Liebe Gemeinde,
"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr, der Herrlichkeit." So haben wir gesungen und so singen wir jedes Jahr auf’s Neue. Ja, ich denke, so mancher unter uns freut sich auf dieses Lied, weil wir wissen, welch frohe Zeit jetzt beginnt.
Wir warten auf das Kind in der Krippe. Wir wollen ihm an Weihnachten neu begegnen und ihm unsere Türen weit öffnen.
Wie oft wurde Jesus in seinem Leben erwartet. Von wieviel unterschiedlichen Menschen. Wir gerne haben manche unter ihnen ihm ihre Türen weit auf gemacht. Allen voran die Familie des Lazarus in Bethanien, die zu seinen engsten Freunden gehörte. Aber auch die von der damaligen Gesellschaft Verachteten. Denken wir nur an den Zöllner Zachäus, der völlig überrascht war, dass Jesus in seinem Haus einkehren wollte und der ein großes Fest für ihn veranstaltete. Sehnsüchtig erwarteten die Kranken von IHM eine Berührung, weil sie Heilung erhofften. Und ganz zuletzt, als Jesus schon gekreuzigt war, drückt der eine Verbrecher seine letzte Erwartung an ihn mit den Worten aus: “Denke an mich, wenn du in dein Königreich kommst!” Und selbst diesen Verbrecher enttäuscht Jesus nicht, sondern verheißt ihm, dass er noch am selben Tag mit ihm im Paradies sein wird.
Unser Gottesdienst trägt die Überschrift: “Zwischen Krippe und Kreuz” und ich frage mich, ob wir uns bewußt sind, dass sich unser eigenes Leben zwischen diesen beiden Polen des Lebens Jesu abspielt.
Der heutige Predigttext will uns jedenfalls an diesem Tag daran erinnern. Ich lese aus dem Evangelium nach Matthäus im 21. Kapitel die Verse 1 - 11:
1 Als sie sich Jerusalem näherten und in die Gegend von Bethphage und Bethanien am Ölberg kamen, schickte Jesus zwei von seinen Jüngern vor sich her,
Liebe Gemeinde, ist es nicht eine Zumutung, dass uns am heutigen 1. Advent durch unseren Text unbequeme, unbehagliche und nachdenkliche Perspektiven eröffnet werden? Warum sollen wir an den Kreuzestod Jesu denken, wo wir uns doch auf das Kind in der Krippe freuen? Sind dies nicht unvereinbare Gegensätze? Wieder einmal sind unsere menschlichen Erwartungen und Vorstellungen so ganz andere, als die Wege Gottes. Dies war schon vor 2000 Jahren so, als die Menschen auf den Messias warteten. Wer wäre schon von sich aus auf die Idee gekommen, dass dieser weit weg von einem gemütlichen Zuhause, in einem Stall, zwischen Esel und Rind geboren würde. Wer hätte sich ausmalen können, dass dieses Leben von Anfang an bedroht sein und sich in ständigem Kampf mit den Mächtigen seiner Zeit abspielen würde. Heute am 1. Advent wünschen wir uns den Beginn einer besinnlichen Zeit, die in ein Lichterfest in unseren Familien mündet, das wir so richtig schön und gemütlich gestalten wollen. Statt dessen werden wir an die letzten Tage Jesu vor seinem Kreuzestod erinnert.
Vielleicht ist es nicht möglich, an das Kind in der Krippe zu denken, ohne sich gleichzeitig seine Mission, mit der es in diese Welt kam vor das innere Auge zu stellen. Sonst wäre die Geburt Jesu, die sich vor fast 2000 Jahren ereignet hat, ja nur die Geburt eines großartigen Menschen, derer wir viele bedenken.
Wenden wir uns also unserem Text zu. Er wurde von Matthäus in einen bemerkenswerten Kontext gestellt. Unmittelbar vor unserem Textabschnitt wird von der Heilung zweier Blinder bei Jericho erzählt. Im Anschluss wird von der Tempelreinigung berichtet, bei deren Schilderung ebenfalls von der Heilung Blinder und Lahmer berichtet wird. So wird deutlich, worauf es dem Evangelisten Matthäus ankommt. So wie den Blinden, sollen auch uns die Augen geöffnet werden und wir sollen erkennen, wie diese es durch ihre Heilung erkannt haben. In dem Menschen Jesus von Nazareth erfüllen sich die alten Messiasverheißungen der Propheten. Er ist der erwartete König, der Sohn Davids, »ein Gerechter und ein Helfer«. ER wird zur Hoffnung der Schwachen, Benachteiligten und Gedemütigten. Ja, er kommt als Befreier. Er kommt zu den Unterdrückten, Armen und Elenden. Deshalb fürchten ihn die Mächtigen, die Regierenden, die Unterdrücker. Jesu Leben zeigt von Beginn an den tödlichen Konflikt in seinen sozialen, politischen und religiösen
Dimensionen.
Als Jesus in Jerusalem einzieht, weiß er, was ihn erwartet. Sein ganzes Leben ist zielgerichtet, so auch dieser Moment. Vielleicht denkt er an das Wort des Propheten Sacharja: »Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.« Folgerichtig sendet er seine Jünger, für ihn so ein Reittier zu besorgen. Eine Eselin und ihr Füllen stehen bereit. Dem Besitzer der Tiere muss nur ein »Der Herr braucht sie« mitgeteilt werden und er überläßt die Tiere. Vielleicht spürt er: Was einst verheißen wurde, ist jetzt erfüllt. Dieser Mann aus Nazareth in Galiläa ist der erwartete Königssohn, der Sohn Davids.
Und wie schon bei seiner Geburt kommt wieder alles anders als von den Menschen erwartet. Es erfolgt kein geordneter, lang vorbereiteter Einzug eines neuen Herrschers in seine Hauptstadt! Es kommt kein König “hoch zu Roß”. Nein, Jesus macht schon in der Wahl seines Reittieres deutlich, dass er sich auf Augenhöhe der anderen Menschen begibt. Gerade in dieser Geste zeigt ER, dass er sich seiner Mission bewußt ist.
Bei seinem Einzug wird er von einer großen Menschenmenge empfangen. Sie breiten ihre Kleider auf dem Weg aus und legen Zweige, die sie von den Bäumen abgeschlagen haben, auf den Weg. Eine spontane Handlung, voller Dynamik, unberechenbar und gefährlich für ordnungsliebende und machtbewusste Herrscher. Und die Menge schreit: »Hosianna, Hilfe kommt von dir, Sohn Davids! Gesegnet bist du, weil du in Gottes Namen kommst. Hosianna, Hilfe kommt von Gott!«
Wir kennen das Hosianna als Jubelruf, der in die christliche Liturgie aufgenommen wurde, denken sie nur an das “Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herre Zebaoth; voll sind Himmel und Erde seiner Herrlichkeit, Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herren, Hosianna in der Höhe.” bei der Feier des Abendmahles.
Doch aus dem Aramäischen übersetzt, ist das Hosianna mehr ein Verzweiflungsschrei - »Hilf doch«! Es ist der Verzweiflungsschrei all derer, die körperlich und/oder seelisch am Ende sind. Ein Verzweiflungsschrei, der in auswegloser Situation Hoffnung ausdrückt, da er sich an den wendet, der im Namen des Herrn kommt.
Das Volk erkennt in Jesus den Davidssohn und so wird Jesu Einzug in Jerusalem für die Menschen zur politsch-religiösen Offenbarung. Erhoffen sie sich doch jetzt ein machtvolles Eingreifen ihres Königs. Deshalb schallt Jesus mit dem »Hosianna« ein Verzweiflungs- und Siegesschrei gleichermaßen entgegen. Zwangsläufig führt dies zur Auseinandersetzung mit den religiösen und politischen Führern. Doch auch hierin erweist sich der Unterschied zwischen menschlichen Erwartungen und göttlichem Handeln. Die Menschen, die Hosianna rufen, erwarten Hilfe aus der Höhe, aber sie kommt aus der Tiefe. Zwar kommt Jesus mit der Würde eines Königs. Doch seiner Königswürde fehlt die politische Macht. Seine Macht erweist sich völlig anders, als die Menschen Macht bisher erfahren haben! Jesus kommt im Namen des Herrn, aber nicht als politischer Befreier und Machthaber. Er zieht als König ein, aber nicht mit dem Ziel weltliche Machtansprüche zu erheben. Kein Wunder also, dass sich die Menschen fragen: » Was ist denn das für einer?« Die Leute damals antworteten: “Dies ist der Prophet Jesus aus Nazaret in Galiläa.” Ihre Gesten und Rufe aber drücken viel mehr aus. Sie machen bewußt: “Er ist der Menschensohn, der Messias, der Sohn Davids, der Sohn Gottes, der Gesalbte, also Christus.” Seine Gegner hingegen sprechen vom Gotteslästerer und politischen Aufwiegler. Und schaffen es in wenigen Tagen, das Volk auf ihre Seite zu ziehen, um in der Menge ihr “kreuzige ihn!” zu rufen.
Und heute? Wen erwarten wir? Wen empfangen wir am 1. Advent mit unseren Chören und laut »geschmetterten« Adventsliedern? Unsere religiösen Wunschvorstellungen richten sich vermutlich auf einen faszinierenden, großen, mächtigen, überwältigenden, Stärke und Glanz ausstrahlenden Menschen. Doch unseren Erwartungen entspricht der Gekommene nicht. Vor Weihnachten sollen wir uns dies bewußt machen, dass der, den wir erwarten, der so ganz Andere ist. Von daher ist der 1. Advent nicht nur der Beginn des neuen Kirchenjahres, sondern auch der Beginn der Fasten- und Bußzeit. Die Geschichte vom friedfertigen Einzug Jesu in Jerusalem endet am Kreuz. «Wehrlos liefert er sich den Mächtigen aus« und das, obwohl er weiß, wer er ist: “der König aller Königreiche”. Das passt nicht in unsere Vorstellungen, gerade heute nicht! Alles um uns herum ruft nach Stärke. Doch genau an dieser Stelle verweigert sich Gott unseren Erwartungen. Offensichtlich will Gott diesem Ruf nach Stärke in uns, “Wehrlosigkeit und scheinbare Schwäche”
entgegenstellen.
Jesus weiß bei seinem Einzug nach Jerusalem, dass sein Weg ihn nicht in einen prachtvollen Thronsaal führen wird, sondern in den Tod. Doch er weicht von diesem vorgezeichneten Weg nicht ab! Wir Menschen würden alles tun, um so einem Schicksal zu entfliehen! Wollen wir doch am liebsten stark und anerkannt sein! Wir haben Angst davor, von anderen verletzt zu werden. Deshalb versuchen wir uns durch Rüstungen zu schützen. Aber warum? Haben wir Angst davor, “entrüstet” - sozusagen nackt dazustehen, weil Andere mit Fingern auf uns zeigen könnten? Fehlt uns der Mut, ohne Rüstungen dazustehen, weil wir Angst davor haben zu versagen? Das Friedensreich Jesu ist und bleibt auf das Ablegen unserer Rüstungen angewiesen. Denn Gott selbst hat in Jesus seine Rüstung abgenommen. Davon muss das einfache Volk in den Gassen Jerusalems bei Jesu Einzug unbewußt eine Ahnung gehabt haben. Es hat sich zwar nicht »ent-rüstet«, aber doch »ent-kleidet« und mit seinen Kleidern einen Teppich vor Jesus ausgebreitet.
Dies ist heutzutage undenkbar. In unserem Land, ja auf der ganzen Welt werden die Rüstungen wohl eher verstärkt. Barmherzigkeit, Mitgefühl, Friedfertigkeit werden zu Eigenschaften der Schwachen. Die Aggressivität nimmt im zwischenmenschlichen und politischen Bereich zu, denn: »Angriff ist die beste Verteidigung«. Und so verwundern wir uns nicht, dass die Menschen sich damals fragten: »Was ist denn das für einer?« »Wer ist er?«
Und wir heute morgen, was fragen wir uns? »Wen empfangen wir?«
Und »Wollen wir ihn?« Gerade in seiner Gewalt- und Machtlosigkeit, auf seinem Kreuzweg?
Wie oft verleugnen, verraten und kreuzigen wir diesen Gott ohne Rüstung!
Wie oft wollen wir ihn gerade so gar nicht empfangen. Von daher muss er immer wieder von neuem bei uns einziehen. Wenn wir an dieser Stelle von ganzem Herzen “Ja” sagen und ihn einziehen lassen, dann wird unser »Hosianna«, das der Verzweiflung der Unterdrückten und Geschundenen Raum gibt, zu einem Ruf der Hoffnung und des Jubels. Denn dann erfüllt sich auch für uns, was die alten Propheten verheißen haben. Er, der Sohn Davids, öffnet den Raum zum Frieden, denn er erweist sich gerade in seiner Niedrigkeit, in seinem Leiden als stark. Es ist Advent - und er »kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer«. Jetzt spüren wir, dass Krippe und Kreuz untrennbar miteinander verbunden sind. Ja, das Wunder von Weihnachten ist für uns nur von Ostern her wirklich zu erfassen.
Öffnen wir die Tür unseres Herzens hoch und das Tor des Herzen weit, damit der Herr der Herrlichkeit einzieht. Er der König, aller Königreiche, der Retter der ganzen Welt, der mit sich Heil und Leben bringt, damit wir jauchzen und mit Freuden singen: “Gelobt sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.”
2 mit dem Auftrag: Geht in das nächste Dorf. Gleich am Ortseingang werdet ihr eine Eselin angebunden finden, zusammen mit ihrem Fohlen. Bindet sie los und führt sie her!
3 Wenn euch jemand fragt, dann antwortet: Der Herr braucht sie, und wird sie gleich wieder zurückbringen.
4 Dies alles geschah, damit das Wort des Propheten in Erfüllung ging:
5 Sagt zur Stadt auf dem Sion, der Tochter Gottes: Achte darauf: Dein König kommt zu dir. Er übt keine Gewalt, er sitzt auf einem Esel, dem Füllen eine Eselin.
6 Da gingen die Jünger los und taten alles, wie Jesus sie geheissen hatte.
7 Sie führten die Eselin und das Fohlen herbei, legten Kleider darauf, und Jesus saß auf.
8 Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf dem Weg vor Jesus aus, andere kleine Zweige, die sie längs des Wegs von den Bäumen abgeschnitten hatten.
9 Die Leute und das ganze Gefolge riefen: Hosianna, Hilfe kommt von dir, Sohn Davids! Gesegnet bist du, weil du in Gottes Namen kommst. Hosianna, Hilfe kommt von Gott!
10 Als Jesus in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Unruhe, und man fragte: Was ist denn das für einer?
11 Die Leute aber sagten: Dies ist der Prophet Jesus aus Nazaret in Galiläa.
Amen.