„Demut ist das Ja zur Erde und Sehnsucht nach dem Himmel.“
Liebe Gemeinde,
diese Worte des Benedektinerabts Albert Altenähr können uns helfen, ganz neu über Demut nachzudenken. Demut ist in zunehmendem Maße in Verruf gekommen ist. Oft genug wurde es auch missverstanden und missbraucht. Im Namen der Demut wurden Jahrhunderte lang wie selbstverständlich Unterordnung und Unterwerfung gefordert. Diese negative Bedeutung hat ihren Ursprung im germanischen Wort „Diemüete“. Dies bezeichnete die Gesinnung von Gefolgsleuten gegenüber ihrem Lehnsherrn, die vor ihrem Herrn niederknieten und auf seine Befehle warteten. Diese Wortwahl hatte weitreichende Folgen: Im Namen der Demut wurden Menschen bedrängt und unterdrückt, ja, geradezu im abwertenden Sinne gedemütigt.
Demgegenüber verweist das lateinische Wort für Demut, humilitas, auf die Erde. Also darauf, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Dies aber fällt uns Menschen sehr schwer, denn es beinhaltet, unsere Vergänglichkeit und Begrenztheit, unsere Licht- und Schattenseiten anzuerkennen und anzunehmen. Dazu gehört eine Menge Mut, ja mehr noch: Wir müssen ein „Ja zur Erde“ also ein Ja zu unserer ganz persönlichen Lebenssituation finden. Und wenn uns dies gelingt, spüren wir „eine Sehnsucht nach dem Himmel“, und gewinnen mit beiden die Demut, die in der Bibel so oft beschrieben wird.
Wie diese konkret aussehen kann verdeutlicht uns eine Geschichte aus dem 15. Kapitel des Matthäusevangeliums. Ich lese die Verse 21 - 28.
21 Von dort aus machte sich Jesus auf in das Gebiet von Tyrus und Sidon.
22 Da lief eine Kanaanäerin, die dort wohnte, auf die Straße hinaus und rief
laut: »Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist von einem
bösen Geist besessen.«
23 Jesus beachtete sie nicht. Da kamen die Jünger auf Jesus zu und baten ihn:
»Befreie sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her.«
24 Jesus erklärte: »Ich bin nur zu den verirrten Schafen Israels gesandt.«
25 Doch die Frau lief zu Jesus und fiel vor ihm auf die Knie. Sie rief: »Herr, hilf
mir!«
26 Jesus antwortete: »Es geht nicht an, den Kindern das Brot wegzunehmen
und es den Hündchen zu fressen zu geben.«
27 Die Frau aber ließ nicht locker: »Herr, die Hündchen fressen doch nur von
den Stücken, die von den Tischen ihrer Herren fallen.«
28 Da antwortete Jesus: »Liebe Frau, dein Glaube ist bewundernswert groß.
Dein Wunsch soll dir erfüllt werden.« Und von dieser Stunde an war ihre
Tochter gesund.
Liebe Gemeinde,
Jesus kommt von einer harten Auseinandersetzung mit Pharisäern und Schriftgelehrten. Er zieht sich in das Grenzgebiet zurück, um mit seinen Jüngern allein zu sein. Er will Ruhe finden, um neue Kraft zu gewinnen. Doch sein Ruf eilt ihm voraus und mit der Stille ist es schnell vorbei. Eine Kanaanäerin, die Mutter einer kranken Tochter hört von seinem Kommen. Schon ihr erster Schrei: »Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids!« offenbart ihre große Not. Doch warum antwortet ihr Jesus dann zuerst kein Wort?
Die Jünger wollen das Geschrei loswerden und bitten Jesus, dass er diese Mutter doch von ihrer Sorge befreien solle. Vielleicht erhoffen sie sich, dass dann endlich wieder Ruhe und die gesuchte Stille eintreten.
Aber immer noch zeigt Jesus der Frau gegenüber keinerlei Reaktion. Doch die Mutter kämpft um ihr Kind. Offenkundig ist ihr Glaube an Jesu Heilkraft so stark, dass sie nicht locker lässt. Auch nicht, als sie mitanhören muss, dass Jesus den Jüngern antwortet: »Ich bin nur zu den verirrten Schafen Israels gesandt.« Dass Jesus die Frau deshalb zurückweist klingt uns skandalös, doch die Kanaanäerin urteilt anders. Sie erkennt Jesus offenbar in ihrem innersten Sein und ringt mit ihm in Sorge um ihr Kind. Sie kommt näher heran, fällt auf die Knie und erneuert ihre Bitte: »Hilf mir!«
Aber noch immer keine Hilfe! Stattdessen aufs erste besehen eine noch größere Demütigung: »Es geht nicht an, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hündchen zu fressen zu geben.« Doch sie nimmt es in Kauf, debattiert nicht, sondern akzeptiert. Jesu Bild jedoch greift sie mit einem Argument auf, das selbst Jesus überzeugt: „Ja, im Vergleich zu andern mag ich wie ein Hund unter dem Tisch seines Herrn sein. Nichtsdestoweniger bekommt auch ein Hund noch etwas von dem ab, was an Stücken vom Tisch abfällt.“ Ihre Reaktion zeigt: Sie fordert für sich nicht das, was den Kindern Israels zusteht. Sie zeigt, dass sie in ihm den Verheißenen Israels, den Sohn Davids sieht und erkennt an, dass Jesus zuerst und vor allem der Messias für die Juden ist. Doch ihrer Meinung nach fällt von diesem Segen auch etwas für andere Völker ab. Und der Glaube dieser Frau überzeugt ihn. »Liebe Frau, dein Glaube ist bewundernswert groß. Dein Wunsch soll dir erfüllt werden.« Und von dieser Stunde an war ihre Tochter gesund.
Liebe Gemeinde,
sind wir noch immer nur Zuhörer einer Geschichte und Zuschauer eines vergangenen Geschehens? Oder sehen wir uns in dieser Frau wieder mit den eigenen Lasten und Abhängigkeiten unseres Lebens?
Vielleicht bewundern wir diese Frau um ihren Mut. Eventuell vermissen wir aber den Stolz in ihr, der sich gegen die Demütigung auflehnt. Wie würde es uns in einer vergleichbaren Situation ergehen? Würden wir auch so penetrant an unserer Bitte festhalten? Besonders diesem Jesus gegenüber, der hart wie Stein erscheint? Sicher schwingen ganz unterschiedliche und auch widersprüchliche Gefühle in uns, bis wir endlich den erlösenden Satz hören: »Liebe Frau, dein Glaube ist bewundernswert groß. Dein Wunsch soll dir erfüllt werden.« Bis wir begreifen, dass von dieser Stunde an ihre Tochter gesund war.
Die Kanaanäerin ist ans Ziel gekommen. Sie ist losgeworden, was sie belastete. Sie erlebt eine wahre Gnadenstunde. Je stärker ihr Glaube wurde, desto größer wurde ihre Demut. Je klarer ihr „Ja“ ihrer Lebenssituation gegenüber wurde, desto größer wurde ihre Sehnsucht nach dem Himmel. Denn sie begriff genau: Nur von dort konnte wahres Leben und damit ihr Heil und das ihrer Tochter kommen. Wenn wir genau hinhören wird in uns etwas wachgerufen: Es lohnt sich zu kämpfen und nicht aufzugeben. Es lohnt sich, mit Gott hart zu ringen, dranzubleiben trotz Misserfolgen und Rückschlägen.
Immer wieder stellt sich Gott Menschen in den Weg. Denken wir an den mit ihm ringenden Jakob, an den mit ihm hadernden Hiob, an den sich zunächst selbst überschätzenden Petrus, bis er bei seiner Verleugnung seine Schwäche erkennen kann.
Wenn wir die Geschichte mit dem, was da geschieht, einfach auf uns wirken lassen, finden wir vielleicht Parallelen zu unserem eigenen Leben.
Wir werden ermutigt, in unserem Verhältnis zu Gott nicht zu schnell die Flinte ins Korn zu werfen, auch gegen unser Gefühl, Gott erhöre vielleicht andere, nur uns nicht. Wir werden aufgefordert, unser Leben mit tiefem Sinn zu füllen. Wir werden ermutigt, gegen all das zu kämpfen, was uns am Leben hindern will: gegen alles Böse, gegen Schuld und Unversöhnlichkeit. Wir werden bestärkt unser „Ja“ zur Erde – zu unserer Lebensgeschichte – zu sagen. Wir werden ermuntert dadurch unsere Sehnsucht nach dem Himmel wachsen zu lassen und zuzugeben. Damit gewinnen wir wahre Demut als eine persönlich gewollte, zutiefst positive Lebenshaltung. Dann leben wir in einer Spannung zwischen Gebundenheit und innerer Freiheit, die unserem Leben neue Strahlkraft gibt.
Unser Leben wirft viele Fragen auf. Doch die unbeirrbare Frau unserer Geschichte macht uns Mut, all unsere Fragen und Lasten Gott immer wieder entgegenzuschreien. Mit ihm zu ringen, um Antwort und Hilfe zu erhalten, selbst dann, wenn wir zuerst scheinbar kein Gehör finden. In dieser Haltung werden Kräfte in uns frei, Hindernisse unseres Lebens zu überwinden und nicht an ihnen zerbrechen. Dann werden wir nach Wegen Ausschau halten, die wir zusammen mit Gott gehen können. Wenn wir um unser Leben mit Gott so beharrlich wie die Kanaanäerin kämpfen, werden wir heil werden.
Wir verdanken dieser Frau viel, denn ihr Glaube kann unseren Glauben aus dem Käfig befreien und wieder zu lebendigen Glauben an Gott werden lassen. Von ihr können wir lernen, Gott gegenüber in wahrer Demut gegenüber zu treten. Ihm recht zu geben, aber Glaubensargumente zu finden, die ihn überzeugen.
Lassen Sie uns kämpfen gegen die Resignation, damit wir mit Gott das Leben gewinnen!
Amen.