„Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.“

Liebe Gemeinde,

diese Worte Johann Wolfgang von Goethes nehmen uns mitten hinein in eine Frage, die sich schon Martin Luther – nur mit anderen Worten - gestellt hat: Wie kann ich mein Wissen über Gottes Gebote so umsetzen, dass er mir wohlgesonnen und gnädig ist.

Ein kurzer Abschnitt aus dem Buch des Propheten Micha kann uns bei unseren Überlegung helfen: Ich lese im 6. Kapitel die Verse 6 - 8:

6          »Womit soll ich vor Adonaj entgegentreten, mich beugen vor Gott in der Höhe? Soll ich Gott entgegentreten mit Brandopfern, mit einjährigen Kälbern?

7          Hat Adonaj Wohlgefallen an Tausenden von Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich mein erstgeborenes Kind geben für meine Verfehlung, die Frucht meines Leibes für mein sündiges Leben? «

8          Gott hat dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Adonaj von dir fordert, nichts als Recht tun und Güte lieben und besonnen gehen mit deinem Gott.

Liebe Gemeinde,

Der Prophet Micha bringt es auf den Punkt! Weder außergewöhnliche Anstrengungen, noch Heldentaten sind erforderlich, um Gott zu beeindrucken oder sein Wohlgefallen zu erringen. Nur drei Dinge braucht der Mensch: Ein Gespür für das Recht, die Liebe zur Güte und die Besonnenheit, um mit Gott durchs Leben zu gehen! Das klingt einfach und ist doch schwer in seiner Umsetzung!

Seit alters her fragen wir Menschen uns selbst und überlegen miteinander, wie es möglich ist, den für uns erkannten Willen Gottes in unserem Leben umzusetzen. Ja, wie es möglich ist, das Rechte zu tun. Aber tun wir das nicht längst? Ganz sicher tun es die Menschen, deren Taten öffentlich anerkannt werden. Zum Beispiel durch den XY-Preis, der an Menschen vergeben wird, die Zivilcourage und Mut bewiesen und - durch ihr Handeln - andere Menschen vor Unheil bewahrt haben.

Aber auch wir tun doch Recht: Wir betrügen nicht, wir stehlen nicht, wir lügen nicht – außer einigen, kleinen Notlügen. Zwar: „Kennt eine Notlüge kein Verbot und sündigt nicht“ wie uns dies der Volksmund weismacht. Doch gilt dies auch, wenn eine solche Notlüge einem Menschen die Würde stiehlt oder ihn betrügt?

 

Manche Menschen werden auch um ihrer Güte willen aufs Podest gehoben. Da wegen einer großzügigen Spende, dort weil sie Kinder adoptieren und aus der Armut holen, oder Hilfsorganisationen gründen, um Randgruppen unserer Gesellschaft zu unterstützen.

Mit solchen Großtaten können wir zwar nicht mithalten! Aber wir sind im Kleinen tätig: In der Hausaufgabenhilfe, in der Begleitung kranker Menschen, im Besuchsdienst, in unserer Spendenbereitschaft …

Doch liebe Gemeinde, was treibt uns an zu solchen Taten? Ist es Liebe, oder Verpflichtung? Können wir – gemessen an dem, was wir im Alltag alles zu erledigen haben – solche zusätzlichen Anforderungen überhaupt lieben? Denn das ist es doch, was der Prophet Micha uns mit auf den Weg gibt – die Güte zu lieben!

Und damit sind wir eigentlich am Ende menschlicher Weisheit angelangt. Wir spüren: Recht und Güte, die oberflächlich betrachtet leicht umzusetzen sind, bringen uns schnell an unsere Grenzen. Stünde nicht noch die dritte Forderung – die gleichzeitig Geschenk ist - im Raum! Besonnen gehen mit deinem Gott!“

Jesus hat uns dies in besonderem Maße vorgelebt. Sein Leben mit Gott hat seinen Umgang mit den Ausgestoßenen der damaligen Gesellschaft geprägt. Denken wir nur an die vielen Begegnungen, die er mit Zöllnern, Leprakranken, der Ehebrecherin und den unzähligen, unbedeutenden Menschen hatte. Wie groß war seine Bereitschaft ihnen wirklich zuzuhören, ihre Not wahrzunehmen und zu lindern. Er fragte nie danach, ob es ihm noch zuzumuten sei, sondern nahm sich die Zeit, die Bitten der Menschen anzuhören und entsprechend dem Willen seines himmlischen Vaters zu handeln.

Für diesen Willen erhielt er das rechte Gespür, indem er sich wieder und wieder in die Stille und das Gespräch mit Gott zurückzog.

Dies können wir Menschen von Jesus lernen: In der Stille vor Gott können wir die Impulse des Heiligen Geistes wahrnehmen! Er teilt uns mit, was es heißt, mit Gott besonnen, also achtsam mitzugehen. Ja, wir werden in SEIN Handeln mit hinein genommen. Wir bleiben nicht nur Empfänger oder stille Teilhaber seiner Wohltaten, sondern können sie selbst aktiv in unsere Welt hinein bringen.

Wenn wir so wollen, dann müssen wir nur mit offenen Augen durch unsere Tage gehen. Mit Augen, die von unserem Herz her durch Gottes Geist gesteuert sind und dadurch erst richtig gut sehen. Die in den Gesichtern unserer Mitmenschen lesen können - auch das, was zwischen den Zeilen dort geschrieben steht. Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit, Trauer, Verzweiflung, Hunger nach Liebe, Beachtung und vor allem nach einem offenen Ohr!

Und das ist etwas, was Jeder und Jede unter uns schenken kann.

 

Durch das Geschenk Gottes, mit ihm besonnen mitzugehen wird es uns möglich, „Recht zu tun und Güte zu lieben!“ Wir werden dann all das tun, was uns selbst und anderen Hilfe zum Leben ist. Ja, indem wir mit Gott besonnen gehen, gewinnen wir Zeit, um die Dinge zu tun, die wesentlich sind und werden unsere Prioritäten richtig setzen.

Wenn wir unsere Tage – wie Jesus selbst - in der Stille vor Gott beginnen, dann können wir jeden Tag neu - in all seinen Herausforderungen - »achtsam, ja besonnen mitgehen mit unserem Gott«.


Amen.

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