„Die Globalisierung hat uns einander näher gebracht in dem Sinn, dass wir alle von den Handlungen anderer betroffen sind, aber nicht in dem Sinn, dass wir alle die Vorteile wie auch die Lasten teilen. Stattdessen haben wir zugelassen, dass sie uns immer weiter auseinander treibt, indem sie das Wohlstandsgefälle und die Machtunterschiede zwischen den Gesellschaften wie auch im Inneren der Gesellschaften verstärkt. Eine solche Entwicklung spricht universellen Werten Hohn.“
Liebe Gemeinde,
diese Worte des scheidenden Generalsekretärs Kofi Annan beleuchten das Thema „Globalisierung“ unserer diesjährigen Synode, mit den Augen eines Politikers. Doch spricht er genau die Punkte an, die uns Christen in besonderem Maße bewegen. Denn Gott möchte, dass wir etwas gegen das Wohlstandsgefälle und die Machtunterschiede zwischen den Gesellschaften unternehmen. Ja, als Christen sind wir vom Sohn Gottes beauftragt, in dieser Welt SEIN Reich aufleuchten zu lassen.
Die derzeit spürbare Krise unserer Gesellschaft ist eine Sinnkrise. Einmal vorhandene Werte stehen längst in Frage. Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit erwarten wir von anderen, doch selbst halten wir uns gerne zurück. Wir spüren, dass Orientierungen und Werte uns etwas kosten: unser Nachdenken und Mitdenken, den Einsatz von Zeit, Verstand und Gefühl.
Wir müssen ganz neu das Bewusstsein dafür entwickeln, dass eine Welt, die sich selbst und ihren eigenen Kräften überlassen wird, ihre Humanität verliert, ihr menschliches Gesicht. Und damit werden Wohlstandsgefälle und Machtunterschiede zwischen Gesellschaften und Völkern verstärkt.
Das bekommen wir alle mit, wenn wir lesen, hören und sehen was in der Welt passiert. Und weil es unsere Welt ist, geht es uns alle von jeher und zu allen Zeiten etwas an! Infolgedessen ist Globalisierung kein Phänomen unserer Zeit, sondern wurde in seiner weltumspannenden Bedeutung von den christlichen Gemeinden, von Anfang an durch den Auftrag Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger ins Auge gefasst.
Ich lese aus dem Evangelium nach Matthäus im 28. Kapitel die Verse 18 20:
18 Jesus, trat herzu und redete die Jüngerinnen und Jünger mit den Worten an: »Mir ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden verliehen.
19 Darum gehet hin und macht alle Völker zu meinen Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes
20 und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und wisset wohl: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit!«
Jesus begegnet seinen Jüngern ein letztes Mal und sendet sie in ihre Zukunft hinein. Damit hat das Gestern seinen Platz in den Erinnerungen und Erfahrungen, die Zukunft dagegen will angegangen und erlebt sein. Für diese Zukunft gilt das Versprechen Jesu, dass Er da sein wird in all dem, was seinen Jünger damals und uns heute im Leben begegnet. Verbunden mit dieser Zusage stellt uns Jesu Auftrag jeden Tag neu an einen Anfang.
Wir alle sind und bleiben, bis zu unserem letzten Atemzug, in unserem Leben unterwegs. Unterwegs in der uns allen nur einmal geschenkten und durchaus begrenzten Zeit und in der einen, globalen Welt.
Straßen, Schienen, Luft- und Wasserwege verbinden Menschen und Völker. Die Welt hat offene und geschlossene Grenzen, trennende Berge und tiefe Täler, mit dunklen Schatten und tödlichen Wüsten. Diese Topographie unserer Weltkarte ist zugleich etwas wie die Beschreibung unseres menschlichen Lebens, ja aller physischen und psychischen Zustände.
Auf der Weltkarte unseres Lebens gibt es Orte wie: Das Tal der Wonne, die Insel der Träume, den Berg der Glückseligkeit. Wir schwimmen im Ozean der Liebe oder im Meer der Verzweiflung; wir träumen vom Kap der guten Hoffnung; wir kennen Leiden und Tränenströme und kommen an unsere Leistungsgrenzen! Und wir tragen in uns die Angst vor den Wüsten des Lebens oder dem Tal des Todes. Diese Welt ist für alle Menschen gleich. Doch beauftragt vom Sohn Gottes schulden wir Christen unseren Mitmenschen Antworten auf ihre existenziellen Fragen: nach dem Sinn des Lebens, wer der Gott ist, an den wir glauben und wie weit der Glaube an IHN trägt.
Fragen, die wir uns selbst verbunden mit einer Standortbestimmung - stellen müssen! Trägt er wirklich, unser Glaube im Leben? Was gelten unsere Versprechen? Was erwarten wir von anderen Menschen und was erhoffen sich diese von uns?
Auf die schwierigen Fragen, die das Leben oft stellt gibt es keine einfachen Antworten. Einfache Antworten haben Diktatoren und Dummköpfe, Menschen, die unreflektiert immer alles besser zu wissen meinen und ihre Meinung nur allzu oft zum Maßstab für andere machen.
Auf solche Maßstäbe können wir verzichten. Für unser Leben benötigen wir einen ganz anderen Maßstab. Einen Kompass, um den richtigen Kurs durch die Höhen und Tiefen des Lebens zu finden und ihn einhalten zu können. Mit dem Wort Gottes, der Bibel, ist uns ein solcher Kompass geschenkt. Mehr noch: Für dieses Leben gilt uns allen sein Wort: „Gehet hin ...“ und „Wisset wohl: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit!“
Soll dieses Wort Jesu heute seinen realistischen Platz in unserem Leben haben, so müssen wir es als einen Auftrag - verbunden mit einer Grenzen sprengenden Perspektive - an uns und unsere Art zu leben - hören! Ganz konkret müssen wir uns zu dem bekennen, der uns beauftragt. Und wir müssen Hoffnung in eine von IHM bereitete Zukunft verbreiten. Denn wir sind niemals allein gelassen, da Gottes Sohn bis ans Ende der Weltzeit an unserer Seite steht.
Wir Menschen leben davon, Nähe, Vertrautheit und Gemeinschaft zu erfahren. Unser Leben lang bleiben wir von den unterschiedlichsten Menschen umgeben und begleitet. Doch zu wissen, dass Gott uns zugesagt hat, in jeder Situation unseres Lebens an unserer Seite zu sein, das hilft uns, jede Unterschiedlichkeit als Chance zu begreifen, aufeinander zuzugehen, einander zuzuhören und unsere Aufgaben in dieser einen Welt zu schultern und zu meistern.
Jesus Christus öffnet unsere Augen für alle Menschen und Völker dieser Welt. Ja, Er hilft uns, uns täglich auf die unterschiedlichsten Stimmen einzustimmen. Es ist wie bei einem Orchester: Viele unterschiedliche Instrumente treffen aufeinander. Doch damit sie zusammen harmonieren, müssen sie vor dem Zusammenspiel aufeinander eingestimmt werden. Und das immer wieder neu, vor jedem Musikstück, das sie spielen. Ein gutes Bild, wie ich meine, für das Zusammenleben so unterschiedlicher Menschen und Völker dieser Erde.
Jesus mutet uns zu, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu teilen, was wir aus seiner Hand geschenkt erhalten. Nicht Haben, sondern Sein steht an 1. Stelle. Er will, dass wir, in dem Wissen, dass Gott unser aller Leben durch alle Erfahrungen hindurch begleitet, die Grenzen überwinden. Dass wir einander, gerade in einer bedrohten Welt, nicht Misstrauen, sondern immer wieder Vertrauen entgegen bringen.
Somit sind die Perspektiven eines wirklich gelebten Glaubens, einer fundierten Hoffnung und einer Liebe, die Grenzen zu sprengen vermag das, wozu wir Christen der Welt gegenüber verpflichtet sind. Darum wird uns gesagt: „Gehet hin...“
Unser Glaube ist - wie die Hoffnung und die Liebe selbst Vertrauenssache! Daher muss er Tag für Tag tragfähiger werden. Und in dem Maße, in dem wir durch unseren Glauben Kraft entwickeln, in dem Maße werden wir „die Vorteile wie auch die Lasten teilen, damit wir immer enger zusammenrücken, und das Wohlstandsgefälle sowie die Machtunterschiede zwischen den Gesellschaften außen und innen - immer weiter abnehmen.
Nehmen wir das Wort, das Gott uns heute in ganz besonderer Weise schenkt, mit in die Beratungen dieser Synode und in unser Leben hinein. In dem Vertrauen, dass unser aller Leben von Gott begleitet ist. Er ruft einem jeden, einer jeden von uns zu: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit!“
Amen.