„Glaube ist Gewissheit ohne Beweise."

Liebe Gemeinde,
der Schweizer Ästhetik- und Philosophieprofessor Henri-Frederic Amiel versteht es mit einfachen Worten den Finger auf den wunden Punkt aller Menschen zu legen. Wir wollen Beweise für alles, was unser Leben ausmacht. Seit dem 11. September 2001 hat sich die Situation noch verschärft. Angst und Misstrauen gegen Menschen, die sich nicht ausweisen, nicht eindeutig legitimieren können, wachsen ins Unermessliche. Die besondere Aufmerksamkeit der Behörden richtet sich auf die Legitimation mittels eines fälschungssicheren Ausweises. Ab dem 26. Oktober dieses Jahres werden wir ohne einen, mit einem Mikrochip ausgerüsteten Pass, nicht mehr in die USA einreisen können. Dieser enthält einen digitalen Fingerabdruck und ein Digitalfoto. Ab 2006 werden noch weitere biometrische Daten erforderlich sein. Heutzutage macht sich also vermehrt die Angst breit, dass ohne offizielle Legitimation womöglich ein Terrorist einreist. Doch meinen wir wirklich, die Gefahr damit ausschalten zu können?
Auch im sonstigen Leben spielt die „Ausweispflicht“ eine große Rolle. – Zeugnisse bei Bewerbungen, Führerschein beim Autofahren und vieles mehr. Allerorten müssen wir zeigen, was in uns steckt! Doch die Frage bleibt, ob wir damit auf der sicheren Seite sind. Wer unter uns hätte es nicht schon erlebt, dass trotz exzellenter Zeugnisse ein Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin nicht in das Arbeitsteam oder die Firma passt. Zeugnisse allein sagen nichts aus über den Menschen, den sie betreffen. Ein Führerschein allein sagt nichts über den Fahrstil des Inhabers aus. Diese Beispiele könnten wir beliebig fortsetzen. Und alle würden aufzeigen, dass es keine letztendliche Sicherheit gibt.
Schon zu Lebzeiten Jesu war Legitimation vonnöten, wenn auch unter anderen Voraussetzungen und mit anderen Mitteln.
Ein Beispiel dazu lesen wir in unserem heutigen Predigttext aus dem 12. Kapitel des Matthäusevangeliums. Ich lese die Verse 38 – 42:

38 	Da forderten einige der Schriftgelehrten und Pharisäer Jesus auf: „Guter Lehrer, lass uns doch ein Zeichen am Himmel sehen, das dich beglaubigen kann.“ 
39 	Jesus erwiderte: „Ihr seid ein schlimmes, verdorbenes Pack! Ihr fordert eindeutige Zeichen, die mich beglaubigen sollen. Doch es gibt nur ein einziges Zeichen: jemand der Umkehr predigt, wie es der Prophet Jona getan hat. 
40 	Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein. 
41 	Die Menschen aus Ninive werden mit diesem Pack im Gericht auftreten und es verurteilen. Denn sie haben sich damals bekehrt auf Jonas Predigt hin, doch hier ist jetzt mehr als Jona. 
42 	Die Königin vom Saba wird mit diesem Pack im Gericht auftreten und es verurteilen. Sie kam damals aus dem tiefen Süden, um die Weisheit Salomos zu hören, doch hier ist jetzt mehr als Salomo.
„Ausweispflicht" auch für Jesus? - Es ist eine spannungsgeladene Situation, von der uns Matthäus berichtet. Erbitterter Streit - mehr noch - Angst geht um! Angst vor demjenigen, der in kein Schema passt, der sich jeder Kontrolle entzieht.
Da ist der Mann, der seine Papiere verweigert! Jesus protestiert gegen jegliches Schauwunder.
Stellen wir uns doch einmal vor, Jesus hätte sich auf die Forderung eingelassen. Hätte dies irgendetwas verändert? Ich bin mir sicher: Nichts, gar nichts hätte sich geändert! Womöglich hätten die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus wieder vorgeworfen, er stünde mit dem Teufel im Bunde. Doch bietet Jesus wirklich nichts an? Oder wollen seine Zuhörer vielleicht gar nichts sehen und verstehen? Ich bin mir sicher, selbst 1000 weitere Wunder hätten die Situation nicht entschärft. Denn wer nicht sehen will, der wird das Wesentliche auch nicht erkennen. Wer sich aber nach Erkenntnis sehnt, dem wird bewusst, dass Jesus noch viel mehr anbietet, als von ihm gefordert wird.
Er bietet durch sein Leiden und Sterben sich selbst als Zeichen des Jona an, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. Das war Jona nicht möglich, aber er ist mehr als Jona. Und es wird an seinem ganzen Verhalten deutlich, dass in JESUS selbst mehr Weisheit lebt, als sie Salomo je hatte!
Bei aller Härte und Drohung, die in seinen Worten steckt, ringt Jesus in Wirklichkeit um die Liebe, die Gott für seine Menschen hegt. Er will die Herzen der Pharisäer und Schriftgelehrten, die Herzen seines Volkes und bis heute unsere Herzen gewinnen. Deshalb bietet Jesus seinen Tod anstelle eines Ausweises an. Denn Liebe kann und muss sich nicht ausweisen.
Jesus ringt um unseren Glauben und unseren Umgang mit Gott und damit um unser Vertrauen!! Denn ohne Vertrauen, ohne Glauben fordern Menschen Beweise, wollen sehen. Liebe Gemeinde, Matthäus erzählt uns diese Geschichte nicht, damit wir uns über die Leute von damals den Kopf zerbrechen. Nein, er fordert uns auf, über unseren eigenen Glauben, über unser eigenes Vertrauen nachzudenken.
Denn wir stehen auch heute in der Gefahr, vor lauter Frömmigkeit und manch falscher Selbsteinschätzung, Gottes Fragen an uns nicht mehr hören. Nach dem Motto: "Jeder ist gemeint, nur ich selbst nicht!" Mit dieser Einstellung sind wir meines Erachtens aber auf dem Holzweg! Denn Jeder, Jede unter uns ist gefragt, ob wir glauben und woran das zu erkennen ist. Und der Maßstab unseres Glaubens ist kein Geringerer als Jesus selbst, der - weil er selbst das Zeichen ist, uns bis heute kein anderes Zeichen gibt, als das Zeichen seines Todes und seiner Auferstehung, das uns im Abendmahl besonders entgegenkommt. Jesus ist Gottes Antwort auf unsere Fragen! Er ist mehr als Jona, er ist das eine und einzige Zeichen Gottes, durch das wir zur Umkehr gerufen werden. Doch Jesus weist nicht nur auf das, was wir in unserem Leben falsch machen, sondern trägt unsere Schuld – unsere Verfehlungen. ER hilft uns umzukehren und neues Leben zu entdecken. ER rettet uns aus den Zwängen, in die wir verstrickt sind, rettet uns aus unserer eigenen Bosheit, und auch aus jeder eigenen Dummheit.
ER ist mehr als Salomo, ER ist Gott selbst, der uns nicht nur in weisen Worten sagt, wie unser Leben gelingen kann, sondern der selbst mitgeht, der unser Leben mit uns teilt und auch unser Scheitern freundlich ansieht. ER täuscht uns niemals, noch gibt er uns Grund zu Enttäuschungen.
ER ist der Gott der Liebe, der Gott der Geduld, der Gott der Barmherzigkeit und der Menschenfreundlichkeit. Wenn wir das glauben, dann haben wir „Gewissheit ohne Beweise." So können wir bedingungslos glauben, Gott vorbehaltlos vertrauen und selbst zum Zeichen für die Menschen um uns herum werden!
Amen.

Hosted by www.Geocities.ws

Hosted by www.Geocities.ws

1