Liebe Gemeinde,

“Der Glaube ist wie ein Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.” Diese Worte eines indischen Christen beschäftigen mich schon lange! Versuchen sie doch auf die schwierige Frage: “Was ist Glaube?” eine Antwort zu geben. Ich wage zu sagen, dass es wohl kaum eine Frage gibt, die so unterschiedlich beantwortet wird, wie gerade diese!

Ist es Glaube, oder nicht vielmehr eine Wunschvorstellung, wenn Politiker glauben, dass die Arbeitslosigkeit in dieser Legislaturperiode wirkungsvoll gesenkt werden kann? Erwarten militärische Befehlshaber von ihren Soldaten Glauben an eine gerechte Sache, um kriegerische Handlungen gegen den Irak zu rechtfertigen? Oder bauen sie nur darauf, durch diese Wortwahl besser zu überzeugen! Glauben Mütter, wenn sie die Hoffnung hegen, dass ihre Söhne heil aus dem Krieg zurückkehren werden? Oder ermutigen sie sich mit den Worten: “Ich glaube fest daran!” nur selbst! An solchen, beliebig fortzusetzenden Beispielen wird deutlich, wie oft wir das Wort Glauben für unterschiedliche Vorstellungen und Überzeugungen einsetzen, die oftmals mit Glauben gar nichts zu tun haben!!

Doch der indische Christ spricht nicht von einem Glauben – oftmals wider besseren Wissens - sondern vom Glauben an Gottes Wirken in dieser, seiner Welt, die ER erschaffen hat. Er spricht von einem Glauben, der uns singen läßt – unabhängig von der äußeren Situation! Der uns ein Gefühl schenkt, in Gottes Hand geborgen zu sein. Und dies unabhängig davon, wie zum Beispiel der Bericht der UNO-Waffenkontrolleure morgen lauten wird. Dieser Bericht, der u. U. über Krieg oder Frieden entscheidet. Gerade in solchen Zeiten ist es nicht leicht, über den Glauben zu sprechen. Vielfach werden Glaubende milde belächelt, wenn sie an der Botschaft Jesu festhalten. Ja, manch einer spottet darüber. Doch gilt es gerade in dieser Zeit, die von Zukunftsängsten geprägt ist, diesen Glauben unbeirrbar zu verkünden. Denn dadurch ermutigen wir Menschen, stets unbeirrbar, gegen alle Widerstände von außen, ihren Weg zu gehen. Denn wir Menschen haben nur eine Chance, in dieser Welt zurechtzukommen, wenn wir unser Leben durch unseren Glauben durchdringen lassen.

Eine Geschichte aus dem 5. Kapitel des Matthäus-Evangelium mag uns dies verdeutlichen. Ich lese die Verse 5 – 11 und 13.

5 Als Jesus nach Kapernaum hineinging, kam ein römischer Hauptmann auf ihn zu und sprach ihn an:
6 Herr, mein Sklave liegt mit Lähmungen zu Hause und hat große Schmerzen.
7 Jesus sprach zu ihm: Ich komme und heile ihn.
8 Daraufhin sagte der Hauptmann: Herr, ich will nicht, dass du meinetwegen in Schwierigkeiten kommst, wenn du als Jude mein Haus betrittst. Als Nicht-Jude bin ich dessen gar nicht würdig. Doch durch ein einziges Wort aus deinem Mund wird mein Sklave gesund sein.
9 Auch in meinem Beruf haben Worte Macht. Ich habe Vorgesetzte und bin selbst Vorgesetzter von Soldaten. Wenn ich zu einem sage: “Geh!” dann geht er, oder zu einem anderen “Komm!”, dann kommt er. Wenn ich meinem Sklaven sage: Tu dies und das!, dann tut er es.
10 Jesus war höchst erstaunt über die Worte des Hauptmanns und sagte zu den Leuten, die ihm folgten: Amen, ich sage euch, so großes Vertrauen ist mir von niemandem in Israel entgegengebracht worden.
11 Ich kann euch versichern: Aus allen vier Himmelsrichtungen werden Völker kommen und Platz nehmen an der Tafel mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich.
13 Und Jesus wandte sich zu dem Hauptmann: Geh nun, denn es soll so geschehen, wie du es mir zugetraut hast. Und in derselben Stunde war der Sklave geheilt.

Liebe Gemeinde,
wir begegnen in dieser Geschichte einem Offizier, dessen Leben von seinem Glauben durchdrungen war. Der Hauptmann von Kapernaum macht sich auf den Weg zu Jesus! Nicht für sich selbst, nein, er geht für seinen Sklaven, der gelähmt ans Bett gefesselt ist.
Welchen Grund hatte er wohl, sich in dieser Weise für seinen Sklaven einzusetzen? Kein Wort wird uns davon berichtet, die Ursache für das Handeln des Offiziers bleibt uns verborgen. Vermutlich ist das nicht so wichtig. Viel wichtiger scheint der Weg zu sein, auf dem er für seinen Sklaven Hilfe sucht und Heilung findet.
Während dieses Weges entwickelt sich in ihm die Gewißheit: “Was ich von diesem Jesus gehört habe kann nur eines bedeuten: er hat die Vollmacht das Leben eines Menschen - gerade wenn es in Wanken geraten ist – zu heilen. Und damit bekommt es wieder einen neuen Sinn.” Und so entwickelt sich in ihm eine Gewißheit, dass sein Weg nicht umsonst sein wird.
Für den Hauptmann von Kapernaum war der Weg zu Jesus sicher ein Wagnis. Aber dieses Wagnis ging er, ohne zu zaudern ein. Und es hat sich gelohnt! So wie es sich für jeden von uns lohnt, das Wagnis des Glaubens einzugehen! Seiner Bitte verleiht er auf besondere Weise Nachdruck, wobei uns vermutlich genau an dieser Stelle der Atem stockt!! Denn er erwartet nicht, dass Jesus ihn begleitet und seinem Sklaven die Hände auflegt. Nein, er erwartet nur ein Wort – ja einen Befehl von Jesus – und ist sich sicher, dass dies die Heilung auslösen wird – “durch ein einziges Wort aus deinem Mund wird mein Sklave gesund sein!”

Können wir uns so eine Bitte vorstellen? Würden wir sie in ähnlicher Situation heute noch so an Jesus richten?
Wir können uns doch vorstellen, wie einem jungen Menschen zumute ist, der nach einem Unfall gelähmt ist. Oder einen Menschen, der wie gelähmt zu Hause sitzt, weil sich in seinem Leben nichts mehr bewegt. Die Motivation zum Leben wird in so einer Situation auf eine harte Probe gestellt; womöglich geht sie sogar ganz verloren.
Doch würden wir, mit der Glaubensgewißheit des Hauptmanns, Jesus für diesen Menschen bitten? Selbst Jesus ist überrascht: “Solches Vertrauen ist mir von niemandem in Israel entgegengebracht worden!” so sein Kommentar. Mit dieser Bemerkung wurde indirekt eine kritische Anfrage an die Menschen des erwählten Volkes Gottes gerichtet! “Wie steht es mit eurem Glauben?” Und ich meine, die selbe Anfrage gilt auch uns heute morgen: “Wie steht es mit unserem Glauben?”

Eines scheint festzustehen. Es gibt keine Glaubensmaßstäbe! Nein, nicht wie wir glauben ist die Frage, sondern ob wir glauben. Ob wir Jesus das Vertrauen entgegenbringen, das dieser Offizier in Palästina ihm seinerzeit entgegenbrachte. Wichtig ist, dass dieser Glaube in unserem Leben und unseren Taten erkennbar ist. Wir sollten voneinander spüren, dass hinter all unserem Tun und Reden unser Glaube steht. Dies gilt in besonderem Maße für unseren Alltag! Und ich gestehe, dass ich persönlich dies leider oft genug im Verlauf eines Tages aus den Augen verliere.

Glaube ist darüber hinaus ein Ereignis. Er ereignet sich jenseits von menschlichen Regeln, auch wenn diese noch so detailliert formuliert werden. Glaube ist nicht unbedingt beweisbar, nicht erklärbar. Nein er erweist sich mächtig in den Impulsen unseres innersten Seins. Ich kann mich sehr genau an Pfingstsonntag 1977 erinnern, als mir dies zum ersten Mal bewußt wurde. Als ich mich ganz persönlich von Gott angesprochen fühlte und mir bewußt wurde, dass Jesus auch für mich in diese Welt kam. Dass er auch mich von Schuld befreien will und dass dieses Geschehen die Wunden meiner Seele heilt.
Da wir alle einen ganz persönlichen Weg mit Gott gehen, ergibt sich durch die unterschiedlichsten und persönlichsten Glaubensereignisse, die Vielfalt des Glaubens.

Deshalb ist es so schwer, wenn Menschen aus den Worten Jesu Gesetze aufstellen! Jesus selbst hat dies ja nicht getan. Nein, für ihn ist Glaube immer lebendig und beweglich. Dies hat er überall seinen Jüngern vermittelt. Nur lebendiger Glaube kann wachsen! Dazu aber bedarf es Nahrung. In der Bibel lesen, mit anderen Menschen über den Glauben sprechen, gemeinsam und im stillen Kämmerlein beten und vieles mehr!

Es heißt also das tägliche Leben in den Glauben einzubinden, damit es sich entwickeln kann. Sonst werden wir starr und erleben Rückschritte, statt Wachstum.

Nur wenn unser Glaube lebendig bleibt, wenn er sich täglich neu ereignet, können wir auf Jesus zugehen. Nur dann ist unsere Hoffnung groß und unser Vertrauen stark! Dann wissen wir, dass nur Jesus unserem Leben Kraft und Stärke geben kann. Dass er allein unser Leben heilen und unsere Lebensumstände heil machen kann! Ja, dann sind wir bereit, ihm unsere Herzen und Häuser zu öffnen!

Denn darauf wartet Jesus: Er will in unsere Häuser, Wohnungen und in unsere Herzen einziehen! Wenn wir sie ihm öffnen, dann kommt er und lebt mit uns unser Leben. Ja, dann macht er unsere Seele gesund und heilt unsere Lebensumstände! Denn Jesus ist es wichtig, dass wir den Glauben stärken, den der Schreiber des Hebräerbriefes so definiert: “Glauben besteht darin, dass ein Stück des Erhofften als geheime Kraft schon wirklich ist.”

Wo immer sich Glaube so auswirkt, ist er “wie ein Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.” Dann erkennen wir den tieferen Sinn, der unserem Leben das Ziel vorgibt. Dann wirkt in uns die Kraft und Dynamik, aus der heraus wir unseren Mitmenschen den Glauben vermitteln, der schon dem Sklaven des Hauptmanns von Kapernaum neue Hoffnung und neues Leben geschenkt hat und der auch dem Leben unserer Nächsten Halt und Hilfe geben will und geben kann.

Ich will den Kreis der Gedanken mit einer chassidischen Geschichte abschließen, die uns Martin Buber überliefert hat:

“Rabbi Noach hörte einst von seiner Kammer aus, wie im dranstoßenden Lehrhaus einer seiner Treuen die Glaubenssätze zu sprechen begann, dann aber, sogleich nach den Worten “Ich glaube in vollkommenem Glauben” abbrach und sich zuflüsterte: “Das versteh‘ ich nicht”, und nochmals: “Das versteh‘ ich nicht.” Der Zaddik trat aus der Kammer ins Lehrhaus. “Was ist es, das du nicht verstehst?” fragte er. “Ich verstehe nicht, was das für ein Ding ist”, antwortete der Mann. “Ich sage: Ich glaube. Glaube ich wirklich, wie geht es dann zu dass ich sündige? Glaube ich aber nicht wirklich, warum sage ich dann eine Lüge her?” “Es heißt”, sagte Rabbi Noach zu ihm, “der Spruch “Ich glaube” sei ein Gebet. “Ich möge glauben”, das bedeute er.” Da glühte der Chassid auf. “So ist es recht”, schrie er, “so ist es recht! Möge ich glauben, Herr der Welt! Möge ich glauben!”
Amen.

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