Liebe Gemeinde,
vor sich sehen Sie eine ganze Reihe alter Schuhe. Kleine - als Kind getragene, größere - die in der Jugend getragen wurden, Turnschuhe, elegante Schuhe, Alltagstreter u. v. m..
Schuhe sind Zeichen unserer Lebenswege, die oft genug ein beredtes Zeichen dafür sind, wie unser Leben einem ständigen auf und ab unterworfen ist.
Vielleicht ertappen Sie sich manches Mal bei Selbstgesprächen, in denen sie über ihr Leben nachdenken: Es ist der 2. Vers des 103. Psalmes - er lautet:
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht was er dir Gutes getan hat"
Genauer betrachtet beginnt dieses Gebet mit einer Ansprache an die eigene Seele.
Diese wird aufgefordert Gott zu loben.
Woran erinnern sie sich, wie war es früher, ehe sie "alt geworden sind"?
Natürlich gab und gibt es nicht nur Sternstunden, in denen unser Leben großartig erscheint und wir vor lauter Freude singen könnten.
Aber ernstlich bedacht sind es vielfach doch gerade die schweren Stunden, die im Rückblick gesehen für uns ein Glücksfall gewesen sind.
Gerade in den schweren Stunden sind wir gereift und Persönlichkeiten geworden!
Der Psalmbeter wußte, wem der vergangenen Lebensweg zu verdanken war und rief seine Seele zur dankbaren Erinnerung auf.
Und heute nachmittag sind wir dazu aufgerufen, es ihm gleichzutun.
Denken wir daran, daß der Gott, der jedem von uns persönlich in seiner Vergangenheit immer wieder Gutes getan hat, uns auch weiter treu zur Seite stehen wird.
Er hat jeden von uns in allen zurückliegenden Zeiten bewahrt.
Für die meisten von Ihnen hieß dies auch Bewahrung im Krieg, auf der Flucht, beim Wiederaufbau des Landes und der eigenen Existenz.
Gott war dabei und hielt in jeder Situation zu jedem von uns. Er hat Jedem vergeben, wo falsch gedacht und gehandelt wurde und hat niemals einen Menschen verlassen.
Ermuntern wir also weiterhin unsere Seele darin, das Gute nicht zu vergessen, das der Herr des Lebens an uns getan hat. Dann werden wir in unserem Beten auch zum Loben der Wohltaten Gottes an uns kommen.
"Eigentlich ist es gar nicht so schlecht verlaufen! Wir haben Glück gehabt, den Krieg heil zu überstehen! Gott sei Dank sind die Kinder gesund groß geworden und haben es zu etwas gebracht!
Wie gut, daß ich die schwere Krankheit gut überstanden habe! Wie schön war doch meine Hochzeit! Wieviel schwere Zeiten habe ich doch mit meinem Lebenspartner durchgestanden!"
Dies alles sind Gedanken, die solche Selbstgespräche prägen können. Auch die Bibel erzählt uns von Menschen, die soz. mit sich selbst reden, ja Menschen, die ihr Gebet mit einem Selbstgespräch beginnen, weil sie vor dem Reden mit
Gott erst einmal ihre Seele dazu ermuntern müssen. Heute nachmittag wollen wir uns solch eine Selbstermunterung einmal aus der Nähe betrachten.
Ist es denn überhaupt die richtige Art, ein Gespräch mit Gott so zu beginnen? Ist dies nötig? Und wenn ja, warum??
Vermutlich ist dem Menschen unseres Psalms, beim Beginn seines betens einfach nicht zum loben zumute.
Vielleicht waren die Gedanken auf ganz anderen Pfaden.
"Wie geht mein Leben weiter? Bin ich nicht nur Last? Wird Gott sein Versprechen einlösen, daß er mich trägt, bis ins hohe Alter?
Oder ist durch mein Versagen, meine Schuld - zwischen mir und Gott mittlerweile eine Mauer aufgebaut, die nicht mehr zu überwinden ist?
Wie weit trägt mein Glaube? Ist Gott mir nahe, oder bin ich von ihm verlassen?"
Diese und ähnliche Fragen mögen dem Psalmbeter den Einstieg ins Gebet erschwert haben und so ist es für ihn wichtig, den Blick zu wenden und das eigene Leben aus einem anderen Blickwinkel zu bedenken.
Nicht auf die Belastungen und das Versagen, gilt es zuerst zu sehen, sondern auf das Gute, das ich erlebt habe.
Und die Seele ist ja wohl der Ort, an dem unsere Erinnerungen, also auch das Gute gespreichert ist.
"Bewahre deine guten Erinnerungen und versuche die Spuren Gottes in deinem Leben zu entdecken!"
Unser Gesicht ist der Spiegel unserer Seele, in dem sich gelebtes Leben ablesen läßt.
Die guten und die schweren Stunden haben sich eingeprägt und ihre Spuren hinterlassen.
Und indem ich darin ein Leben ablesen kann, gerate ich ins Stauen ob der Wunder, die Gott in diesem Leben getan hat!
Darüber kann nicht genug gestaunt werden, und unser Vers möchte sie heute nachmittag in dieses Staunen mitnehmen.
Wieviel kleine Wunder gibt es, an die wir uns erinnern können! Eine Krankheit, die zum Stillstand kommt, ohne daß dies zu erwarten wäre; eine Versöhnung, die wir nie und nimmer für möglich gehalten hätten; der Besuch eines Menschen, von dem wir annahmen, er hätte uns vergessen; die Wiedervereinigung unserer Landes, die kaum einer wirklich erwartet hat u. v. m..
Deshalb wollen wir uns heute persönlich sagen: "Ich vertraue heute und in diesem konkreten Moment: Gott wird sich auch weiterhin an sein Versprechen halten und bei mir bleiben.
Heute, morgen und an jedem weiteren Tag, der mir geschenkt ist.
Mein persönlicher Dank ist das, was ich Gott zurückgeben kann für die vielen Wohltaten, die er mir erwiesen hat.
Und wenn mir auch vielleicht im nächsten Moment schon wieder nicht zum danken zumute ist, dann kann ich mich erinnern, daß ich selbst meine Seele zum Dank ermuntern kann.
Dies ist u. U. dann auch unser Weg aus der Traurigkeit hinaus in ein Leben, das geprägt ist von der Zuversicht und Hoffnung der Liebe Gottes in unserem persönlichen Leben.
Amen.