„Man zerstört seinen eigenen Charakter aus Furcht, die Blicke und die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen, und man stürzt sich in das Nichts der Belanglosigkeit, um der Gefahr zu entgehen, besondere Kennzeichen zu haben.“
Liebe Gemeinde,
Den fast 300 Jahre alten Worten des französischen Schriftstellers Nicolas Chamfort ist ihr Alter nicht abzuhören!
Sie könnten jüngst in einem Zeitungsartikel, der sich mit den Gegebenheiten unserer gesellschaftlichen Situation auseinandersetzt, veröffentlicht worden sein.
Wir könnten über den Inhalt sicher auch innerhalb unserer Kirchen- und Gemeindegremien lange Diskussionen in Gang setzen. Dienen diese Worte doch einer Bestandsaufnahme unser Gesellschaft.
Sie zeigen überdeutlich, dass wir Menschen dazu neigen uns zu verbiegen, nur um in der Masse nicht aufzufallen. Unsere Kinder und Jugendlichen verstecken ihre Persönlichkeiten bereits hinter uniformer Kleidung und finden es peinlich, wenn sie in irgendeiner Art und Weise Aufmerksamkeit erregen. Am liebsten wäre jeder genauso wie alle anderen seiner Gruppe und hätte genau das, was momentan „in“ ist. Jede Gruppe entwickelt für sich besondere Kennzeichen, vermeidet aber jegliche persönliche „Note“. Nur gemeinsam scheint man stark zu sein. Und das einzige Kennzeichen, das erlaubt ist, dient zur Bestimmung einer bestimmten Gesellschaftsgruppe.
Dies alles ist wahrhaftig nicht neu. Selbst zu Lebzeiten Jesu war dies schon so, weshalb seine Bergpredigt unvermindert selbst für Nichtchristen interessant ist und in Auszügen bei jeder passenden Gelegenheit zitiert wird. Jesus wusste, dass die Menschen sich am liebsten verstecken und ihre wirkliche Meinung zu allen möglichen Lebensfragen nur den engsten Freunden im geheimen Kämmerlein offenbaren würden.
Von daher erstaunt es nicht, dass er seinen Jüngern immer wieder in Gleichnissen ihren besonderen Auftrag veranschaulicht.
Einige Sätze aus dem 5. Kapitel des Matthäusevangelium verdeutlichen dies. Ich lese die Verse 13 – 16.
13 Ihr seid das Salz der Erde. Salz ist unersetzlich. Selbst wenn es möglich
wäre, dass es fad würde – man könnte es mit nichts anderem wieder
salzig machen. Es würde für nichts mehr taugen, man müsste es einfach
wegwerfen, und die Menschen würden darüber hintrampeln.
14 Ihr seid die Sonne, das Licht der Welt. Eine Stadt oben auf der Spitze
eines Berges wird von allen gesehen.
15 Und wer ein Licht anzündet, wird keinen Topf darüber stülpen, sondern
es auf den Leuchter stellen; damit es allen im Haus hellen Schein gibt.
16 So sollt ihr Licht für die Menschen sein. Sie sollen sehen, was ihr tut, und so
zu Gott finden und euren Vater im Himmel loben.
Liebe Gemeinde,
in einer Demokratie in der freie Meinungsäußerung groß geschrieben wird, und in einer Zeit, wo wir geneigt sind, nur das zu tun, was uns auch passt scheinen diese Worte fehl am Platz! Sagt uns Jesus doch hier, was wir sind, ohne uns nach unserer Meinung zu fragen. Was also fangen wir Menschen des 21. Jahrhunderts bloß mit diesen Worten an? Wir haben zwei Möglichkeiten:
- Wir packen jetzt unsere Sachen zusammen und gehen nach Hause, oder
- wir nehmen uns die Zeit und denken nach, was diese Worte für uns als Christen bedeuten.
Diese Worte stehen direkt nach den Seligpreisungen und Jesus sagt sie nicht nur seinen Jüngern, sondern vielen Menschen seines Volkes. Es scheint ihm wichtig zu sein, gleich zu Beginn deutlich zu machen, wen er als seine Nachfolger sieht.
Die Gemeinde besteht in Jesu Augen aus den geistlich Armen, die wissen, dass sie nichts von sich und alles von Gott zu erwarten haben. Sie hat in ihrer Mitte Leidtragende, die ganz von Gottes Trost leben; Sanftmütige, die um Gottes Willen auf Macht und Gewalt verzichten. Sie lädt die ein, welche der Mangel an Gerechtigkeit gerade mit Hunger und Durst nach Gerechtigkeit erfüllt. In der Gemeinde Jesu leben Barmherzige, die in ihrem Herzen Platz für andere haben; Menschen reines Herzens, deren Blick durch das Fenster zur Welt geht, und die in jedem Menschen Gott entdecken; Friedfertige, die mit den Ohnmächtigen der Welt den Allmächtigen zur Hilfe rufen; und letztlich beherbergt die Gemeinde Jesu die Verfolgten und Geschmähten, die für ihren Gott auch Leid und Schmerz auf sich nehmen.
Jesus preist sie selig, weil ihre „Verbundenheit mit Gott“ deutlich, sichtbar, greifbar und damit natürlich auch angreifbar ist.
Und damit nicht genug: „Die Welt soll die Jünger und Jüngerinnen Jesu sehen und spüren. Und damit merkt sie, wie verwundet sie ist. Wer sich als Schüler und Schülerin Jesus begreift, wirft das Licht Gottes auf das, was im Dunkeln liegt und geschieht. Setzt ein Zeichen gegen die Mächte der Finsternis! Gibt den Menschen einen Platz in ihrer Mitte, die von anderen ins Abseits geschickt werden.
Für die Jünger damals war klar: „Nehmen wir unsere Bestimmung ernst, dann gehen wir in die Welt! Ja, dann stehen wir zu dieser Welt und verbessern sie mit den uns aufgetragenen guten Werken!“
Alle Menschen, die in den Seligpreisungen hervorgehoben werden, haben von Jesus her eine Bestimmung. Sie sind „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“. Es kommt mir so vor, als seien die Worte, über die wir heute morgen nachdenken, nur denen gesagt, die sich mit diesen Menschen identifizieren können. Und ich frage mich, ob wir uns in den Gequälten, in den Traurigen, in denen, die auf Gewalt verzichten, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben wiederfinden. Ob wir uns als Barmherzige, als Menschen reines Herzens, als Friedensstifter erkennen? Ob ich selbst es kann?
Liebe Gemeinde,
In Jesu Augen sind das alles Kennzeichen der Menschen, die für die Welt leben, die sich nicht in die Abgeschiedenheit ihrer eigenen Gedanken, ihrer Häuser, Heime oder Kirchen zurückziehen. Die an die erste Stelle nicht das stellen, was „in“ ist, sondern das im Blick haben, was von Gott her dem wirklichen Leben dient.
Wenn wir vom Ruf Jesu getroffen sind, dann werden wir uns in den Seligpreisungen wiederfinden und spüren, dass jeder, jede von uns ganz persönlich angesprochen ist.
Ich weiß, dass die meisten von uns sich nur als ganz kleine Lichter sehen und höchsten als eine Prise Salz in einem riesigen Süßwassersee empfinden. Doch hier und heute werden wir nicht um unsere Meinung gefragt, es ist nicht in unseren Willen gestellt, ob wir es sein möchten. Uns wird von Jesus zugesagt, was unsere Bestimmung ist und wie sich unsere christliche Existenz auswirkt. Wir haben darauf keinen Einfluss! Mehr noch: „Von Gott her sind wir „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ und Jesus traut und mutet uns zu, es zu sein.
Wenn wir in seiner Nachfolge stehen, dann mit unserem ganzen Menschsein – innerlich und äußerlich. Und wie das Salz nicht zu ersetzen ist, so sind wir als Gemeinde Jesu für die Welt unersetzlich. Keine weltliche Institution kann die uns von Gott gestellten Aufgaben übernehmen. Keine!!
Doch wir müssen uns nicht an die Marktplätze dieser Welt stellen und unserer Bestimmung hinausschreien. Ein „Zuviel des Guten“ ist genauso fatal, wie ein „Zuwenig“! Es kommt auf feinste Dosierungen an. Sind wir eng mit Jesus verbunden, dann wird unser Leben diese Verbundenheit ausstrahlen und wir werden nach dem „Geheimnis unseres Glaubens“ gefragt werden. Mit unserer Bestimmung ist unsere ganze christliche Existenz verbunden! Sie wird uns wiederum in einem Bild zugesagt: »Ihr seid die Sonne, ihr seid das Licht der Welt.« Das ist das Größte, was Jesus uns zusprechen kann, denn er selbst sagt ja von sich: »Ich bin das Licht der Welt«! Mit diesem Zuspruch verweist er auf eine Einheit, die Jesus sonst nur für sich und den Vater verwendet. Wir werden durch dieses Wort ausgezeichnet.
Wenn wir von Gott im Innersten ergriffen sind, dann sind wir in unserer ganzen Existenz Licht für die Welt um uns herum.
Das gilt im Großen und im Kleinen! Einzige Voraussetzung dazu ist, dass wir im Feuerschein dessen bleiben, der selbst das „Licht der Welt“ ist. Stehen wir in der Nachfolge Jesu, dann geben wir der Welt Orientierung. Wir erhellen Wegabschnitte, ermöglichen feste Schritte und vertreiben Angst und Unsicherheit. Wir erhellen nicht nur das eigene, sondern auch fremdes Leben. Als sichtbare Gemeinde machen wir Jesus der Welt in unserer Nachfolge bekannt. »Gute Werke« sind die natürliche Folge. Sie müssen nicht mühsam erdacht werden. Denn »die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit« wenn wir, wie Paulus es ausdrückt »als Kinder des Lichts leben«.
Zu unserer Identität als Christen gehört der lebendige Glaube. In der Anbindung an Jesus stimmen Theorie und Lebenspraxis überein. Und so gilt das Wort Bonhoeffers gerade auch in unserer Zeit: »Kirche ist nur solange Kirche, wie sie Kirche für andere ist.« Er hätte auch sagen können: „Eine Gemeinde ist nur solange Gemeinde, wie sie weithin Lichtquelle für die sie umgebende Welt ist.“ Eine Gemeinde, die sich nur um sich selbst dreht, die nur ihre Selbsterhaltung absichert, die Angst vor Mitgliederschwund hat, wird auf Dauer von den Menschen übersehen. Wir können uns nicht in unseren Kreisen und Gemeinschaften mit Glaubensdingen begnügen und die »böse Welt« draußen lassen. Würden wir unseren Glauben, nach dem Motto lebten: „Glauben ist meine Privatsache“, so wird unsere Umwelt uns als belanglos abtun und wir nützen niemandem. Wenn wir unser Leben aber in den Dienst Gottes stellen, dass es so wirkt, wie Jesus uns es vorgelebt hat, dann ist es „Salz der Erde“.
Nach den Worten Jesu sollen wir der Welt etwas nützen. Wir sollen uns dabei aber von Gottes Geist leiten und nicht von der Welt benutzen und missbrauchen lassen. Wir, die von einem Gott wissen, der Vater aller seiner Geschöpfe sein will, sind der Welt ein Gegenüber, das der Welt dient und sich von Gott zum Nutzen der Welt gebrauchen lässt. Dabei müssen wir weder unseren eigenen Charakter zerstören, noch uns in das Nichts der Belanglosigkeit stürzen. Nein, dann sehen die Menschen, dass Christen Menschen sind, die nicht nur den Namen des Mannes aus Nazareth tragen, sondern dass sich ihr kleines Licht aus Gottes Geist speist. Dass von ihnen besondere, ins Auge fallende Signale ausgehen. Wenn es gelingt, dann strahlen wir aus, was Jesus selbst ausstrahlte!
„Ihr seid Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt“ – lasst uns gemeinsam unserer Bestimmung folgen!
Amen.