
„Vom Münster Trauerglocken klingen, Vom Tal ein Jauchzen schallt herauf.
Zur Ruh sie dort dem Toten singen, Die Lerchen jubeln: Wache auf!
Mit Erde sie ihn still bedecken, Das Grün aus allen Gräbern bricht,
Die Ströme hell durchs Land sich strecken, Der Wald ernst wie in Träumen spricht,
Und bei den Klängen, Jauchzen, Trauern, Soweit ins Land man schauen mag,
Es ist ein tiefes Frühlingsschauern, Als wie ein Auferstehungstag.“
Liebe Gemeinde,
dieses wunderbare Ostergedicht Joseph von Eichendorffs bringt auf gute Weise die gegensätzlichen Gefühle zusammen, die unser Leben ausmachen.
Auch der Osterbericht des Evangelisten Matthäus enthält völlig entgegengesetzte Empfindungen, die den ersten Ostermorgen der Frauen beschreiben. Ich lese aus dem 28. Kapitel die Verse 1 – 10.
1 Am Abend des Sabbat, kurz bevor mit dem Sonntag die neue Woche begann, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um das Grab Jesu zu besuchen.
2 Da bebte plötzlich die Erde heftig. Denn ein Engel des Herrn stieg vom Himmel herab, ging zum Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
3 Er war hell wie der Blitz, sein Gewand leuchtete wie Schnee.
4 Bei denen, die das Grab bewachten, löste er solches Entsetzen aus, dass sie vor Angst schlotterten und ohnmächtig zu Boden fielen.
5 Darauf sagte der Engel zu den Frauen: Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.
6 Er ist nicht hier; er ist auferweckt worden, wie er vorhergesagt hat. Seht dort die Stelle, wo er gelegen hat.
7 Macht euch schnell auf und richtet seinen Jüngern aus: Er ist von den Toten auferweckt worden und geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen! Das trage ich euch auf.
8 Eilig verließen die Frauen das Grab und rannten voll Schrecken und voll großer Freude davon, um es seinen Jüngern zu berichten.
9 Da kam ihnen Jesus entgegen und sagte: Ich grüße euch! Die Frauen liefen zu ihm hin, umschlangen seine Füße und beteten ihn an.
10 Jesus sagte zu ihnen: Habt keine Angst! Geht und meldet meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen sollen. Dort werden sie mich sehen.
Was für eine Geschichte! Die ganze Natur gerät aus den Fugen. Der Himmel öffnet sich. Erdbeben erschüttern das Land. Blitze zucken. Menschen werden zu Boden geworfen. Und ein Toter steht auf. Gewaltig, wie hier erzählt wird – und fremd. Matthäus verdeutlicht: Hier greift Gott selbst ein! Und dieses Ereignis vollzieht sich mit spürbaren Folgen in Raum und Zeit. Allerdings beschreibt Matthäus nicht die Auferstehung selbst. Dieses Geschehen bleibt »unbeschreibbar«. Nur die Erfahrungen derjenigen, der Zeuginnen des Geschehens sind beschreibbar. Doch obwohl Jesus selbst sie darauf vorbereitet hat, rennen sie „voll Schrecken und voll großer Freude davon.“
Wie geht es uns, mit dieser Geschichte, die wir schon so oft gehört haben? Bleibt sie uns fremd, oder spüren wir selbst Erschrecken und Freude in einem, weil sie - im wahrsten Sinne des Wortes – wunderbar ist?
So bleibt uns nur eines, an diesem Ostermorgen: Wir müssen uns selbst mit den Frauen auf den Weg machen und wie sie „das Grab Jesu besuchen“. Wie sie denken wir gar nicht mehr daran, was Jesus vor seinem Tod viele Male gesagt hat: „Ich werde am dritten Tage auferstehen.“ Und so gehen wir mit ihnen zum Felsengrab, das auch unser Abgrund sein könnte. Wir überlegen, wie wir mit ihnen den Stein wegwälzen können. Diesen Stein, der nicht nur das Grab verschließt, sondern der auch auf unserer Seele lastet. Da werden wir urplötzlich aus unseren Gedanken gerissen und die Erde, auf der wir stehen, fängt an zu beben. Und mit ihr geraten auch wir aus den Fugen! Und vor unseren Augen wälzt ein Engel den Stein weg und setzt sich darauf. Als wolle er uns sagen: »Nie werde ich zulassen, dass er wieder zurückgewälzt wird. Und das gilt nicht nur für diesen Stein, sondern auch für denjenigen, der auf eurer Seele liegt.« Was für eine Botschaft dringt jetzt an unser Ohr, die wir innerlich selbst noch bebend vor Schrecken dem himmlischen Boten gegenüberstehen.
Der Engel sagt es uns wie den Frauen: „Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; er ist auferweckt worden, wie er vorhergesagt hat.“
Unser Verstand wehrt sich, und will das nicht so einfach hinnehmen. Mit allem haben wir mit den Frauen gerechnet, bloß damit nicht! Doch wenn auch der Schrecken noch nicht verschwunden ist. Wir spüren das Neue und teilen ihre Freude, die sich allmählich ausbreitet. Und wir fangen wie sie an zu rennen, um es den Jüngern Jesu zu erzählen: Der Tod behält nicht das letzte Wort. Doch bevor wir dieses tun können, tritt Jesus selbst in unseren Weg. Und da begreifen wir: Die Kreuzigenden triumphieren nicht über ihr Opfer. Gottes Liebe ist stärker als alle zerstörerischen Kräfte. Ja, sie ist auch stärker als die zerstörerischen Kräfte in uns und um uns herum. Und das allein überwältigt uns, der Auferstandene bringt uns dazu ihn anzubeten und an den Sieg über den Tod zu glauben. Diese Begegnung hat eine bleibende Bedeutung. Für die Frauen damals, für uns heute und darüber hinaus für alle Menschen dieser Erde.
Auch wenn das Geschehen am Ostermorgen all unserem Denken und Erwarten spottet, auch wenn es unsere Gedanken und alle Naturgesetze durcheinander bringt. Auch wenn unser herkömmliches Denken in Frage gestellt und unsere Erwartungen gesprengt werden. Wir werden ermutigt, das Unbegreifliche in uns fallen zu lassen, damit daraus Hoffnung und Freude aufkeimt, größer wird und uns ein für allemal erhalten bleibt. Auch wenn, solange wir in dieser Welt leben, die Angst und das Erschrecken vor dem Tod nie weichen werden. Großer Schrecken und große Freude passen zusammen. Sie leben nebeneinander in uns, wie damals bei den Frauen. Doch unser Glaube sagt uns immer wieder aufs neue: »Die Auferstehung ist der Protest gegen den Tod, der nicht das letzte Wort behält! Das letzte Wort behält Gott und der sagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Deshalb sind wir nicht rettungslos verloren, sondern für alle Zeit und Ewigkeit gerettet!« Gerettet vom Sohn Gottes, der über den Tod triumphiert, weshalb Paulus ausrufen konnte: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Und der diese Frage beantwortet mit den wunderbaren Worten der Siegesgewissheit: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ Und das, liebe Gemeinde ist auch heute Morgen unser Ruf und unser Sieg, den wir proklamieren! Eine Proklamation gegen unsere Angst, gegen unser Erschrecken.
Jesus Christus ist auferstanden! Das ist unsere Hoffnung, die wir bei jedem Abschied, den wir von geliebten Menschen nehmen müssen, gegen alle Furcht, gegen alles Erschrecken ausrufen. Durch diese Osterbotschaft hören wir: Dieses sichtbare Leben ist nicht alles. Mit dem Tod wird nicht alles aus sein. Durch Jesus beginnt ein neues Leben - aus dem Tod heraus. Dieses Leben wartet auf jeden unter uns. Ein Leben in der Herrlichkeit Gottes, ein Leben ohne Ende! Jesus Christus ist auferstanden - deshalb werden auch wir, Sie und ich auferstehen!
So zieht in uns Freude ein, verbunden mit der Gewissheit: Es hat alles einen Sinn! Nach diesem Leben kommt noch etwas! Wir leben, arbeiten und wirken in dieser uns sichtbaren Welt. Aber danach werden wir durch den Tod hindurch in ein neues Leben geboren werden. Ein Leben in der Welt Gottes, die ewig Bestand hat. Jesus Christus ist auferstanden! Der Tod ist überwunden. Seine Herrschaft ist begrenzt. Dies dürfen wir wieder und wieder sagen, damit unsere Furcht, unser Zweifel zurückweicht.
Solange wir in dieser Welt sind, haben wir Angst. Doch wir dürfen uns gegenseitig immer wieder ermuntern, dass Jesus diese Welt überwunden hat und als Auferstandener den Sieg über unsere Angst, und den Tod errungen hat.
Lassen wir uns von der Osterbotschaft wieder ermutigen. Auch wenn noch heute oder morgen der Alltag mit seinen einsamen Stunden kommt. Wir haben ihm eine Freude entgegenzusetzen, und eine Hoffnung. Alles wird einmal überwunden sein, was uns heute noch zusetzt. Und wenn wir durch Zeiten der Krankheit und des Leides gehen müssen, dann geht auch die Zuversicht mit hinein, die von Ostern ausgeht: Am Ende wird das Leben triumphieren!
Jesus Christus ist auferstanden! Diese Welt hat eine herrliche Zukunft - und wir auch. Und dies wollen wir gemeinsam am Tisch des Herrn feiern.
Amen.