
Liebe Gemeinde,
in den vergangenen Tagen haben wir uns sehr häufig einen guten
Rutsch gewünscht. Doch was bedeutet dieser Wunsch eigentlich?
Er kommt aus dem jiddischen Wunsch zum guten Jahresanfang. Der erste
Tag des Jahres heißt auf Hebräisch „Rosh
Hashana“ - „Jahresanfang“.
„Rosh“ bedeutet „Kopf“ und
bezeichnet auch den „Anfang“. Und
„Shana“ ist das hebräische Wort
für das Jahr. Im Jiddischen und später im Deutschen
verwandelte sich "Rosh" allmählich in den bekannten "Rutsch".
Wenn wir uns also einen guten Rutsch wünschen, heißt
dies nichts anderes, als sich einen guten Anfang zu wünschen.
Und indem wir uns dies wünschen, verbinden wir uns mit dem
Volk, dem Jesus Christus angehörte, mit dem Volk, aus dessen
Wurzeln unser Glaube wächst. Wer sich seiner Wurzeln bewusst
ist, wer seine Geschichte, seine Stärken und
Unzulänglichkeiten ernst nimmt und nicht verdrängt,
ist gut gerüstet, für das was kommt! Das ist eine
gute Basis, ohne Selbstüberschätzung,
ausgerüstet mit dem nötigen Weitblick in die Zukunft
hineinzugehen.
So erging es auch Josua, als er die Nachfolge des Mose antrat, und
Jesus auf seinem Lebensweg von Galiläa nach Golgatha. Das
erlebten die ersten Christen am Beginn ihrer Nachfolge und Paulus als
sich sein ganzes Leben um 180° drehte. Mit seinem
Christuserleben vor Damaskus bekam sein Leben einen neuen Anfang,
erfüllt mit neuer Kraft, die es ihm ermöglichte, jede
Lebenssituation aus der Hand Gottes zu nehmen. Dies wird in all seinen
überlieferten Briefen deutlich. Ein Beispiel dafür
steht im Brief an die Gemeinde zu Philippi. Ich lese im 4. Kapitel die
Verse 11 - 13:
11
„Ich habe gelernt, in jeder Lage mit dem Vorhandenen
auszukommen.
12
Ich weiß sowohl im Elend zu
leben als auch im Überfluss, mit allem und jedem bin ich
vertraut: sei es satt werden oder hungern, sei es Überfluss
haben oder Mangel leiden.
13
Ich vermag nämlich alles, weil
Christus mich dazu stark macht.“
Liebe Gemeinde,
„Ich vermag
alles, weil Christus mich dazu stark macht.“ Was
für eine Aussage! Ich stelle mir vor, wie das wäre,
würden wir dies genauso sagen! Dann würden wir mit
Schwung und Begeisterung diesen Neujahrstag feiern! Wir vertrauten
nicht mehr auf unser eigenes Vermögen und Können. Wir
dächten nicht: Das schaffen wir schon, denn wir sind stark.
Wir vermögen etwas aus eigener Kraft, aufgrund unserer
Fähigkeiten! Im Gegenteil: Wir würden unsere tiefsten
Wünsche und Sehnsüchte dem anvertrauen, der uns das
Leben schenkte. Unsere Fragen dem stellen und unsere Ängste
dem gegenüber aussprechen, der uns besser kennt, als wir uns
selbst - Gott. Das ist nichts anderes, als zu beten, wobei das Gebet zu
Gott zu einer Kraftquelle wird, die nie versiegt. In Gott finden wir
den Einen, der uns zuhört, der uns versteht und uns selbst bei
den kühnsten Wünschen nicht auslacht. Paulus zeigt
uns, dass es sich lohnt, sich Gott anzuvertrauen. Er begriff, dass
unsere Lebenskraft aus Gott und nicht aus uns selbst entspringt.
Deshalb bekannte er: „Ich
vermag alles, weil Christus mich dazu stark macht.“
Ist das auch unser Bekenntnis oder unsere Erkenntnis?
Wenn wir nur auf die eigene Kraft vertrauen, dann schwindet unsere
Zuversicht. Denn die Gegebenheiten in unserer Gesellschaft
führen mehr und mehr zu einer Überforderung vieler
Menschen. Wir werden gehetzt – von einem Termin zum anderen.
Und darüber hinaus wird uns oft genug viel mehr zugemutet als
wir tragen können. Wir müssten es wagen –
nein zu sagen, wenn wir spüren, dass unsere Kraft nicht
ausreicht. Denn wenn wir zu allem Ja und Amen sagen, was uns abverlangt
wird, dann sind wir hoffnungslos überfordert. Und aus einer
Überforderung entsteht viel zu oft Unrecht. Das
können wir besonders gut nachvollziehen, wenn wir uns die
alten Menschen vor Augen führen. Angewiesen auf Pflege,
treffen sie häufig auf hoffnungslos überarbeitete und
überforderte Pfleger. Mit dem Ergebnis, dass sie verletzt,
manchmal verwahrlost und in manchen Fällen sogar missbraucht
werden. Oft genug sind sie ihrem Schicksal im wahrsten Sinne des Wortes
„ausgeliefert.“ Nicht nur in Heimen, sondern zu
unserem Erschrecken geschieht dies auch in der eigenen Familie.
Entspringt dies reiner Bosheit? Nein, ich glaube eher, dass die
Verursacher oft genug aus der Unfähigkeit heraus handeln, sich
selbst Hilfe zu holen. Anderen Menschen gegenüber die eigene
Schwäche zuzugeben, das haben die wenigsten unter uns gelernt.
Und wir lernen es m. E. erst dann, wenn der Satz des Paulus: „Ich vermag alles,
weil Christus mich dazu stark macht“, zu unserem
eigenen Bekenntnis wird. Dann spüren wir: Es hängt
nicht alles von uns allein ab, wir müssen nicht selbst stark
sein, sondern der in uns lebende Geist Gottes schenkt uns die
nötige Stärke. Alle unsere Vorhaben, Pläne,
Zweifel können wir zunächst mit Gott im Gebet
besprechen. Nicht um die Verantwortung von uns wegzuschieben, sondern
um uns auf den Ursprung unserer Stärke zu besinnen und Gott um
Beistand, Rat und Leitung zu bitten. Dieses Wissen befreit uns von
Zukunftsängsten und -sorgen.
Mehr noch: Dann werden wir mit jeder veränderten
Lebenssituation zurechtkommen. Dann ertragen wir nicht nur
Veränderungen unserer Liebsten, wenn sie alt und verwirrt
werden, sondern nehmen diese aus Gottes Hand, wie es der Schriftsteller
Richard Mc Lean in einer Geschichte ausdrückt:
„Weißt
du, wer ich bin?“, fragte die Frau den alten Mann im
Pflegeheim? „Nicht richtig“, antwortete der Mann.
„Aber ich habe so ein warmes Gefühl, als
würde ich Sie schon lange kennen. Sie lächeln so
lieb. Sind Sie neu hier, Schwester?“ „Ist schon
gut, Vater“, sagte die Frau, ergriff seine Hand und legte sie
an ihre Wange.“
Diese Geschichte ist ein Bild für Stärke, die uns
Gott selbst in dem Gespräch mit ihm verleiht. Und ER schenkt
uns eine starke Gemeinschaft. Menschen, die sich gleichfalls Gott
anvertrauen und die versuchen, ihr Leben mit Seinem Willen in Einklang
zu bringen. Eine Gemeinschaft wie sie Paulus getragen und für
ihn gesorgt hat, auch wenn nicht alles konfliktfrei war und es auch
manche Auseinandersetzungen und manchen Streit gab. Da gab es genauso
wenig zu beschönigen, wie unter uns heute. Aber in einer
Gemeinschaft, die uns trägt, selbst wenn wir uns oft genug an
ihr reiben oder sie uns hin und wieder sogar beschwert, finden wir
letztlich Rat und Unterstützung, so dass wir mit unseren
Sorgen und Nöten niemals allein sind.
Wenn wir gemeinsam beten, werden wir gewahr, dass wir in einem
großen Schöpfungszusammenhang stehen: Jeder und Jede
an dem Platz, den Gott uns zuweist. Wir gewinnen eine Lebenshaltung,
die ganz praktische Folgen hat: Wir kümmern uns dann
nämlich nicht nur um unser eigenes Wohlergehen, sondern haben
das Wohl der anderen im Auge. Nicht aus guten Vorsätzen
erwachsen, sondern aus den Grundsätzen unseres Glaubens.
„Ich vermag
alles weil Christus mich dazu stark macht“, kann
zu einem solchen Grundsatz werden. Einem Grundsatz der Zuversicht, mit
dem wir das neue Jahr 2008 beginnen! In dieser Gewissheit
können wir das Leben gestalten, aufeinander Acht geben und
füreinander sorgen. Egal, wie tief die Einschnitte unsres
Lebens sind, welche Übergänge wir erleben, erdulden
oder auch erleiden: Wichtig ist, dass Gott seine Hand im Spiel hat,
dass er uns bei der Hand nimmt, dass wir nicht allein sind in dem, was
wir tun oder lassen. Denn von uns hängt manches ab, aber alles
von dem, der uns das Leben gab.
Liebe Gemeinde, Kraft wächst uns von dem zu, der Himmel und
Erde gemacht hat. Die Hoffnung neuen Lebens gewinnen wir durch den, der
am Ostermorgen den Tod, vor dem wir Menschen uns fürchten,
besiegt hat. Und: „Wir
vermögen alles, weil Christus uns dazu stark macht.“
Amen.