle zusammenzufassen und auszudrücken. Worte, die unsere eigene Sprachlosigkeit gefüllt haben. Worte, die durch Höhen und Tiefen unseres Leben tragen und geholfen haben, die Angst zu überwinden.
„Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende.
Psalmen, liebe Gemeinde, sind die gesungenen Gebete des Volkes Israel. Zum 126. Psalm haben bis heute viele Menschen eine ganz innige Beziehung. Oft genug entdecken sie ihr eigenes Schicksal darin und beten den Psalm so, als wäre er ihr eigenes Gebet.
Erinnerung und Klage - beides gehört zusammen – und wird im Gebet zu einem Lied der Erlösung. - Nicht, dass damit die Not ein für alle mal gewendet wäre. Nicht, dass künftig keine Tränen mehr fließen würden. – Wir werden aber ermutigt, uns aus einer bedrängenden Gegenwart zu befreien, Erinnerungen an Gottes Erlösungstaten wach zu halten und die Spuren seines Handelns in unserem Leben zu entdecken. Gilt es doch, die Freude nicht zu vergessen und Gott zu loben – unabhängig davon, wie wir uns fühlen. Und das geht sehr häufig nur, wenn wir uns nicht schämen, zu weinen: Wer weint, weint um seine Veränderung und die der Welt. Gott wirkt unter uns, wie beim Volk Israel Erlösung und wird dies in aller Zukunft tun. Deshalb gilt: „Die mit Tränen säen werden mit Jubel ernten.“
Amen.
Häufig spielen dabei Psalmworte eine wichtige Rolle, manches Mal auch ein ganzer Psalm. Auswendig gelernt, sind sie ein Schatz, den niemand rauben kann.
Der 126. Psalm, den wir zu Beginn des Gottesdienstes gesprochen haben, ist hierfür ein gutes Beispiel. Ich lese ihn uns noch einmal vor, diesmal in einer anderen Übersetzung:
Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel.
Da sagte man unter den anderen Völkern: »Der Herr hat Großes an ihnen getan.«
Ja, Großes hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich.
Wende doch, Herr, unser Geschick, wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland.
Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.
Sie gehen hin unter Tränen und tragen den Samen zur Aussaat.
Sie kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Gaben ein.“
Singt dieser Psalm doch ein Lied von der Erinnerung. Der Erinnerung an die wunderbaren Taten Gottes, als er das Volk aus der Gefangenschaft Babylons befreit hatte. Als die Israeliten aus dem Exil in ihre Heimat zurückkehren und in Jerusalem den zerstörten Tempel wieder aufbauen konnten. Als sich mit der Rückkehr ihre tiefste Sehnsucht, fast träumerisch erfüllte. Aus Trauer und Niedergeschlagenheit wurde Freude und Jubel! Gott hatte die Verheißungen der Propheten für die erfüllt, welche jahrelang nur verspottet wurden. Auch ihre Feinde sahen voller Staunen: „Gott, der Herr hatte Großes an ihnen getan!“ –
Derartige Erinnerungen tun gut! Sie zeigen etwas von der Freude und Zuversicht, welche die Menschen damals ergriff und erinnern uns mit ihrer Geschichte an die eigene Lebensgeschichte: „Ja, Großes hat der Herr uns getan. Da waren wir fröhlich.“
Sich an Gottes Hilfe zu erinnern, können wir von Israel lernen. Beten wir diesen Psalm, stehen wir mit Israel gemeinsam vor Gott, dem niemals gleichgültig ist, was seinem Volk, uns ganz persönlich oder seiner Schöpfung geschieht. Gott geleitet uns genauso mit seinem Segen, wie er sein Volk Israel bewahrt hat und bis heute begleitet. Und so, wie er dessen Not wendet und schließlich heimkehren lässt, so wendet er auch unsere Not und lässt uns immer wieder neu zu ihm heimkehren. –
Gottes rettende Kraft wird uns Christen ja besonders am Leben Jesu, deutlich: In seinem Denken, Fühlen und Handeln stets von der Liebe Gottes getragen, wurde Er von Gott aus der tiefsten Not, aus dem Abgrund des Todes gerettet. Ewiges Leben wurde IHM geschenkt, und uns durch IHN verheißen! –
Das nimmt uns nicht die Alltagsmühe und Last, doch hilft es uns, aus der Erinnerung heraus zu beten: „Wende doch, Herr, unser Geschick, wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland.“
Alltägliche Sorgen und Nöte lassen gute Erfahrungen, die guten Zeiten, erlebte Freude und Glück schnell verblassen. Doch der Gefahr in Resignation zu verfallen, können wir, wie der Psalmist mit seiner Klage etwas entgegen setzen! Denn mit der Klage bewegen wir uns mit der Not auf Gott zu. Mit ihr durchbrechen wir die Mauer der Sorgen, werden aktiv und machen uns auf den Weg.
Klagen können, wie wir an Israel sehen, helfen! Vor Gott ausgesprochen befreien sie und eröffnen neue Perspektiven. Betend erinnern wir uns an Gottes Eingreifen und ermutigen uns gegenseitig, dass nichts, aber auch gar nichts so bleiben muss wie es ist!
Der Psalmist malt uns ein Bild dieser Hoffnung. Wie ausgetrockneten Bäche nach der langen Trockenzeit plötzlich wieder Wasser haben und die Wüste in ein fruchtbares Land verwandeln, so kann Gott unsere Not wenden und unser Leben wieder mit neuem Lebensmut und neuer Freude erfüllen. Dann entsteht mitten in einer schwierigen Situation stille Freude und Friede zieht in unser Gemüt, sodass unsere in der Not gefangene Seele, befreit wird.
Möge Gott diese Gewissheit in unsere Herzen pflanzen. Möge Gott uns den Mut zum Träumen geben und die Kraft jeden Tag neu den Aufbruch zu wagen. Denn Gott selbst zieht uns voran und ist zugleich unser Schutz. ER schenkt uns ein Leben in Fülle, damit wir das Lied seiner Erlösung singen.