Liebe Gemeinde,
an immer mehr Schulen gibt es seit einiger Zeit Extraunterricht zum Thema Konfliktbewältigung. Je nach Schule wird es unterschiedlich benannt, die m. E. beste Bezeichnung lautet einfach und sofort verständlich: „Streitschlichter“. Es ist dies wohl eine Reaktion auf die vielen Konflikte, in Bezug auf körperliche und seelische Gewalt an Schulen, von denen wir immer häufiger hören und lesen.
»Streitschlichter«. Kann man das lernen? Muss man das lernen? Eines ist sicher: im Umgang mit Konflikten sind die meisten von uns – bei allem, was wir fürs Leben gelernt haben– oft genug Analphabeten.
Das gilt gleichermaßen für Schulklassen, jede Gemeindegruppe, jeden Verein und allen voran für unsere Familien. Viel gäbe es da zu lernen. Und wer sagt: »Bei uns gibt’s das nicht«! wird oft genug eines Besseren belehrt.
Da fühlt sich jemand – zu Recht oder Unrecht – von einem anderen ungerecht behandelt, missverstanden, zurückgesetzt, vorsätzlich verletzt und vielleicht vor anderen lächerlich gemacht. Was wird daraus? Wer erfährt davon? Was tun Sie, wenn Ihnen solches widerfährt – in der Familie, im Bekanntenkreis, in unserer Gemeinde?
Sicher: körperliche Gewalt, wie sie leider an manchen Schulen herrscht, bleibt bei uns – Gott sei Dank – ein Tabu. Wie oft aber hören wir Sätze wie: »Die, oder der ist für mich gestorben«. »Der, oder die soll mich kennen lernen«. »Mit diesem oder jener rede ich kein Wort mehr«.
Am Ende wird viel über den Streit, über seinen Anlass, über die Kontrahenten geredet – nur die Hauptbeteiligten schweigen, ziehen sich zurück und reden nicht miteinander. So wird aus einer Bagatelle schnell eine Staatsaffäre.
Häufig scheint der Weg zu dem, der mir Unrecht tut, viel weiter, viel schwieriger und beschwerlicher, als eine Reise zum Mond. Was brauchen wir also, um den Weg zum anderen zu finden?
Der Predigttext für den heutigen Sonntag liefert klare Regeln für den Umgang mit Konflikten – in der Gemeinde des Matthäus. Ein »Grundkurs für Streitschlichter« der frühen christlichen Gemeinde gewissermaßen.
Ich lese im 18. Kapitel des Matthäusevangeliums die Verse 15 – 20:
15 Wenn dein Bruder – das gleiche gilt natürlich auch für deine Schwester – Unrechtes getan hat, dann geh zu ihm hin und nimm ihn dir vor unter vier Augen. Hört er auf dich, dann hast du deinen Bruder wieder gewonnen. 16 Hört er nicht auf dich, dann nimm noch einen, oder zwei aus der Gemeinde hinzu, damit – wie es das Gesetz vorsieht – alles immer vor zwei oder drei Zeugen entschieden wird. 17 Hört er auch auf sie nicht, dann gib die Sache an die Gemeinde weiter. Will er auch auf sie nicht hören, dann behandle ihn wie einen Heiden oder einen Zöllner, so als gehörte er nicht mehr zu euch. 18 Amen, ich sage euch: Wen ihr mit Bann belegt, der wird auch vor Gott gebannt sein. Wem ihr Sünden vergebt, dem wird sie auch Gott vergeben. 19 Und weiter: Amen, ich sage euch: Wenn zwei wirklich eins sind auf Erden, dann mögen sie bitten, um was sie wollen, mein Vater im Himmel wird es ihnen geben. 20 Denn wo zwei oder drei sich versammeln und meinen Namen anrufen, da bin ich in ihrer Mitte.«
Alles beginnt mit dem Weg: »Wenn dein Bruder – das gleiche gilt natürlich auch für deine Schwester – Unrecht getan hat, dann geh zu ihm hin und nimm ihn dir vor unter vier Augen«. Sucht den Frieden unter vier Augen! Ohne Zuschauer, oder Zuhörer, ohne all diejenigen, die Spaß gewinnen am Streit der anderen. Seit bereit zu diesem erste Schritt, bereit zu einem „vier Augen Gespräch“!
Erst wenn dieser Weg für uns in einer Sackgasse landet, erst dann folgt der zweite Schritt: »Hört er nicht auf dich, dann nimm noch einen, oder zwei aus der Gemeinde hinzu« Auch jetzt bleibt die Sache unter den Betroffenen, zieht keine großen Kreise. Vor ein oder zwei Zeugen geht’s zur Sache. Möglichst nur zur Sache, so sachlich wie irgend möglich also.
Was aber, wenn auch das nicht hilft?
»Hört er auch auf sie nicht, dann gib die Sache an die Gemeinde weiter«.
Heißt das, dass wir dann eine Gemeindeversammlung einberufen, oder mit unserem „Kontrahenten“ vor das Presbyterium ziehen sollen, um die Sache dort zu verhandeln und zu klären?
Liebe Gemeinde,
was denken Sie darüber? Regt sich auch bei Ihnen Widerspruch gegen den Anspruch dieser alten Gemeindeordnung aus der Umgebung des Evangelisten Matthäus? Soll es in einer Kirchengemeinde wirklich so zugehen, wollen wir es bei uns so halten, oder müssen wir in der heutigen Zeit andere Wege beschreiten?!
Um darauf eine Antwort zu finden, muss uns klar sein, was Matthäus an dieser Stelle seines Evangeliums beschreibt. Es ist der Versuch urchristlicher Gemeinden, den Heilswillen Gottes für die eigene Gemeinschaft rechtlich zu fixieren und ihm so zum Durchbruch zu verhelfen.
Die Zurechtweisung des Bruders hat im Judentum eine lange Tradition. Ausgangspunkt ist die Auffassung, dass Sünde nicht nur Konsequenzen für den Sünder selbst, sondern auch für die Gemeinschaft hat. Der Sünder wendet sich gegen Gott, genauso wie derjenige, der zum Fehlverhalten seines Bruders schweigt. Doch Gott will eine heile Welt. Dies setzt aber eine Gemeinschaft von Menschen voraus, die sich Gottes Ordnung und seinem Willen unterstellt. In dieser Gemeinschaft kommt es auf jeden und jede an. Deshalb ist jeder Verlust so, als ob ein Kind, die Schwester, der Bruder verloren geht, und die Zurechtweisung des Bruders ein Versuch, ihn für die Gemeinschaft zurück zu gewinnen. Niemals steht sie als Verurteilung im Raum, sondern dient letztlich zur Wiederherstellung der von Gott gewollten Ordnung.
Liebe Gemeinde,
auch wir dürfen nichts unversucht lassen, zu helfen. Niemand darf in seinen Schwierigkeiten allein gelassen werden. im Gegensatz zu früheren Tagen, schließt aber jeder Versuch zu helfen, die Öffentlichkeit ganz selbstverständlich aus. Denn jede Form der öffentlichen Bloßstellung hinterlässt tiefe Verletzungen, ohne dem Frieden zu dienen. So müssen wir uns heutzutage überlegen, wie wir Konflikte im Sinne Jesu so lösen, dass am Ende die Versöhnung steht.
Unter diesem Aspekt ist wohl auch der so oft in der Kirchengeschichte missverstandene Vers 18 zu sehen: »Amen, ich sage euch: Wen ihr mit Bann belegt, der wird auch vor Gott gebannt sein. Wem ihr Sünden vergebt, dem wird sie auch Gott vergeben«. Oder wie Luther übersetzt: »Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein«. Es geht hier niemals um letztgültige Urteile, geschweige denn darum, ewig zu verdammen. Gericht zu sprechen ist einzig und allein Gottes Recht!!! Niemals ist dies Sache von Menschen. Beispiele aus der Kirchengeschichte zeigen genug verheerende und im wahrsten Sinne des Wortes »gewaltige« Folgen ewiger Verwerfungen auf. Man denke nur an die Hexenverbrennungen des Mittelalters.
Deshalb sollen wir auch keinen Bann aussprechen! Im Gegenteil: Unser ganzes Handeln muss der Versöhnung untereinander und dadurch mit Gott selbst dienen. Deshalb sind wir aufgerufen immer wieder neu einander zu vergeben, so wie uns Gott selbst vergibt. Offensichtlich haben unsere Taten im Himmel Folgen, weshalb wir durch diesen Vers gemahnt und ermahnt werden zu lösen, los zu sprechen, zu vergeben. Dann wird sich auch im Himmel – in der uns unsichtbaren Welt Gottes – unsere Freiheit spiegeln.
An Gottes Hand hat jeder, jede unter uns die Möglichkeit, sich als seine ›Streitschlichter‹ zu beweisen. Wir können uns dazu dem besten Lehrer anvertrauen, den es dafür geben kann: dem Heiligen Geist, der uns lehrt, was für uns als Gemeinde, für uns als Christen eine Kunst des Glaubens sein könnte, sein sollte, ja sein müsste. Der Heilige Geist wird – davon bin ich felsenfest überzeugt – es mir und jedem unter uns ermöglich, den ersten Schritt zu tun und auf unseren Bruder, auf unsere Schwester mit dem Ziel der Versöhnung zuzugehen.
Denn wo immer es gelingt, unter vier Augen, zwischen zweien, zwischen dreien, den Streit zu überwinden, das Unrecht aus der Welt zu schaffen, wird Gottes Handeln sichtbar. Und wo zwei oder drei in dem Bemühen, einander zu gewinnen zusammen sind, da ist uns verheißen: »zu bitten, um was wir wollen, der Vater im Himmel wird es uns geben. Denn wo zwei oder drei sich versammeln und seinen Namen anrufen, da ist Jesus in ihrer Mitte«.
Überlegen wir doch selbst, jetzt in diesem Moment, welche Tür für uns entfernter scheint als der Mond. Wenn es eine gibt, dann könnte es sich lohnen, sich auf den Weg zu machen, um gerade diese Tür zu öffnen. Einen Bruder, eine Schwester zu gewinnen. Und dort, zu zweit, zu dritt, dem Gott der Liebe zu begegnen, der Frieden schafft im Himmel und auf Erden.
Amen.