Liebe Gemeinde,

in zwei Tagen findet die in den letzten Wochen so heiß diskutierte Bundestagswahl statt. Was wurde im Vorfeld nicht alles geredet, ja zerredet. Und ganz besonders fällt auf, dass immer wieder neu die Rede auf die Unzufriedenheit der Menschen kommt. Wir sind in den letzten Wochen und Monaten sozusagen zu einem Volk der Unzufriedenen, der Nörgler und Pessimisten geworden. So liegt es nahe, dass wir gemeinsam an diesem Nachmittag darüber nachdenken, ob diese Haltung uns nicht im Letzten krank macht und das ständige „sich Sorgen machen“ unser ganzes Wesen negativ verändert.
Bei meinen Vorbereitungen bin ich auf eine Geschichte von Leo Tolstoi gestoßen:

„Vor langer, langer Zeit, als die Erde noch jung war und die Märchen noch wahr waren, lebte ein Zar. Eines Tages lag er schwerkrank danieder und versprach die Hälfte seines Reiches demjenigen, der ihm Heilung bringe. Da versammelten sich die Weisen des Landes und beratschlagten, wie sie dem Zaren helfen könnten. Aber niemand wusste Rat. Nur ein Weiser erklärte: „Wenn man einen glücklichen Menschen findet, ihm sein Hemd auszieht und es dem Zaren anlegt, dann wird der Zar genesen.“ Daraufhin schickte der Zar Boten aus, die in seinem weiten Reich einen glücklichen Menschen suchen sollten. Aber es gab keinen einzigen Menschen, der mit allem wahrhaft zufrieden und deshalb glücklich gewesen wäre. Der eine war zwar gesund, aber in seiner Armut unglücklich. Und wenn einer gesund und reich war, dann war die Ehe unglücklich oder seine Kinder waren nicht geraten. Kurz, jeder klagte über sein Los und nannte es ungerecht. Eines Abends ging der Zarensohn an einer armseligen Hütte vorüber, und er hörte, wie drinnen jemand sagte: „Nun habe ich meine Arbeit getan, habe mich satt gegessen, satt getrunken und gehe schlafen - was fehlt mir noch? Ich bin der glücklichste Mensch.“ Den Zarensohn erfasste eine große Freude. Nach seiner Rückkehr in den Palast befahl er, diesem Mann sein Hemd auszuziehen und ihm dafür so viel Geld zu geben, wie er nur wünschte, und dem Zaren das Hemd zu überbringen. Die Boten eilten zu dem Glücklichen, um ihm gegen schweres Gold sein Hemd einzutauschen. Aber der Glückliche war so arm, dass er nicht einmal ein Hemd am Leibe hatte.“

Glücklichsein, so lehrt uns diese Geschichte hängt nicht davon ab, was wir besitzen, oder welche Stellung wir in der Gesellschaft einnehmen. Glücklich sein kommt aus einer anderen Quelle. Wird, so könnten wir sagen, außerhalb von uns selbst gespeist. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir nicht ständig darum Sorge tragen, was wir haben oder nicht haben. Hören wir nicht innerlich einige Verse aus der Bergpredigt Jesu?

„Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie? Wer von euch vermag durch Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen? Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? Lernt von den Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Ich sage euch aber: Selbst Salomo in seiner ganzen Pracht war nicht gekleidet wie eine von diesen.“

Wir können glücklich und zufrieden unser Leben gestalten, wo immer wir leben. Auch Sie können dies, hier im Marie-Juchacz-Heim. Und vergessen wir nicht, uns geht es im Vergleich mit den meisten Menschen, die in anderen Ländern leben immer noch so gut, wie diese es sich höchsten träumen können. Deshalb sollten wir mit der Unzufriedenheit Schluss machen und uns wieder auf das Wesentliche – die guten Gaben Gottes besinnen, die wir täglich aus seiner Hand nehmen. Bewusst oder unbewusst. Denn eines ist gewiss. Gott selbst sorgt für uns. Er ist uns nahe und hört auf unsere Bitten. Die lauten und die leisen. Die ausgesprochenen und die gedachten. Er selbst kümmert sich jeden neuen Tag um unsere ganz persönlichen Bedürfnisse.
Deshalb können wir es immer wieder aufs Neue wagen, mit diesem Gott zu reden, ihn anzusprechen und uns ihm anzuvertrauen. Denn er will, dass Sie jeden Tag, wie der Glückliche unseres Märchens sagen: „Nun habe ich meine Aufgaben getan, habe mich satt gegessen, satt getrunken und gehe schlafen - was fehlt mir noch? Ich bin der glücklichste Mensch.“

Amen.

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